Das Privatmuseum als Chance?

Eine Tagung der TU Berlin sondiert einen weltweiten Trend

Von Carmela Thiele

11. Dezember 2017

Was in Deutschland in diesem Ausmaß noch unvorstellbar erscheint, ist in anderen Teilen der Welt bereits Normalität. Milliardäre bauen nicht nur in Shanghai oder Brasilien Museen, sondern auch in Washington, Miami oder Toronto. Diese sind nicht selten aufgrund ihrer hochkarätigen Sammlung so einflussreich, dass sie zwangsläuftig mitbestimmen, was als kulturelles Erbe in die kollektive Erinnerung eingeht und was nicht. Angesichts der Verflechtungen der Mäzene mit Wirtschaft und Politik stellt sich die Frage, was aus diesem Trend resuliert.

Er könne auch positive Seiten haben, betonen die Organisatorinnen der Tagung „The Global Power of Private Museums: Arts and Publics – States and Markets“ an der TU Berlin. „Uns war wichtig zu sagen, es gibt auch das Privatmuseum als Chance, wo kleine Initiativen eine andere Form von Stimme finden, wo es nicht darum geht einen ganzen Staat zu repräsentieren“, sagt Julia Voss, Initiatorin der vom Forum Kunst und Markt der TU Berlin und dem Forum für transregionale Studien e.V. organisierten Veranstaltung.

Die an der Leuphana in Lüneburg lehrende Wissenschaftshistorikerin und langjährige Kulturredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung will mit der Tagung mehr Forschung zu Privatmuseen in Deutschland anregen. „Bloß ein Pamphlet zu verfassen, reicht nicht“, sagt sie. Die Kunstwissenschaftlerin Hannah Baader vom Forum für transregionale Studien wird etwas deutlicher. „Wir müssen aufpassen, dass wir keine reine Anklagepolitik betreiben“, findet sie. Es sei auch wichtig zu schauen, welche Mischformen privat-staatlicher Museen es schon gebe. Im Nahen Osten seien private und öffentliche Sammlungen sowieso oftmals schwer auseinanderzuhalten, gab Sonja Mejcher-Atassi von der Universität Beirut beim Eingangspanel zu bedenken.

Philanthrocapitalism in Paris und Kiew

Laut Tagungsveranstalter zählt das International Council of Museums (ICOM) weltweit mehr private Museen als öffentliche. Ein Grund mehr, sich diesen erfolgreichen Museumstyp genauer anzuschauen. Doch einfache Antworten, das wurde bei dem dreitägigen Symposium schnell klar, gibt es nicht. Die Voraussetzungen, Bedingungen und Ziele privater Museumsgründungen sind äußerst divers.

Unstrittig aber ist, dass in den letzten Jahrzehnten Kunst und Kommerz immer enger zusammengewachsen sind, wie Ronit Milano von der Ben-Gurion University, Israel am Beispiel Frankreichs und der Ukraine ausführte. In dem 2014 in Paris eröffneten Frank-Gehry-Bau des LV-Museums verfließen in bislang ungekanntem Ausmaß die Grenzen zwischen Kunst und Mode im Dienste des Branding. Präsident der Stiftung ist der Vorsitzende des börsennotierten Luxuskonzerns Louis Vuitton Moet Hennessy (LVMH) Bernard Arnault; er gilt als reichster Mann Europas. Beim Pinchuk Art Center in Kiew liegt die Sache etwas anders. Dem mit der politischen Führungselite der Ukraine verschwägerte Wirtschaftsmagnat Victor Pintschuk diene sein Kunst-Engagement dazu, seinen politischen Einfluss auszuweiten, so Milano. Die auf den Kunstmarkt spezialisierte Kunsthistorikerin Kathryn Brown nennt das Philanthrocapitalism.

Gebäude aus Glas und Stahl
Seit den 90er-Jahren arbeitet Louis Vuitton mit namhaften Künstlern zusammen. Sie gestalteten Schaufenster für die Marke und inzwischen auch Modeartikel.

Die Expertin für Osteuropäische Geschichte Waltraut M. Bayer hob hervor, wie wichtig private Museumsgründungen in Osteuropa sein können, wo eine neue Klasse von Unternehmer_innen sich dem eigenen Land verpflichtet fühle. Das 2008 von der Modedesignerin und Medienunternehmerin Daria Shukova mit ihrem damaligen Freund, dem Oligarchen Roman Abramovich gegründete Moskauer Museum für Zeitgenössische Kunst Garage etwa habe sich von einem Glamour-Treffpunkt zu einem auch lokal verankerten, aber dennoch international vernetzten Kunstzentrum entwickelt, dessen Aktivitäten Künstlern im ganzen Land Impulse geben. 

In China hingegen geht es nicht nur um den Anschluss an den Westen, sondern darum, ihn zu überholen. Über 1000 Privatmuseen soll es in China geben, wobei Shanghai wiederum Bejing die kulturelle Führungsrolle streitig macht. Der dänische Anthroploge Oscar Salemink schildert, wie im Zuge der World Expo 2010 in Shanghai der Ehrgeiz aufkeimte, Manhattan als Hot Spot der Kunst abzulösen. Über 20 Kunstmuseen und Kunstzentren seien auf dem ehemaligen Industriegelände West Bund und in der Umgebung entstanden, Wahrzeichen einer aufstrebenden Weltmacht. Diese Entwicklung ist auch eine Folge der globalen Vernetzung. Der Schweizer Unternehmer Uli Sigg, zeitweise Botschafter seines Landes in China, regte bereits 1997 die Chinese Contemporary Art Awards (CCAA) an, und 2012 gab er bekannt, dass er den Hauptteil seiner riesigen Sammlung chinesischer Gegenwartskunst dem 2019 eröffnenden M+ in Hongkong vermacht habe. Kunst und Kultur dienen auch als Brücke zwischen den Kulturen, als Medium der Annäherung zwischen potentiellen Handelspartnern, wie die amerikanische Soziologin Peggy Levitt am Beispiel der Asia Society verdeutlichte.

Public-Private Partnership in Indien

In Indien dagegen verläuft der private Museumsboom vergleichsweise verhalten an. Nach der Unabhängigkeit 1947 stärkten private Geldgeber zunächst die während der Kolonialzeit aufgebauten Museen. In den 1990-Jahren folgte eine Phase massiver Förderung indischer Kunst, wie die Doktorandin Deepti Mulgund darlegte. Inzwischen hätten Kunstsammler, Galeristen und Kunsthändler das Feld übernommen. Aber nur wenige Privatmuseen füllten die Lücken, die in der indischen Museumslandschaft klafften. Inzwischen ermutige der öffentliche Sektor Privatsammler, selbst Museen zu gründen. Flaggschiff der neuen Ära ist das noch im Bau befindliche Kolkata Museum of Modern Art (KMOMA), das als Private Public Partnership an der Straße zwischen der City und dem Flughafen realisiert wird. Das Kunstzentrum ist eingebettet in eine Shopping Mall mit Restaurants und Cafés.

Ein modernes weißes Gebäude
Das Aga Khan Museum in Toronto bewahrt rund 1000 Objekte, die den intellektuellen und künstlerischen Beitrag des Islam zur Weltgeschichte widerspiegeln.
JohnOyston / Wiki Commons

Vor dem globalen Hintergrund wirken die deutschen und österreichischen Verhältnisse geradezu harmlos. Anja Grebe von der Donau-Universität Krems macht am Beispiel der Sammlung Essl in Klosterneuburg und dem Museum Georg Schäfer in Schweinfurt klar, dass die öffentliche Hand mit der Unterstützung solcher Gründungen auch deren Probleme erbe: Essls Firma bauMax ging in die Insolvenz, und die Sammlung Schäfer hat mit unsicheren Provenienzen zu kämpfen. Meist handelt es sich im deutschen Sprachraum um kunstliebende Unternehmer, die ihre Kollektion Museen als Leihgaben anbieten oder in Zusammenarbeit mit den Kommunen Sammlermuseen mit lokaler Bedeutung ins Leben rufen. Gerne würde man mehr dazu erfahren.

Auch Dorothee Wimmer, Leiterin des Forum Kunst und Markt, sieht die Entwicklung in Deutschland ambivalent: „Privatsammler waren immer wichtig für die öffentlichen Museen. Bürger-Engagement ist hoch lobenswert und niemals falsch für Kunst und Kultur“, sagt sie. Doch landeten viele Dauerleihgaben wieder auf dem Markt, nachdem der Staat jahrelang für ihre Pflege aufgekommen sei. Er gewähre zudem Erleichterungen bei der Erbschaftssteuer, wenn ein Sammler seine Werke zehn oder zwanzig Jahre öffentlich gezeigt hat. „Da kann man sich fragen, ob der Staat da nicht mehr Geld ausgibt als er zurückbekommt.“

Bibel Museum, Aga Khan Museum, Palästina Musuem

In einer ganz anderen Liga spielen Spezialmuseen wie das im November eröffnete Bibel Museum in Washington, das der evangelikale Unternehmer Steve Green unweit der National Mall errichtet hat. Kritiker monieren einen zu engen Blick auf das Christentum. Auch seien im großen Maßstab Artefakte zweifelhafter Provenienz erworben worden, wie Stephennie Mulder vom Board der ASOR`s Syrian Heritage Initiative auf der Berliner Tagung sagte. Unter dem Druck der Öffenlichkeit verzichtet das Bibel Museum derzeit darauf, solche Exponate auszustellen. Missachtung internationaler Standards kann sich offenbar auch ein Privatmuseum nicht leisten. Auch das Aga Khan Museum in Toronto orientiert sich am neuesten Stand der Wissenschaft, wie Matthew Elliott Gillman, New York, bemerkte. Es habe seine Ausrichtung von dem in Fachkreisen nicht mehr gültigen Konstrukt einer „Islamische Kunst“ verändert hin zu einem Begriff einer Kunst islamischer Communities.

Das Palästina Museum nahe Ramallah.
The Palestinian Museum / Photo by Natalie Al-Masri

Selbst eine unbestreitbare politisch motivierte Gründung wie das Palästina Museum unweit von Ramallah weckt bei den Menschen sotewas wie Hoffnung auf bessere Zeiten, zumal bei der jungen Generation. Die Kulturwissenschaftlerin Reema Salha Fadda, die in Oxford an ihrer Promotion arbeitet, wünscht sich eine transnationale Perspektive privater Kulturförderung in ihrem Land. Doch die Eröffnung des von der arabischen Taawon-Stiftung finanzierte Museum wurde - wenig überraschend - von Fatah-Vertreter Mahmud Abbas als politisches Signal genutzt. "Die Eröffnung des Museums soll der Welt zeigen, dass wir hier sind, und wir sind hier, um einen Staat aufzubauen", zitiert Fadda den Politiker.

Sie verschweigt die Gefahr nationalistischer Indienstnahme nicht. Doch sieht sie vor allem die Norwendigkeit sozio-politischen Wandels, dessen Voraussetzung die Förderung von Kunst und Kultur sei. Bislang verfügt das Palästina Museum noch über keine Sammlung. Vieles sei zu Kolonialzeiten in europäischen Museen verschwunden oder ist zerstört. Künstlerische und soziale Projekte sollen diese Lücke füllen. Sie sind als Inkubator gedacht, um die verschüttete kulturelle Identität des Landes wiederzubeleben. Die Befürworter nennen es Empowerment, doch ist auch klar, dass palästina-kritische Kunst es schwer haben wird bei solch einem Projekt.

Nach dieser vielstimmigen Tagung stellt sich auch die Frage der Zukunft staatlicher Museen in Europa noch einmal anders. Ohne massive Investitionen wird es auch für die traditionellen Museen in Deutschland schwer sein, nicht nur die Standards zu halten, sondern entschlossen neue Wege zu gehen. Wird es - und wenn ja wie - gelingen, echte Mäzene zu finden, denen es um das kulturelle Erbe geht und nicht um das eigene Prestige, den eigenen Einfluss? Wie ist das Gespräch darüber überhaupt in Gang zu bringen, wo verlaufen die roten Linien, wo liegen gemeinsame Ziele, echte Chancen? Die Diskussion solcher Fragen wird wohl eine weitere Tagung erfordern. Von allein beantworten sie sich jedenfalls nicht.

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