Bekenntnis zur engagierten Kunst

Die Kunsthalle Mannheim neu am Start – Das ideale Kunstmuseum (2)

Von Carmela Thiele

Copyright Farocki GbR Eine Näherin einer Fabrik.

Ulrike Lorenz hat die Kunsthalle Mannheim umgekrempelt. Die aktuelle Ausstellung "Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie" zeigt, worum es ihr geht: Politische Aussagen wagen, auch im Museum, Gemälde und Skulpturen aus der Sphäre ewiger Ruhe holen. Über einen neuen Typ Kunstmuseum und eine Museumsmanagerin, die schon wieder offen ist für die nächste Herausforderung.

25. Oktober 2018

Den Neubau der Mannheimer Kunsthalle brachte sie in Rekordzeit zur Vollendung und sorgte für einen radikalen Perspektivwechsel in der Museumsarbeit. Alle neueren Tendenzen wurden vorbildlich vorangetrieben: Partizipation, Provenienzforschung, Schaudepot, digitale Angebote, das Foyer als öffentlicher Raum. Doch damit nicht genug. Für Ulrike Lorenz sollen nicht mehr die Kunstwerke im Mittelpunkt stehen, sondern die Besucherinnen und Besucher. „Das Museum ist kein Tempel, sondern ein Werkzeug zur Befreiung des Menschen“, sagte sie in einem Streitgespräch mit dem Kulturkritiker Wolfgang Ullrich. Die Gesellschaft sei voller Zwänge, und das Museum könne ein Gegenort sein, bestenfalls sogar Modell für ein anderes Leben. Das Museum als „Mediator“, Kunstbetrachtung in Hinblick auf ihre Reibung mit der Welt, das ist ihr Credo - auch wenn sich das mal gegen den Willen des Künstlers richten kann.

So ein Statement erfordert Mut, gilt doch unter Kolleginnen und Kollegen, dass die Würde des Künstlers und des Kunstwerks unantastbar ist. Das offene Kunstwerk ist mehrdeutig, darf und soll interpretiert werden, aber keinesfalls in der musealen Präsentation auf eine politische Botschaft reduziert werden. Zwar gab und gibt es immer wieder Kunst, die sich als Kritik an den Verhältnissen begreift, doch erschöpft sie sich nicht darin. Hat sich diese, der Kunst eine besondere Rolle zuschreibende Haltung dennoch überlebt?

Es wäre spannend gewesen, zu sehen, ob und wie die Kunsthalle Mannheim ihrem neuen Kurs treu geblieben wäre. Doch wurde nun bekannt, dass die Direktorin ihr erst im Juni eröffnetes grunderneuertes Haus wahrscheinlich wieder verlässt. Am 6. November steht Ulrike Lorenz laut epd als einzige Kandidatin für den Posten der Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar zur Wahl. Gefragt ist dort eine tatkräftige Managerin, die die traditionsreiche Stiftung auf Trab bringt. Dennoch überrascht dieser Wechsel, und zwar nicht nur wegen ihrer Spezialisierung auf moderne und zeitgenössische Kunst, sondern auch, weil selten ein Museumsmensch das selbst gebaute Schiff gleich nach der Taufe wieder verlässt.

Eine Frau mit grünem Schal.
Ulrike Lorenz realisierte in fünf Jahren den Umbau der Kunsthalle Mannheim. Zu den Neuerungen gehört auch ein riesiger Touchscreen, mit dem die Sammlung erkundet werden kann.
Foto: Kunsthalle Mannheim / Dietrich Bechtel
Die Fassade eines Hauses
Der Neubau der Kunsthalle Mannheim wurde am 1. Juni 2018 eröffnet. Der von dem Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner entworfene Bau bezieht sich mit seiner Würfelstruktur auf den in Quadrate eingeteilten Grundriss der Stadt.
Foto: Esch / GMP

Erst vor kurzem hat Ulrike Lorenz in Mannheim eine politisch grundierte Themenausstellung eröffnet, die ein Signal setzen und die „sozialdemokratische Tradition“ der Industriestadt Mannheims bekräftigen sollte. Die Kunsthistorikerin sprach von einem „magischen Moment der Realität“, den wir in der globalen Gegenwart derzeit erlebten, und den das Projekt sichtbar machen soll. 240 Werke von 130 Künstlern erläutern in „Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie“ den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft, von Bildproduktion und dem Aufbruch in neue Wirtschaftssysteme, sowohl in den 1920er Jahren als auch heute.

Magischer Moment der Realität

Lorenz hat das Projekt zwei Jahre lang mit vorbereitet, parallel zur Neukonzeption der Mannheimer Kunsthalle. Angeregt und konzipiert wurde die einzigartige Zusammenschau von Eckart Gillen. Sie hebt ein Denken in Kategorien von Ost und West auf zugunsten der Analyse einer Ökonomie, die einen neuen Menschentyp voraussetzte. Der sollte das große Ganze im Blick haben, persönliche Dinge wurden Nebensache. Es lag zu Beginn des 20. Jahrhunderts was in der Luft, ein Gründungsfieber, die Idee einer neuen, besseren, einer gerechteren Welt, aber auch das Versprechen nie dagewesenen Profits. Was heute die Digitalisierung ist, war in den 1920er Jahren die Maschine, die Elektrifizierung, die die Nacht zum Tag machte, neue Formen der Produktion ermöglichte, die Rationalisierung der Arbeit zum Modell für die Zukunft erklärte. In Mannheim lernen wir, dass das nicht nur in Berlin und Frankfurt so war, sondern auch in Moskau und New York.

Viele Künstler reagierten auf diese veränderte Lage nach dem Ersten Weltkrieg. George Grosz, Georg Scholz oder Karl Hubbuch prangerten Sittenverfall an, Armut und Kriegsgewinnler. Drei Avantgarde-Filme stimmen auf das neue Tempo ein, darunter „Manhatta“ von Charles Sheeler und Paul Strand, die 1921 die Boomtown New York als eine Art Utopia erscheinen ließen. Die Zukunft schien Gegenwart geworden zu sein. Dsiga Wertow blendete 1928 den mit der Maschine verschmolzenen Kameramann über die Massen, auf deren neue Machtposition er damit hinwies. Und Walter Ruttmann nimmt uns mit auf eine turbulente Reise durch die Großstadt Berlin im Jahr 1926.

Künstler befassten sich zunehmend mit dem Alltag. El Lissitzky zeichnete Werbung für Tinte von Pelican und malte das Ganze nochmal in Öl. Rudolf Dischingers Stillleben zeigt Wasserkocher und Glühbirne, Hubbuch porträtierte Hilde mit Fahrrad und Fön im Stahlrohrsessel. Die Neue Sachlichkeit, eine präzisionistische Malerei, die das neue Leben nüchtern konstruiert, hatte Konjunktur.

Eine Fabrik
1921 drehte Charles Sheeler einen der ersten experimentellen Filme über Manhattan, in den 1930er Jahren malte er Industrielandschaften in abgeklärter Nüchternheit.
g-williams

Während manche noch den Aufbruch feierten, zeichnete sich andernorts Kritik am rationalistischen Menschenbild ab. In Alexander Deinekas Propagandabild nehmen noch muskulöse Frauen barfuß den Bau neuer Werkhallen in Angriff, doch Arthur Durston verweist auf die Verelendung junger Mütter im Schatten der Industrieschlote. In Ost und West wird die Industrielandschaft zum neuen Thema der Malerei und Fotografie, aber auch Kritik an der Übermacht der Maschine wird bildfähig. Oskar Nerlingers Arbeiter beißt mit Blick auf die Stechuhr noch schnell ins Brot, William Karp malte in einer Art surrealer Vision Hände und Arme als Teile einer Produktionsanlage.

Wie alles ausging, ist bekannt. Börsencrash, Arbeitslosigkeit und Hunger im Westen, politische Verfolgung und Demoralisierung im Osten. Deineka malt jetzt nicht mehr Frauen im Kollektiv, sondern beim Ballspiel im Grünen, nackt wie die Badenden früherer Jahrhunderte. Auch im seit 1933 NS-regierten Deutschland ist Schluss mit der Gleichberechtigung im Arbeitsleben. Blondinen dürfen jetzt turnen, gezähmte Amazonen des Dritten Reichs.

labor in a single shot

Was in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch sinnfällig gemacht werden konnte, ist heute komplizierter darzustellen. Bit-Coin-Handel, Künstliche Intelligenz oder die globale Verflechtung von Großunternehmen lassen sich nicht mehr auf einer Leinwand abbilden. Kurator Sebastian Baden brachte für den zweiten Teil der Ausstellung mehr als 20 Künstlerinnen und Künstlergruppen zusammen, die sich kritisch mit der globalen Lage heute auseinandersetzen. Ein zentrales Thema ist auch hier der Begriff der Arbeit. Wie unterschiedlich die heute aussehen kann, macht das Projekt „Eine Einstellung zur Arbeit“ von Harun Farocki und Antje Ehmann deutlich. Sie baten Künstler in neun Großstädten um ein Video arbeitender Menschen mit nur einer Kameraeinstellung. Das so entstandene Kaleidoskop von 54 Filmen ist so bedrückend wie ernüchternd: Ärzte bei der OP, eine Aufsicht im Naturkundemuseum, schuftende Kühleisverkäufer auf der Straße, scherzende Bauarbeiter beim Glücksspiel, bevor sie sich die Sicherheitsgurte für ihren auf Aufstieg umschnallen. Nicht aus dem Kopf geht das vom Überlebenskampf gezeichnete Gesicht eines Mannes an einer Bügelmaschine. Sein wütender, verachtender Blick verbindet damals und heute.

Die Ausstellung soll unzweifelhaft das neue Profil der Mannheimer Kunsthalle schärfen. Nah bei den Menschen, nah an der Gegenwart soll dieses ideale Kunstmuseum sein. Nach diesem Auftakt jedoch folgen traditionelle Präsentationen. Für März nächsten Jahres ist eine Übernahme aus dem Gerhard-Marcks-Haus in Bremen angekündigt, „Henri Laurens – Wellentöchter“, und im Anschluss „Inspiration Matisse“. Die Überlebenskraft der Institution rühre daher, dass die Idee des Museums offen genug sei für beides - Partizipation und Kontemplation - Raum zu bieten“, sagte Ulrike Lorenz in dem schon erwähnten, im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienenen Streitgespräch. Doch sie betonte: „Es ist heute unsere Verantwortung, das eine zu initiieren und das andere dabei nicht abzuschaffen.“

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