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Postkolonialismus im Museum

Zum Symposion der Bremer Ausstellung „Der blinde Fleck“

von
18.09.2017
4 Minuten
Eine Maske in einer Vitrine.

Ein Hauch „Fluch der Karibik“ liegt in der Luft. Stolze Schiffe schweben über den Köpfen, sie könnten „Hoffnung“ oder „Zuversicht“ heißen. Was einst die Seefahrer bewegt hat, beschäftigt nun die Wissenschaft. Aufbruch zu neuen Welten, das heißt heute Demontage der eurozentrischen Sicht und des Rassismus, der auch in die deutsche Kultur tief eingeschrieben ist. Im oberen Rathaussaal der Bremer Bürgerschaft fand die Abschlussdiskussion des Symposions „Kolonialismus im Museum – Konflikte, Potentiale, Öffentlichkeiten“ statt. Eines der Schiffsmodelle, die von der Decke herabhängen, ist neu dazugekommen, beladen mit gefüllten Jutesäcken, geschmückt mit filigranen, golden schimmernden Bordüren, von den Masten hängen zerlumpte Segel herab, als Galionsfigur dient ein gefesselter Sklave.

Gebaut hat es der schottische Künstler Hewe Locke als Teil der Ausstellung „Der blinde Fleck“. Organisiert wurde die Schau von der Kunsthalle Bremen. Sie ist das erste Kunstmuseum in Deutschland, das ernst gemacht hat mit der Forderung nach einem Blickwechsel, nach einer kritischen Revision der Sammlung unter dem Aspekt des Kolonialismus. Finanziert über das Fellow me-Programm der Bundeskulturstiftung kämmte die Kulturwissenschaftlerin Julia Binter die Sammlung der Moderne gegen den Strich, und zwar nach allen Regeln postkolonialer Theorie, erforschte aber auch die Geschichte des Hauses, dessen Gründung sich der schöngeistigen Ambitionen in Übersee erfolgreicher Kaufleute verdankte. Sie habe versucht, Theorie in Praxis zu überführen, eröffnet Binter ihren Vortrag, aber dies sei schwieriger gewesen als gedacht. Schon das Vokabular der postcolonial studies sei ein anderes als das der Kollegen im Museum.

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Expressionisten als Chauvinsten

Sie habe auf Interdisziplinarität geachtet, die Ordnungssysteme der Sammlung hinterfragt und die übliche Deutungshoheit der Wissenschaftler über die Ausstellungsobjekte durchbrochen. Sie arbeitete mit dem Afrikanischen Netzwerk Bremen e. V. (ANB) und der Universität Bremen zusammen, wo die Museumsreferentin der Stadt, die Kulturwissenschaftlerin Anna Greve, begleitend ein Seminar anbot. Und doch ist das Ergebnis an einigen Stellen schwer nachvollziehbar. Vom Museum geadelte Kunst und bisher als ethnografische Objekte betrachtete Dinge werden auf Augenhöhe gezeigt. Doch die komplexe Bedeutung der einzelnen Werke passt nicht auf ein Museumsschildchen. Für Besucher:innen unvermittelt und respektlos werden Ikonen der Moderne, Bilder von Max Pechstein, Emil Nolde oder Ernst Ludwig Kirchner, als Beispiele eines chauvinistischen Umgangs mit ozeanischen oder afrikanischen Kulturen dargestellt. Ihres kunsthistorischen Kontexts entledigt dienen diese Bilder als Belege kolonialen Denkens. Nolde hatte sich offenbar dummerweise damit gebrüstet, dass er seine Modelle während des Malens mit der Pistole in Schach halten musste.

Großes Schiffsmodell hängt von der Decke eines prachtvoll ausgestatteten, holzgetäfelten Saal.
Das Schiffsmodell des schottischen Künstlers Hewe Locke ist vier Meter lang. (v.l.n.r. Bürgermeister Carsten Sieling, Julia Binter, Hew Locke und Prof. Dr. Christoph Grunenberg (Direktor der Kunsthalle).
Eine Wand mit Plakaten, davor kleine afrikanische Skulpturen auf Sockeln.
Blick in die postkoloniale Ausstellung „Der blinde Fleck“ in Bremen.

Dieser Perspektivwechsel fällt schwer, weil es natürlich noch einiges mehr zu sagen gibt über die Künstler des Expressionismus, die ihrerseits ausbrechen wollten aus den Konventionen der Gesellschaft und teilweise selbst marginalisiert waren. Ein Besucher kommentierte die einseitige Deutung der Ausstellungsmacher und notierte auf einem Feedback-Zettel: Expressionisten doch entartet?

Politisch ermöglicht hat das Projekt die Bürgerschaft Bremens, die im Februar 2016 das „Bremer Erinnerungskonzept Kolonialismus“ beschlossen hatte. Zur öffentlichen Tagung waren internationale Museumskolleg:innen eingeladen, um über ihre Erfahrungen auf diesem Feld zu berichten. Darunter ist auch Heike Hartmann, Kuratorin der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im Deutschen Historischen Museum, die 135 000 Menschen angezogen hatte. Sie zitiert aus dem 700 Seiten umfassenden Besucherbuch, was tief blicken lässt in die Seele der Deutschen. Viele fanden die DHM-Schau „überfällig“, es überwogen jedoch Vokabeln wie „abwegig“, „tendenziös“ oder „Geschichtsklitterung“. Die Begründungen ähnelten sich: Die „erst“ seit 1884 aufgebauten deutschen Kolonien hätten ja auch zivilisatorischen Errungenschaften nach Deutsch-Südwest-Afrika, Deutsch-Ostafrika und Togo gebracht, Bildung, Eisenbahnstrecken und Infrastruktur. Diese positiven Effekte würden in der Schau vernachlässigt.

Nachfahren der Sammler lehnten Mitarbeit ab

Die Kolonialherren schickten als Zeichen der Überlegenheit der deutschen Kultur ethnografische Objekte nach Hause, wo umfangreiche Privatsammlungen entstanden, die in den Völkerkundemuseen als Projektionsfläche multipler Sehnsüchte dienten. Als eines der ersten Museen dieser Art hat das Landesmuseum Hannover Herkunft und Entstehungsgeschichte seines ethnografischen Bestandes offengelegt. Die Stadt sei zwar nicht direkt in die deutsche Kolonialpolitik involviert gewesen, habe sich aber durch „besonderen“ Kolonialeifer ausgezeichnet, sagt der Kurator der Ausstellung „Heikles Erbe, Koloniale Spuren bis zur Gegenwart“ Alexis von Poser. So wurden Straßen nach dem Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, Paul Emil von Lettow-Vorbeck, benannt oder nach Jesco von Puttkammer, dem Gouverneur von Kamerun. Bürger sammelten Hofkunst aus Kamerun, rituelle Tanzmasken aus Neuirland, Waffen von den Salomon-Inseln oder Musikinstrumente aus Westafrika, ohne sich um die Herkunft zu sorgen. Die Nachfahren dieser Sammler lehnten die Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsteam ab, berichtet von Poser. Per Telefon-Kommentare sei von Seiten der Bevölkerung eine Welle Kolonial-Nostalgie ins Museum geschwappt.

Anders als in Deutschland, wo man sich erst seit wenigen Jahren seiner kolonialen Vergangenheit stellt, wird anderswo in Europa schon weiter gedacht. Wayne Modest, Leiter der Forschungsabteilung des Tropenmuseums in Amsterdam, agiert bereits auf einem anderen Level. „Kolonialgeschichte als zeitlich abgeschlossene Phasen darzustellen ist einfach“, bemerkt er. Es gehe darum, die Auswirkungen von Sklavenhandel und kolonialer Expansion zu benennen. Der aus Jamaika stammende, mit mehreren Professorentiteln ausgestattete Anthropologe und Kulturwissenschaftler fungiert derzeit für die deutschen Museen als eine Art Detektor für unreflektiertes revanchistisches Gedankengut. Er werde oftmals nicht nur als Experte eingeladen, sondern aufgrund auch seiner Hautfarbe – was ihn aber eher zu amüsieren scheint. Seine Wissenschaftlermentalität ist eine andere. Er interessiere sich für Gefühle. Objektivität gebe es nicht, sagt er. Museen müssten politisch sein, nicht parteipolitisch, sondern offen für die Zusammenarbeit mit Aktivisten, mit jungen Leuten, und auf die Geschehnisse in der Welt Bezug nehmen. „Horizon of Hope“ ist sein Motto.

Dieser Spruch passt auch für Virginie Kamche, Vorsitzende des ANB, die das Abschlussgespräch im Rathaus moderiert. „Wie bekommen wir alle ins Boot?“, fragt die seit 1995 in Bremen lebende Diplom-Informatikerin. Eine einfache Antwort hat niemand parat. Unter den Tagungsteilnehmer:innen entspinnt sich dafür ein konzentriertes Gespräch über die Rolle des Museums. Fazit: In ihren Ausstellungen müssten die Kurator:innen klar Stellung beziehen. Nur so sei eine echte Debatte über ein schwieriges Thema wie Kolonialismus möglich.

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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