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Der Hafen der Ideen

In Rotterdam leben Kühe auf dem Wasser, Burger kommen von der Insektenfarm und das Leder vom Obstfrachter

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26.12.2020
11 Minuten
Gründerzentrum Keilewerf in Rotterdam  / Start Up Hub Keilewerf in Rotterdam

In Rotterdam arbeiten Jungunternehmer an geschlossenen Stoffkreisläufen, die die Wirtschaft nachhaltiger machen. Das Ziel: Ressourcenverbrauch verringern, Umwelt und Klima entlasten. Die Stadt hilft ihnen dabei: Seit Europas größter Hafen die Maas hinunter Richtung Nordsee gezogen ist, nutzen sie leer gezogene Industriebauten als Ideenschmieden.

2015 entdeckte Siemen Cox das leerstehende Tropicana Spaßbad in bester Lage am Ufer der Neuen Maas. Er suchte Räume für seine Idee: Start-Up-Unternehmen, die ein Netzwerk der Kreislaufwirtschaft aufbauen. Der Abfall des einen wird zum Rohstoff des anderen. Blue Economy, die blaue Wirtschaft, heißt das Prinzip nach dem Cradle-to-Cradle-Modell des deutschen Wissenschaftlers Michael Braungart.

Aloha Bar im Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam / Aloha Bar and Restaurant in  Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam
Aloha Bar im Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam / Aloha Bar and Restaurant in Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam

Ein Netzwerk blauer Kreisläufe

Cox hatte nach der Finanzkrise keine Lust mehr, als Finanzberater Kunden Geldanlagen aufzuschwatzen. Er wollte etwas Sinnvolleres tun. Mit einem Geschäftspartner begann er, im feuchten Keller des ehemaligen Tropicana essbare Pilze auf Kaffeesatz anzubauen. Den holte sich Cox bei den umliegenden Cafés und Restaurants. Die waren dankbar, ihren Bio-Müll auf diese Weise loszuwerden und der Gründer hatte den richtigen Nährboden für seine Pilze. Die Abwärme der Plantage nutzt ein anderes Unternehmen, um damit seine Spirolina-Algenzucht zu heizen.

Cox und seine Partner fanden einen Investor, der das heruntergekommene einstige Schwimmbad 2015 für 1,7 Millionen Euro kaufte, um es den Gründern zu vermieten. Blue City, die Blaue Stadt, nennen diese ihr neues Domizil.

Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam, www.bluecity.nl
Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam, www.bluecity.nl

Ausbau aus Abfall

Den Umbau übernahmen die Superuse-Studios, eine Mischung aus Architekturbüro und Bauunternehmen, das inzwischen auch in die Blue City gezogen ist. Überall in den Niederlanden dokumentieren und sammeln sie Baumaterial aus Abbruchgebäuden, um es an neue Bauherren zu vermitteln. Die Holzfenster-Fronten der hellen Büros stammen aus einem Abrisshaus, die Tische in den Besprechungsräumen bauten sie aus Pfosten, an denen früher Schiffe festgemacht wurden. 90 Prozent der Blue-City-Einrichtung entstand aus wiederverwertetem Material. Inzwischen arbeiten in der Blue City auf 12.000 Quadratmetern 30 junge Unternehmen an der Zukunft der Wirtschaft.

Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam: Hugo de Boon erklärt einer Kundin das Konzept seines Unternehmens Fruitleather, das aus Obstabfall Leder herstellt / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam: Hugo de Boon explaining to a client the concept of his company Fruitleather, producing leather out of fruit waste, www.bluecity.nl
Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam: Hugo de Boon erklärt einer Kundin das Konzept seines Unternehmens Fruitleather, das aus Obstabfall Leder herstellt / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam: Hugo de Boon explaining to a client the concept of his company Fruitleather, producing leather out of fruit waste, www.bluecity.nl

Siemen Cox Rotterschwamm hat die Blue City inzwischen wieder verlassen. Unternehmen, die wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen ziehen aus, um neuen Gründern Platz zu machen.

Sommernächte aus der Fritteuse

In einer Fritteuse der Küche unterm Dach brutzeln kleine Bällchen, die wie Mini-Frikadellen aussehen. Sander Peltenburg, ein gut gelaunter End-Zwanziger, kippt die fertigen Kugeln auf einen Teller. Die cremige Masse schmeckt leicht nussig, keine Spur vom etwas ranzigen Fett-Geschmack, den Fritteusen normalerweise auf Pommes und anderen Produkten hinterlassen.

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Peltenburg und sein Geschäftspartner fertigen die Bulletten ebenso wie Burger und andere Lebensmittel aus Insekten. „Wir verwenden vor allem Grillen und Heuschrecken“, erzählt der Gründer. „Die kommen sympathischer rüber als zum Beispiel Würmer. Grillen erinnern die Menschen an Sommernächte in Südfrankreich.“ Mit seinem Unternehmen „De Krekerij“ will Peltenburg helfen, die Landwirtschaft nachhaltiger, klima- und umweltfreundlicher zu gestalten.

Far Beyond Meat

Entsteht hier das neue „Beyond Meat“, dessen Aktienkurs in kürzester Zeit durch die Decke schoss? Peltenburg bleibt realistisch. Lebensmittel aus Insekten hätten in Europa – anders als in einigen afrikanischen Ländern oder Mexiko – „ein Imageproblem“. Um die Leute daran zu gewöhnen, verkauft De Krekerij ihre Insektenwürstchen, -Burger und -Frikadellen an Restaurants und Caterer, die gerne Ausgefallenes auf die Speisekarte setzen. Die Umsatzzahlen steigen langsam. Sechs Mitarbeiter beschäftigt De Krekerij inzwischen.

Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam: Sander Peltenburg, Gründer von De Krekerij, die Burger aus Heuschrecken und Grillen herstellt https://krekerij.nl / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam: Sander Peltenburg, founder of De Krekerij, producing food out of grashoppers and crickets, www.bluecity.nl
Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam: Sander Peltenburg, Gründer von De Krekerij, die Burger aus Heuschrecken und Grillen herstellt https://krekerij.nl / Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam: Sander Peltenburg, founder of De Krekerij, producing food out of grashoppers and crickets, www.bluecity.nl

Wer statt Fleisch Insekten isst, entlastet das Klima. Für Soja, das in Europa Rinder satt macht, wird in Brasilien der Regenwald abgeholzt. Methan aus der Verdauung von Kühen ist eines der schädlichsten Treibhausgase und auf mehr als 60 Prozent der hiesigen Ackerflächen wächst Viehfutter. Die Flächen fehlen für den Anbau von Lebensmitteln für Menschen. Eine Studie der US-amerikanischen Carnegie Mellon University verglich 2008 die Klimabilanzen unterschiedlicher Lebensmittel. Für regionales Obst und Gemüse ermittelten die Forscher einen CO2-Ausstoss von 530 Gramm /Kilo Ware. Fleisch aus der jeweiligen Region kommt auf 6.900 Gramm CO2 / kg. Per Schiff aus Übersee importierte Früchte verursachen je Kilo 870 Gramm CO2 Emissionen und eingeflogenes Obst und Gemüse 11.300 Gramm CO2. Desaströs ist die Klimabilanz von aus Übersee per Flugzeug eingeführtem Fleisch: Es belastet die Atmosphäre mit jedem Kilo Eigengewicht mit 17,67 kg CO2.

Billiger und gesünder als Fleisch

Langfristig seien, so Peltenburg, Insekten auch billiger als Rind, Huhn oder Schwein. Allerdings stecke die Produktion noch in ihren Anfängen, das heißt: geringe Mengen, hohe Stück- und Entwicklungskosten. „Das meiste ist Handarbeit. Wir machen dabei noch viele Fehler, aus denen wir lernen“, erzählt der optimistische Firmengründer. Milchviehbetrieben, die wegen der niedrigen Milchpreise in Not geraten sind, bietet er ein Umstellungsprogramm an. Rund 200.000 Euro müsse man für den Umbau rechnen. Ein Betrieb im Rotterdamer Umland sei diesen Weg schon mit ihm gegangen. Weitere sollen folgen.

Fast die Hälfte der Ernte wird weggeschmissen

Auch Hugo de Boon will es mit einer mächtigen Konkurrenz aufnehmen. Sein Start-Up Fruitleather, Obstleder, produziert Leder aus Obstabfällen. Über den Rotterdamer Hafen kommen große Mengen an tropischen Früchten nach Europa. Teile der Ladung müssen die Spediteure vernichten, weil sie unterwegs verdorben sind.

De Boon hat auf dem Rotterdamer Markt gesehen, wie viele Lebensmittel jeden Tag weggeworfen werden. „Wir haben herausgefunden, dass 45 Prozent des weltweit angebauten Obstes weggeschmissen wird. Schon im Ursprungsland sind es 30 Prozent, die den hohen optischen Anforderungen des europäischen Marktes nicht genügen.“ Auf dem Transport seien es dann nochmal zehn Prozent der Erntemenge und im Handel sowie beim Verbraucher weitere fünf. Lebensmittelverschwendung zählt zu den Top-Klimakillern. Allein in Deutschland landen jede Sekunde 313 Kilo genießbare Lebensmittel im Müll. Das entspricht dem Gewicht eines halben Kleinwagens. Pro Jahr und Einwohner sind das 81,6 Kilo im Wert von rund 235 Euro. Die Lebensmittel werden angebaut, geerntet, transportiert und verarbeitet. All dies verursacht Treibhausgas-Emissionen, die das Klima belasten.

Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam https://fruitleather.nl/ Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam, www.bluecity.nl
Start Up Hub Blue City für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft im ehemaligen Schwimmbad Tropicana in Rotterdam https://fruitleather.nl/ Start Up Hub Blue City for circular economy in former Tropicana in Rotterdam, www.bluecity.nl

Bier aus Obstabfällen

Ursprünglich wollten Hugo de Boon und sein Kollege Siebdruck-Tinte aus weggeworfenen Früchten herstellen. Zufällig hatten sie die Masse dafür auf dem Fensterbrett vergessen. Dort war sie zu einer lederähnlichen Substanz getrocknet. So kamen sie auf die Idee, Leder für Taschen, Schuhe und Sitzbezüge daraus zu machen. Dazu schreddern sie die nicht mehr essbaren Früchte und streichen die Paste zum Trocknen auf Glasplatten. Eine Partnerfirma färbt die Substanz und beschichtet sie mit wasserabweisendem Material. Details will er nicht verraten. Die Idee sei sein wichtigstes Kapital.

„Nebenan haben wir eine Brauerei“, erzählt der 26-jährige Gründer. „Die will aus unserem einzigen Abfall, dem Fruchtsaft, jetzt Bier brauen.“

Abfallfreie Stadt bis 2050

Die Stadt Rotterdam will bis 2050 abfallfrei werden. „Wir helfen den neuen nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen zum Beispiel bei der Suche nach Investoren“, verspricht Joost van Maaren, einer von 25 Mitarbeitern der Stadt für den Aufbau der Kreislaufwirtschaft. Seine Müllcontainer lässt Rotterdam inzwischen komplett aus Recyclingmaterial so bauen, dass man defekte Einzelteile problemlos austauschen kann. Ihre Recyclinghöfe hat sie in „Goldminen“ umbenannt, Müllautos goldfarben lackiert. „Damit sagen wir den Leuten, dass wir wertvolle Rohstoffe einsammeln.“

Im Boden versenkte städtische Müllcontainer aus Recyclingmaterial an einer Strasse in Rotterdam / Street Garbage Container made of recyled material in Rotterdam
Im Boden versenkte städtische Müllcontainer aus Recyclingmaterial an einer Strasse in Rotterdam / Street Garbage Container made of recyled material in Rotterdam

Gemeinsam mit Bürgerïnnen haben Mitarbeiter der Stadt Plastikmüll aus den Hafenbecken und dem Fluss gefischt, um daraus ein Boot zu bauen. Das nutzen jetzt Schulklassen und Firmen für Teambuilding-Programme. Sie fahren damit zum Beispiel raus, um gemeinsam noch mehr Plastik-Müll aus dem Wasser zu holen.

Resiliente Städte trotzen der Klimakrise

Rotterdam hat sich dem Netzwerk Resilient Cities angeschlossen: „resiliente Städte“, die dem Klimawandel entgegenwirken wollen und sich auf die Folgen der Erderwärmung vorbereiten. Die Stadt liegt unter dem Meeresspiegel. Die insgesamt 18 Quadratkilometer Flachdächer sollen nach und nach begrünt werden, damit sie kühlen und Regenwasser speichern.

1,3 Kilometer langer Sozialwohnungsbau – Plattenbau de Peperklip (Büroklammer) in Rotterdam / 1.3 km concrete made social housing block De Peperklip in Rotterdam
1,3 Kilometer langer Sozialwohnungsbau – Plattenbau de Peperklip (Büroklammer) in Rotterdam / 1.3 km concrete made social housing block De Peperklip in Rotterdam

Gemüseacker auf dem Dach

Der 1,3 Kilometer lange Plattenbau Peperklip, mit 550 Wohnungen größter Sozialwohnungsbau der Niederlande, bekommt derzeit ein grünes Dach. Auf einem der Hochhäuser in der Innenstadt bauen Gärtner Gemüse und essbare Blumen an, die sie an Restaurants in der Stadt verkaufen. Das Café auf dem Dach serviert frische Speisen aus der Ernte des Dakakkers (Dachacker).

Führung auf dem Dakakker Dachgarten in Rotterdam / Guided Tour on dakakker rooftop garden in Rotterdam
Führung auf dem Dakakker Dachgarten in Rotterdam / Guided Tour on dakakker rooftop garden in Rotterdam

Ein 9.000 Liter-Tank, der direkt mit einem Wettersatelliten verbunden ist, sammelt das Regenwasser. Kommt eine Sturzregenwarnung, gibt der volle Tank automatisch überschüssiges Wasser dosiert in die Kanalisation ab, um Platz für neue Regenmassen zu schaffen. So will man Überschwemmungen vorbeugen. Das betonierte Basketballfeld einer nahen Schule dient bei Starkregen ebenfalls als Wasserspeicher.

Basketballplatz in Rotterdam, der als Regenrückhaltebecken dient / basket ball ground working as rain retention bassin
Basketballplatz in Rotterdam, der als Regenrückhaltebecken dient / basket ball ground working as rain retention bassin

Strom aus dem Boden für ein Meer aus Glühwürmchen

Der Rotterdamer Strom soll aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden, aus Sonne, Wind – oder aus dem Boden. Marjolein Helder hat mit einigen Kollegen eine Batterie entwickelt, die aus Elektronen in der Erde Elektrizität gewinnt. „Pflanzen produzieren Biomasse“, erklärt die Biotechnologin etwas vage. Wenn Bakterien dieses organische Material im Boden zersetzen, werden Elektronen frei, „die unsere Bio-Batterien für die Stromproduktion nutzen“.

Living Light gewinnt Strom und  Licht aus dem Zerfallsprozess von Pflanzen / Living Light creating electricity and light out of organic matter.
Living Light gewinnt Strom und Licht aus dem Zerfallsprozess von Pflanzen / Living Light creating electricity and light out of organic matter. https://livinglight.info/technology/

Genaueres will die Unternehmensgründerin nicht verraten. Geht man über den Holzsteg in einem Park am Stadtrand von Rotterdam, fangen die LED-Lämpchen am Wegesrand tatsächlich an zu funzeln. Es sieht aus, als wate man durch ein Meer aus Glühwürmchen. „Magisch“, schwärmt Park-Designerin Ermi van Oers.

Living Light gewinnt Strom und  Licht aus dem Zerfallsprozess von Pflanzen / Living Light creating electricity and light out of organic matter. https://livinglight.info/technology/
Living Light gewinnt Strom und Licht aus dem Zerfallsprozess von Pflanzen / Living Light creating electricity and light out of organic matter.

Nun wollen die beiden Gründerinnen ihr Living Light an Städte, Gemeinden und private Gartenbesitzer verkaufen. Vor allem da, wo es keinen Stromanschluss gibt, könnte die Rechnung aufgehen. Licht aus dem Boden.

Waterland: Kühe auf dem Wasser

Für Rotterdam ist keine Idee zu kühn. Kein Wunder, dass hier in einem stillgelegten Hafenbecken Kühe leben. 34 Maas-Rhein-Ijssel-Rinder mümmeln in einem schwimmenden Stall an großen Haufen frischen Heus. Die Idee zu Europas erster schwimmender Milchfarm kam Peter Wingerden in New York. Dort erlebte er 2012, wie Teile Manhattans unter Wasser standen. Die Supermärkte waren schnell leer gekauft, weil die LKW der Lieferanten nicht mehr auf die Insel fahren konnten. Wingerden erkannte, dass man Lebensmittel am besten dort produziert, wo die Verbraucher leben – also in den Städten. So spart man Transportwege und schont das Klima. Und Platz haben viele Städte auf dem Wasser.

Die schwimmende Farm in Rotterdam mit Solarpanelen zur Eigenstromgewinnung  / The Floating Farm in Rotterdam powered by solar panels, 20.2.2020, Foto: Robert B. Fishman
Die schwimmende Farm in Rotterdam mit Solarpanelen zur Eigenstromgewinnung / The Floating Farm in Rotterdam powered by solar panels

Der Ingenieur begann, einen geschlossenen Kreislauf zu planen. Unter dem Stall sollte auf einem Substrat das Futter für die Kühe wachsen. Den Mist der Rinder wollte er auf einer weiteren Ebene der schwimmenden Farm zu Dünger für die künstliche Wiese verarbeiten.

Dann stellte sich heraus, dass die Fläche unter dem 27 × 27 Meter großen Stall nicht reicht, um genug Futter anzubauen. Deshalb fressen die Kühe jetzt Kartoffelschalen einer nahen Pommes-Fabrik, Abfälle einer benachbarten Brauerei und das Gras eines Naturschutzgebiets am Stadtrand. Ein Roboter sammelt den Mist im Stall und leitet ihn zu einem Separator, der ihn in den Trocken- und den Flüssiganteil trennt.

Die schwimmende Farm in Rotterdam: Kühe / The Floating Farm in Rotterdam: cows
Die schwimmende Farm in Rotterdam: Kühe / The Floating Farm in Rotterdam: cows

Der getrocknete Teil geht als Dünger in Rotterdamer Parks und Gärten. Die Milch verarbeiten Peter Wingerden und seine Frau Minke direkt auf ihrem schwimmenden Hof zu Joghurt, Milch und Quark. Freitags und samstags verkaufen sie ihre Produkte vor Ort an die Endkunden. Um die frische, cremige vollfette Milch reißen sich die Rotterdamer Baristas. „Perfekt“ sei sie für den Cappuccino, schwärmt Minke van Wingerden, die vorher im Marketing der Lebensmittelindustrie gearbeitet hat.

Ihren Kühen haben die beiden Wasserbauern besonders bequeme Liege-Matratzen anfertigen lassen. Die Uni Wageningen habe ihr bescheinigt, dass sie die Tiere besonders artgerecht behandele. Sie sehen zufrieden aus. Die meisten Rotterdamer Unternehmsgründer:innen auch. Sie haben hier an der Neuen Maas ihr Biotop gefunden.

Hinweis: Das Stadtmarketing Rotterdam Partners und das Niederländische Tourismus- und Kongressbüro NBTC haben meine Recherche mit der Übernahme von fahrt- und Übernachtungskosten unterstützt. Dafür vielen Dank. Auf den Inhalt des Beitrags haben sie keinen Einfluss genommen.

Blick über die Erasmusbrücke nach Kop van Zuid in Rottetrdam, breiter, mehreteiliger Wolkenkratzer: De Rotterdam von Rem Koolhaas
Blick über die Erasmusbrücke nach Kop van Zuid in Rottetrdam, breiter, mehreteiliger Wolkenkratzer: De Rotterdam von Rem Koolhaas

Dutch Windwheel:

Bis 2026 soll an der Neuen Maas das Dutch Windwheel entstehen: ein energieautarkes rund 130 Meter hohes Wohn- und Gewerbehaus mit Solarzellen, Windstromproduktion und Kabinen, auf denen Touristen an der Außenhaut nach oben fahren können – ein bewohnbares Öko-kraftwerk mit eigener Regenwasseraufbereitung und Biogasanlage, die den Abfall der Bewohner aufnimmt.

Meine Radioreportagen aus Rotterdam finden Sie zum Nachhören hier

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Robert B. Fishman

Robert B. Fishman

freier Journalist, (Radio-)Reporter, Fotograf, Moderator, Blogger und Reiseleiter


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