Das (alles) ist Kunstkritik

Eine Umfrage zum Bedeutungsverlust einer Disziplin, auf die wir nicht verzichten können

3. Februar 2019

Wenn große US-Kunstmagazine schwächeln, es nur noch spektakuläre Ausstellungen ins Blatt schaffen und die Sozialen Medien ohnehin jeden und jede zum Kritiker machen, ist die Diagnose eindeutig: Die klassische Kunstkritik hat ihren Stellenwert verloren. Aber tot ist sie nicht, im Gegenteil. Experten sind noch immer gefragt, sie besetzen die letzten verbliebenen Nischen oder schaffen selbst welche. Nach Thomas Wagners Plädoyer für hohe Standards in der Kunstkritik, liefern KunstkritikerInnen ihre Sicht der Dinge. Dank an Sarah Alberti, Ingo Arend, Michael Hübl, Anika Meier, Hans-Joachim Müller und Annika Wind.

***

Ortlos, austauschbar, ubiquitär, manipulier- und reproduzierbar. Was der „pictorial turn“ der 90er Jahre konstatierte, hat sich in der digitalen Revolution dramatisch zugespitzt. Bilder sind zum zentralen Medium und umkämpften Markt der globalen Kommunikation geworden. Ohne materielles Substrat sind sie aber keine feste Größe mehr, wandern, wechseln ständig ihre Gestalt. Genau deswegen braucht es Kunstkritik. Als Bildkritik im weiteren Sinne. Im Alltag der Kritik, eingekeilt zwischen Routine, prekärer werdenden Arbeitsbedingungen und der Flut der Laienkritik, droht dieser Impetus immer wieder unterzugehen. Aber Kunstkritik hat dann weiter eine Funktion, wenn sie den sozialen, ideologischen, historischen und ökonomischen Code der Bilder exemplarisch lesbar zu machen versucht. Nur wer lernt, sie zu befragen, kann sie gebrauchen.

Ingo Arend arbeitet für Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur, die taz, Kunstforum International und Süddeutsche Zeitung. Er ist Mitglied des Präsidiums der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK).

***

Ich verstehe mich als ‚professionellen Betrachterin‘ der Kunstwerke und/oder Ausstellungen, die je nach Medium für interessierte Laien wie Fachleute beschreibt, einordnet und beurteilt. Der Text sollte bei den LeserInnen bestenfalls Bilder entstehen lassen, über Hintergründe, die kunsthistorische oder aktuelle Relevanz informieren und nah am Besprochenen nachvollziehbar machen, wie ich zu meinem Urteil komme. Kunstkritiker sind unweigerlich auch Kunstvermittler – eine klare und verständliche Sprache, die sich nicht hinter Fachbegriffen und unnötig komplizierten Satzkonstruktionen versteckt, ist mir wichtig. Die Wahl der Darstellungsform sollte sich dem Thema unterordnen: Interviews, Reportagen und Features sind sinnvolle Alternativen zu Rezensionsfriedhöfen.


Sarah Alberti schreibt für die Wochenzeitung Der Freitag, die taz, monopol – Magazin für Kunst und Leben, Artmapp – Das Kunstmagazin für Entdecker, die Sächsische Zeitung und die Freie Presse, ist Riffreporterin und lehrt Kulturjournalismus an der Universität Leipzig.

***

Zitat aus Monopol (1.7.2018): „Derweil hat "Artnet News" vor wenigen Tagen eine neue Ära für die Kunstwelt eingeläutet. Anlass für ein Nachdenken über den Stand der Kunstkritik und die Zukunft von Kunstmagazinen war das Verschwinden des "Interview Magazine", das es seit dem Jahr 1969 gab und das seinen Glanz Andy Warhol zu verdanken hatte. Kunstmagazine wie "Artforum" und "Art in America" strauchelten auch, steht dort. Die Begründung, wenig überraschend: In Zeiten sozialer Medien ist Kunstkritik einfach nicht mehr so sehr gefragt. "The issue is that art criticism has—in the process of becoming democratized on Instagram and abbreviated into tweet-size bites—lost much of its gravitas", schreibt Richard Polsky. Wer eine Meinung zu einer Ausstellung braucht, schaut auf Instagram nach und fragt, ob die Ausstellung sehenswert ist. Wer mehr Hintergründe zu einer Ausstellung sucht, sieht sich die von Museen und Galerien zumeist aufwändig produzierten Trailer an, folgt ihnen in den sozialen Medien und liest ihr Online-Magazin/-Blog. Eine Meinung, die hat man in Zeiten sozialer Medien zu allen Themen selbst zu haben, denn dafür sind die sozialen Medien da – für das Teilen von Meinungen. Die Stimme des Kunstkritikers geht im Getöse unter.“ 

Anika Meier ist Kuratorin, Kunstkritikerin, schreibt für Zeitungen und Magazine, Kolumnistin @MonopolMagazin, digital curator für @aintartschool.

***

 „Künstler wird man aus Verzweiflung“, hat Ernst Ludwig Kirchner einmal gesagt. Und Kunstkritiker? Auch wenn Sendeplätze eingespart, Honorare gekürzt, PR-Formate als Journalismus verkauft werden – verzweifeln braucht man nicht. Zweifeln sollte man schon: Welches Tempo für welches Thema künftig das richtige ist - und welches Medium. Als Chefredakteurin von „kultur.west“ leite ich eines der letzten unabhängigen Kulturmagazine in NRW, das zehnmal im Jahr erscheint. Wir besprechen Ausstellungen, führen Interviews, kommentieren und erzählen die Geschichten hinter der Kunst. Wir twittern und posten. Und halten zugleich an unserem Print-Format fest. In dem wir Hintergründe und Service liefern, Debatten aufgreifen und Empfehlungen geben. Für ein möglichst breites Publikum. Mit, manchmal auch gegen die Zeit. Aus Überzeugung.

Annika Wind schreibt als Autorin über Kunst und Architektur und ist Chefredakteurin des Magazins "Kultur.West".

***

Kunstkritik tut not: dort, wo bloße Behauptung gründliche Reflexion zu übertrumpfen versucht ("Ich finde das aber gut!"); wo egobasierte Gefühligkeit einer klaren Auseinandersetzung ausweicht und lediglich auf Atmosphärisches setzt ("Die sympathische Künstlerin empfing mich mit echt leckerem Kuchen."); wo superlativverliebte Künstlerhagiographie intellektuelle Sorgfalt ersetzen soll ("Der Maler-Star..."). - Kunstkritik heißt nicht mäkeln, sondern differenzieren und klären. Sie ist ein hermeneutisches Verfahren, das sich seiner Anfälligkeit für Subjektivität bewusst ist und deshalb von der konsequenten Anstrengung geleitet wird, zu möglichst objektiven Erkenntnissen zu gelangen. Dabei stehen ästhetische Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz ebenso im Blickfeld wie ideologische Implikationen oder übergreifende historische, ethische und philosophische Zusammenhänge.

Michael Hübl  publiziert seit 1981 in Katalogen, Fachmagazinen und Tageszeitungen Texte zur bildenden Kunst. Seit 1988 leitet er das Kulturressort der Badischen Neuesten Nachrichten.

***

Kritik als Begriff und Technik der aufgeklärten Moderne ging allemal von der Erziehungsbedürftigkeit und Erziehbarkeit des Menschengeschlechts aus. Kritik weiß es besser, sie hat die besseren Argumente, sie hat die längere Erfahrung, sie hat die größere Übersicht, und einer derart überlegenen Kritik gegenüber ist man immer ein bisschen Banause und vertraut der Expertise des Feuilletons. Wer von der Premiere heimkommt und nicht so recht weiß, wie’s war, liest gerne am nächsten Tag, wie’s war. Als Rezension hat die klassische Kulturkritik - zumal im Theater-, Musik- oder Literaturbereich - noch immer ihren Markt.

Anders Kunstkritik. Sie war nie bloß Aufführungskritik. Sie wollte befördern, solidarisch sein, sie wollte Bildern zur Geltung verhelfen, die die blinde Welt nicht begriff. Sie war parteilich verstrickt in die Durchsetzungskämpfe der Moderne. Inzwischen sind die Kritiker an der längst aufgegebenen Front als Reservisten ausgemustert oder haben selber auf Werbung umgeschult. Der Betrieb könnte tüchtige Ereignispropagandisten ganz gut gebrauchen, aber in den Zeitungen, den traditionellen Kritikorten, haben sie kaum mehr Platz. Wenn in den Kulturteilen Ausstellungen besprochen werden, dann müssen sie schon Schlagzeilen-Format nachweisen.

Vielleicht ist ja der Tod der Gattung nicht mehr aufzuhalten. Auch wenn es im Internet und in den sozialen Medien hoch respektable Versuche gibt, das alte kritische Instrument noch einmal zu schärfen. Nicht zuletzt in Form von Institutionenkritik suchen jüngere Kollegen und Kolleginnen gangbare Wege aus der Krise. Aber auch als hermeneutisches Modell bleibt Kunstkritik - zwar kaum mehr im Amt, aber immer noch in Würden. Denn erst der zu Ende geschriebene Text, die Präzision der Sprache ermöglichen jene Verstehens-Angebote, die das wunderbare Rätsel Kunst bis heute einfordert.

Hans-Joachim Müller war Mitarbeiter der „Zeit“ und Feuilletonchef der „Basler Zeitung“. Er hat zahlreiche Bücher publiziert und arbeitet für „Die Welt“. Er ist Textchef des Kunstmagazins “Blau“.

***

Über bildende Kunst schreiben bedarf genauso der Expertise wie das Schreiben über Politik oder Wirtschaft. Das ist eigentlich klar. Bleibt die Frage, wen es heute noch interessiert, die Kunst, oder ob diese Form der Weltaneignung zu vernachlässigen ist. Natürlich nicht, denn die Bildende Kunst der Gegenwart, die sich nicht am Markt, an der Politik oder am Lifestyle orientiert, ist ein Instrument der Erkenntnis, eine Art Detektor für unsere blinden Flecken, von denen es viele gibt in der sich immer schneller drehenden Welt. Auf debattemuseum.de habe ich mir nur selten einen Ausflug in die Kunstkritik geleistet, denn das Thema der Seite ist ein anderes. Aber es lohnt sich in diesem Beitrag reinzulesen. Im Zuge meiner Recherchen hatte ich die Video-Box-Reihe „Museum Matters“ in der Staatsgalerie Stuttgart entdeckt, die FilmemacherInnen vorstellte, die sich mit der Institution Museum befasst haben. Darunter war auch ein Künstler, der im Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart gearbeitet hat. Ich muss zugeben, ich war skeptisch und - wurde eines Besseren belehrt. Ich habe Carsten Krauses Film „Arrangement of Skin“ mehrfach angeschaut. Seine Arbeit hat mir bestätigt, dass Bildende Kunst unabdingbar für den menschen geworden ist und damit ein bisschen auch die Kunstkritik.

Carmela Thiele arbeitet für den Deutschlandfunk, die taz, Kunstforum International und EIKON. 2017 gründete sie mit debattemuseum.de eine der ersten Korallen der Selfpublisher-Plattform riffreporter.de.

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
DebatteMuseum