ORGANISCHES GITTER

Bastian Muhr zeichnet auf 200 Quadratmeter im Museum der bildenden Künste in Leipzig

Von Sarah Alberti

Bastian Muhr, Jahrgang 1981, lebt und arbeitet in Leipzig, wo er von 2004 bis 2010 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte. Neben Malereien und Zeichnungen realisiert der Künstler ortsspezifische Werke, die nur begrenzte Zeit sichtbar sind. Für seine Einzelausstellung „Kante“ füllte er eine 200 Quadratmeter große Fläche auf den Fußboden im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Die Kreidezeichnung ist nicht fixiert, der Reaktionen der Besucher ausgesetzt und wird spätestens mit dem Ende der Ausstellungslaufzeit wieder entfernt. Ein Gespräch über schmerzende Hände, interpretierende Besucherfragen und Besenreinigungsfahrzeuge.

Sarah Alberti: Ihre Zeichnung auf dem Boden des Lichthofes im Leipziger Museum der bildenden Künste umfasst über 200 Quadratmeter. Wie lang haben Sie daran gearbeitet? Bastian Muhr: Ich habe knapp zwei Wochen gebraucht, war da fast jeden Tag im Museum, immer von 10 Uhr bis zum Abend, so gegen 18, 19 Uhr. Wenn ich den ganzen Tag durchgearbeitet habe, mit wenigen Gesprächen und einer längeren Pause, dann habe ich 20 Quadratmeter am Tag geschafft.

Sarah Alberti: Das bedeutete auch, den ganzen Tag auf dem Boden zu knien – wie anstrengend war das? Bastian Muhr: In den Knien ging es, ich habe so Unterlegkissen für Fliesenleger gehabt. Aber nach drei Tagen habe ich es tatsächlich in der Hand gemerkt und dann auch mal einen Tag Pause gemacht.

Sarah Alberti: Bei einer früheren, ähnlich aufwendigen Zeichnung, einer Wandarbeit in der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, haben Sie sich von einer Assistentin unterstützen lassen. Bastian Muhr: Das kam hier nicht infrage. Die Wandarbeit damals war formal sehr streng, was es mir erlaubt hat, mit einer Assistentin zu arbeiten. Die neue Bodenarbeit ist freier angelegt, betont die individuelle Ausführung. Es wäre unmöglich, das mit einem Assistenten zu machen, weil man dann zwei verschiedene Handschriften nebeneinander sehen würde.

Sarah Alberti: Die Linienführung lässt an imitierte Schreibversuche von Kindern denken, die ja oft an ein Zickzack-Muster erinnern. Bastian Muhr: Auf dieses Zickzack bin ich gekommen, weil ich eine Form gesucht habe, die ich einfach wiederholen kann, die sehr reduziert ist aber doch genügend handschriftliche Variation ermöglicht. Bei einem geraden Strich würde weniger passieren. Ich habe mir die Gesamtfläche in 20 Einzelflächen unterteilt und dann ganz banal eine Zickzacklinie unter die nächste gesetzt und versucht, dass sich die Spitzen jeweils treffen, sodass eine Art Gitter entsteht. Weil ich die gesamte Zeichnung per Hand ausführe und ich relativ schnell arbeite, variiert die Musterung teilweise sehr stark.

Sarah Alberti: Vor zwei Jahren haben Sie im Museum in Wiesbaden eine ähnliche Arbeit realisiert, die circa 90 Quadratmeter groß war. Der Unterschied ist nun, dass Sie in Leipzig keinen Ausstellungsraum bespielen, sondern einen Verbindungsraum, den Lichthof in der ersten Etage, durch den jeder Besucher kommt, wenn er die dort liegenden Kabinett-Räume besuchen möchte. Bastian Muhr: Soweit ich weiß, ist der Raum von den Architekten als Pause gedacht, eine Pause zwischen den Ausstellungsräumen, von dem man einen weiten Blick auf die Architektur des Hauses hat. Der Hof ist der Ort, an dem sich die Architekten ein Denkmal gesetzt haben. Er ist ideal für meine Arbeit, unglaublich lang. Durch die Balkone im zweiten Obergeschoss werden Perspektiven auf die Arbeit ermöglicht, die einem normalerweise verborgen bleiben.

Sarah Alberti: Hat sich Ihre Wahrnehmung des Leipziger Museums während der intensiven Arbeitsphase verändert? Anders gefragt: Haben Sie eine Liebe zum Fußboden entwickelt? Bastian Muhr: Den Raum habe ich auf banale Art und Weise sehr gut kennengelernt. Zum Beispiel die Lichtsituation, die je nach Tageszeit anders ist. Beim Arbeiten auf dem Boden gibt es immer wieder merkwürdige Blickachsen, man schaut auf den Knien hockend auf Werke von Beckmann oder Klinger. Und man registriert die Laufwege der Besucher, ihr Verhalten, wenn sie diesen Raum betreten. Die meisten kommen in diesen Hof und schauen nach oben, betrachten die Architektur. Gleich danach kommt der Blick von den Brüstungen nach unten, in das Café oder den Eingangsbereich des Museums. Und die Akustik ist beeindruckend: Wenn sich unten im Foyer eine Kindergruppe sammelt, dann schallt es durch das ganze Haus - wie ein Lautsprecher. Du hast den Eindruck, die Kinder stehen plötzlich direkt vor dir. Nur in den Ausstellungsräumen, dort ist es ruhig.

Der Arbeitsprozess wurde von Besuchern wie Mitarbeitern verfolgt

Sarah Alberti: Sie waren über zwei Wochen täglich im Museum, bis zu neun Stunden am Tag. So lange sind sonst nur die Aufsichten im Haus. Bastian Muhr: Richtig, wobei das Personal im Leipziger Museum alle zwei Stunden die Position wechselt. Alle Aufsichten begegneten der Arbeit sehr wertschätzend, sicher auch, weil sie mich beim Arbeiten beobachtet haben, den Prozess über zwei Wochen verfolgten. Es haben sich immer wieder Gespräche ergeben. Viele haben mir etwa erläutert, aus welcher Perspektive sie die Arbeit am besten finden.

Sarah Alberti: Gehört dieser Prozess, der Austausch mit anderen während der Erarbeitung, für Sie zum Werk? Bastian Muhr: Das gehört für mich nicht direkt zur Arbeit dazu. Es ist eher so, dass ich es angenehm gefunden hätte, wenn der Lichthof während der Arbeitsphase geschlossen gewesen wäre. Andererseits finde ich es natürlich immer super interessant, was die Betrachter zum fertigen Werk sagen. Ich will ja auch gerne zeigen, was ich mache, und zur Diskussion stellen. Arbeiten und Ausstellen sind dadurch immer miteinander verbunden.

Sarah Alberti: Ich stelle mir den Arbeitsprozess durchaus meditativ, vielleicht sogar langweilig vor. Haben Sie während der Arbeit Musik gehört? Bastian Muhr: Ich habe Musik und auch Hörbücher gehört, vor allem um zu verhindern, dass mich Leute ansprechen, wenn ich mit der Arbeit wirklich vorankommen musste. Denn Besucher, die mich beim Arbeiten beobachtet haben, haben diese natürlich auch kommentiert und Fragen gestellt. Besonders am eintrittsfreien Mittwoch war das extrem. Da haben mich dann auch mal zehn Leute gleichzeitig beobachtet. Da war es schwierig, zur Arbeit zu finden und da waren die Kopfhörer ein Versuch, sich abzuschirmen.

Sarah Alberti: Welche Kommentare und Fragen kamen von den Besuchern? Bastian Muhr: Besonders interessant war eine Kindergruppe. Die fragten als Erstes: Darfst du das? Ein anderes Kind hat mich gefragt, ob ich die entstandenen Vierecke im Gitter noch bunt ausmale. Was ich beeindruckend fand war, dass viele Leute die Arbeit sehr illustrativ verstanden haben. Sie haben zum Beispiel gesagt: Sie machen da so ein Netz. Bedeutet das, dass sie uns auffangen wollen? Oder uns fangen wollen? Oder das man heutzutage ein Sicherheitsnetz braucht? Vielen Leuten fiel es schwer zu begreifen, dass die Arbeit nicht unbedingt einen verbal kommunizierbaren Grund hat, im Sinne von: Was will uns der Künstler sagen?

Sarah Alberti: Und was haben Sie darauf geantwortet? Bastian Muhr: Wenn man etwas zu sagen hat, dann sollte man es vielleicht am Besten auch verbal ausdrücken. Malerei und Zeichnung eignen sich meiner Meinung nach für eine formale Kommunikation, die nicht so klar und eindeutig ist, wie die Sprache. Bilder, deren Intention ich sofort verstehe, finde ich eher langweilig. Zugleich will ich dem Betrachter ja nicht vorschreiben, was er zu sehen hat. Ich rede gern über meine Arbeiten. Das habe ich den Besuchern erklärt: Es gibt für mich keine verbale Auflösung von dem, was sie da sehen. Für mich sind es eher ästhetische Fragen, die sich nicht verbal lösen lassen. Darum zeichne ich ja.

Sarah Alberti: Und was sind Ihre ästhetischen Fragen? Bastian Muhr: Das kann ich nur umschreiben: Wie schreibt sich Handschrift in eine Systematik ein? Wie gehe ich mit Definitionsbereichen von Bildern um? Ist das, was ich da mache, noch ein Bild? Besonders die Bodenarbeit gibt ja viele formale Eigenschaften eines Bildes auf, sie hat keine Vorderseite, kein rechts, kein links, hängt nicht an der Wand.

Sarah Alberti: Die Frage ist sogar eher: Was ist daran überhaupt noch ein Bild? Bastian Muhr: Diese Sachen interessieren mich: Was ist ein Bild? Was ist ein Motiv? Wie kann ich heute noch Bilder machen? Diese Fragen ziehen sich durch alle Arbeitsbereiche, mal stärker, mal schwächer. Ob es nun Malerei, Zeichnung, Textil oder Installation ist, für mich geht es ums Bild. Die Technik ist da erst mal egal.

Kunst auf Zeit - nach dem Ausstellungsende verschwindet auch die Bodenzeichnung

Sarah Alberti: Bei der Bodenzeichnung handelt es sich um weißen Kreidestift auf schwarzem Muschelkalkstein. Was waren die größten Probleme bei der Umsetzung? Bastian Muhr: Mir war zu Beginn nicht klar, welche Probleme diese Durchgangssituation mit sich bringt. Die Frage ist nach wie vor: Wie reagieren die Leute auf die Zeichnung? Und wie kann ich die sehr empfindliche Arbeit schützen, ohne sie komplett abzusperren? Denn mit jedem Betreten der Zeichnung, löst sich die Kreide – die Arbeit wird beschädigt. Wir haben da Verschiedenes ausprobiert. Jetzt gibt es ein weißes Klebeband und eine Art Holzlatte auf dem Boden, als Hinweis. Am liebsten hätte ich die Zeichnung natürlich ohne zusätzliche Begrenzungen gezeigt. Viele Besucher sind allerdings nicht so versierte Kunstbetrachter und die muss man natürlich irgendwo abholen. Ich finde es gar nicht so schlimm, dass die Arbeit Schaden nimmt, das war mein Risiko. Aber ich finde es nicht so gut, wenn Leute in dem Bild stehen. Der Betrachter soll von außen auf das Bild schauen. Wenn Leute drüber laufen, ist es plötzlich ein Teppich oder eine Bodendekoration. Für mich ist das eher so, als würde jemand auf den Beethoven von Max Klinger klettern, der im Nachbarraum meiner Bodenarbeit steht. Ohne mich jetzt mit Klinger vergleichen zu wollen. Mir geht es darum zu befragen was passiert, wenn ich ein Bild auf den Boden lege. Und wenn man die Seiten aufhebt, dem Betrachter zumutet, sich von einem Bild aus dem Raum verdrängen zu lassen.

Sarah Alberti: Und dabei liegt eben keine bemalte Leinwand auf dem Boden, sondern der Fußboden wird Teil der Arbeit, er ist ihr Träger, seine Marmorierung füllt die Gitterstruktur. Über eine bemalte Leinwand würden wenig Menschen laufen, selbst wenn sie auf dem Boden liegen würde. Bastian Muhr: Ja, ich bin genau dazwischen, in einem Bereich zwischen Bild und Nichtbild, wo du nicht mehr weißt, was es ist.

Aus Zickzack-Muster ergibt sich ein Gitter - für manche Besucher ein Auffangnetz

Sarah Alberti: Neben der Frage nach dem Bild geht es in ihren Werken immer wieder um die Spannung zwischen Zufall und System. Für mich steckt da auch das Individuum drin, das sich in vorgefundenen Systemen zurechtfinden muss, etwa in einer durchgetakteten Alltags-und Berufswelt. Auch die Frage, wie viel Freiraum, wie viel Kreativität überhaupt möglich ist, innerhalb von festen Strukturen. In der Ausstellung sind etwa Zeichnungen zu sehen, die in der Strichführung einer klaren Systematik folgen, die aber mit einem Regenbogenstift gemacht sind, sprich einer Mine, deren Farbe regelmäßig wechselt, worauf Sie keinen Einfluss haben. Zuletzt haben Sie begonnen, sich Ausmalbücher für Erwachsene anzueignen. In der Ausstellung sind die Cover der Bücher für die Besucher zu erkennen: „Dschungel Inspirationen – 70 Ausmalbilder zum Entspannen“ und „Indische Motive zum Ausmalen und Entspannen“. Bastian Muhr: Als ich die Ausmalbücher entdeckt habe, habe ich einige Parallelen zu meiner Arbeit an den Bleistiftzeichnungen gesehen. Auch dort wird eine Systematik vorgegeben, an der ich mich abarbeiten kann. Für mich war dann der Schritt, diese profanen Bücher in mein Werk zu integrieren, nur logisch.

Sarah Alberti: Das Spiel mit Systematik und Zufall zieht sich vor allem durch die Zeichnungen der letzten Jahre. Die älteste Werkgruppe sind weiße Blätter, die Sie an jedem Morgen im Atelier mit einem harten Bleistift bepunktet haben, von beiden Seiten. Zudem gibt es eine Werkgruppe von auf den ersten Blick fast schwarzen Blättern, die aus der Schraffierung von Vorzeichnungen für Malereien entstanden sind. Zu sehen sind auch jüngere Malereien, deren Grundformen in zwei Stoffarbeiten aus Leinwand wieder auftauchen. Sind diese neuesten Arbeiten auch ein Versuch, der Interpretation des Zufalls im System ein Gegengewicht zu geben? Bastian Muhr: Das kann man so sehen. Ich habe vier Jahre lang nur gezeichnet und dabei sehr viel darüber nachgedacht, meine Arbeitsweise auch in die Malerei zu übertragen. Wenn ich an einer Werkgruppe eine Weile gearbeitet habe, dann brauche ich wieder etwas Risiko, will was Neues. Sonst würde es mir in der täglichen Arbeit zu langweilig werden. Dadurch kommen dann wieder Brüche zustande, die ich wertschätzen gelernt habe.

Sarah Alberti: Sowohl im Falle der Punktearbeiten, an denen Sie bis zu einem halben Jahr arbeiten, als auch bei der Bodenarbeit, ist die zeitliche Dimension nicht sichtbar, manchem Besucher ist vielleicht auch nicht klar, dass es sich wirklich um eine Handzeichnung und keine aufgeklebte Folie handelt, da nur der Saalzettel darüber informiert. Zu sehen ist der Aufwand nur in der Dokumentation im Katalog. Bastian Muhr: Ich finde es tatsächlich interessant, Aufwand zu verstecken. Wie bei den Punktearbeiten, wo die Rückseite in der Ausstellung nicht sichtbar ist.

Sarah Alberti: Was war das Überraschendste für Sie an der Auseinandersetzung mit der Bodenarbeit im Museum? Bastian Muhr: Viele Leute haben nicht so ein achtsames Auge oder einfach einen anderen Zugang zu den Räumen und den Kunstwerken. Ich kann mich selbst nicht als Maßstab nehmen, für die Aufmerksamkeit für Kunst in so einem Raum.

Sarah Alberti: Sprich, es hat Ihre eigene Wahrnehmung der Wahrnehmung von anderen geschärft? Bastian Muhr: Ja, auf jeden Fall. Man ist ja auch als Künstler ein Fachidiot. Wenn man sich immer soviel Kunst anschaut, immer mit seinem eigenen Blick, dann fühlt man sich da automatisch als Standard. Und das ist eben nicht so.

Sarah Alberti: Die Ausstellung läuft nun drei Monate, schon während der Vorbereitung sind regelmäßig Besucher über die Arbeit gelaufen. Wie werden Sie mit kommenden Beschädigungen umgehen? Bastian Muhr: Ich gebe das mit der Eröffnung in die Hände des Museums. Ich habe mit den Mitarbeitern besprochen, dass ich in regelmäßigen Abständen vorbeikomme und Beschädigungen, soweit es möglich ist, verbessere. Wenn die Zeichnung aber so sehr zerstört werden sollte, dass es keinen Sinn mehr macht sie auszubessern, wenn ich die halbe Arbeit neu machen müsste, dann würde ich sie noch vor dem Ende der Ausstellung entfernen.

Sarah Alberti: Wer wird das tun? Bastian Muhr: Die Reinigungskräfte. Da wird wohl so ein Besenreinigungsfahrzeug drüberfahren. Notfalls mach ich das auch selber, aber das hat nichts mehr mit der Arbeit zu tun.

Bastian Muhr, Kante, bis 17.6., Museum der bildenden Künste Leipzig

Bastian Muhr, geboren 1981, lebt und arbeitet in Leipzig, wo er von 2004 bis 2010 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte. Er ist Meisterschüler von Annette Schröter und realisierte in den vergangenen Jahren neben Malereien und Zeichnungen ortsspezifische Werke. Im Jahr 2015 war Muhr als Stipendiat der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für ein halbes Jahr in New York. Seine Arbeiten sind Teil der Sammlungen im Kupferstich-Kabinett in Berlin, im Museum der bildenden Künste Leipzig, im Museum Wiesbaden sowie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

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