Kunst ist Transformation

Ein Gespräch mit Bettina Munk über den Roman Aufprall, digitale Kunst und die Berliner Hausbesetzerszene

Ein Ausflug in den Maschinenraum der Kunst

Nicht 68er-Generation, nicht Punk, nicht Generation Golf: Die 80er Jahre waren eine Mischung aus vielem. Kennzeichnend war das Phänomen der Hausbesetzerszene mit einer bunten Klientel politisch Linker, Freiheitssüchtiger Individualisten und verlorener Existenzen. Bettina Munk ist Co-Autorin eines kollektiv verfassten Romans über diese Zeit. Das vor kurzem im Hanser Verlag erschienene Buch mit dem Titel Aufprall erzählt von einem heute kaum mehr vorstellbaren, radikalen Lebensexperiment, das scheiterte, aber auch zurückwirkte auf das Leben und Denken von Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen. Bettina Munk ist nicht nur Autorin, sondern auch Künstlerin, Programmiererin animierter Zeichnungen und Kuratorin des Online-Archives Lines Fiction. Ein Gespräch über ein Online-Museum mit Originalen, Kunst in Ausnahmeräumen und kollektives Schreiben.

Debatte Museum  Du hast zusammen mit dem Soziologen Heinz Bude und der Schriftstellerin Karin Wieland den Roman Aufprall veröffentlicht. Das Buch beschreibt das Berlin der 80er Jahre, die Hausbesetzerszene, das Biotop einer subversiven Jugend. Das Experiment, Leerstand zu nutzen und jenseits gesellschaftlicher Normen zu leben, hat Freiräume eröffnet, fürs Denken und für die Kunst. Eine der Hauptfiguren des Romans ist die Kunststudentin Luise. Wieviel Bettina steckt in Luise?

Bettina Munk   Es ist wichtig zu wissen, dass Luise und Thomas Romanfiguren sind. Wir haben sie benutzt als Container unserer Erfahrungen. Natürlich sind meine Erfahrungen als Künstlerin eingeflossen, aber ich repräsentiere keine dieser Figuren. Was aber stimmt ist, dass das Leben im besetzten Haus interessanter war als der Unterricht in der Akademie, wie es im Buch nachzulesen ist. Die HdK hatte Anfang der Achtzigerjahre keine gute Phase. Was die Professoren uns mitgeben wollten auf unseren Weg, hat mich damals nicht überzeugt.

Debatte Museum  Das Schreiben an diesem Buch hat bei dir einen Schub gegeben und dazu beigetragen, dass du dich Deinen frühen Arbeiten mit neuem Interesse zugewandt hast.

Bettina Munk   Dazu muss man wissen, dass ich in den 90er Jahren ein Fragment geschrieben habe, das ich meiner Freundin Karin geschickt hatte. Das lag jahrzehntelang bei ihr in der Schublade. Vor nicht allzu langer Zeit ist ihr aufgefallen, dass es kaum Literatur gibt, die die 80er Jahre in West-Berlin spiegelt oder analysiert. In der Folge haben wir uns zusammen mit Heinz Bude langsam an das Thema herangetastet. Mein Textfragment ist in dem Roman aufgegangen. Wir haben jeweils an verschiedenen Stellen weitergeschrieben. Jede und jeder hat an allen Passagen mitgearbeitet. Das ist nur gelungen, weil wir uns schon sehr lange kennen.

Die Autoren Dr. Karin Wieland, Bettina Munk und Prof. Heinz Bude, Berlin Kreuzberg, Dezember 2019
Die Autoren Dr. Karin Wieland, Bettina Munk und Prof. Heinz Bude, Berlin Kreuzberg, Dezember 2019
©Dawin Meckel/OSTKREUZ

Debatte Museum   Ihr habt von den Medien viel Feedback bekommen, aber auch direkt von Lesern, die sich an ihre eigene Jugend erinnert haben. Wir wollte damals radikal mit der Lebensweise der Elterngeneration brechen und nach den eigenen Vorstellungen leben.

Bettina Munk   Ja, richtig. Leser und Leserinnen haben sich bei uns gemeldet und haben gesagt: ihr habt über mich geschrieben. Die waren manchmal zehn Jahre jünger als wir und nicht in der Hausbesetzerszene aktiv. Es ist das erste Mal, dass diese Phase der 80er Jahre in dieser Form ausgebreitet wurde. Und natürlich haben die im Vorfeld des Schreibens stattgefundenen Gespräche dazu geführt, dass ich meine frühe künstlerische Arbeit mit neuen Augen sehe. Erstaunlicherweise passen die unterschiedlichen Phasen meines Werks mit einem Mal besser zusammen als bisher angenommen. Die Arbeit an diesem Buch war für mich ein großer Gewinn. Ich sehe jetzt klarer, was ich damals gemacht habe, was zwischendurch passiert ist, und was für mich heute noch wesentlich und relevant ist.

Digitale und animierte Zeichnung sammeln

Debatte Museum  Neueren Datums ist deine Plattform Lines Fiction, ein Online-Archiv für animierte Zeichnung. Wie kam es zu dieser Sammlung?

Bettina Munk  Anlass war meine künstlerische Arbeit am Computer seit etwa 2000 und die Ausstellung Lines Fiction, die ich 2011 in der Berliner Galerie Frühsorge Contemporary drawings kuratiert habe. Wir haben damals festgestellt, dass diese Kunst wenig Aufmerksamkeit findet. Als die Ausstellung bei Frühsorge vorbei war, fand ich es schade, dass das Thema wieder in der Versenkung verschwand. Da kam mir der Gedanke, dass animierte Zeichnungen sich perfekt eigenen würden, um im Internet dokumentiert zu werden. Eine Animation, die auf Zeichnungen beruht, kann man ohne Qualitätsverlust im Internet zeigen. Das heißt, man zeigt nicht eine Dokumentation der Kunst, sondern die Kunst selbst.

Debatte Museum  Wie bist du das Projekt angegangen?

Bettina Munk  Ich begann mit den fünf Künstlern aus meiner Ausstellung, Simon Faithfull, Serge Onnen, Katrin Ströbel und Karen Yasinsky. Dann habe ich international weiter recherchiert. Teilweise haben sich auch Künstler bei mir gemeldet oder mich auf andere Namen aufmerksam gemacht. Ich habe sie dann, jeweils mit einem kleinen Interview und Beispielen ihrer Arbeit, auf Lines Fiction vorgestellt. Jetzt sind es rund 40 Positionen, die dort zu sehen sind. Es könnten noch viel mehr sein, wenn ich mehr Zeit hätte, mich darum zu kümmern.

Debatte Museum  Ist Lines Fiction in erster Linie ein Archiv?

Bettina Munk   Lines Fiction ist gleichzeitig ein Archiv und ein Ausstellungsraum. Ich könnte mir vorstellen, dass ich die Plattform in fernerer Zukunft weitergebe an ein Ausstellungshaus oder ein Museum. Das Online-Archiv ist für mich auch ein Ort der lebendigen Auseinandersetzung. Es kommen weiterhin Künstler:innen dazu, weil neue Themengebiete und Techniken auftauchen, die mit der Umsetzung von Zeichnung in bewegtes Bild zu tun haben. Der Austausch über Ausformungen dieses speziellen Mediums inspiriert mich bei meiner eigenen künstlerischen Arbeit.

Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1, Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016
Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1, Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016

Debatte Museum  Jakob Kirchheim hat in Rutas simultáneas Linolschnitte mit Sound in eine assoziative Geschichte verwandelt. Der Sound spielt bei dieser Arbeit eine wichtige Rolle.

Bettina Munk  Schon bei den sehr frühen Animationsfilmen um 1906 bekam man Zeichnungen sehen, zu denen live Musikstücke gespielt wurden, etwa Funny Faces von Stuart Blackton. Man konnte Zeichnungen mit Atmo, mit Sound, mit Erzählungen kombinieren. Das Interessante ist, dass viele Künstler:innen alte, traditionelle Verfahren der Zeichnung benutzen, wie Jakob Kirchheim den Linolschnitt oder Kakyoung Lee den Kupferstich. Die Zeichnung, eines der ersten Mittel der Kunst, wird in kombinierten Verfahren neu interpretiert.

Debatte Museum  Ein gutes Beispiel ist auch die Kooperation von Carolin Jörg und Michael Fragstein. Die organisch anmutenden, aquarellierten Zeichnungen von Carolin Jörg waren in einer Ausstellung per Augmented Reality zu erleben. Wie funktioniert das?

Bettina Munk  Da werden verschiedene Filme übereinandergelegt, in unterschiedlichen Layers und Ebenen. Unten liegt der Film der sogenannten Realität, darüber kommt der Film des virtuellen Objektes, der mit einem Programmiercode in Bewegung versetzt wird. Das Ganze wird dann am Schluss als augmentiertes Video per Tracking auf dem Tabletcomputer ausgespielt.

Debatte Museum  Mit welcher Arbeit bist du selbst bei Lines Fiction vertreten?

Bettina Munk  String ist eine meiner frühen Arbeiten, die vollständig programmiert wurden. Es existiert zu diesen Arbeiten keine Zeichnung außerhalb des Computers. Das Programm erstellt die Zeichnung und bringt sie in Bewegung. Ich bin später dazu übergegangen, gelegentlich Zeichnungen als Module für die Animationen einzuscannen und mit einem Programmiercode zu bearbeiten, sodass sie sich in ein bewegtes Bild verwandeln. Ich switche immer von einem Verfahren zum anderen.

Debatte Museum  Eine wichtige Voraussetzung für die Gründung des Archivs Lines Fiction war, dass du selbst eine Form der animierten Zeichnung entwickelt hast. Wie kamst du darauf?

Bettina Munk  Alles, was ich gemacht habe, ging nicht unbedingt linear vor sich. Die Videos etwa, die ich in den Neunzigerjahren in New York aufgenommen habe, wollte ich irgendwann ins Internet übertragen. Ich habe damals gelernt, wie man html-Seiten erstellt, wie man mit Datenbanken im Netz dynamische Inhalte erzeugt und die Elemente selbst mit Scripten in Bewegung bringt.

Bettina Munk, Hamburg – Spanien, 1988. Die Reise, Rauminstallation auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhof Berlin.
Bettina Munk, Hamburg – Spanien, 1988. Die Reise, Rauminstallation auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhof Berlin.
Grundriss der performativen Installation "Hamburg - Spanien. Die Reise" von Bettina Munk, die sie 1988 auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs in West-Berlin realisiert hat.
Grundriss der performativen Installation "Hamburg - Spanien. Die Reise" von Bettina Munk, die sie 1988 auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs in West-Berlin realisiert hat.

Debatte Museum  Das Moment des eigenen Erlebens, die Anwesenheit, ist ein wichtiger Faktor in deiner künstlerischen Arbeit. Anfangs hast du Installationen gebaut, um das Publikum zu animieren, eigene Entscheidungen zu treffen. Wie kam der Sprung von der Installation zum Digitalen zustande?

Bettina Munk  Noch heute interessiere ich mich für Rauminstallationen, auch wenn sie gänzlich anders aussehen. Die analoge Zeichnung hängt jetzt neben der projizierten Animation an der Wand, zwei verschiedene Raumebenen überschneiden sich. Das Interesse an Räumen kommt jedoch aus der Zeit, in der ich temporäre, begehbare Räume gebaut habe und damit die Betrachter:innen zu Passant:innen gemacht habe.

Debatte Museum  Du hast in den 80er und 90er Jahren mit sehr unterschiedlichen Arbeiten auf überraschende Effekte gesetzt. Wie kann man sich das vorstellen?

Bettina Munk   Zwischen den aktuellen digitalen Animationen und den Installationen als Passagen liegt meine Zeit in New York, in der ich auf der Straße filmische Umbruchsituationen festgehalten habe. Dieses Moment habe ich dann in Ausstellungen umgesetzt. Für die Besucher:innen erschienen beispielsweise der Ausstellungsaum und die Flächen an der Wand zunächst leer. Per Lichtschaltuhr ging dann das Licht aus und man sah sich unerwartet in eine komplett andere Situation versetzt. Aus dem Dunkel leuchteten Worte oder Bilder hervor. Dieses plötzliche Umschlagen hat etwas Filmisches, das mich fasziniert hat. Was alle meine Projekte seit den 80er Jahren verknüpft ist der Raum, in dem Menschen anwesend sind, um Kunst zu erleben. Man kann meine Animationen zwar auch online verfolgen. Lieber schaffe ich jedoch einen besonderen Raum für das Publikum vor Ort. Das war für mich schon vorher wesentlich. Anwesenheit war auch eine Voraussetzung meiner frühen Kunst. Die Besucher:innen durchliefen Parcours. Sie öffneten Türen, stiegen Treppen und durchwanderten schmale Gänge mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen, bis sie in völligem Dunkel standen. Die körperliche Anwesenheit und das sich daraus ergebende Erleben war es, was meine Kunst ausmachte.

Der Tiefbunker unter der Stresemannstraße wurde in den 80er Jahren von Hausbesetzern gefunden. Dort fand 1987 das Projekt Bunker International statt, an dem Bettina Munk beteiligt war.
Der Tiefbunker unter der Stresemannstraße wurde in den 80er Jahren von Hausbesetzern gefunden. Dort fand 1987 das Projekt Bunker International statt, an dem Bettina Munk beteiligt war.
Für das Projekt "Bunker International" 1987 in Berlin erzeugte Bettina Munk mittels Leuchtfarbe einen von seinem Zweck losgelösten Raum.
Für das Projekt "Bunker International" 1987 in Berlin erzeugte Bettina Munk mittels Leuchtfarbe einen von seinem Zweck losgelösten Raum.

Debatte Museum  Du hast in den 80er Jahren als Künstlerin in West-Berlin gelebt, damals ein Fluchtort für Wehrdienstverweigerer, eine von der BRD abgeschnittene Stadt mit Sonderstatus, mit billigen Mieten und haufenweise Leerstand. Wer durch West-Berlin ging, durchwanderte Zeitgeschichte, das alte kaiserliche Berlin, die modernen 20er Jahre und die Zeit des Kalten Krieges.

Kunst, die im Roman Aufprall beschrieben ist

Bettina Munk   Ja, man konnte an manchen Fassaden die Finger noch in Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg stecken. Es gab riesige Brachflächen, vergessene Keller und aufgelassene Industriegebäude. Wir kamen damals mit unseren Ideen aber nicht aus dem Nichts. Es gab bereits die Künstlergruppe Büro Berlin, gegründet von Raimund Kummer, Hermann Pitz und Fritz Rahman, die mit ironischen Aktionen im Stadtraum bekannt wurden. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, etwas zu gestalten, was völlig ungestaltet aussieht. Ich wollte Räume schaffen, in denen man erst mit etwas Verzögerung merkt, dass etwas mit einem passiert. Ein Jahr vor meiner ersten großen Installation Hamburg – Spanien. Die Reise im Görlitzer Bahnhof, die auch im Roman Aufprall beschrieben wird, habe ich mit anderen Künstlern zur 750-Jahrfeier einen Tiefbunker geöffnet, der unter der Stresemannstraße lag. Dieser Bunker war über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, weil die Westberliner Behörden meinten, er gehöre zu Ostberliner S-Bahn. Es waren interessanterweise die Hausbesetzer, die den Tiefbunker Anfang der Achtziger Jahre gefunden hatten. Sie fanden eine Eisentreppe, die in die Tiefe führte. Heiner Schücker, Arndt Schäfer und ich entwickelten dann im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins das Konzept Bunker International.

Debatte Museum  Worum ging es da?

Bettina Munk   Die Durchgänge der 26 Räume des Bunkers waren damals noch mit phosphorhaltiger Leuchtfarbe markiert, damit die Leute den Ausgang besser fanden. Und die leuchtete noch immer. Ich habe dann über die Schweiz eine Safe-Light-Farbe bestellt und ganze Decken, Wände und Böden damit angestrichen, so dass die ursprüngliche, ordnende Funktion dieser Farbe verloren ging und die Leute sich durch einen maximal ungestalteten Raum bewegten. Ich wollte aber auch auf den Raum hinweisen. Kunst als Hinweis ist auch etwas, was bei meiner Arbeit wesentlich ist. 

Debatte Museum  Es ging nicht um die Identität des Bunkers, sondern darum, den Raum als solchen erfahrbar machen?

Bettina Munk   Ich habe damals erstmals Menschen beobachten können, die in einen Raum hineingingen, den sie als Begriff, als Bunker, kennen. Da gab es ein Interesse, eine Neugierde, und ich sah zu, wie sie durch die leeren Räume gingen, die sie nicht kennen konnten, weil sie viel zu jung waren. Es kamen aber auch Ältere, die dort im Zweiten Weltkrieg einmal Schutz gesucht haben. Diese Art von Ausnahmeraum habe ich immer wieder in meiner Kunst gestaltet.

DebatteMuseum  Die Lektüre eures Romans Aufprall hat mich deiner Arbeit sehr viel nähergebracht, weil da beschrieben ist, wie Ausnahmesituationen künstlerische Tätigkeit anregen können. Ich empfand das Buch sogar als eine Art Schlüsselroman. Wie stehst Du dazu?

Bettina Munk   Im Roman ruft Luise „Kunst ist Transformation!“ bevor sie und Thomas spät am Abend nochmal die Bar wechseln. Es ging darum, dass Kunst auf Erfahrung beruht und nicht nur Sublimierung oder Selbstverwirklichung ist. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen ironisch, aber ich meine, wie Luise, dass Kunst Transformation von Erfahrung ist. Kunst entsteht an den porösen Rändern des Sagbaren. Jenseits der Grenze der Sagbarkeit, da macht die Kunst etwas sichtbar.

Bude, Munk, Wieland: Aufprall, Roman, Hanser Verlag, 384 Seiten, mit Zeichnungen von Bettina Munk, Fester Einband, ISBN 978-3-446-26766-4, 24 Euro.

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