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Anthropozän: Paul Crutzens epochales Vermächtnis

Er war ein Quereinsteiger in die Wissenschaft, half die Schutzhülle der Erde zu erhalten und veränderte unseren Blick, auch auf uns selbst. Zum Tod des Chemie-Nobelpreisträgers

von
29.01.2021
11 Minuten
Crutzen sitzt vor einer roten Wand und schaut direkt in die Kamera.

An English version of this essay was published by Anthropocene Magazine.

Eigentlich ist es ein unglaublicher Vorgang: Die Erde, ein von Wasser geprägter Planet mit einer Millionenzahl verschiedener Lebensformen, baut aus Milliarden Molekülen einen Menschen auf, der ihre Vergangenheit und ihr gegenwärtiges Funktionieren so gut versteht, dass er mit seinem nur knapp eineinhalb Kilogramm schweren Gehirn eine epochale Idee ihrer Zukunft entwickelt. Und nimmt dieses Lebewesen dann wieder in den Kreislauf ihrer Materie- und Energieströme auf.

Schon als die Nachricht vom Tod von Paul Crutzen am 28. Januar 2021 noch gar nicht in der Welt war, sondern sich erst in einem kleinen Kreis von Wissenschaftlerïnnen verbreitete, setzte ein Crescendo von Trauer und Lob ein: Die Menschheit habe „ein Genie verloren“, schrieb einer, der den Chemie-Nobelpreisträger gut kannte. Als „wissenschaftlichen Giganten und wunderbaren Menschen“ beschrieb ihn ein anderer aus dem Kreis der E-Mail-Gruppe.

„Ein großer Wissenschaftler, der seine Forschung zum Wohl der Menschheit eingesetzt hat“, und zudem „freundlich und großzügig“ sei Crutzen gewesen, meinte ein Dritter. Andere in der virtuellen Runde hoben Crutzens konkrete Verdienste hervor: „Sauberer, sicherer und freundlicher“ sei die Welt durch ihn geworden. Unter allen Wissenschaftlern gehöre er zu denen, „die am meisten für den Schutz des Planeten“ getan hätten.

Vom Quereinsteiger zum Protagonisten

Wenn sich nun die Nachricht vom Tod Crutzens weltweit verbreitet, wird der Strom von Trauer und Lob nicht abreißen. Denn der von seiner Statur her kleine Mann war eine Größe – eine Geistesgröße, eine menschliche Größe und ein Großer der Wissenschaft, dem Reich des Entdeckens, in das er schon als Kind gelangen wollte. Und zugleich einer, der sich eine große Umgänglichkeit und eine beinahe kindliche Neugierde bewahrte – trotz seiner vielen, vom Chemie-Nobelpreis gekrönten Ehrungen, wie sie anderen Koryphäen zu Kopf gestiegen sind und sie überheblich werden ließen. Diese Neugierde ließ ihn immer wieder vieles mit neuen Augen sehen, neue Beobachtungen machen, neue Ideen entwickeln.

Globus des Künstlers Ingo Günther. Darauf sind schwarze Linien eingezeichnet.
Globale Vernetzung: Reisen, Geldströme, Waren, Informationen – unsere Zeit ist hyperkonnektiv. Die Natur war das schon immer.

Mit der größten seiner Ideen wird Crutzens Name auf immer verbunden bleiben – dem Anthropozän. Die Hypothese, dass die Menschen diese Erde tiefgreifend und langfristig genug verändern, um einen Einschnitt, ein neues Kapitel in ihrer Geschichte auszurufen – die Erdepoche des Menschen – hat Crutzen zum Vordenker eines neuen Blicks auf uns selbst gemacht.

Seit dem Jahr 2000, als er den Begriff bei einer wissenschaftlichen Tagung den konsternierten Teilnehmerïnnen präsentierte, wurde Crutzen damit weit über die Wissenschaft hinaus bekannt, zuerst in Kulturkreisen, dann in der Politik. Unlängst widmete sogar die UN-Entwicklungsbehörde UNDP ihren Jahresbericht dem Anthropozän.

Schon andere vor Crutzen hatten in eine ähnliche Richtung gedacht, aber er verband seine Bekanntheit als Nobelpreisträger mit Weitsicht, Klarheit und Prägnanz – und wurde so zum Mr. Anthropocene.

„Es gibt so viele schöne Dinge, die der Mensch erschafft, dass ich mich frage, wann wir die Erde wieder schöner machen werden, statt alles aufzubrauchen.“ (Paul Crutzen)

Dabei hätte schon das, was Crutzen vor dem Epochenschnitt Anthropozän geleistet hat, gereicht, um ihm einen Platz in jedem Schulbuch zu sichern: Er, der Quereinsteiger in die Atmosphärenchemie, ließ die Menschheit zwei der größten Gefahren erkennen, die sie für sich und den ganzen Planeten heraufbeschworen hat. Crutzen errechnete, was bei einem Atomkrieg passieren würde und zerschmetterte damit die Illusionen all jener Machtpolitiker, die sich vormachen wollten, die Menschheit könne so ein Ereignis überstehen. Das Szenario des „Nuklearen Winters“ war an Deutlichkeit und Schrecken nicht zu überbieten.

Die zweite Gefahr, die Crutzen erkannte, war klein und unsichtbar: Mit Kenntnisreichtum und Intuition ermittelte er, dass es Substanzen gibt, die etwas angreifen, von dem wir alle abhängig sind: die dünne Schutzschicht der Erde aus Ozonmolekülen. Dank dieser Ozonschicht ist das Leben an Land überhaupt erst entstanden und dank ihr kann dieses Leben trotz konstanter Bestrahlung aus dem Weltall fortbestehen.

Blindflug wie im Action-Thriller

Crutzen wies mit seinen Berechnungen seinen Forscherkollegen Mario Molina und Sherwood Rowland den Weg, die Gefährdung der Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), wie sie etwa in Sprays und Kühlschränken zum Einsatz kamen, zu erkennen. Er engagierte sich zudem in den 1980er Jahren an der Seite des deutschen Umweltpolitikers Klaus Töpfer mit klarer Stimme politisch dafür, dass die Staaten der Erde sich im Montreal-Protokoll dazu verpflichten, den Ausstoß an „Ozonkillern“ deutlich zu verringern. Dass die schützende Ozonschicht über unseren Köpfen sich seither zumindest schrittweise regeneriert, ist maßgeblich auch ein Verdienst Crutzens.

Erfahren zu haben, dass eine banale Substanz – buchstäblich das Zeugs in Haarsprays und Kühlrohren – die ganze Erde gefährden kann, setzte Crutzen massiv zu. „In der Tat hatte niemand gedacht, dass kleine, vom Menschen verursachte Substanzen so eine große Auswirkung auf das stratosphärische Ozon haben könnten“, sagte er in einem Interview, das ich 2013 mit ihm geführt habe.

Die Ereignisse von damals würden im Zeitraffer für einen Action-Thriller taugen: Die Menschheit rast wie im Blindflug auf eine existenzielle Gefahr zu, und quasi in letzter Minute entdecken Wissenschaftler die Gefahr und das Gegenmittel. Seine eigene Rolle hat Crutzen aber nie überhöht. „Wir hatten einfach Glück“, sagte er mir bei einem anderen Treffen.

Crutzen begann schon damals, lange Listen anzulegen von vielen anderen klein wirkenden Prozessen, mit denen wir Menschen die Erde verändern. Er habe sich in schlaflosen Nächten gefragt, „was für andere Überraschungen uns noch erwarten“, sagte er. Und schließlich verdichtete sich diese Liste zu einer übergreifenden Idee.

In eine Weltkatastrophe hineingeboren

In Millionen Kilometern Tunneln, Straßen und Schienen, in Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Emissionen, in synthetischen Elementen und Chemikalien und in Plastik allerorten, in abgebrannten Regenwäldern und sich ausbreitenden Städten erkannte Crutzen eine eindeutige Botschaft: Die Menschheit ist dabei, zur dominanten Kraft der Veränderung auf der Erde zu werden.

Und diese Veränderungen werden, selbst wenn wir eines Tages aussterben sollten, auf immer den Lauf der Erdgeschichte verändern – das Klima, die Evolution, die chemische Zusammensetzung der Umwelt, ja die geologischen Ablagerungen, zu denen auch die Technofossilien unseres Alltags gehören werden. Inzwischen stellt das schiere Gewicht menschgemachter Gegenstände und zum Menschen gehörender Nutztiere die wilde Biomasse des Planeten in den Schatten.

Paul Crutzen wurde 1933 in eine Weltkatastrophe hineingeboren: In seiner harten, von der deutschen Besatzung von Amsterdam geprägten Kindheit hatte er viele Träume, aber wenige Möglichkeiten, sie zu verwirklichen. Der Himmel hat es ihm schon damals angetan. In der kindlichen Phantasie wurden die Wolken zu Bergen, die man erklimmen konnte. Doch sein größter Traum – Naturwissenschaftler zu werden – kollidierte mit der wirtschaftlichen Härte der Nachkriegszeit. Um schnell Geld zu verdienen, wurde Crutzen statt Forscher Ingenieur und wirkte zunächst in Amsterdam an der Planung und am Bau von Brücken mit.

Als man dann in Europa wieder reisen konnte, erklomm der junge Holländer den Schweizer Berg Pilatus. Dort lernte er seine spätere Frau kennen, und mit ihr zog er nach Schweden, um weiter als Bauingenieur zu arbeiten. Der lange gehegte Wunsch, Naturwissenschaftler zu werden, erfüllte sich dort durch eine Zeitungsannonce.

Schwarz/weiß Aufnahme des Nobelpreisträgers Paul Crutzen bei der Preisverleihungsfeier in Mainz 1995. Links neben ihm steht seine Ehefrau Terttu.
1995 erhielt Paul Crutzen für seine Verdienste um die Atmosphären- und Ozonforschung den Chemie-Nobelpreis. Im Bild zu sehen ist die Feier in Mainz. Links im Bild Crutzens Ehefrau Terttu.

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Das Meteorologieinstitut in Stockholm suchte einen Computerfachmann. Weder vom einen noch vom anderen verstand Crutzen viel, bewarb sich trotzdem – und der Rest ist, samt späterem Direktorenposten am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Nobelpreis, Geschichte (übrigens auch eine Geschichte, die dem deutschen Wissenschaftssystem mit seiner Verachtung für den akademischen Mittelbau und für unorthodoxe Biographien einen wenig schmeichelhaften Spiegel vorhält). Über viele Jahre war Crutzen einer der weltweit meistzitierten Wissenschaftler.

Als er dann im Jahr 2000 vor Kollegen vom Anthropozän sprach, ahnte Crutzen nicht, welche Karriere dieser Begriff machen würde. Zuerst nur in akademischen Zirkeln aufgenommen, brach sich das neue Denken über die Jahre immer stärker Bahn. Obwohl „Anthropozän“ ein sperriger Begriff ist, entfaltet dieser bei vielen Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen, eine enorme Wirkung. Das liegt daran, dass die Idee einer vom Menschen geprägten Erdepoche alte Denkmuster und auch Denkbarrieren durchbricht.

Vor allem in der westlichen Denkweise ist es üblich, Natur und Mensch zu trennen. Hier die Zivilisation, dort die „Umwelt“. Hier das vernunftbegabte Wesen, dort die biologischen Roboter, als die Descartes nicht-menschliche Lebewesen definiert hat. Und eben auch: hier die „Geschichte“ mit ihren Königen, Kaisern und Kanzlern, dort die „Erdgeschichte“ mit ihren Dinosauriern und Laubbäumen. Diese Abtrennung zieht sich durch alles hindurch: hier die riesige „Nutzfläche“, dort das kleine Naturschutzgebiet.

Die große Beschleunigung

Die Folgen dieses Abtrennens sind katastrophal: Die Erde hat nicht nur vermocht, weitsichtige Wissenschaftler wie Paul Crutzen hervorzubringen, sondern gestattet erstaunlicherweise in der Menschenwelt auch einen kompletten ökologischen Analphabetismus, wie ihn zum Beispiel Politikerïnnen aufweisen, die Klimakrise und Artensterben noch immer für Luxusprobleme halten, um die man sich kümmern kann, wenn das Bruttosozialprodukt so richtig brummt.

„Das Anthropozän – was ist das eigentlich?“ (Paul Crutzen)

Schlimmer noch: Menschen können, weil sie zum kollektiven Doping die fossilen Energiereserven angezapft haben, mit einem derartig rasanten Tempo von Natur- und Klimaprozessen entkoppelt wirtschaften, dass ihnen die Folgen der trägeren Erdprozesse erst Jahre und Jahrzehnte später um die Ohren fliegen. „Die große Beschleunigung“ hat Crutzen das genannt.

Die damit einhergehende zeitliche Verzögerung von Ursache und Wirkung führt noch immer zu einem absurden Sicherheitsgefühl, das sich umso bitterer rächen wird, je mehr es zum Gegensteuern zu spät sein wird. Die Menschen meinen, ihre Raserei bleibe folgenlos. Dabei braut sich die gegenläufige Raserei der Erde nur langsamer zusammen, um dann umso härter auszufallen und umso länger anzudauern.

Dass wir Menschen die Welt tiefgreifend verändern, war schon im 19. Jahrhundert Thema. Dass wir sie global verändern, dämmerte uns spätestens seit den 1970er Jahren. Mit dem Anthropozän kommt eine zeitliche Dimension in dieses Geschehen.

Nicht das Jahr 2030 oder 2050 sind die Bezugspunkte dessen, was wir heute tun, unsere Handlungen reichen – von der Klimakrise bis zum Artenschwund – bis zum Jahr 2500, 25.000, 250.000 und darüber hinaus. Die ökologischen Analphabeten denken in den Quartalen der Betriebswirtschaftslehre, höchstens in den Vier-Jahres-Zyklen der Machtverteilung. Das Anthropozän schafft dagegen den eigentlichen, den irdischen Bezugsrahmen. Es ist die intensivste Form von Realismus.

Orchideen aus dem Auspuff, Nester aus Kleiderbügeln

Die Wirklichkeit hat alte Ideen einer Trennung von Menschen- und Naturwelt längst überholt. Gebiete mit echter, vom Menschen unberührter Wildnis bestehen heute nur noch als kleine Inseln in einer von den Folgen menschlichen Handelns durchwirkten Erdoberfläche. Als hätten die alten Schamanen recht, kann einem heute überall etwas Menschliches begegnen.

Die seltenste Orchidee im Amazonas kann zu einem guten Teil aus Kohlenstoffatomen bestehen, die erst vor ein paar Jahren durch einen Schornstein oder Auspuff in Umlauf gekommen sind. Und umgekehrt bauen in Tokio die Raben ihre Nester auch aus den Alukleiderbügel, die Menschen auf ihre Balkone hängen. Überhaupt gelten Städte, einst Antipoden von „Natur", als wichtige Lebensräume.

Luftaufnahme des brennenden Amazonas. Man sieht die enorme Rauchentwicklung.
Der Amazonas steht in Flammen – und trocknet durch die Erderhitzung von innen aus. Das Bild der NASA stammt vom 17. September 2011 und zeigt ein Gebiet am Rio Xingu.

Crutzens Anthropozän-Idee überwindet die falschen Auftrennungen auf provokante Weise: Die Geschichte der Könige, Kaiser und Kanzler ist ein Kontinuum der Geschichte der Dinosaurier und Laubbäume. Es sind menschliche Entscheidungen, die den weiteren Verlauf auch der Erdgeschichte bestimmen. Mit dem Anthropozän ist jenes „Außen“ der „Um“welt verschwunden, mit dem es sich für einige Jahrzehnte allzu bequem gelebt hat. Immer war da noch ein Wald, den man abholzen, noch ein Fluss, in den man Gift ablassen konnte.

„Habe ich gesagt, ich sei ein Optimist?“ (Paul Crutzen)

Anthropozän heißt auch: Jetzt kommt alles zurück. Wir müssen erkennen, dass wir in einem geschlossenen System leben, dessen Grenzen wir nicht mehr mit den Mitteln des Kolonialismus sprengen, sondern nur noch durch Kooperation untereinander und mit einem innigeren Verhältnis zu den anderen Erdbewohnern erweitern können.

Hüter des Erdsystems

Von einer Idee ist das Anthropozän nicht nur zum Stoff von Kulturfestivals, Ausstellungen, Tagungen und Büchern, sondern vor allem zu einem wissenschaftlichen Prüfprozess geworden, an dessen Ende eine formale Anerkennung durch die Geologie stehen kann. Dann würde das aktuelle „Holozän“ als Erdepoche abgelöst.

Die Quantifizierung und Formalisierung des Anthropozäns ist nun Aufgabe der Geologie. Eine Arbeitsgruppe sammelt und wägt seit vielen Jahren die numerische Evidenz: Wiegt die Technosphäre des Menschgemachten in metrischen Tonnen schwer genug, um in der geologischen Welt der Gebirge und Meeresböden Anerkennung zu finden? Die bisherigen Befunde besagen: Ja.

Crutzen hat aber schon früh die Qualifizierung des Anthropozäns genauso interessiert: Was kann dazu beitragen, unser Denken so zu ändern, dass die neue Erdepoche nicht in einer Kulmination von Umweltkrisen ihren Namensgeber und noch viel mehr mit sich in den Abgrund zieht? Gibt es gar ein „gutes Anthropozän“? Vom Menschen als „Hüter des Erdsystems“ hat Crutzen sehr früh gesprochen. Wobei er sich selbst explizit nicht als Optimisten eingestuft hat und er dieses „Hüten“ keinesfalls romantisch meinte.

Geoengineering als Notlösung?

Zwischendurch ließ der Forscher sogar Sympathien mit dem Geoengineering, also dem Versuch einer Klimastabilisierung mit technischen Mitteln, erkennen, was ihm viel Kritik einbrachte. Dabei kam weniger Technizismus zum Ausdruck als die nackte Angst vor den Folgen der Erderhitzung, gegen die Crutzen eine Notbremse zumindest erforscht wissen wollte. Bei einer der letzten unserer Zusammenkünfte, als er von seiner Krankheit schon sehr gezeichnet war, sprach ich ihn auf diesen Punkt nochmal an. Geoengineering als Lösung? Die Antwort war: Nein, die Reduktion der CO2-Emissionen ist die Lösung.

Um diese Reduktion zu erreichen, sah Crutzen nicht nur Ingenieure in der Verantwortung. Das Aufkommen von Fridays for Future, der Klimabewegung der Jugend, machte ihm deshalb viel Hoffnung.

Zeitlebens ist Paul Crutzen ein unabhängiger Kopf geblieben und behielt sich vor, auch seine eigenen Ideen immer wieder in Frage zu stellen. Als ich ihn einmal mit dem Taxi abholte, um zu einer Konferenz von Künstlern und Wissenschaftlern zu fahren, taxierte er mich einen langen Moment und sagte: „Das Anthropozän – was ist das eigentlich, was ist das?“ Meine spontane Reaktion – zu sagen, also wenn er das nicht wisse, dann wisse es wohl niemand – verkniff ich mir. Ich ließ den Satz in der Berliner Luft verklingen, denn es war, als hätte Leonardo da Vinci gefragt, was die Malerei eigentlich sei.

Ein epochales Vermächtnis

Und in der Tat gehört es zum Wesen des Anthropozäns, dass noch nicht klar ist, was es ist. Ein Höllenritt in eine ökologische Apokalypse? Ein Schnellkurs darin, unsere Lebensgrundlagen nicht allzu heftig zu beschädigen? Oder vielleicht doch noch mehr – ein neuer Denkrahmen, der Wissenschaftlichkeit mit einer Hinwendung zum Organischen verbindet? Ein Weg, den Menschen in die Natur und die Natur in das Menschliche zu integrieren, so dass „Zivilisation“ künftig nicht mehr automatisch kolonialistische Zerstörung, sondern ökologisch-soziale Vernetzung bedeutet?

Paul Crutzen hat sich die Lage nie schön geredet. Auf meine Frage, ob er ein Optimist geblieben sei, antwortete er: „Habe ich gesagt, ich sei ein Optimist?“

Und doch war da dieser große Glaube an gute Kräfte, auch an die Kraft von Kunst und Literatur. Bei aller Verzweiflung über das, was Menschen mit der Erde machen, blieb ihm immer ein starker Kern von Menschenfreundlichkeit: „Es gibt so viele schöne Dinge, die der Mensch erschafft, dass ich mich frage, wann wir die Erde wieder schöner machen werden, statt alles aufzubrauchen“, sagte er mir.

Mit seinen Erkenntnissen und Ideen hat Paul Crutzen schon jetzt Millionen Menschen inspiriert, über ihre Beziehung zu Erde und Natur nachzudenken. Die formale Anerkennung des Anthropozäns in der Geologie könne ruhig noch ein paar Jahre warten, fand er, denn nicht die offizielle Zeremonie sei entscheidend, sondern Diskussion und Auseinandersetzung.

Worüber Crutzen nachgedacht hat, betrifft jeden Menschen – und auch Grundbegriffe wie den der Freiheit – existenziell. Man muss dazu kein Anthropozän-Theoretiker sein: Um mitzuwirken, reicht es, im Supermarkt Waren aus aller Welt zu kaufen oder beim Autofahren Treibhausgase freizusetzen, die das Weltklima auf Jahrtausende beeinflussen werden.

Jede und jeder ist ein anthropos. Ob unbewusst oder wissentlich, schreiben wir zusammen ein neues Kapitel der Erdgeschichte. Größer, als dies erkannt zu haben, kann ein Vermächtnis kaum sein.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist freiberuflicher Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Buchautor und Mitgründer von RiffReporter.


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Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. Unser Projekt „AnthropoScence" erforscht die Menschenzeit mit journalistischen Mitteln.

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