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Stadt, Stress, Strategien

Verstehen, was uns stresst und wie wir damit umgehen können

05.02.2021
5 Minuten
Blick in den Stuttgarter Kessel, zwischen Waldschneisen und Betonwüste

Zu eng, zu grau, zu voll und doch einsam: Großstädte können stressen und psychisch krank machen. Wie kann man sie neu gestalten – als Einzelner und als Gesellschaft? Das untersuchen Forscher:innen aus mehreren Disziplinen.

Ein Artikel von Pauline Bort und Milena Sager. Ein studentisches Projekt der Hochschule der Medien über liveable cities und Ideen, die uns dort hinführen könnten.

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Kurze Wege zu Arbeit und Schule, Kultur- und Freizeitmöglichkeiten en masse, gesicherte ärztliche Versorgung – diese Vorteile locken weltweit seit Jahrzehnten immer mehr Menschen in Großstädte. Im Jahr 2050 werden sich voraussichtlich zwei Drittel der dann knapp zehn Milliarden Erdenbewohner Städter nennen. Keine neue wissenschaftliche Erkenntnis, aber eine folgenreiche, wie aktuelle Studien zeigen.

Angenommen Sie sind gerade mittleren Alters, in der Blüte Ihrer Berufstätigkeit – wie vermutlich viele der ZukuftsReporter-Leser:innen. In dreißig Jahren werden Sie demnach kurz vor der Rente sein; die Sie – statistisch gesehen – mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei zu eins mit Wohnsitz in einer Großstadt verbringen. Was das für Ihre Gesundheit bedeuten kann, erfahren Sie in diesem Beitrag und drei folgenden, die sich mit Städten als sozialen Stressfaktoren beschäftigen. Denn vor allem ältere Großstadtbewohner leiden etwa besonders an sozialer Isolation in Metropolen.

Schattenseiten des Stadtlebens

So attraktiv das Leben am Puls der Zeit auch ist – beinahe alle kennen auch seine Schattenseiten. Die morgendlich viel zu volle Straßenbahn, fehlende Grünflächen zum Entspannen und der laute Fernseher Ihrer Nachbarn, der Sie am Einschlafen hindert, dessen Besitzer:in Sie aber noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Sozialen Stress nennen Forscher:innen dieses Empfinden. Eigentlich ist Stress nichts schlechtes, sondern unsere Reaktion auf eine herausfordernde Situation. In der Folge mobilisiert unser Körper psychische und physische Ressourcen, damit wir diese erfolgreich bewältigen können – eine normale und wichtige Funktion. Dauert die Stresssituation jedoch lange an, trifft sie uns unvorhergesehen oder wird sie als stark und unkontrollierbar empfunden, kann der Stress unsere Gesundheit negativ beeinflussen.

„Sozialer Stress ist Stress, der aus der Beziehung zwischen Individuum und sozialer Umwelt entsteht“, schreiben die Stressforscher Mazda Adli und Jonas Schöndorf. In der Stadt entsteht dieser vor allem durch soziale Isolation und Vereinsamung, gepaart mit räumlicher Enge. Betroffene können hier keine optische und audiovisuelle Distanz zu anderen Menschen herstellen. Sie hören etwa ständig ein Hintergrundrauschen oder Geräusche der Nachbarn. Haben Städter das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein, also nichts an der Situation ändern zu können, kann ständiger und gleichzeitig wirkender Isolations- und Dichtestress relevante psychische Gesundheitsfolgen auslösen.

Städter sind stressempfindlicher

Bereits heute lebt etwa die Hälfte aller Menschen in Städten und die Forschung beobachtet, dass diese große Bevölkerungsgruppe nachweisbar erhöhte psychische Erkrankungsraten aufweist. Das Risiko für Großstadtbewohner, an einer affektiven Störung wie Depressionen zu erkranken, liegt um etwa 40 Prozent höher. Und um mehr als 20 Prozent wahrscheinlicher entwickeln Städter eine Angststörung oder Schizophrenie als Bewohner ländlicher Gegenden. Sogar das Aufwachsen in der Großstadt kann dieses Risiko erhöhen, wie eine Studie des Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zeigte.

Forscher:innen setzten gesunde Probanden, die in Großstädten, Kleinstädten und auf dem Land leben, einem sozialen Stresstest aus und untersuchten deren Hirnaktivität mithilfe einer Magnetresonanztomografie. Das Ergebnis: Die Aktivität der Amygdala, einer Bedrohungsreize verarbeitenden Hirnregion, nimmt zu, je größer die Stadt ist, in der der Proband gegenwärtig lebt. Zudem korreliert das Volumen weiterer stressverarbeitender Hirnareale mit der Zeit, die Proband:innen in Städten aufgewachsen sind. Die erhöhte Stressempfindlichkeit des Gehirns gepaart mit individuellen Faktoren für psychische Erkrankungen sorgt laut Adli und Schöndorf letztendlich für ein höheres Krankheitsrisiko von Städtern. Der Psychiater Mazda Adli stellte in einem Gespräch mit dem Spiegel fest:

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„Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Land wohnen.“

Konkret kann Umweltverschmutzung ein sozialer Stressfaktor sein. Aber selbst wenn ansprechende natürliche Aufenthaltsflächen einen Ausgleich schaffen könnten, werden sie in Städten oft nicht adäquat genutzt, weil die sozialen Kontakte fehlen. Kaum verwunderlich: Von diesem sozialen Isolationsstress besonders betroffen sind häufig Migranten und ältere Menschen. Auch auffällig: Erlebte Armut in der städtischen Nachbarschaft und die eigene Angst vor gesellschaftlichem Abstieg wirken ebenfalls als Stressfaktoren. Adli und Schöndorf schreiben: „Häufig geht sozialer Stress einher mit der Angst vor Statusverlust und existenzieller Bedrohung.“ Im Interview mit dem Spiegel ruft Adli auf:

„Nur wenn wir verstehen, warum uns das Stadtleben so stressempfindlich macht, können wir Konzepte entwickeln, um Städte menschenfreundlicher zu gestalten.“

Gemeinsam Lösungen finden

Wie sich Stadtstress reduzieren lässt, damit beschäftigt sich das „Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik e.V.”, eine Arbeitsgruppe aus Forscher:innen verschiedenster Disziplinen unter dem Vorsitz von Mazda Adli. Zusammen sammeln diese Erkenntnisse aus Stadtforschung, Neurowissenschaften, Soziologie und Philosophie. Das Forschernetzwerk verfolgt damit das Ziel, den Einfluss des Lebensraums Stadt auf Emotionen, Verhalten und psychische Gesundheit besser zu verstehen sowie zu messen und damit Erkenntnisse zu erlangen, wie lebenswerte Städte gestaltet werden sollten.

In ihrer 2019 veröffentlichten „Charta der Neurourbanistik” zeigten die Forscher:innen Lösungsansätze auf. So soll unkontrollierbar empfundene Dichte zum Beispiel durch städtebauliche Maßnahmen sowie beim Wohnungsbau entgegengewirkt werden. Gegen soziale Isolation empfehlen die Expert*innen zum einen, stadtplanerische Voraussetzungen zu schaffen, die zum Verweilen im öffentlichen Raum einladen – wie etwa Parks, Sport- oder Kultureinrichtungen. Zum anderen sollten aber auch urbane Kompetenzen vermittelt werden, die der Einsamkeit entgegenwirken – zum Beispiel die Kenntnis über Angebote im öffentlichen Raum und deren gezielte Nutzung. Das Erlernen von Techniken zum besseren Umgang mit Stresssituationen gehört ebenfalls dazu. Überhaupt sollten Büger:innen eingebunden werden, um geeignete Maßnahmen für ein kultur- und altersübergreifende Miteinander zu finden.


Wie diese Empfehlungen konkret in die Praxis umgesetzt werden können, zeigen wir in drei Beiträgen, die in den kommenden Wochen erscheinen. Dabei sprechen wir mit einer Psychologin darüber, wie wir Stress entgegenwirken können. Wir zeigen an städteplanerischen Maßnahmen, wie eine Stadt der Zukunft aussehen könnte. Und wir beschäftigen uns damit, wie unterschiedlich sich das Leben in der Stadt oder auf dem Land auf unser Wohlbefinden auswirken kann.

Die Serie ist Teil eines studentischen Projekts der Hochschule der Medien Stuttgart. In diesem Projekt recherchieren 32 Studierende, wie sich Städte neu gestalten und mit Leben füllen lassen: von den öffentlichen Toiletten über Kino und Konzerte bis zu erholsamen Grünanlagen.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: Klima wandeln und die ZukunftsReporter.


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