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Den Kern bewahren, die Jetztzeit nutzen

Der Kölner Museumschef Marcus Dekiert setzt auf das Original

von
05.06.2017
3 Minuten
Ein Gemälde: Segelschiffe bei aufgewühlter See

Marcus Dekiert leitet seit 2013 das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbaud in Köln. Der 1970 geborene Kunsthistoriker und Museumssprecher des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker bekennt sich zur vorsichtigen Öffnung der traditionellen Werte musealer Arbeit, dem Bewahren, Zeigen und Erforschen. Das digitale Museum hat für ihn in erster Linie die Aufgabe, Besucher:innen auf die originalen Kunstwerke im Museum aufmerksam zu machen.

Herr Dekiert, in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs sollen Museen neue gesellschaftliche, integrative Aufgaben übernehmen. Aber gerade das Kunstmuseum gilt noch immer als bildungsbürgerlicher Musentempel. Was antworten Sie solchen Kritikern?

Aus meiner Sicht schließen sich beide Perspektiven keineswegs aus – im Gegenteil. Kunstmuseen sind Archen, welche die Werke der Kunst vergangener Jahrhunderte wie der eigenen Zeit bewahren und in die Zukunft tragen. Dabei zählt das öffentliche Ausstellen der Kunstwerke, und zunehmend die Vermittlung zu den grundlegenden Aufgaben der Museen. Und selbstverständlich sind Museen damit auch Orte, die sich hervorragend eignen, um Aufgaben im Hinblick auf Integration und gesellschaftliche Diskussion zu leisten. Dabei darf man im Blick behalten, dass große Themen der Menschheit durch alle Jahrhunderte und Kulturen in unterschiedlichster Weise künstlerisch Ausdruck und Form gefunden haben. Ich denke, damit ist eine tragfähige Grundlage für beiderseitige Verständigung und Austausch gegeben.

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Interessanterweise ziehen die Kunstmuseen mit ihren großen Sonderschauen noch immer den größten Teil des Publikums an. Auf der anderen Seite leiden die Gemälde bei jedem Transport, was für eine intensivere Arbeit mit der Dauerausstellung spricht. Sollten Kunstmuseen in Zukunft nicht aus diesem Grund auf spektakuläre Wechselausstellungen verzichten und ihr Budget in bürgernahe Programme stecken?

Sie sprechen eine Problematik an, die in der Tat größere Beachtung verdient. Nämlich jene, dass große Ausstellungen mit Leihwerken auch eine entsprechende Anziehungskraft auf das Publikum ausüben, während vielerorts die ständige Sammlung aus dem Fokus gerät. Man beobachtet an zahlreichen Orten aber auch, dass die Arbeit mit dem eigenen Bestand, Sammlungspräsentationen oder Forschungsprojekte, wieder verstärkt umgesetzt werden, und damit die Dauerpräsentation stärker ins Bewusstsein gehoben wird.

Das digitale Museum ist meines Erachtens künftig ein selbstverständlicher Part musealen Selbstverständnisses und wird gleichberechtigt neben die tradierten Aufgaben treten.

Als dem Erhalt kultureller Werte verpflichtete Institutionen ist es dabei für alle Museen höchste Priorität, die uns überlieferten Werke für die Nachwelt zu bewahren. Es scheint mir indes zu pointiert, zu sagen, dass Gemälde bei jedem Transport leiden. Wir tun alles dafür, dass dem nicht so ist. Die heutigen Möglichkeiten des Transportwesens sind hier hilfreich. Zu bedenken ist auch, dass Sonderausstellungen dem Publikum die Möglichkeit bieten, Kunstwerke in Konstellationen zu erfahren, die normalerweise nicht gegeben sind. Jede Kunstfreundin und jeder Kunstfreund wissen von glückhaften Besuchen solcher Ausstellungen zu berichten. Für die Wissenschaft, für den Erkenntnisgewinn über einzelner Werke sind zudem Ausstellungen und die damit verbundenen Kataloge, Kolloquien, Restaurierungskampagnen von erheblicher Bedeutung.

Brustbild eines Mannes Mitte vierzig in Anzug und Krawatte.
Marcus Dekiert ist Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corbaud.

Junge Museologen fordern den Aufbau eines digitalen Museums parallel zum realen Museum, spezielle Programme, die über die Sozialen Medien laufen. Ist das für Kunstmuseen genauso ein Muss wie für kulturhistorische oder technische Museen? Oder sind womöglich andere Strategien im Gespräch, um das Kunstmuseum in der sich rasant veränderten Welt zu verankern?

Das digitale Museum ist aktuell und wohl bis auf weiteres eines der am meisten diskutierten Themen in der internationalen Museumswelt. Wie bei vielem will es scheinen, dass man hier die Vorteile der digitalen Welt für das museale Handeln nutzen sollte, ohne indes blindlings jeder Mode zu folgen. Fraglos aber sind hier Kommunikationskanäle zu erschließen, die es ermöglichen, unmittelbarer und zahlreicher Kunstfreund:innen, Interessierte und künftige Besucher:innen zu erreichen. Dass überdies die Möglichkeit besteht, die jeweiligen Bestände örtlich weit entfernter Sammlung über Online-Collections zu erkunden, bietet Kunstinteressierten wie Forschern gleichermaßen großartige Optionen. Das digitale Museum ist meines Erachtens künftig ein selbstverständlicher Part musealen Selbstverständnisses und wird gleichberechtigt neben die tradierten Aufgaben treten. Das Kunstmuseum ist aus meiner Sicht gut beraten, den unverrückbaren Kern seines ursprünglichen Auftrags zu bewahren, zugleich aber die Möglichkeiten der Jetztzeit zu nutzen, um das wesentliche Ziel dieses Auftrags zu erfüllen: Möglichst viele Menschen zu einem Besuch zu animieren, zur Begegnung mit dem Kunstwerk, dem Original, das durch kein Abbild zu ersetzen ist.

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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