Die Halskette

Was ethnologische Objekte erzählen - Ein Gespräch mit Sandra Ferracuti

Von Carmela Thiele

18. Juli 2019

Seit mehr als zwei Jahren debattiert Deutschland über Restitution, über Dekolonisierung, die Modernisierung ethnologischer Museen und Probleme der Provenienzforschung. Dabei spielt das einzelne Sammlungsobjekt, das Exponat, eine zentrale Rolle. Ausgangspunkt der Neukonzeption der Afrika-Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum war gerade deshalb das einzelne Objekt und seine Geschichte. In der Ausstellung rücken auf ersten Blick unscheinbare Dinge ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Gespräch mit der Stuttgarter Afrika-Referentin Sandra Ferracuti über eine Halskette aus Namibia.

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Debattemuseum   Die Ausstellung „Wo ist Afrika?“ setzt sich zusammen aus den Geschichten von Ihnen ausgewählter Objekte, die hauptsächlich aus dem Kongo-Becken in Kamerun, aus Mosambik, Nigeria und Tansania stammen. Am meisten berührt hat mich diese Kette aus Straußeneierschale. Welche Geschichte erzählt dieses Objekt?

Sandra Ferracuti   Der Raum, in dem die Kette gezeigt wird, ist als Raum der Erinnerung gedacht, als Zeugnis der Gewalt, die während der Kolonialzeit herrschte. Anfangs war ich mir nicht sicher, welche Objekte sich eigenen würden. Nichts erschien mir stark genug, auch nicht die Zahlen der Toten, die in die Tausende gingen. Eine Gesellschaftsordnung zerbrach, Menschen wurden erniedrigt, ihre Lebensphilosophie und Lebensart zerstört. Die Geschichte der Herkunft der Halskette und ihre Bedeutung als Zeugnis der Zerstörung der Nation der Herero kamen während des Projekts „Schwieriges Erbe“ mit der Universität Tübingen zum Vorschein. Ich bin sehr vorsichtig mit Objekten aus dem Namibia-Bestand, der während der Kolonialzeit entstanden ist, denn ich weiß, wie schwierig die Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia gerade jetzt sind. Unsere Sammlung von Objekten aus Namibia ist nicht groß, es sind rund 1500 Objekte. Ich hatte mir vorgenommen nichts davon zu zeigen, bis die Geschichte besser erforscht ist. Ich wollte die Objekte nicht benutzen, um nur etwas über Kultur zu erzählen, denn Teil des sozialen und politischen Kontexts dieser Sammlung sind Kolonialismus, Krieg und Zerstörung.

Was ist das Besondere an ihrer Präsentation?

Die Kette ist mit dem Label ausgestellt, das zu Kolonialzeiten daran befestigt wurde. Darauf steht, dass der Schmuck vom Körper einer Frau genommen wurde, die soeben getötet wurde. Das ist eine sehr trockene Art, etwas zu kommunizieren. Auf einer Konferenz in Windhoek mit vielen Museumskuratoren, Historikern, Ethnologen aus Südafrika und Namibia, hatte ich die Gelegenheit, über die Sammlung des Linden-Museums zu sprechen. Es geht immer auch immer darum, transparent zu machen, was wir haben. Im August 2018, als der Bericht zur Provenienzforschung unserer Sammlung von Gesa Grimme fertig war, fuhr ich nach Namibia, wo ich die Sammlung vorgestellt habe und die Idee, eine Halskette wie diese im Museum zu präsentieren. Bei dieser Gelegenheit traf ich Repräsentanten der Ovaherero Genocide Foundation. Sie sagten mir, dass es, wenn wir so ein Objekt zeigen würden, sehr wichtig sei, auch den Völkermord zu erwähnen. In den Dialogen wurde immer wieder klar, dass diese Dinge für sie auch Mittel sind, um in Deutschland Geschichten zu erzählen, die erzählt werden müssen.

Sie zeigen die Halskette in einer Nische am Rande des ersten Ausstellungsraums. Dazu gehört eine Hörstation. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Während der Konferenz traf ich Anette Hoffmann, eine deutsche Wissenschaftlerin, die in Wien lebt. Sie beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit der Kultur und Geschichte Namibias und lebte lange in Südafrika. Sie kam nach meinem Vortrag in Windhoek auf mich zu und erzählte von zwei Audio-Dokumenten aus dem Archiv Basler Afrika Bibliographien, zwei Beispielen aus dem performativen Genre der Praise Songs, und zwar das kulturelle Erbe der Herero betreffend. Die Praise Songs werden gesunden von zwei unterschiedlichen Frauen aus den 1930er und 1950er Jahren. Anette Hoffmann bot an, etwas zu unserer „Wo ist Afrika?“-Ausstellung beizutragen. Ihr Input für das Display der Kette war immens wichtig, weil die Besucher*innen jetzt Hinweise auf das Wissen erhalten, das höchstwahrscheinlich von der Frau verkörpert wurde, die es einmal getragen hat.

Halskette aus Straußen-Eierschalen
"Halsschmuck einer Frau aus Abschnitten von Straußeneischalen. Eine Hererofrau, welche während des Gefechts von Otjihinamaparero (gegen deutsche Kolonialtruppen) am 25. Februar 1904 getötet wurde, abgenommen.“ (Inventarliste 822, von Buttlar-Brandenfels, 29. September 1907)

Was ist das Besondere der Audio-Dokumente?

Dank der Audio-Dokumente ist die Halskette nicht mehr nur ein Denkmal für eine getötete Frau. Praise Songs wurden gesungen, wenn jemand gestorben ist. Es ist eine dynamische Form der poetischen Geschichtsschreibung. Die sechsminütige Sound-Installation Omuhanga handelt von der Schlacht, bei der diese Frau starb. Die Dichtungen haben Anette Hoffmanns Forschungen zufolge zudem stark metaphorische Aspekte. Die 1954 in Omaruru produzierte Aufnahme etwa beschreibt das Zerspringen einer Kette vom Hals eines Mannes. Die Sängerin Adelheid Mbwaondjou nutzte die Metapher einer zerrissenen Halskette, um den Verlust zu beschreiben, dem sich ihre Community als Resultat des Völkermordes stellen musste. Alles ist verloren und du versuchst, die Stücke wieder zusammenzubringen. Denn was die Ovaherero erlebten, war der totale Zusammenbruch ihrer Welt ihrer Gesellschaft, ein tiefer, sozialer und spiritueller Verlust. All das erzählt die Sound-Installation im Zusammenhang mit der ausgestellten Kette.

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit mit Namibia?

Wir sind weiterhin im Kontakt mit Partnern in Namibia, mit dem Nationalmuseum, der Museums Association of Namibia, mit Professoren, mit Anette. Sie würde gerne eine Ausstellung zu der Halskette in Windhoek machen. Die Ausstellung „Wo ist Afrika?“ ist nur ein Anfang eines permanenten Dialogs, der parallel läuft. Wenn meine Kollegen Neuigkeiten zur Provenienzforschung haben, geben sie das weiter an unsere Partner in anderen Ländern. Es geht oftmals um Fragen, die nicht mit ja oder nein zu beantworten sind, Informationen, die man auch erstmal verarbeiten muss, die auch schmerzhaft sind. Es ist eine schwierige Geschichte.

Wie kann das Linden-Museum solche Konsultationen finanzieren?

Glücklicherweise haben wir das Namibia-Projekt des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Dadurch sind wir in der Lage Wissenschaftler und Studenten nach Stuttgart einzuladen, deutsche wie namibische, die sich die Sammlung anschauen können. Die Halskette wird auch Teil dieses Dialogs sein, um noch weiter zu diskutieren, was die Geschichte der Objekte ist, und was die Zukunft einer solchen Form der engagierten, globalen Geschichtsschreibung sein kann. Europa hat eine Menge Anstrengungen unternommen, obwohl es um weit entfernte Regionen geht. Aber die dunkle Seite des Kolonialismus erfordert ein solches Engagement, wir müssen uns damit beschäftigen.

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