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Zuckerl für grünes Verhalten

Wie Kommunen versuchen, ihre Bürger über finanzielle Anreize zum Energiesparen zu bewegen

von
22.01.2019
6 Minuten
Eine Menschengruppe jubelt. Vor ihr steht Buchstaben aus Plastik, die das Logo der Stromsparprämie Cool City München formen

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

München, den 22. Januar 2018

Im Zuge der Klimakrise ist es dringend notwendig, dass jede*r einzeln*e weniger Energie und Ressourcen verbraucht. Verbote und Begrenzungsregeln lösen oft Widerstand aus. Doch was wäre, wenn umweltfreundliches Verhalten mit Lob und Belohnung anstatt mit Verzicht belegt wäre? Immer mehr Kommunen probieren diesen Ansatz aus, zum Beispiel München. Bis 2050 will die Stadt klimaneutral sein. Um das zu erreichen, möchte die Stadt nun mit einer Kampagne für das Energiesparen werben. Wer wenig Strom verbraucht, kann dafür eine Prämie erhalten. Forschungen zeigen, dass solche Belohnungen motivierend sein können. Der ökonomische Anreiz darf aber nicht überbetont werden. Besser ist es, aufzuzeigen, dass der Beitrag jedes einzelnen Bürgers zählt.

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Tempolimit, Veggie-Days, Böllerverbot – nichts bringt konservative Medienschaffende so auf die Palme wie mit Umweltschutz begründete Vorgaben für den Bürger. Von der radikalen Entmündigung schreibt gar der Chefredakteur der Tageszeitung Welt. Dass es ohne Regeln und Gesetze nicht geht, ist den meisten sicher klar, aber Schimpf-Kolumnen über den angeblichen Beschnitt von Freiheitsrechten klicken sich herrlich gut. Denn es ist so trivial wie wahr: Kein Mensch mag Verbote.

Widerstand regt sich aber nicht nur, weil Menschen sich durch Vorschriften gegängelt fühlen. Der Sozialwissenschaftler Michael Kopatz, Autor des Buchs „Ökoroutine“, sieht hinter vielen Diskussionen etwa um die oft geforderten CO2-Steuer eine Gerechtigkeitsdebatte. Beispiel Gelbwesten in Frankreich: Durch die Ökosteuer hätten sich viele Menschen in Frankreich unfair behandelt gefühlt. Sie hätten den Eindruck, der Teil der Bevölkerung mit wenig Einkommen werde über die Maßen eingeschränkt, während Wohlhabende keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssten, schreibt Kopatz auf dem Portal Klimareporter. Er plädiert deswegen insgesamt für alle geltende höhere Standards und Limits.

„Die sind besonders fair, weil alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen davon betroffen sind. Nehmen wir zum Beispiel das Tempolimit, daran muss sich der Angeber in seinem 350-PS-SUV genauso halten wie jemand im Renault Twingo.“

München bietet eine Stromsparprämie

Einen Mittelweg gehen inzwischen viele Kommunen. Sie versuchen Menschen dazu zu bewegen, sich umweltfreundlicher zu verhalten, indem sie dies belohnen. Die Stadt München versucht zum Beispiel seit vergangenem Jahr, ihre Bürger über einen finanziellen Anreiz dazu zu bringen, den eigenen Energiebedarf zu überdenken. Seit 9. Oktober 2018 können sich alle Haushalte aus dem Münchner Stadtgebiet für die Teilnahme an der „Münchner Stromsparprämie“ registrieren.

Stephanie Jacobs, Umweltreferentin der Stadt München, ist zuversichtlich, so die richtigen Signale zu setzen: „Es ist wichtig, dass wir alle Menschen mitnehmen auf unserem Weg zu einem klimaneutralen München 2050. Mit den richtigen Anreizen werden wir unsere Münchnerinnen und Münchner zu mehr Klimaschutz in ihrem persönlichen Lebensstil bewegen.“

Nach frühestens sechs Monaten nach der Registrierung können die Teilnehmenden den Antrag auf die Prämie stellen. Dafür geben sie in der Online-Maske der Kampagnenwebsite „Cool City den Jahresstromverbrauch aus ihrer Stromrechnung an und laden eine Kopie ihrer Stromrechnung hoch. Sie dient als Beleg für ihren Jahresverbrauch.

Jeder teilnehmende Haushalt, der den Bundesschnitt für vergleichbare Haushalte um mindestens 20 Prozent unterbietet, erhält 50 Euro Prämie, für mehr als 30 Prozent unter dem Bundesschnitt winken sogar 100 Euro Belohnung. Gemessen werden die Verbräuche am bundesweiten Stromspiegel, der regelmäßig von einem Bündnis von Verbraucherorganisationen, Wirtschaftsverbänden, Energieagenturen und Forschungseinrichtungen erstellt wird.

Ein ähnliches Vorhaben führt die Stadt Frankfurt am Main durch. Bei der hessischen Stromsparprämie ist der Referenzwert jedoch nicht der Bundesschnitt im Stromverbrauch, sondern der Mittelwert des eigenen Stromverbrauchs aus den zwei vorangegangenen Jahren. Auch verschiedenen Stromanbieter in kleineren Kommunen bieten ähnliche Formate an. Die Prämien liegen hier meist zwischen fünf und 20 Euro. Die Stadt München hat sich für deutlich höhere Prämien entschieden, da die kleineren Summen anscheinend nur einen geringen Anreiz zur Teilnahme bieten, heißt es auf Anfrage aus dem Umweltreferat der Stadt München.

Erklärtes Ziel der Münchner Stromsparprämie ist es, den Stromverbrauch in privaten Haushalten in der bayrischen Landeshauptstadt zu senken. Es soll der bewusste und effiziente Umgang mit Strom im Alltag unterstützt werden, sowie die Wahrnehmung für den eigenen Verbrauch und das eigene Verhalten gesteigert werden. Etwa indem die Verbraucher sich überhaupt erstmal einmal klar werden, wie hoch ihr Stromverbrauch ist und welches Haushaltsgerät wieviel Strom benötigt. Mit diesem Wissen können die Bürger dann versuchen ihren Energiebedarf zu optimieren. Wer im ersten Jahr die Zielwerte nicht erreicht, kann es im nächsten Abrechnungszeitraum erneut versuchen. Die Stromsparprämie in München läuft vorerst bis 2020. Für die Prämienauszahlungen hat die Stadt bislang 200.000 Euro in ihrem Haushalt bereitgestellt.

Anreizsysteme auch außerhalb des Energiesektors

Auch manche Betriebe der kommunalen Abfallwirtschaft verfolgen ähnliche Belohnungs-Ansätze. Dabei wird die Abholung von Restmüll nicht pauschal, sondern nach Gewicht berechnet. Je weniger Müll anfällt, beziehungsweise je besser die Wertstoffe aussortiert werden, um ein hochwertiges Recycling zu ermöglichen, desto weniger müssen die Verbraucher bezahlen. Bei einem Pilotprojekt des Unternehmens Innotec Abfallmanagement im Jahr 2012 in Berlin Wedding konnte auf diese Weise die Restmüllmenge konnte um über 60 Prozent reduziert werden.

Auch das einst hart umkämpfte Dosenpfand zeigt, dass finanzielle Anreize Verhaltensänderungen auslösen können. Die allermeisten Ein- und Mehrwegflaschen werden heute ganz selbstverständlich vom Verbraucher zum Handel zurückgebracht anstatt in der Mülltonne oder in der Natur entsorgt. Laut Umweltbundesamt führt das Dosenpfand zu weniger Müll auf Straßen und Plätzen. Das Beispiel Dosenpfand zeigt allerdings auch deutlich, dass eine Veränderung der Bürger nicht langt, um Umwelteinwirkungen zu reduzieren. Denn während der Bürger fleißig seine Pfandflaschen zurückbringt, füllt die Getränkeindustrie laut Verbraucherzentrale zunehmend in Einwegflaschen ab, die eine deutlich schlechtere Ökobilanz haben als Mehrweg-Flaschen.

Sozialforschung: Es darf nicht nur ums Geld gehen

Die sozialwissenschaftliche Forschung legt nahe, dass man bei Belohnungsansätzen wie der Stromsparprämie in München den ökonomischen Aspekt nicht überbetonen sollte. Denn Menschen haben gerne ein möglichst günstiges Bild von sich selbst. Die wenigsten finden es attraktiv, sich als einen ausschließlich im wirtschaftlichen Eigeninteresse handelnden „Homo Ökonomicus“ zu betrachten, der nur daran interessiert ist, seine Stromrechnung möglichst niedrig zu halten. Ein „positives Selbstverständnis“ lässt sich besser wahren, so die Studienautoren, wenn man sein Handeln vor sich selbst und anderen als „grün“ und nicht als „gierig“ etikettieren kann.

Der Münchner Stadtrat-Beschluss zur Stromsparprämie betont, dass das Instrument auch dazu dient, den Medien fortlaufend Gelegenheit zu bieten, über Energieeinsparmöglichkeiten zu berichten, die auch ohne erfolgreiche Teilnahme an der Prämie zu einer Verhaltensänderung führen können. Hier bietet sich die Gelegenheit für Medien und Umweltgruppen, die die Aktion der Stadt München aufnehmen, neben Energiespartipps aufzuzeigen, deren Notwendigkeit auch in den größeren Kontext der Klimakrise einzubinden. Elizabeth Sawin vom US-Think-Tank Climate Interactive, plädiert für so genannte „Multisolving-Ansätze“. Sie geht davon aus, dass komplexe Herausforderungen wie Klimaschutz besonders erfolgreich adressiert werden, wenn konkrete Projekte für mehrere Problembereiche Lösungen bieten. Im Falle der Stromsparprämie wäre das zum Beispiel Haushaltsgeld sparen, möglicherweise mehr Wohnkomfort durch effizientere Energieanwendungen sowie einen aktiven Beitrag zur Luftreinheit und Klimaschutz leisten. Ein wesentliches Element erfolgreich umgesetzter Multisolving-Projekte sei, so Sawin, durch gutes Story-Telling zu verdeutlichen, was durch das Projekt erreicht werden kann. Und vor allem, dass der Beitrag jedes Einzelnen – und sei er noch so klein – zählt und notwendig ist.

Übersetzt auf die bayrische Landeshauptstadt könnte das heißen: Selbst die Münchner, die keine Stromsparprämie erhalten, müssen nicht allzu traurig sein. Denn sie haben durch ihren Versuch Energie einzusparen, geholfen, das Klima zu schützen.

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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


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