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Share to Care: Besser entscheiden in der Klinik

Wie eine Uni-Klinik informierte Gesundheitsentscheidungen ermöglicht

29.03.2021
5 Minuten

Gesundheitsentscheidungen sind meist komplex. Dafür brauchst du Wissen über die Erkrankung, über die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Behandlungsoptionen (inklusive Nichtstun) und einen Plan, wie du auf dieser Basis eine Entscheidung treffen kannst, mit der du hinterher zufrieden bist.

Genau dafür wurde das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung entwickelt, kurz SDM (für Shared Decision Making). Dabei spielen auch Entscheidungshilfen eine Rolle.

In der Praxis ist Shared Decision Making aber oft schwierig. Und dafür sind meistens gleich mehrere Faktoren verantwortlich:

  • Gespräche finden vielfach unter Zeitdruck statt.
  • Patientïnnen und Ärztïnnen oder Angehörige anderer Gesundheitsberufe sind nicht auf gemeinsame Entscheidungsfindung eingestellt.
  • Patientïnnen trauen sich manchmal nicht, nach Alternativen zu fragen oder Mit-Entscheidung einzufordern.
  • Ärztïnnen haben in ihrer Ausbildung oft keine Unterstützung in Sachen Kommunikation für Shared Decision Making bekommen.
  • Es fehlen Entscheidungshilfen, die Shared Decision Making unterstützen.

Ein Modellprojekt am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein will das ändern und die gemeinsame Entscheidungsfindung fördern: Unter dem Namen Share To Care wird ein Gesamtpaket entwickelt, das Shared Decision Making in den Behandlungsalltag bringen soll.

Das Projekt Share to Care wird durch Gelder des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert und wissenschaftlich evaluiert. In diesem Text stellen wir das Projekt kurz vor. Demnächst erscheint auch ein zweiter Teil mit einem Interview und mehr Hintergründen.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Das Modellprojekt Share to Care will das Konzept von Shared Decision Making im Behandlungsalltag verankern.
  • Dafür wird ein Gesamtpaket aus mehreren Komponenten entwickelt, dass Patientïnnen, Ärztïnnen und andere Gesundheitsberufe anspricht.
  • Ein Kernstück des Projekts sind Online-Entscheidungshilfen. Sie sollen Patientïnnen dabei unterstützen, in Behandlungsentscheidungen das einzubringen, was ihnen wichtig ist.

Was Share to Care ausmacht

Damit Shared Decision Making gelingen kann, braucht es ein Gesamtpaket. Deshalb hat das Projekt vier Komponenten:

  1. Online-Entscheidungshilfen
  2. Coaches, die dabei helfen, diese Entscheidungshilfen zu nutzen
  3. Aktivierende Elemente für Patientïnnen
  4. Trainings für Ärztïnnen
Patientin und Ärztin sitzen sich gegenüber, im Hintergrund ist eine Entscheidungshilfe geöffnet
Das Gespräch zwischen Ärztin und Patientin wird durch Online-Entscheidungshilfen unterstützt

Entscheidungshilfen

Im Projekt gibt es inzwischen Entscheidungshilfen für über 80 häufige Krankheitsbilder und die dazugehörenden Behandlungsmöglichkeiten. Über 50 Entscheidungshilfen sind bereits so weit entwickelt, dass sie im Klinikalltag eingesetzt werden. Das Team entwickelt die Materialien unter Berücksichtigung der Expertise von Ärztïnnen und den Erfahrungen von Patientïnnen. Beides verbinden sie anschließend mit aktuellen Daten aus wissenschaftlichen Studien. Die Entscheidungshilfen erfüllen die Qualitätskriterien der International Patient Decision Aid Standards.

Jede Entscheidungshilfe besteht aus vier Bausteinen:

  1. Informationen zur Erkrankung
  2. Informationen zu den Behandlungsmöglichkeiten, welchen Nutzen und welche Risiken sie haben
  3. Eine Zusammenfassung plus der häufigsten Fragen und Antworten und einem Dokument, mit dem sich die wissenschaftlichen Grundlagen der Entscheidungshilfe nachvollziehen lassen
  4. Einem interaktiven Bereich, in dem man eigene Gedanken eintragen kann. An dieser Stelle hilft die Plattform, aus dem Zusammengetragenem eine eigene Entscheidung zu entwickeln.

Share to Care stellt die Entscheidungshilfen online zur Verfügung. Videos ergänzen die erklärenden Texte. In diesen Videos berichten Patientïnnen von ihren Erfahrungen und Mitglieder der medizinischen Teams erklären einzelne Aspekte der Behandlung.

Training für Ärzt:innen

In den Kliniken des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein sprechen Patientïnnen mit Ärztinnen und Ärzten, die darin geschult sind, Gespräche im Sinne von gemeinsamer Entscheidungsfindung zu gestalten. Sie ermutigen Patientïnnen dazu, selbstbestimmt zu entscheiden.

Ärztinnen und Ärzte haben in einem einstündigen Online-Training die Grundlagen der Gesprächsführung kennengelernt und anschließend durch Feedback-Runden vertieft. Dazu werden reale Gespräche aufgezeichnet und die Ärztïnnen bekommen danach Feedback dazu, wie sie das im Online-Training gelernte umgesetzt haben.

Aktiv werden

Aufsteller und Kärtchen, die überall auf dem Klinikgelände verteilt sind, sollen Patientïnnen motivieren, im Gespräch mit Arzt oder Ärztin Fragen zu stellen. (Inwiefern Fragen im Arzt-Patienten-Gespräch weiterhelfen, haben wir uns im Text Bessere Gespräche mit Arzt oder Ärztin, Teil 1 angesehen).

Die Fragen, die Share to Care empfiehlt, sind:

  1. Welche Möglichkeiten habe ich? (inklusive Abwarten und Beobachten)
  2. Was sind die Vorteile und Nachteile jeder dieser Möglichkeiten?
  3. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Vorteile und Nachteile bei mir auftreten?

Unterstützung bekommen

Diese Fragen können etwa im ersten Gespräch gestellt werden, in dem der Arzt oder die Ärztin Grundlegendes zum Krankheitsbild und den Behandlungsmöglichkeiten erklärt. Danach haben die Patientïnnen Zeit, sich über beides ausführlich zu informieren. Unterstützt werden sie dabei durch ausgebildete Decision Coaches: Mitarbeiterïnnen des Krankenhauses, etwa aus der Pflege, helfen den Patientïnnen ganz konkret dabei, die Online-Entscheidungshilfe zu ihrem Krankheitsbild zu nutzen. Sie erklären, wie die interaktive Website funktioniert, helfen ihnen, ein persönliches Konto zu eröffnen und sich alleine einzuloggen und führen durch die einzelnen Komponenten.

Danach können sich Patientïnnen selbstständig durch die Entscheidungshilfe arbeiten und jederzeit ihren persönlichen Coach zu Rate ziehen. Dabei entsteht ein Dokument, das sich die Patientïnnen ausdrucken und zum erneuten Arztgespräch mitnehmen können. In diesem zweiten Gespräch treffen Ärzt:innen und Patient:innen dann gemeinsam die nächste Behandlungsentscheidung.

Die persönlichen Gespräche mit dem medizinischen Team und die Entscheidungshilfe bilden auf diese Weise eine Einheit, die den Entscheidungsprozess unterstützt. Patientïnnen werden so in die Lage versetzt, gezielte Fragen zu stellen und wirklich auf Augenhöhe mit den Gesundheitsprofis zu sprechen.

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Eine Pflegefachkraft erklärt einem Patienten am Tablet, wie er eine Online-Entscheidungshilfe nutzt
Decision-Coaches helfen Patientïnnen, die Entscheidungshilfen zu nutzen

Was Share to Care bringt

Wo es Share to Care nicht gibt, müssen Patientïnnen sich selbst alle nötigen Informationen, die sie zum Entscheiden brauchen, zusammensuchen. In der Regel erhalten sie auch keine Unterstützung, wie sie die Informationen abwägen und auf dieser Basis ihre Entscheidungen treffen können.

Share to Care ermutigt Patient:innen nicht nur, sondern befähigt sie auch, informierte Gesundheitsentscheidungen zu treffen. Shared Decision Making hat nicht nur Vorteile für die Patientïnnen, sondern auch für die medizinischen Teams und den Gesamtablauf der Behandlungen. Das zeigen Befragungen von Patientïnnen und Angehörigen der medizinischen Teams in Kiel – dem Campus des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, in dem Share to Care in 27 Kliniken gerade eingeführt wird. In Bremen wird Share to Care in Hausarztpraxen erprobt. Die Materialien sind auch für ambulante Behandlungen nutzbar, entsprechende Schulungen für Ärztïnnen hat das Team von Share to Care entwickelt.

Inwiefern sich die Versorgungsqualität durch Share to Care verbessert, muss noch untersucht werden.

Ausblick

Im 2. Teil unserer Reihe erzählt Fülöp Scheibler, Geschäftsführer von Share To Care, mehr zu den Hintergründen: Wie es zum Projekt kam und welche Erfahrungen das Team seit dem Start 2017 gemacht hat.

Orangefarbene Kachel mit der Beschriftung „Wissen verknüpfen, besser entscheiden“ als Farbcodierung für die gleichnamige Rubrik bei Plan G.
Für die leichtere Orientierung haben wir die Bereiche von Plan G farbcodiert. Beiträge aus „Wissen verknüpfen, besser entscheiden“ werden mit dieser orangefarbenen Kachel markiert.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes war angegeben, dass der Innovationsfond Deutschland das Projekt fördert. Das Projekt wird jedoch vom Innovationsfond des gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Wir bitten um Entschuldigung für den Fehler.

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Silke Jäger

Silke Jäger

Silke Jäger ist als freie Journalistin spezialisiert auf evidenzbasierte Gesundheitsinformationen und Gesundheitspolitik


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