Female Bullfighter Sandra Moscoso

Eine Meinung von Björn Göttlicher

Der Stierkampf, sowie Feste, bei denen der Stier eine Rolle spielt, sind wieder ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur. Dabei hat Spanien die „Corrida de Toro“, den Stierkampf, im Jahr 2013 offiziell zum nationalen Kulturgut erklärt.

In Torico de la Cuerda, einem kleinen Ort in der Region Valencia, verstarb bei einem Volksfest dieser Tage ein 59-jähriger Mann, nachdem ihm ein Stier ein Horn in den Brustkorb gerammt hatte. Konsequenz: Eine Schweigeminute. Dann ging die Fiesta weiter.

Im 90 Jahre alten Jugendstilbau Coliseu Balear auf Mallorca, der in der Vergangenheit neunmal die Fernsehsendung „Wetten, dass…?“ zu Gast hatte, fanden sich am zweiten August-Wochenende etwa 9000 Anhänger der Stierkampf-Tradition ein. Sie hatten Eintrittspreise von bis zu 130 Euro bezahlt, um Star-Matadoren bei der Arbeit zuzusehen. Dabei ließen sie sich weder von 400 Demonstranten stören, die vor der Arena zum Zeichen ihres Missfallens auf Töpfe schlugen, noch konnte ein Flitzer die Stimmung merklich beeinträchtigen, ein Mann, der nackt mit dem Schriftzug „Corridas never again“ (Nie wieder Stierkampf) auf der Brust durch die Arena rannte.

Stierkampf in der Arena, Barcelona
Stierkampf in der Arena, Barcelona

Das Besondere an der Veranstaltung auf Mallorca war, dass die Regionalregierung dort im Jahr 2017 ein Gesetz verabschiedet hatte, welches das Verletzen und Töten des Stieres in der Arena explizit untersagt hatte. Doch damit war die linke Bealeren-Regierung nicht durchgekommen. Schon die bis 2015 unter der Partido Popular geführte Regierung Spaniens von Ministerpräsident Mariano Rajoy war dagegen Sturm gelaufen und vor das Verfassungsgericht gezogen. Dieses hatte Ende 2018 das Balearengesetz für ungültig erklärt, mit der Begründung, dass der Stierkampf spanisches nationales Kulturgut sei und der Tod am Ende desselben eben leider dazu gehöre.

Pech für den Stier. Pech für die Mallorquiner, die auf dieses blutige Spektakel gerne verzichtet hätten. In Spanien entscheidet trotz weitreichender Unabhängigkeit einzelner Region der Zentralstaat. Regionale Gesetze werden vom Verfassungsgericht in Madrid immer dann ausgehebelt, wenn die Einigkeit des Landes in Gefahr ist. Die Katalanen, bei denen der Stierkampf im Jahr 2016 wieder zwangseingeführt wurde, können ein Lied davon singen.

Dass einige Beschlüsse von 2017 auf Mallorca weiterhin Bestand haben, mag ein Trost sein: Minderjährige dürfen nicht in die Arena, wo ein Alkoholverbot für Nüchternheit sorgt. Sogar die Stiere müssen auf Doping- und Beruhigungsmittel getestet werden. Doch ihrem Schicksal können sie nicht entkommen. Das Publikum, zu dem auch Politiker und bekannte Persönlichkeiten gehören, sieht dem Matador gerne beim Tänzeln im Auftakt zum Todesstoß zu.

Die Debatte um den Stier ist auch ein Kampf um die Deutungshoheit und Ausdruck mangelnder Kommunikation im Lande Spanien. Zumindest in Katalonien wird dieses Ringen mit subtilen Mitteln ausgetragen. Eine der beiden Arenen Barcelonas ist mittlerweile in ein Einkaufszentrum umfunktioniert worden, was die Anzahl möglicher Stierkämpfe logistisch verringert. Touristen können dort höchstens Stierköpfe auf Sangriaflaschen kaufen, als Souvenir.

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Stierkampf-Gegner beschmieren den Eingang der Arena in Barcelona mit roter Farbe
Stierkampf-Gegner beschmieren den Eingang der Arena in Barcelona mit roter Farbe

Unbestritten ist der Stierkampf im Land ein großes Geschäft. Mehr als Tausend Zuchtbetriebe, im Zentrum und im Süden des Landes gelegen, erwirtschaften etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Bis zu 70.000 Menschen finden in dieser Zuchtindustrie Arbeit. Doch bei der Jugend, die unter der anhaltenden Arbeitslosigkeit im Land zu leiden hat, ist das blutige Spektakel umstritten, . Ideale von Natur- und Tierschutz haben sich in den Köpfen vieler gut ausgebildeter Jugendlicher längst festgesetzt. Anstelle in die Arenen zu gehen und Matadore bei der Ausübung ihrer Kunst zu bewundern, engagieren sich viele in Antistierkampf-Organisationen wie dem Portal Antitaurino, der ARCA (Grupo contra el maltrato de animals) oder der APAN (Associació Protectora d’Animals).

Osborne-Stier in der Landschaft, bemalt mit den Farben Kataloniens
Osborne-Stier in der Landschaft, bemalt mit den Farben Kataloniens
Stier-Spiele bei der Fiesta Los San Hermines in Pamplona
Stier-Spiele bei der Fiesta Los San Hermines in Pamplona

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Die Regierung, egal ob repräsentiert durch die PP (Partido Popular) oder durch die PSOE (Partido Socialista Obrera Española), braucht mächtige Symbole, um die Oberhoheit über das gesamte Land zur Schau stellen zu können. Da kommt der Stier, der noch immer vielerorts als Silhouette in Spaniens Landschaft thront, gerade recht. Dennoch sind laut einer Umfrage des Onlinemagazins El Español rund 56 Prozent der Spanier gegen das mittelalterliche Brauchtum. In Madrid demonstrierten im Vorjahr etwa 80.000 Menschen für ein landesweites Verbot. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Man spricht seit 2007 von einem Zuschauerrückgang um die Hälfte. Das Magazin Der Spiegel sah sich angesichts dessen schon genötigt, zu fragen, wer denn in Zukunft die bis zu 700 Kilo schweren „Victorinos“, die Kampfstiere, züchten soll, wenn diese Entwicklung so weitergeht.

Dennoch war die damalige Regierung vor Gericht gezogen, um das Tötungsverbot aufzuheben. Ebenso hatte sie gegenüber den Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen reagiert, deren zwölf der Rebellion Angeklagten noch immer in einem Gefängnis ihrer im Herbst zu erwartenden möglicherweise drastischen Strafen harren. So leidet der Stierkampf in Spanien wie viele andere Dinge unter dem Problem der Politisierung. Damit ist er nicht alleine. Das Schulsystem leidet darunter, das Gesundheitssystem, die Medien, die sprachliche Vielfalt, der Sport, kaum ein Bereich der spanischen Gesellschaft ist von der Politisierung ausgenommen. Was genau bedeutet das?

Der Stierkampf wird politisiert. Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass der Stierkampf zerrieben wird zwischen den beiden ewigen Gegenspielern Spanien und Katalonien. Wenn der Stier ein spanisches Nationalsymbol ist, dann ist er das in Katalonien noch lange nicht. Im Gegenteil. Und wenn die Katalanen per Gesetz auf den Stierkampf verzichten wollen, dann bekommen sie eben per Verfassungsgericht die doppelte Ration – ob es den Menschen dort gefällt oder nicht. Dabei ist die „Fiesta“, und damit gemeint sind auch die Feste, in der der Stier traditionell eine Rolle spielt, eine Frage von persönlicher Erfahrung, Emotion und Identität.

Was es bedeutet mit Stieren zu laufen, erleben jedes Jahr Tausende um acht Uhr morgens vom 6. bis zum 14. Juli im nordspanischen Pamplona, wenn die bekannteste Fiesta des Landes, Los San Fermines, begonnen hat. „Solch einen Adrenalinstoß wie inmitten der Menschenmenge in dem Augenblick, wenn ein halbes Dutzend Kampfstiere auf dich zugerannt kommt, hatte ich noch nie, “ erzählt der Autor und Journalist Guido Walter. Bekannt wurde die Fiesta durch den Schriftsteller Ernest Hemmingway, der selber ein glühender Anhänger der Tauromaquia, wie die Kunst des Stierkampfes genannt wird, war. Im Windschatten von Pamplonas Fiesta sind weitere Feste bekannt geworden, die über das Jahr verteilt jährlich gefeiert werden, manche grausamer als andere.

Stierkampf auf einer privaten Finca in Jerez de la Frontera, Andalusien
Stierkampf auf einer privaten Finca in Jerez de la Frontera, Andalusien

Die bekanntesten Stier-Feste sind die Toros de San Juan in Soria, Los San Juanes in Coria bei Caceres, El Toro del Mar in der Provinz Valencia oder El Toro Embolado in Medinaceli. Das polemischste Fest, der Toro de la Vega, eine Stierhatz am Fluß Duero, in der der Stier der Tradition gemäß mit Speeren zu Tode gestochen wurde, sollte er es nicht schaffen, eine bestimmte Grenze zu überschreiten, wurde im Jahr 2016 nach heftigen Protesten von Tierschützern wegen Tierquälerei verboten.

Die Polemik zwischen Anhängern und Gegnern dieses Ereignisses war derart aufgeladen, dass anreisende Tierschützer schon im Vorfeld von der Polizei aus Bussen gezerrt wurden, damit sie das Fest nicht stören. Fast wie Emigranten auf der illegalen Einreise in die USA. Die Regionalregierung von Kastilien und León erließ schließlich ein Dekret, nach dem alle Volksfeste verboten würden, bei denen die Tiere getötet werden. Feste, bei denen Rinder misshandelt, geschlagen und verletzt werden, mussten danach ihre Regeln ändern, um die „Kultur an die Sensibilität des 21. Jahrhunderts“ anzupassen, so die offizielle Verlautbarung.

Stierkämpferin beim Training auf einer privaten Finca, Andalusien
Stierkämpferin beim Training auf einer privaten Finca, Andalusien

Der postwendende Protest des sozialistischen Bürgermeisters von Toredesillas, José Antonio González Poncela, wonach einer Tradition, die seit dem Jahre 1534 Bestand habe, das Genick gebrochen werde, verlief im Sande. Ein weiteres Fest, das wegen Tierquälerei ins Gespräch gekommen ist, ist der Toro Embolado, auch Toro de Fuego oder Toro Jubilo genannt. Bei dieser Tradition wird ein Stier an einem Seil in eine Arena gezogen, bis ihn mehrere Männer an einem Holzpflock zu fassen kriegen. Mit durch Überzahl hergestellter Manneskraft wird der Stier solange festgehalten, bis man ihn mit feuchter Erde eingerieben und auf seinen Hörnern Kugeln befestigt hat, die daraufhin in Brand gesetzt werden.

Bei diesem nächtlichen Spektakel ist es das Ziel, sich vom freigelassenen Stier mit den brennenden Hörnern nicht erwischen zu lassen. Dass das Tier dabei schreckliche Qualen erleidet, kam im Juli dieses Jahres deutlich zum Ausdruck, als ein Stier durch Feuer das Leben verlor. Vertreter der Tierschutzvereinigung „Bull Defenders United“ posteten ein Video der dramatischen Szene auf Facebook und bezeichneten den Akt des Festes schlicht als barbarisch.

Stier-Verkleidung auf einer Fiesta in Bilbao
Stier-Verkleidung auf einer Fiesta in Bilbao

Wie der Kulturwissenschaftler Karl Braun in seinem Buch “Toro! Spanien und der Stier“ beschreibt, gehen die Ursprünge dieser lokalen Fiestas womöglich weit über das Mittelalter hinaus. Braun findet die Bedeutung des Stieres als Symbol gar in vorchristlichen Glaubenstraditionen überliefert und sieht sie damit als Ausdruck der ältesten Initiierungs-, Männlichkeits- und Fruchtbarkeitsrituale, die es auf dem europäischen Kontinent gibt. All diesen Festen zu eigen ist die Präsenz der jungfräulichen Mutter Gottes, deren Figur gerne in ausschweifenden Prozessionen durch den Ort getragen wird, wobei jeder Ort seine spezifische „Virgen“, habe. Darin erkennt der Autor den verzweifelten Versuch der katholischen Kirche, diese barbarischen Festivitäten zu verbieten oder zumindest unter die Schirmherrschaft des Katholizismus zu stellen. Nach Auskunft von Alberto de Jesús Rodríguez, Herausgeber der Fiesta-Zeitschrift Bous al Carrer, gibt es in Spanien Tausende kleiner Fiestas, die weitgehend unbekannt sind. Sie dienten den Menschen seit ewigen Zeiten als Möglichkeit die eigenen Kräfte und die Geschicklichkeit an einem wilden Tier zu messen.

Fotoworkshop Costa Brava
Fotoworkshop Costa Brava
Wilde Stiere, toros bravos, auf einer Weide in Andalusien.
Wilde Stiere, toros bravos, auf einer Weide in Andalusien.
Praehistorische Skulptur eines Stieres, Toro, Kastilien, Spanien
Praehistorische Skulptur eines Stieres, Toro, Kastilien, Spanien

Und den Leuten kann man ihre Feste offensichtlich nicht so ohne weiteres wegnehmen. Das musste die Kirche eingestehen, die ja sonst in Spanien dazu neigt, den Menschen gerne viel zu verbieten, vor allem jede Form von Kritik. Die Fiestas sind Teil des kulturellen Lebens vieler Menschen, für manche sind sie gar das kulturelle Leben. Die Fotografin Christina Garcia Rodero hat sich mit ihrem Projekt „Fiesta“ sogar einen Platz in der renommierten Fotografenagentur Magnum erobern können.

Das Erleben der Menschen ist hochgradig aufgeladen mit Emotionen und diese tragen ihren Teil dazu bei, Identität zu stiften. Wer das nicht erlebt hat, kann es nur schlecht beschreiben. Darin liegt eine Parallele zur Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen, die in ihrem Streben nach Demokratie und Freiheit nicht minder emotional aufgeladen ist. Mit dem simplen, aber in seiner Konsequenz tragischen Unterschied, dass der spanische Staat bis heute glaubt, er könne den Menschen ihre Gefühle wegnehmen und verbieten. Die Kirche war da offensichtlich schlauer, aber das ist jetzt meine eigene Meinung.

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Dipl. Des. Björn Göttlicher

Dipl. Des. Björn Göttlicher

In Björn Göttlicher paart sich die Gelassenheit des Spaniers mit der Zuverlässigkeit des Deutschen und der Trinkfestigkeit des Finnen. Als cooler Papa und passionierter Mützenträger ist der Autor zahlreicher Bücher im Umgang mit seinen Makeln genauso humorvoll wie beim Vermitteln von fotografischem Wissen. Er beschäftigt sich viel mit den ästhetischen und philosophischen Fragen des Mediums Fotografie und erkundet in seinen Kurzfilmen filmisches Storytelling. Darüber hinaus ist er Gründer des Projektes über die Ethik im Fotojournalismus „A doubting photographer“.

Björn Göttlicher hält regelmäßig Foto-Workshops in Spanien. Aktuelle Angebote finden Sie hier, auch wenn wegen Corona eine Workshop-Pause eingetreten ist. Die ist bald vorbei!


Berichte aus Spanien

Die Proteste der Katalanen für eine Unabhängigkeit von Spanien haben die europäische Öffentlichkeit überrascht. Nur scheinbar hat sich die Lage wieder beruhigt. In Spanien brodelt es, das Land ist im Umbruch. Um die Veränderungen und die Menschen dahinter geht es in diesem journalistischen Projekt. Geboten werden Geschichten aus Spanien, die einen Blick hinter die Kulissen der Tagesaktualität erlauben und die größeren Zusammenhänge offenlegen – von mir als Kenner des Landes (sehen Sie diese interaktive Landkarte), der sich zugleich einen distanzierten Blick bewahrt hat. Björn Göttlicher

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