Schwarz-Weiß-Denken verabschieden

Ein Gespräch über den transkulturellen Ansatz der Ausstellung „Kaiser und Sultan“

Von Carmela Thiele

3. Januar 2020

Mehr Diversität im Museum ist eine aktuelle Forderung, die so schnell nicht verklingen wird. Aber macht es denn wirklich einen Unterschied, auf welchem Kontinent, in welcher Kultur der Kurator oder die Kuratorin geboren oder aufgewachsen ist? Allerdings. Das legt jedenfalls die Ausstellung „Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700“ nahe, konzipiert und realisiert von Schoole Mostafawy für das Badische Landesmuseum (BLM). Die Kunsthistorikerin gehört jedoch schon seit langem zum wissenschaftlichen Team des kulturhistorischen Museums. Bereits 2013 initiierte sie die Dauerpräsentation „Weltkultur/Global Culture“, die Beispiele transkultureller Verflechtungen zeigte. Für sie ist klar, dass es speziell zwischen Islam und Christentum, zwischen Orient und Okzident, mehr kulturelle Gemeinsamkeiten gibt als gedacht.

Mit der Großen Landesausstellung „Sultan und Kaiser“ eröffnete sich für die Kuratorin die Chance, ihre Sicht der Dinge für eine große Bühne durchzuarbeiten. Darüber hinaus gab es Kooperationen mit den Universitäten in Zagreb und Graz sowie den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Um das Phänomen der Transkulturalität zu demonstrieren, legte Schoole Mostafawy den Fokus auf jene Gebiete, die im 17. Jahrhundert als Pufferzone zwischen Habsburgischer Monarchie und Osmanischem Reich wechselnden Schicksalen unterworfen waren. So gab es parallel ein königliches und ein osmanisches Ungarn, Serbien und Kroatien waren zeitweise osmanisch, Teile des heutigen Rumänien, wie das Fürstentum Siebenbürgen, existierte als Vasallenstaat des Osmanischen Reiches, wo Juden, Christen und Muslime meist friedlich zusammenlebten. In der Ausstellung „Kaiser und Sultan“ sind viele Fährten ausgelegt: die chronologisch-politische Abfolge der sogenannten Türkenkriege, jene der Zeugnisse des kulturellen Austauschs von Objekten und Lebensgewohnheiten, aber auch die der Migrationsrouten damals und heute.

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Debattemuseum  Im Katalog ist zu lesen, dass das BLM mit dem Projekt „Sultan und Kaiser“ erstmalig in einer Ausstellung einen transkulturellen Ansatz verfolgt hat. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Schoole Mostafawy  Inzwischen ist man in der Wissenschaft so weit, die Verflechtungsgeschichte der Welt, die sogenannte „Entangled History“, immer mehr in den Vordergrund zu stellen. Transkulturelle Phänomene zu erforschen, gehört zu unserer zunehmend durch Globalisierung geprägten Welt, die sich vom eurozentristischen Blick bewusst distanzieren möchte. Wir sind nicht das erste Haus, das eine solche Ausstellung präsentiert, aber das erste, das sich bemüht, die sogenannten Türkenkriege genauer zu betrachten und zu belegen, was in dieser Zeit neben den Dichotomien, Kaiser und Sultan, noch alles möglich war. Nicht nur Krieg, sondern der Krieg als ein Türöffner für durchaus positive kulturelle Wechselbeziehungen sollte Gegenstand genauerer Betrachtung sein. Bei der letzten großen Ausstellung im Badischen Landesmuseum zu diesem Thema 1955 hat man noch den Türkenlouis gefeiert, den Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, der während des Großen Türkenkrieges erfolgreich gegen die Osmanen kämpfte. Heute beschreiten wir einen komplett neuen Weg. Ziel ist es, auch Mitbürgerinnen und Mitbürger unterschiedlicher Kulturen mit dieser Ausstellung zu erreichen

Porträt-Foto einer etwa 50-jährigen, dunkelhaarigen Frau, die auf einer Treppe steht.
Die Kuratorin Schoole Mostafawy kam im Alter von 16 Jahren von Teheran nach Deutschland, ihr Vater ist Iraner, ihre Mutter Deutsche. Nach der „islamischen Revolution“ floh die Familie ins zweite Heimatland, nach Deutschland. Weil sie die klassische Kunstgeschichte als Begrenzung empfand, studierte sie auch Klassische - und Vorderasiatische Archäologie.

Debattemuseum  Wie hat sich die Ausstellungsidee entwickelt?

Schoole Mostafawy  Ich habe mich schon seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt. Auch die Sammlungsausstellung „Weltkultur – Global Culture“ im BLM steht ja im Zusammenhang mit dem transkulturellen Blick. Verschiedene Bausteine kamen zusammen. Nehmen wir das Zepter der badischen Großherzöge, das ursprünglich siebenbürgisch war und als Teil der einst markgräflichen „Türkenbeute“ für den neuen Zweck zur badischen Kroninsignie umgestaltet wurde. Es ist aber auch so, dass ich im Laufe meines Lebens zu Erkenntnissen gekommen bin, die ich hier anhand der Objekte nochmal neu untersucht habe.

Debattemuseum   Der transkulturelle Aspekt der Ausstellung drängt sich nicht gleich beim Betreten der Ausstellungsräume auf. Man muss ein bisschen Geduld haben, sich Zeit nehmen für die Hörstationen, die erzählen von Vermittlern zwischen der Habsburgischer Monarchie und dem Osmanischen Reich. Das Auge des Besuchers wird zunächst gefangen genommen von der Schönheit der kostbaren Objekte, der Prunkwaffen, der Prunkrüstungen, des Kunsthandwerks. Diese Gegenstände sind jedoch für Laien erstmal schwer zu lesen.

Schoole Mostafawy   Ich glaube nicht, dass sie schwer zu deuten sind, wenn man sich erst einmal vom Schwarz-Weiß-Denken verabschiedet hat wie von dem schlichten Versuch, durch Polarisierungen quasi die Welt zu erklären. Dann zwingen sich die Objekte förmlich auf. An einer Waffe, denken Sie an das in Siebenbürgen verwandelte Samurai-Schwert, lässt sich die menschliche Natur und sein kulturelles Schaffen erklären. Man muss sich jedoch in der Tat die Zeit nehmen und die Erklärungen zu den Objekten lesen. Manche Dinge entpuppen sich dann als kurios. Sicher sind es Waffen, Trophäen aus alten Schatzkammern. Wer sie jedoch mit einem neuen und frischen Blick anschaut, dem eröffnet sich eine ganz neue Perspektive auf unsere Welt. Sie zeigt, was Menschen unterschiedlicher Kultur immer verbunden hat und nicht, was sie schon immer trennte.

Debattemuseum  Eine Frage zu den Trophäen: Gehören solche Sammlungsstücke auch in den Kontext der Raubkunst oder ist die Karlsruher Türkenbeute, eine der wenigen Sammlungen osmanischer Kunst in Deutschland, bereits Teil der badischen Geschichte geworden?

Schoole Mostafawy  Das ist eine spannende Frage. Für mich ist es wichtig, den Hintergrund zu beleuchten. Kriegsbeute ist seit Menschengedenken Teil des Kampfgeschehens, die Beute auf dem Schlachtfeld betrachtete man als Lohn des Sieges. Es handelt sich also um etwas völlig anderes als Raubkunst. Diese Stücke sind, wenn Sie so wollen, rechtschaffend vom Sieger auf dem Schlachtfeld erbeutet worden. Das haben alle Völker gleichermaßen getan, auch die Osmanen. Eine der wichtigsten Porzellansammlungen Persiens ist etwa in der gleichen Zeit durch Kriegsbeute in die Hand der Osmanen gelangt. Ich erzähle in diesem Zusammenhang immer gerne die Geschichte von der Hammurabi-Stele, eine bedeutende Quelle keilschriftlich überlieferter Rechtsordnungen des antiken Mesopotamiens. Woher kam sie? Aus Babylon, aber schon zur Zeit der Antike gelangte sie als Kriegsbeute ins persische Susa. Und im 19. Jahrhundert wurde sie ins Louvre-Museum nach Frankreich verbracht. Jetzt frage ich Sie: Welchem Land gehört die Stele? Dem Irak, dem Iran oder Frankreich? Und ist dieses bedeutende Kulturgut der Menschheitsgeschichte je, und wenn ja von wem, als Raubkunst definiert worden?

Debattemuseum  Noch einmal zurück zur Ausstellung, die das Begriffspaar Kaiser und Sultan im Titel trägt. Erst relativ spät hat der Sultan den Kaiser überhaupt als gleichrangigen Verhandlungspartner akzeptiert. Welches Selbstverständnis stand dahinter?

Schoole Mostafawy  Selbstverständlich betrachteten sich die Osmanen den Europäern als überlegen. Die Osmanen herrschten zu diesem Zeitpunkt immerhin über drei Kontinente und betrachteten sich als das Weltreich der Neuzeit. Nach dem ersten großen Krieg im 17. Jahrhundert, dem sogenannten Langen Türkenkrieg, hat man sich tatsächlich schriftlich darauf eingelassen, den anderen als gleichwertig anzuerkennen. De facto aber wurde der Kaiser von den Osmanen noch lange nicht als Kaiser bezeichnet, vielmehr wurde ihm der Begriff Kaiser oder Caesar erst nach dem Frieden von Karlowitz, also 1699, zuerkannt. Davor war er für die Osmanen ein König wie viele andere Könige auch.

Debattemuseum  Diese Ausstellung ist durchpulst von einem neuen Blick auf die Welt, den die Besucher gespiegelt sehen in der Vergangenheit. Kann man das verkürzt so sagen?

Schoole Mostafawy  Ich lebe jetzt schon so viele Jahre in Deutschland und komme ja auch ursprünglich aus einem anderen Land. Ich bin eigentlich ein klassischer Flüchtling, wenn Sie so wollen. Ich wollte mit dieser Ausstellung die Vielfalt Europas feiern. Man sollte in Europa stolz darauf sein, auf einem Kontinent mit demokratischen Grundwerten in Freiheit zu leben, zu dem seit langem eine große kulturelle Vielfalt gehört, die es aktiv mitgestaltet und mitgeprägt hat. Es ist historisch gesehen falsch, darüber zu streiten, ob der Islam zu Europa gehört oder nicht. Wenn man sich diese Weltgegend anschaut, Ost-, Südost- und Mitteleuropa, kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass der Islam spätestens seit dem 16. Jahrhundert dazugehört.

Debattemuseum   Wie hat sich das Narrativ des Osmanischen Reichs, und damit gewissermaßen auch des Islams, als Erzfeind der Christenheit überhaupt gebildet und verfestigt? Zeitgleich auftretende Phänomene wie die Türkenmode zeigen, dass der Westen auch fasziniert war von der Kultur des Orients.

Schoole Mostafawy   Ich glaube, es ist eine menschliche Eigenschaft, sich eine eigene Identität in Abgrenzung zu einem Fremden zu erschaffen. Gerade in Europa hat das Fremd- und Feindbild eine lange Tradition. Denken Sie nur an die Perserkriege, in die die Griechen verwickelt waren. Und gehen sie weiter bis zu den sogenannten Türkenkriegen. Allein die Bezeichnung finde ich spannend. Im englischsprachigen ist vom osmanisch-habsburgischen Krieg die Rede, im deutschsprachigen heißt es schlicht der Türkenkrieg, womit der Feind und Aggressor klar definiert wird. Man schuf sich ein Gegenbild, gegen das die Massen in Zeiten der Gegenreformation mobilisiert werden konnten. Plötzlich waren sich Katholiken und Protestanten einig gegen einen gemeinsamen Feind von außen. Wenn man bedenkt, wie viele innere Probleme im heutigen Europa herrschen, und wie sehr diese in ein außen gespiegelt werden, stößt man wieder auf dasselbe Phänomen. Deshalb war es mir so wichtig, eine Brücke für ein größeres Verständnis zu bauen, ohne natürlich historische Parallelen im Sinne einer historischen Gleichmachung zu konstruieren.

Die Ausstellung läuft bis zum 19. April 2020. – Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen.

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