Museum der Zukunft bauen

Architekturwettbewerb denkt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe neu

Von Carmela Thiele

Staab Architekten, berlin Ein großer Innehof

19. März 2018

Karlsruhe gilt aufgrund der hohen Temperaturen im Sommer als Toskana Deutschlands. Das mag für die Freibäder toll sein, für die niederländischen Stillleben in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe sind sie eine Katastrophe. Ab 35 Grad werden die Räume geschlossen, wegen des Aufsichtspersonals, dem der Aufenthalt in der schwülen Hitze nicht zuzumuten ist. Klimatisierung aller Galerieräume, Barrierefreiheit und genügend Platz für Wechselausstellungen – davon konnte die Staatliche Kunsthalle bislang nur träumen. Seit Jahrzehnten drehen sich viele organisatorische Fragen um die Kompensation unhaltbarer Zustände. Jetzt aber ist Land in Sicht. Jüngst wurden die Ergebnisse eines zweiteiligen Architektenwettbewerbs vorgestellt.

Die Landesregierung in Stuttgart will erstmals erkennbar Abhilfe schaffen und die Kunsthalle in ein zeitgemäßes Museum verwandeln. Dazu gehören nicht nur neue Inhalte, partzipative Projekte und für ein heutiges Publikum relevante Themen, die sowieso vom Museumsteam erarbeitet werden müssen. Voraussetzung all dessen ist eine Architektur, die das Museum als Ort der Begegnung versteht und Räume bietet, die Menschen des 21. Jahrhunderts willkommen heißen. Das Land steht für die bauliche Ertüchtigung der Kunsthalle in der Verantwortung, deren Sammlung auf die Markgrafen von Baden zurückgeht, also eng mit der Geschichte Baden-Württembergs verwoben ist. Es handelt sich also um kein städtisches Museum wie das Städel Museum in Frankfurt oder die Kunsthalle in Mannheim, wo dank Spenden zügig Erweiterungsbauten realisiert wurden. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ist Baudenkmal, Museum und Teil einer äußerst komplexen Verwaltungsstruktur.

Berliner Museumsdebatte strahlt aus

Die Debatte um das Museum der Zukunft ist vielschichtig und berührt zunehmend auch die politischen Strukturen der Bundesrepublik. Vom Bund gehen seit einiger Zeit Signale aus, das Museumswesen zu reformieren. So will Kulturstaatsministerin Monika Grütters laut Koalitionsvertrag die Stiftung Preußischer Kulturbesitz neu aufstellen, das Humboldt-Forum ist Chefsache und die Kulturstiftung des Bundes legt ein Programm nach dem anderen auf, um neue Ideen in die Museen der Republik zu tragen, um den eurozentrischen Blick zu relativieren, spannende Kulturprojekte auf dem Land zu ermöglichen oder kreative Vermittlungsprojekte auf den Weg zu bringen. Es wird von der Kulturstaatsministerin in Berlin zwar nicht die Kulturhoheit der Länder in Frage gestellt, aber es wird signalisiert, dass sich in den letzten zwanzig Jahren die Museumsstandards geändert haben und dass diese Botschaft auch bis nach Schleswig-Holstein, ins Saarland, nach Sachsen oder Bayern dringen soll.

Ein prachtvoll ausgemalter Raum mit Vitrinen
Prachtvoll wie Schlösser sollten im 19. Jahrhundert die Museen sein. Der Vorlegesaal der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wird noch heute für Ausstellungen genutzt.
Ein Wandgemälde, ein Treppenhaus
Moderne PR: Moritz von Schwind beschwört in dem von Großherzog Leopold von Baden in Auftrag gegebenen Gemälde die mittelalterlichen Wurzeln des Hauses Baden.
Eine vierspurige Straße in der Stadt
Vierspurig rast der Verkehr an die Kunsthalle Karlsruhe vorbei. Der von Heinrich Hübsch entworfene erste Gebäuderiegel wurde 1846 eröffnet und gehört damit zu den frühsten Museumsbauten Deutschlands.
Gebäude vor Straße
Karlsruher flanieren an der Kunsthalle vorbei. Entwurfszeichnung von Heinrich Hübsch aus dem Jahre 1830.
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

In Baden-Württemberg scheint sie offenbar schon angekommen zu sein. Die für Kunst und die Museen zuständige Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Petra Olschowski braucht offenbar keine Nachhilfe aus Berlin. Vor ihrem Wechsel ins Ministerium vor knapp einem Jahr war sie Rektorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie ist fraglos die richtige Frau am richtigen Platz, denn die ausgebildete Kunsthistorikerin und Germanistin nimmt sich der lange auf Eis liegenden Probleme der Museen an, etwa der Sanierung und Erweiterung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die seit mehr als fünfzehn Jahren beim Träger um ein bauliches Update nachsucht.

Der Aufschub ist eigentlich ein Skandal, denn die Kunsthalle ist aufgrund ihrer Sammlungen französischer und niederländischer Malerei international bekannt. Sie verfügt über eine ganze Abteilung Altdeutscher Malerei, inklusive Dürer, Grünewald und Hans Baldung Grien, aber auch eine renommierte Moderne-Sammlung sowie eine 90.000 Blatt umfassende Grafiksammlung. Zu sehen sind also Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die vom Leben und Denken vergangener Jahrhunderte erzählen. Aber nicht nur die Sammlung ist ein bislang zu wenig gewürdigter Schatz, sondern auch das als Gesamtkunstwerk konzipierte, einzigartige Gebäude, das jedoch – wen wundert`s – für das 21. Jahrhundert nicht gerüstet ist.

Die Frage des Museums der Zukunft ist nicht nur eine Frage des inhaltlichen Angebots oder der Vermittlung, sondern auch eine architektonische Frage.

Petra Olschowski hat offenbar ein Ohr für die dringlichen Probleme der Bestandssicherung und - darüber hinaus - die Zeichen der Zeit erkannt. „Die Frage des Museums der Zukunft ist nicht nur eine Frage des inhaltlichen Angebots oder der Vermittlung, sondern auch eine architektonische Frage“, sagte sie in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe anlässlich der Bekanntgabe des Siegers des Architekturwettbewerbs, der den besten Entwurf für die Ertüchtigung und Erweiterung der Karlsruher Gemäldegalerie ermitteln sollte. Die Staatssekretärin hob hervor, wie entscheidend die „Aufenthaltsqualität“ in den Museen heute sei, und dass man das Museum vom Menschen her denken müsse. Solche Töne hätten aus Berlin kommen können. Petra Olschowski hat zudem öffentlich ausgesprochen, was im Fall Karlsruhe lange verdrängt wurde, nämlich dass steigende Besucherzahlen in einem nicht auf Besucherströme eingerichteten Gebäude nicht erreicht werden können.

Zwei Frauen betrachten eine Gebäudemodell
Zwei Staatsministerinnen für die Kunsthalle Karlsruhe: Gisela Splett (li.) aus dem baden-württembergischen Finanzministerium und Petra Olschowski aus dem Wissenschafts- Forschungs- und Kunstministerium begutachten das Preisträgermodell des Architekturwettbewerbs zur die Neustrukturierung der Karlsruher Gemäldegalerie.
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Warum aber hat es so lange gedauert, bis sich diese Einsicht bei der Landesregierung durchgesetzt hat? Zunächst ist schlicht nichts passiert, obwohl die Direktorin Pia Müller-Tamm seit ihrer Amtsübernahme 2009 Maßnahmen zur Vorbereitung eines Architekturwettbewerbs vorangetrieben hat. Zunächst einmal musste der Dialog mit der zuständigen Stelle für das Gebäude, dem im Finanzministerium angesiedelten Amt Vermögen und Bau in Gang gebracht werden, das den Sanierungsrückstau vieler Landeseinrichtungen von der Polizei über die Finanzämter bis zu den Gerichten zu verwalten hat. Zuständig für das Museum als kulturelle Einrichtung aber ist das Wissenschafts- und Forschungsministerium, deren Leitung, Ministerin Theresia Bauer, sich aber in erster Linie um die Zukunft der Universitäten und Hochschulen sorgt.

Zudem scheiterte ein erster Architekturwettbewerb, der auch keine zündende Idee für einen behutsamen Umbau des Denkmals gebracht hatte. Jetzt aber haben Staab Architekten Berlin eine Lösung für den Sonderfall Kunsthalle Karlsruhe gefunden. Der Innenhof der Vierflügelanlage wird nicht nur überdacht, sondern er wird auch zum neuen Herz des Museums, von dem alle Serviceeinrichtungen und Galerieräume erreicht werden können. Den zentralen Raum stellen sich die Architekten abgesenkt vor, als einen - einem Amphitheater ähnlichen - Veranstaltungsraum mit unterirdischem Durchgang zum angedockten Nebengebäude, das Wechselausstellungsräume, das Café, die Bibliothek und die Verwaltung aufnehmen soll.

Noch kein Zeitplan spruchreif

Zumindest die erste Stufe des Umbaus der Kunsthalle scheint jetzt beim Land auf der Agenda zu stehen. Denn die Staatssekretärin im Finanzministerium Gisela Splett zeigte sich nach dem Preisgericht persönlich erfreut, „dass wir jetzt als Bauverwaltung den Realisierungsteil des Wettbewerbs planen können“. Für den zweiten Bauabschnitt jedoch müssen noch einige Brocken aus dem Weg geräumt werden. Das als Erweiterung anvisierte benachbarte 50er-Jahre-Gebäude ist noch in fester Hand der Juristen, des Amtsgerichts, das aber mittelfristig sowieso mit anderen juristischen Einrichtungen andernorts zusammengeführt werden soll. Für Mitte des Jahres erhofft sich Gisela Splett einen Rücklauf der Sondierungen in dieser Frage.

Alles prima, könnte man denken, doch lässt sich Staatssekretärin Splett – selbst auf wiederholte Nachfragen – keinen Zeitplan für die Aufnahme der Baumaßnahmen entlocken. Zuvor müssten „verlässlich“ die Kosten ermittelt werden, sagt sie, und das könne dauern. Und erst dann sei es möglich, die Kunsthallen-Sanierung in den Doppelhaushalt 2020/2021 aufzunehmen. Im Klartext: Erst wenn die Finanzierung in trockenen Tüchern ist, was weitere zwei Jahre dauern kann, dürfen Rollstuhlfahrer_innen hoffen, eines Tages den Haupteingang benutzen zu können, werden Wechselausstellungen möglich, ohne große Teile der Sammlung umzuhängen, können Besucher_innen das Gebäude betreten, ohne gleich vor der Kasse im Stau zu stehen.

Bis 27. Mai sind die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ausgestellt.

DebatteMuseum