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Was die Werksiedlung Piesteritz so besonders macht

Der RadelndeReporter im Gespräch mit Piesteritz-Expertem Rolf Kißling

von
24.09.2019
3 Minuten
Martin C Roos neben Rolf Kißling.

Recherche per Rad – 2451 Kilometer durch alle Bundesländer.

Wittenberg Deutschlandfahrt Kilometer 1.916 von 2.451

Sachsen-Anhalt ist stolz auf seine Kulturgüter. Dessau kennt man wegen Bauhaus, vielleicht auch wegen des „Gartenreichs“; Wittenberg steht im Zeichen von Luther. Und?

War da nicht noch etwas im östlichen Zipfel des Bundeslandes?

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, sozusagen im Schatten des Bauhaus-Jubiläums ist 2019 ein kleines architektonisches Wunder hundert Jahre alt geworden: Die Werksiedlung Piesteritz. Sie gilt nebenbei als eine der größten autofreien Siedlungen in Deutschland. Zudem jährt sich die Vollendung der Werksiedlung 2019 zum hundertsten Mal.

Martin C Roos neben Rolf Kißling.
Kam aus dem Norden extra zum Interview nach Piesteritz/Wittenberg (Sachsen-Anhalt): Rolf Kißling, 79 Jahre und in Piesteritz aufgewachsen.
Straßenzug von Piesteritz
Sie stand bereits zum Ende der DDR-Ära unter Denkmalschutz, aber im Äußeren originalgetreu wiederhergestellt wurde die Werksiedlung Piesteritz erst lange nach der Wende.

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Straßenzug von Piesteritz.
Piesteritz-Werksiedlung: im Jahr 2019 hundert Jahre alt geworden und nebenbei der älteste autofreie Siedlungskern Deutschlands. Nach den Worten von Rolf Kißling eine architektonisch schützenswerte, „vorbildliche Garten-Werksiedlung“. Obwohl Piesteritz zwischen Industriegebiet und Großstadtkern liegt, stören keine Maschinen die Ruhe. Vögel zwitschern um die Wette, Passanten kündigen sich durch Schrittgeräusche an, bevor sie um eine Hausecke biegen.

Die Werksiedlung von Piesteritz, Sachsen-Anhalt

  • Wann: erbaut 1916 bis 1919; im Jahr 2000 weitgehend originalgetreu saniert.
  • Wo: Westlicher Stadtteil von Wittenberg, unweit der Elbe, wo Deutschlands beliebtester Flussradweg verläuft.
  • Wer: Rolf Kißling (78 Jahre), Fotograf und Dozent, wuchs in Piesteritz auf und dokumentierte die Siedlung erstmals 1983 ausführlich. Der Bau ab 1916 stand unter der Ägide von Georg Haberland (Stadtplaner) sowie Otto Rudolf Salvisberg & Paul Schmitthenner (Architekten).
  • Warum: Die Siedlung ist architektonisch und von der Gesamtanlage einzigartig (siehe „Wie“). Warum entstand sie? Im Zuge des Ersten Weltkriegs war Deutschland von den Düngerimporten aus Chile abgeschnitten; das „Reichsstickstoffwerk“ im Westen Wittenbergs sollte Abhilfe schaffen. Zur Unterbringung der angeworbenen Arbeiter und deren Familien wurde die Werksiedlung Piesteritz geschaffen.
  • Wie: Laut Webportal der „Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar gGmbH“ (s.u.) zielte die Siedlung auf „ein ausgeglichenes Verhältnis von Wohnen, Erholung und Arbeiten“ ab; Zitat aus www.grandtourdermoderne.de/orte/ortedetails/41:

So entstand eine eigenständige Stadt, die wirken sollte, als sei sie organisch gewachsen. Im Sinn der Reformarchitektur setzte der Entwurf auf traditionelle Materialien und einen einfachen Baustil, der sich vom Historismus bewusst abwandte und dennoch Tendenzen zum Monumentalen aufwies; stets der Überzeugung folgend, dass die gestalterischen Mittel Einfluss auf Mensch und Gesellschaft nehmen würden. Die Siedlung ist eine Reihenhausanlage, doch jede Straße wirkt anders, etwa durch immer neu variierte Haustüren und Fensterläden. Großes Gewicht liegt auf dem Miteinander der Bewohner: Neben den Wohnhäusern wurden gemeinschaftlich genutzte Plätze, Grünflächen und öffentliche Gebäude errichtet, etwa eine Schule, ein Ärztehaus, ein Kaufhaus und ein Marktplatz.

Weiterführende Infos (Links zu externen Web-Anbietern)

Der Aufenthalt des RadelndenReporters in Sachsen-Anhalt wurde in Form einer Übernachtung unterstützt von der IMG-Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH, Magdeburg. Diese Unterstützung beeinflusste in keiner Weise Recherche-​​Schwerpunkte, -​Inhalte oder -​Aussagen. Für die Herstellung des Kontakts zu Rolf Kißling bedankt sich der RadelndeReporter bei Cindy Luszczyk, Mitarbeiterin der Tourist-Information Wittenberg.

Recherche-Schema des Autors Martin C Roos für Deutschland 2019: bis Mai erfolgen die Vorrecherchen, im Juni fährt Roos mit dem Rennrad über 2300 Kilometer durch alle 16 Bundesländer, danach erfolgen Auswertung, Analysen und Schreiben.
Im Juni 2019 fuhr der RadelndeReporter 2.451 Kilometer auf einer Route durch Deutschland, die alle Bundesländer einbezog. Er brachte Material für viele Monate der Auswertung mit nach Hause auf dem Rennrad. Näheres zur Konzeption seiner Deutschlandfahrt siehe https://www.riffreporter.de/deutschland/recherche-komplexe-gesellschaft/
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Martin C Roos

Martin C Roos

Ich texte und fotografiere seit 1996 freiberuflich für Internetmedien, Magazine und Zeitungen. Themen schöpfe ich aus den LifeSciences, aus der Geographie und mitten aus unserem Land, dem ich seit 2018 als RadelnderReporter auf den Zahn fühle.


RadelnderReporter

Rasch reagieren, spontan auf's Rad steigen, vor Ort recherchieren – mit unverstellter Neugierde, aus eigener Muskelkraft: So beackere ich die kleinen Themen, aus denen sich bisweilen große Fragen formen. Wie geht’s Deutschland? Unter diesem Motto startete der RadelndeReporter. Er ist mein Signum und meine Hommage an Egon Erwin Kisch. Meinen Reportage-Einstand gab ich nach der Fahrt durch alle 16 Bundesländer. Zu meinen neuen Schwerpunkten gehören Ernährung und Landwirtschaft (Einstieg zum Beispiel hier). Über das Erscheinen von Texten, Bildern und Clips informiert der kostenlose Newsletter. Infos zum aktuellen Deutschlandbuch stehen hier.

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Martin C Roos

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Lektorat: Andrea Reidl
Redaktion: Martin C Roos
Fotografie: Martin C Roos