Ein Haus wird durchgelüftet

Mit Ayşe Erkmen und Mona Hatoum startet das Museum der bildenden Künste Leipzig in eine neue Ära

Von Sarah Alberti

22. Januar 2018

Kurz vor Beginn des Presserundgangs stand er noch selbst auf der Leiter, um einen Beamer zum Laufen zu bringen. Ein Geschenk sei diese Ausstellung für ihn, sagt Alfred Weidinger, seit August 2017 Direktor des Museums für bildende Künste in Leipzig. Die Ausstellung Displacements/Entortungen von Ayşe Erkmen und Mona Hatoum ist seit 2015 geplant, wurde aber mehrfach verschoben. Vermutlich auch, weil sie Weidingers Vorgänger, Hans-Werner Schmidt, nicht so richtig in den Kram, sprich ins Programm passte. Mit Alfred Weidinger an der Spitze soll sich das nun ändern: Der 1961 geborene und zuletzt als Kurator am Belvedere in Wien tätige Kunsthistoriker will die Digitalisierung der Sammlung vorantreiben und neue Besuchergruppen erschließen. Auch sollen Künstlerinnen mehr im Fokus stehen und internationale Kunst sich intensiver im Programm niederschlagen. Ja, es sei Kunst wie die von Mona Hatoum und Ayşe Erkmen, der er künftig in Leipzig „eine Heimstätte“ bieten wolle.

Die Werke der beiden reagieren oft direkt auf den Ort – Identität, Selbstbestimmung und Macht sind ihre Themen. Sie greifen Überlegungen der Konzeptkunst und der Postminimal Art auf, würden deren Selbstreferenzialität jedoch auch durchbrechen, so Kurator Frédéric Bußmann. Besonders Hatoum ergänze um persönliche Narrationen und politische Metaphern. So treffen Besucher_innen im Untergeschoss auf einen schwebenden Kubus: Dünne Metallstangen hängen an Angelschnüren über dem Boden, geometrisch-mathematisch schön ist Hatoums „Impenetrable“, dessen Material – feiner Stacheldraht – jedoch an Zäune, Grenzen und Gefangenschaft denken lässt.

Von Draht umschlossene Kohlestücke formen nebenan Tisch, Stühle und ein Nudelholz, zeugen von ihrer einstigen Funktion wie von dramatischen Ereignissen. „Remains oft the Day“, Überreste des Tages, wurde für die Ausstellung neu produziert und ging, so verrät das begleitende Booklet, aus einer Arbeit hervor, die Hatoum in Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gefertigt hat. Ihre Arbeiten verhandeln Überwachung, soziale Kontrolle und Krieg: Neonfarbene Schnüren durchziehen eine im wahrsten Sinne des Wortes vernetzte Weltkugel, 13 Stahlgerüste erinnern an Stockbetten in Lagern, ein Werbemotiv aus dem Jahr 1988 zeigt die Künstlerin mit einem Spielzeugsoldaten auf der Nase.

Tisch und Stühle
„Remains oft the Day“, Überreste des Tages, von Mona Hatoum erinnert an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.
phos /dotgain.info
Weltkugel
Die vernetzte Welt steht unter Strom: Mona Hatoums „Hot Spot III“ aus dem Jahr 2009.
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Weniger klar zu decodieren, eher auf das visuelle, körperliche ja sensorische Erleben setzen hingegen die Werke von Ayşe Erkmen. 22 farbige Glasscheiben, die vor Strahlern montiert sind, werfen gleich einem überdimensionalen gotischen Kirchenfenster ein Farbmeer auf den grauen Fußboden. Grün dominiert in Erkmens Hauptraum, in dem ältere Arbeiten, etwa ein gefundener Ziegelsteinhaufen mit hineingerammter Neon-Röhre oder ein Vorhang aus mit ihrem eigenen Namen versehenen Bändern platziert sind. Subtiler als bei Hatoum geht es hier um Wahrnehmung, die Verortung des Individuums im großen Ganzen, aber auch um die Schönheit des Schrecklichen, etwa wenn Handgranaten, animiert als froschgrüne Objekte, über Bildschirme flimmern.

Persönliche Erfahrung der Entortung

Ayşe Erkmen, Jahrgang 1949, pendelt seit 1993 zwischen Berlin und ihrer Heimatstadt Istanbul. Auch Mona Hatoum hat persönliche Erfahrungen mit der Entortung: 1952 in Beirut geboren, lebt sie seit 1975 in London. Der Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon machte ihr eine Rückkehr damals unmöglich. Es ist die erste Dialogausstellung der beiden Künstlerinnen, die sich seit der 4. Istanbul-Biennale 1995 durch diverse Gruppenausstellungen kennen. Eigentlich wollten die Kuratoren ihre Arbeiten gemeinsam in einem Raum ausstellen: „Aber das hat irgendwie nicht funktioniert“, erklärt Mona Hatoum beim Kaffee nach der Presserunde. „Wir sind beide sehr sensibel bezüglich unserer Werke in Relation zum Ausstellungsraum. Daher ist es nicht so einfach, sie einander gegenüberzustellen.“ Nun rahmen die sechs weißen Räume des Untergeschosses den Werk-Dialog so selbstverständlich, als seien sie extra für diese Ausstellung gebaut wurden. Ja, diese Ausstellung, sie funktioniert, weil der Dialog so zurückhaltend inszeniert ist – in vollem Vertrauen in den White Cube.

Auch der langjährige Direktor Hans-Werner Schmidt, der sich im Frühjahr 2017 in den Ruhestand verabschiedet hatte, nutzte die dialogische Präsentation als wiederkehrendes Regiemoment in Sonderausstellungen. Das Gezeigte sollte sich „gegenseitig kommentieren“, wie er schrieb. Doch blieb der Talk dabei mitunter unverständlich, etwa als im Herbst 2013 neben Werken von Mel Ramos und Richard Müller auch bestickte Schimpansenbilder von Wolfgang Joop im Untergeschoss hingen. Hörbar atmen die Räume nun durch, so ganz ohne die sonst für Sonderausstellungen – darunter in den vergangenen Jahren auch Highlights, etwa Via Lewandowsky, Paul Klee oder Bernini – eingezogenen Extrawände und Struktur gebende farbige Flächen.

grüne Objekte auf weißen Podesten
Wohl die wenigstens Besucher werden bei diesen Keramikobjekten ihre realen Vorbilder erkennen: Handgranaten sind der Ausgangspunkt für Ayşe Erkmens „PFM-1 and others“.
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Die Arbeiten von Mona Hatoum und Ayşe Erkmen treten zudem nicht nur miteinander in Dialog, sie kommen auch ins Gespräch mit dem Museum und motivieren insbesondere das Leipziger Kunstpublikum, mal wieder eine Runde durch die Sammlungspräsentation zu drehen. Im zweiten Obergeschoss etwa hängt hinter Hatoums „Daybed“, eine auf die Dimensionen einer Museumsbank vergrößerte Käsereibe, ein Gemälde. Es zeigt den heiligen Hieronymus, der glaubt, die Posaunen des Jüngsten Gerichts zu hören. Real akustisch wird es im darunterliegenden Klinger-Saal: Da, wo Jesus am Kreuz hängt und Beethoven auf einem überdimensionalen Sessel thront, erklingt ein dreistimmiger Kanon, den selbiger einst für eine Schauspielerin komponierte. Ayşe Erkmen ließ ihn von einer Frauenstimme einsingen und sampelte die Aufnahmen in leichter Disharmonie übereinander. Eine Arbeit, die das museal-sakrale Setting nicht nur aufgreift, sondern auch persifliert.

Nicht zuletzt „Half of“ zeugt davon, dass Ayşe Erkmen in Vorbereitung auf die Ausstellung mehrfach in Leipzig war und die Räume des Museums auf sich wirken ließ. Fünf Modelle aus weißem Stoff hängen im Innenhof des Museums, der von verschiedenen Balkonen einsichtig ist. Fünf Modelle, die sich am Volumen des Hofes orientieren und diesen verkleinern: auf die Hälfte der Grundfläche, die Hälfte davon, usw. Die Künstlerin lässt hier das architektonische Konzept des 2004 eröffneten Baus kulminieren, das sich über mehrere Etagen durch offene und geschlossene Räume, Terrassen sowie Höfe auszeichnet und von unterschiedlichen Lichtatmosphären und Sichtachsen geprägt ist.

Ai Weiwei und Yoko Ono im Programm

„Das Haus hat eine übertriebene Höhe und man fühlt sich sehr klein darin“, erklärt Ayşe Erkmen. „Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber man kann diese gegebene Architektur nicht ignorieren.“ Eine Aussage, die Direktor Alfred Weidinger aus dem Herzen sprechen dürfte. Schon für seine erste Ausstellung im Oktober 2017 hat er den Chinesen Wang Qingsong eingeladen, eine der überdimensionalen Wandflächen zu bespielen. Bald sollen sich wohl auch Ai Weiwei und Yoko Ono den Herausforderungen des Gebäudes stellen, das 2005 den deutschen Kritikerpreis gewonnen hatte. Neben großen Namen hat Weidinger schon Taten sprechen lassen: Unter dem Titel „Connect Leipzig“ werden im monatlichen Wechsel junge Künstler im Leipziger Museum ausstellen – 120 hatten sich beworben. Schon vor seinem Amtsantritt hat Weidinger viele Gespräche mit Künstlern und Vertretern der Szene geführt und es geschafft, das Museum wieder in die Kalender des lokalen Kunstpublikums einzuschreiben. Das beweisen die gut besuchten Ausstellungseröffnungen der letzten Monate.

Für 2018 steht nun noch einiges auf der To-do-Liste des Österreichers: Die Leipziger Schule und die Neue Leipziger Schule sollen künftig im Erdgeschoss dauerpräsent sein, ein bisher ungestilltes Bedürfnis vieler Besucher_innen. Auch neue Vermittlungswege sind angedacht: Über einen Monitor soll man live mit Mitarbeitern chatten und Fragen stellen können. Fotografie und Medienkunst werden Schwerpunkte bilden, die Dauerausstellung soll überarbeitet und kostenfrei zugänglich werden. Bleibt zu hoffen, dass sich das Museum in den kommenden Jahren auch mit national wie international beachteten Sonderausstellungen wieder stärker da verorten wird, wo es hingehört – mitten hinein, in die deutsche Museumslandschaft.

„AYŞE ERKMEN & MONA HATOUM: Displacements/Entortungen“, Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 18. Februar 2018

Autorin

Sarah Alberti ist als Kunsthistorikerin und Journalistin tätig und arbeitet u.a. für monopol - Das Magazin für Kunst und Leben, taz.die tageszeitung, Der Freitag und Sächsische Zeitung.

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