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Gegen den Baum

von
23.09.2019
5 Minuten
Buchen-Blätterdach im Wald von untern

Die Sehnsucht nach einem Blätterdach lässt mich nach einem Wald suchen, der mir Schutz bietet und Maß. Ich fühle mich so ausgewuchert. Mir fehlt eine Begrenzung. Der letzte Feldreport hat mir offenbart, wie maßlos ich mich ausgebreitet habe. Über Kanalisationen, Leitungen und Handelswege reichen meine Gliedmaßen. Mein Einkaufsbeutel – ob nun aus Plastik oder Jute – scheint mir wie ein Körperteil, ein vorgelagerter Schlund, der nach fernen Speisen giert. Mein Appetit späht nach den Genüssen anderer Kontinente. Wenn der Wald am Amazonas brennt, dann habe auch ich ihn angezündet. Mein Hunger ist bis dorthin zu spüren und regt die Viehhalter zum brandroden an. Wie eine Krake, ein gigantisches gieriges Wesen habe ich den Erdball umschleimt. Ich fordere Produktivität ein. Ich verlange und bekomme weit mehr geliefert, als ich essen kann. Ich wähle aus einem riesigen Sortiment, verbrauche, indem ich vergeude und wegwerfe. Ein übergewichtiges Rad in einem weltweiten Getriebe.

Ausklinken und Einklinken

Nun sehne ich mich nach Beschränkung, nach einem Maß, das verträglich ist, nach einer Umgebung, in der ich meine menschliche Proportion fühle. Ich fahre in einen Wald, gleich hinter der Stadtgrenze. In meiner Erinnerung war das ein Buchenwald mit ehrwürdigen hohen Bäumen und diesem typischen grüngefilterten Licht unter den Kronen. An diesem Tag ist der Himmel grau, es nieselt und meine Schuhe sind nass, kaum, dass ich den Klappschreibtisch aus dem Kofferraum gehievt habe. Ich folge einen Wirtschaftsweg in den Wald hinein, aber der Wald will einfach nicht beginnen. Jedenfalls nicht der intakte Wald, den ich ersehne.

Dieser Wald ist aufgerissen und wund, als wäre er in einen Häcksler gefallen. Überall Schrunden von scharfen Werkzeugen. Wurzelscheiben stehen schräg, Stümpfe ragen aus dem Boden. Stämme liegen flach und schwer, die dazugehörigen Äste in Haufen daneben. Das Laub daran hängt traurig, welk und braun. Der Abtransport des Reisigs ist unrentabel. Ich suche am Himmel nach der ersehnten Begrenzung, nach dem Blätterdach, das mich beschirmt und mir mein menschliches Maß zurückgibt. Immerhin haben meine Vorfahren einige tausend Jahre unter diesen Baumkronen gelebt. So eine alte Heimat prägt einen doch!

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Wo bleiben die Rehe, wenn es regnet?

Das Wald-Dach ist voller Löcher, der Verbund aus Kronen zerrissen. Der herrliche, herrschaftliche Wald ist in die Hände von Stümpern gefallen, denke ich. Überall Stückwerk und schnell Gesägtes. Nichts ist Gelassen. Kein Platz, an dem ich so etwas wie Harmonie spüren könnte. Ich will schon umkehren, da entdecke ich diesen Baum. Eine sehr hohe Buche, der Stamm so stark, dass ich ihn gerade so umarmen könnte. Ihm will ich mich anvertrauen, unter seinem Schirm schreiben. Ich baue den Schreibtisch auf und spanne ein Blatt in die Hermes Baby Schreibmaschine. Der Stamm steht zwei Meter vor mir. Auf den Wurzelansätzen wächst Moos. Das erinnert ein bisschen an grüne flauschige Wollsocken. Tief dringen die Füße des Baums in die kühlen feuchten Bodenschichten der hiesigen Geologie. Hoch ragt die Krone in den grauen Himmel über mir. Ein riesiges Wesen, an die hundert Jahre alt und kräftig wie ein Kran. Es tropft von den Blättern und langsam wird es dunkel.

Es muss doch möglich sein, sich mit einem Baum zu unterhalten…!

Hier spüre ich das wahre Ausmaß meiner Entfremdung. Es ist wirklich sehr sehr lange her, dass meine Vorfahren hier im Wald zuhause waren, sich heimisch fühlten. Inzwischen ist viel passiert. Ich habe kein Fell mehr und ich weiß nicht, wie man Laubhütten baut. Immerhin kann ich noch Lagerfeuer. Das habe ich in meiner Kindheit gelernt, da spielten wir ganze Nachmittage im Wald. Meine beiden Freunde und ich wohnten direkt am Rand eines Auwalds. Fast jeden Nachmittag streunten wir zwischen den Erlen, Eschen und Ahornbäumen herum. Wir konnten uns austoben, unsere Kräfte ablassen. Ich wundere mich, wie gewalttätig wir damals waren, und wie zerstörerisch. Dabei steht mir ein Bild klar vor Augen. Meine beiden Freunde und ich brechen einen jungen Stamm ab, einfach so. Der Stamm ist noch saftig und grün und die Fasern brechen nicht, sondern splittern sich auf. Es ist eine mühselige Arbeit, dieses Stück Holz entzweizureißen, aber wir geben nicht auf. Wir biegen und drehen und zerren mit ganzer Kraft, bis die letzte Faser reißt. Warum nur? Heute denke ich, die Strenge und die Gewalt, die wir selbst erlebten, ließen wir am Wald aus. Die Bäume meckerten nie, auch wenn wir noch so roh zu ihnen waren. Im Wald erzeugt Gewalt eben keine Gegengewalt, anders als im Rest unserer Umgebung. Der Wald ließ uns – im Unterschied zu Schule und Eltern – einfach in Ruhe. Heute kann ich über unsere Zerstörungswut nur den Kopf schütteln. Hätte ich das einem Menschen angetan, könnte und müsste ich ihn um Verzeihung bitten. Bei einem jungen Baum – was kann ich da tun? Die Lektion dankbar annehmen.

Bäume sind Streetworker

Aber der Wald zeigte uns auch Grenzen. Es gab Unterholz, das war zu dicht und Dornen, die waren zu spitz. Es gab Äste, die waren zu dick, um sie zu brechen, und Bäume, die waren zu dünn oder zu morsch, um daran hoch zu klettern. Der Wald war ein weiser Lehrer. Am Klang eines Astes kann ich immer noch hören, ob sich ein Stück Holz fürs Lagerfeuer eignet oder nicht. Einer meiner Freunde ist Schreiner geworden, weil er Holz gern mochte. Im Wald konnten wir uns austoben und der Wald hat uns dann – wenn wir endlich ruhig und ausgeglichen waren, eingeladen in seine Kronen. Wir sind auf viele Bäume geklettert. Was für eine Perspektive, aus dem erhabenen Schutz einer Krone hinüberzublicken in die lapidare Alltäglichkeit der Siedlung. Ein Hochgefühl! Es gab Momente, die sind mir als heilig in Erinnerung. Nach allem was wir den Bäumen angetan haben, waren sie am Ende immer noch freundlich zu uns. (Falls man sein Verhältnis zu Bäumen auf so trivialen Gefühlsebenen überhaupt verhandeln kann.)

Jetzt fühle ich mich fremd.

Dieser Wald, in dem ich nun sitze und tippe, leidet nicht nur unter der Gewalt einiger gefrusteter Kinder. Dieser Wald leidet unter dem Wirken von Betriebswirtschaftlern. Sie sind offensichtlich blind für die Schönheit und Geschlossenheit. Bestimmt gibt es einen Plan für diese Waldarbeiten, die Holzpreise spielen darin bestimmt eine wichtige Rolle, und auch die Gesundheit des Waldes im Sinne der forstlichen Nutzung. Und doch habe ich das Gefühl, als fehle der Respekt vor der Gemeinschaft der Lebewesen, aus denen sich dieser Wald zusammensetzt. Ich glaube nicht, dass die Waldarbeiter nach ihren Gewaltexzessen noch die Muße haben, sich in eine Krone zu erheben, quasi im Inneren eines anderen Wesens zu sein und diese andere Dimension des Waldes zu erleben und zu bezeugen. Das sind meine traurigen – und zugegeben – auch kindlichen Empfindungen. Ich könnte zwanzig Seiten vollschreiben, so viel geht mir durch den Kopf.

Ich beschränke mich jedoch auf ein Gedicht, um ungefähr wiederzugeben, wie tief der Wald in mir verwurzelt ist.


Gegen den Baum

Wald, Heimat-Palast

Geräumig und hell

zwischen der Bäume Säulen führen

die weiten Flure in immer neue Räume

stundenlang darin herumzustreunen.

Galerien mit inneren Bildern meiner Kindheit

Und sorglosen Schritten

auf dem Teppich

gewebt aus Blättern und Zweigen,

Moos und Myzelien.


Wald, modriger Palast

Undicht dein Dach.

Und jeder Tropfen im Gesicht

Sagt mir, ich gehöre

Lang nicht mehr hierher.

Das Tröpfeln und die dunkle Kühle

machen mich wie früher müde.

In einer Höhle hoch im Baum

eingerollt im eignen Flaum

würd ich gern ruhn´.

Auf Bucheckern und Nüssen

dem Siebenschläfer gleich.

Aber meine Gene haben mich des andern Wegs geführt.


Wald, verlassener Palast

Herabgestiegen von der Bäume Wipfel

brennt nun mein Feuer in der Stadt.

Will frieren nicht mehr ohne Fell.

Und wenn das Wetter heiter ist,

geh ich mich naherholen.

Vom Parkplatz schreite ich den Weg

entlang der abgesägten Stümpfe

und unrentablen Reisighaufen.


Wald, geplünderter Palast

Ein alter Baum, noch unbehelligt

Ragt hoch hinauf, und unter ihm

frischgeschlagen, zugesägt

ein Stapel Nachbarbäume,

zum Abtransport am nächsten Tag.

Ganz dünnhäutig ist er geworden

der Baum.

Die Wurzeln noch verkrampft

vom Sound der Säge.

In seine Rinde eingekerbt,

die Namen der Primaten,

die weit versprengt und aufrecht steh´n

auf Echtholz-Laminaten.

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Gerhard Richter

Gerhard Richter

Seit 2006 arbeitet Gerhard Richter als freier Journalist. Dutzende Reportagen und Features für Deutschlandfunk Kultur, WDR, BR und SWR.

Daneben liebt Gerhard Richter Interviews an der Schreibmaschine (Galerie der verlorenen Heimat) oder das von ihm entwickelte Field Writing. Derzeit Fellow der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Robert-Bosch-Stiftung mit einem Projekt zu Bodentierchen.


Field Writing

Es ist ein Mythos, dass wir ein Teil der Natur sind. Dann könnten wir doch gut miteinander. Aber die Natur spricht nicht mehr mit uns. Oder doch? Gerhard Richter wagt einen letzten Versuch.

Der Journalist Gerhard Richter beschäftigt sich immer wieder mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Welche Rolle spielen wir dabei?

Seit 2018 setzt sich Gerhard Richter regelmäßig mit seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine in markante Teile der Landschaft und schreibt Texte. Darin schilderte er die Umgebung und seine Reflexionen dazu. Als Journalist verlässt er damit die herkömmlichen Recherchewege. Sein Gesprächspartner ist die Natur selber. Diese Art des Schreibens nennt er Field Writing.

Die so entstandenen "Feldreporte" veröffentlicht Gerhard Richter auf dieser Koralle.

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