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Ein Zukunftsroman, der Hoffnung macht

Rezension von Kim Stanley Robinsons „Ministerium für die Zukunft“

11.10.2021
3 Minuten
Eine Illustration der Erde, in der die Kontinente durch Pflanzen dargestellt werden

Klimakrise und Artensterben sind in der Literatur oft genug der Hintergrund von Dystopien. Aber hier ist ein Zukunftsroman, der Hoffnung macht – Kim Stanley Robinson greift die enormen Probleme realistisch auf und entwickelt dennoch ein konkretes Szenario hin zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Planeten. Dabei schreibt er spannend, lebendig und niemals unterkomplex. Eine Rezension der Gastautorin Antonia Rötger

Klimakatastrophe und Artensterben schreiten voran, die Menschheit ist nicht in der Lage, sich auf wirkungsvolle Maßnahmen zu einigen, und noch viel weniger, diese auch durchzusetzen. Stattdessen haben die Vereinten Nationen im Jahr 2024 eine weitere Behörde gegründet, das Ministerium für die Zukunft. Das Klimaabkommen von Paris erlaubt tatsächlich eine solche Gründung. Die Aufgabe der Behörde: die Interessen von künftigen Generationen zu vertreten. Es gibt ein Budget, motivierte Expert*innen, aber keine Sanktionsmöglichkeiten. Diese Behörde leitet die irische Juristin Mary Murphy, eine politikerfahrene Frau Mitte vierzig, die auf Diplomatie und geduldige Verhandlungen setzt.

Schwer vorzustellen, dass diese gut gemeinte Behörde etwas erreichen kann. Und tatsächlich, in den kommenden Jahren nimmt die Katastrophe Fahrt auf, in Nordindien sterben in wenigen Tagen Millionen Menschen qualvoll unter einer Hitzeglocke. Indien setzt daraufhin Geoengineering ein, verteilt Schwefeldioxidpartikel in der Atmosphäre, um eine erneute Hitzewelle zu verhindern und bricht damit ein internationales Abkommen, nach dem solche Maßnahmen abzustimmen wären. Das wäre in den meisten Romanen der Auftakt zu einer Dystopie, die völlig aus dem Ruder läuft. Aber Kim Stanley Robinson schafft es, eine Wende zu einer besseren Entwicklung zu beschreiben.

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Traumatisierter Held trifft auf überzeugte Demokratin

Das Buch ist gut 800 Seiten dick, und mutet den Leser*innen an manchen Stellen viel zu, es geht um Kapitalismus, Menschenrechte, Ungleichheit, Migration, Geoengineering und Landreformen. Robinson verpackt die komplizierten Zusammenhänge geschickt in kurze Protokolle der Debatten unter den Fachleuten des Ministeriums. Dann folgen wieder lebendige Szenen mit klassischem Spannungsbogen, die sich wie von selber lesen, oder Schnipsel aus dem raunenden Gedankenstrom der Erde.

In ihrer eigenen Wohnung wird Mary Murphy überfallen – der Täter ist Frank May, ein psychisch gestörter Mann. Als junger Entwicklungshelfer hat er die Hitzeglocke in einer nordindischen Stadt als einziger überlebt und will verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Er versucht, sich einer Terrororganisation anzuschließen, die Anschläge auf die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel ausübt – aber die wollen den Ausländer nicht. Nun handelt Frank auf eigene Faust. „Ihr tut nicht genug“, wirft er Mary vor.

Mary kommt mit einem Schrecken davon, denn Frank flieht bald wieder aus ihrer Wohnung. Doch der Vorwurf hat sie tief getroffen, plötzlich duldet sie doch einen „Schwarzen Flügel“ im Ministerium, eine geheime Abteilung, die Sabotageakte fördert, ohne dass sie Genaueres darüber weiß. Gleichzeitig wird sie deutlich kreativer, konzipiert mit ihren Leuten Rechte für künftige Generationen, und setzt schließlich mit einem dramatischen Auftritt vor den Entscheidungsträgern der wichtigsten Notenbanken eine neue Währung durch: die Carboncoins oder Carbonis. Man schöpft diese neue Währung durch aktive Klimaschutz-Investitionen wie Aufforstung, Agroforstwirtschaft oder Algenfarmen. Während die Zentralbanken garantieren, Carbonis jederzeit zu einem fest vereinbarten Mindestkurs in andere Währungen zu tauschen, sind auf den Devisenmärkten sogar Wertsteigerungen möglich. Das macht Klimaschutz plötzlich attraktiv für Investoren, die ihre Aktivitäten entsprechend umlenken.

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Porträt des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Kim Stanley Robinson
Der US-amerikanische Autor Kim Stanley Robinson schreibt seit den 80er-Jahren Science Fiction. Vor einigen Jahren widmete er sich schon mit dem Roman „New York 2140“ den Folgen der Klimakrise.

Neuer Lebensstil der Genügsamkeit

Gleichzeitig entstehen überall auf der Welt Graswurzelbewegungen, um alte Traditionen mit neuen Technologien zu verbinden. Indien wird zu einem Musterland für nachhaltige Landwirtschaft. Eine neue Kultur der Genügsamkeit bildet sich. Auch in wohlhabenden Ländern wie der Schweiz gibt es immer mehr Menschen, die mit den 2000 Watt auskommen, die jedem Erdenbürger statistisch zustehen.

Nach vielen Jahren zeichnet sich ab, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre nicht mehr steigt, Mary geht in den Ruhestand. In einem Luftschiff kehrt sie von ihrer letzten Dienstreise zurück nach Europa. Von oben beobachtet sie wilde Tiere, denen nun mindestens die Hälfte der Erde gehört, und für einen Moment ist ihre einzige Sorge, wie sie den Piloten des Luftschiffs wohl zum Freund gewinnen kann. Das gönnt man ihr von Herzen.

Kim Stanley Robinson hat eine facettenreiche Utopie geschrieben. Terror und illegale Aktionen haben dabei eher psychologische Wirkungen, sie erhöhen die Kosten für die Sicherheit der Eliten. Die entscheidenden Veränderungen kommen auf andere Weise, durch den großen Hebel der Carboncoins, die Entwertung der fossilen Ressourcen, und dadurch, dass Menschen Möglichkeiten entwickeln, mit viel weniger auszukommen und gerechter zu teilen. Es gibt nicht den einen Hebel, der alles in Bewegung setzt – sondern wir müssen wirklich alle Register ziehen.

Das Ministerium für die Zukunft, von Kim Stanley Robinson, übersetzt von Paul Bär, Heyne Verlag, Erscheinungstermin 11. Oktober 2021

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: Klima wandeln und die ZukunftsReporter.


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