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Stadt, Stress, Strategien

Städteplanerische Lösungen für das psychische Wohlbefinden

18.02.2021
5 Minuten
Agnes age simulation suit made by MIT Agelab.

Auf engem Raum zusammenleben und trotzdem einsam bleiben: das erzeugt starken Stress. Wie wirken Stadtplaner*innen dem entgegen?

Ein Artikel von Meron Geberetsadik aus einem studentischen Projekt der Hochschule der Medien über livable cities und Ideen, die uns dort hinführen könnten.

Deutsche Städte werden immer größer: Die Bundeshauptstadt Berlin wird im Jahr 2035 voraussichtlich zu einer Vier-Millionen-Stadt. Dann leben wahrscheinlich 14,5 Prozent mehr Menschen in der Stadt als derzeit. Auch Frankfurt und München sollen laut IW-Bevölkerungsprognose 2035 um jeweils 11,0 und 14,4 Prozent wachsen. Das Wachstum deutscher Großstädte macht also keinen Halt – die Tendenz ist steigend.

Immer mehr Menschen, immer dichter zusammen – und trotzdem fühlen sich viele in der Stadt einsam. Dieses Phänomen, welches sich zunächst widersprüchlich anhört, wird als sozialer Stress bezeichnet. Der Mediziner und Buchautor Mazda Adli erklärt in seinem Buch Stress and the City“, dass sozialer Stress dann entsteht, wenn Menschen gleichzeitig an einer hohen sozialen Dichte und einer hohen Isolation leiden. Dieser Stress beeinträchtigt uns stärker als beispielsweise Lärm oder eine schmutzige Stadt. Außerdem kann er unserer Gesundheit extrem schaden. Einige Menschen sind dafür anfälliger als andere. Zu den Risikogruppen gehören betagte Menschen, die nicht mehr mobil sind, und Personen mit Migrationshintergrund, die sich auf Deutsch nur schlecht verständigen können. Sie leben häufiger isoliert als andere.

Mit dem Wandel der Zeit und den immer größer werdenden Metropolen stehen wir so vor einer neuen Herausforderung: Städte müssen zu einem lebenswerten Ort für die Bewohner*innen verwandelt werden. Hierbei helfen städteplanerische Lösungen. Doch wie soll die Stadt umgestaltet werden?

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Hilfe aus der Wissenschaft

Mazda Adli stellte im Ärzteblatt eine neue Lösungsmöglichkeit vor: Um die Stadt zu verändern, brauchen Stadtplaner*innen Hilfe von der Wissenschaft. Besser gesagt: Einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, genauer, dem Neurourbanismus. Forscher*innen müssen zunächst klären, welcher Aspekt des Stadtlebens Stress verursacht und somit unserer Gesundheit schadet. So entstand eine Zusammenarbeit zwischen Stadtplaner*innen, Architekt*innen, Psychiater*innen, Neurowissenschaftler*innen sowie der Gesundheits- und Sozialpolitik. Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Kooperation können an Stadtplaner*innen weitergereicht werden, damit diese bei der Gestaltung der Stadt darauf achten, das psychische Wohlbefinden der Einwohner*innen miteinzubeziehen. (Über die Stressresistenz von Stadtbewohner*innen sprechen wir in dieser Artikelreihe demnächst mit der Psychologin Ruth Kohlbacher.)

Der Architekt Jürgen Mayer H. stellt im Ärzteblatt fest:

„Eine stimulierende Stadt, die für die Psyche gut ist, bietet eine Balance zwischen Monotonie und Überreizung, Bequemlichkeit und Komfort, Dichte und Naturerleben sowie zwischen lokaler Identität und Interkulturalität.“

Auch Adli misst diesem Gleichgewicht große Bedeutung zu. Auf der einen Seite brauchen Menschen Grünflächen und Kultureinrichtungen, also öffentliche Räume, an denen sie sich treffen uns austauschen können. Auf der anderen Seite brauchen sie auch ihre Privatsphäre. Sozialer Dichte kann hier entgegengewirkt werden, indem beim Wohnungsbau darauf geachtet wird, dass kein Lärm der Umgebung in der eigenen Wohnung wahrgenommen wird. So kann sich der Einzelne der Stadt entziehen.

Das Moriyama House in Tokio

Ein Beispiel für dieses Gleichgewicht ist in Japan zu besichtigen. Das Moriyama House in Tokio könnte das neue urbane Wohnmodell des 21. Jahrhunderts sein. Es bietet viele Begegnungs- und Rückzugsmöglichkeiten, Grünflächen und shared spaces. Der Architekt Ryue Nishizawa baute 2005 seine eigene kleine Miniatur-Stadt, welche den Bewohnern so einiges an Vielfalt bietet. Auf dem Grundstück des Moriyama House gibt es mehr als zehn Baukörper, die jeweils unterschiedliche Anforderungen erfüllen. Diese Baukörper sind unabhängig voneinander und über das Gelände verstreut, so dass eine Reihe miteinander verbundener individueller Gärten entsteht, die zur Umgebung hin offen sind. Einige der Häuser sind derzeit vermietet und bilden eine kleine Gemeinschaft von Wohnhäusern. Die Häuser sind zu ihrer Umgebung hin geöffnet und verleiten zu einem Gefühl von Offenheit und Leichtigkeit. Die einzelnen Baukörper bestehen aus gemeinschaftlich und privat genutzten Bereichen. Jeder Bewohner hat zwar seinen eigenen Wohnbereich, der Wohnkomplex bietet allerdings viele Möglichkeiten des Miteinanders. Die Raumnutzung kann je nach Situation festgelegt werden, sodass Räume je nach Bedarf und Lebensphase umgestaltet werden können.

Sharing Spaces und eine alternde Gesellschaft

Eine weitere Möglichkeit sozialen Stress zu bekämpfen, sieht Adli darin Wohnflächen miteinander zu teilen. In Großstädten werden die Einpersonenhaushalte immer zahlreicher und der Platz für den Einzelnen aufgrund steigender Mietkosten immer knapper. Der einzelne Mensch beansprucht allerdings nicht weniger Platz. Eine neue, hilfreiche Art des Teilens in den Städten hat sich daher etabliert: Space sharing, also Platz oder Ressourcen gemeinsam zu nutzen, anstatt sie zu besitzen. Wer nicht allein aus dem Home Office arbeiten möchte, oder nicht genügend Platz dafür in der eigenen Wohnung hat, mietet sich einen Co-Working Space. Ein anderes Beispiel hierfür wäre auch: Statt alleine im Auto in eine andere Stadt zu fahren, kann man seine Fahrt auf Plattformen wie etwa BlaBlaCar online stellen und gemeinsam fahren.

Außer Acht gelassen werden darf bei der Stadtplanung auch nicht die immer älter werdende Bevölkerung. Die Alterung der Gesellschaft hat Auswirkungen auf die Strukturen und Architekturen der Stadt sowie auf die Mobilität und den Dienstleistungssektor. Auch hier hilft die Wissenschaft weiter. Das MIT AgeLab hat einen Anzug entwickelt, der von Student*innen, Produktentwickler*innen, Designer*innen, Ingenieur*innen, Marketingfachleuten, Planer*innen, Architekt*innen und Verpackungsingenieur*innen getragen wird, um die mit dem Altern verbundenen körperlichen Herausforderungen besser zu verstehen. Der Anzug stellt die Motorik, das Sehvermögen, die Flexibilität, die Geschicklichkeit und die Kraft einer Person mit Mitte 70 dar. Er wurde bereits im Einzelhandel und Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie in der Gemeinde, zu Hause oder am Arbeitsplatz eingesetzt. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse können dann Straßen, Wohnungen und Freizeitmöglichkeiten so gebaut werden, dass sie den Bedürfnissen der älteren Bevölkerung besser entsprechen.

Agnes age simulation suit made by MIT Agelab.
Zwei Tester*innen des MIT AgeLab tragen den Altersanzug beim Einkaufen.

Auch wenn die „perfekte Stadt“ ein sehr subjektives Empfinden des Einzelnen ist, können Stadtplaner*innen mit Hilfe der Wissenschaft Städte so gestalten, dass sich deren Bewohner*innen wohlfühlen. Grünflächen, Begegnungs- und Rückzugsmöglichkeiten, Freizeitangebote, qualitativer Wohnungsbau, Space sharing und angepasste Lebensräume für die älteren Einwohner*innen sind nur einige der Lösungsmöglichkeiten für eine bessere Stadt von morgen. Es zählt die Kombination verschiedenster Maßnahmen, die auf wissenschaftlicher Grundlage von Stadtplaner*innen in die Tat umgesetzt werden.

Dieser Beitrag ist Teil eines studentischen Projekts der Hochschule der Medien Stuttgart zu lebenswerten Städten. In diesem Projekt recherchieren 32 Studierende, wie sich Städte neu gestalten und mit Leben füllen lassen: von den öffentlichen Toiletten über Kino und Konzerte bis zu erholsamen Grünanlagen.

Ein Aufruf zum Mitmachen: Nun möchten wir von Ihnen wissen, was Ihnen besonders an Ihrer Stadt oder Ihrem Ort gefällt. Schicken Sie uns ein Bild von Ihrer Lieblingslandschaft, Ihrem Lieblingspark oder etwas anderem, dass Ihnen in Ihrer Stadt besonders Freude bereitet und Sie entspannen lässt an . Erklären Sie uns kurz, warum dieser Platz von Bedeutung für Sie ist.

Wir haben viele Impressionen erhalten, herzlichen Dank! In unserem Beitrag „Stadt versus Land“ stellen wir die Lieblingsplätze unserer Leserinnen und Leser vor.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: Klima wandeln und die ZukunftsReporter.


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