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Zwischen Beton und Begegnung

Öffentliche Plätze in der Pandemie

von
01.03.2021
6 Minuten
Auf dem Bild ist der Bismarckplatz in Stuttgart zu erkennen. Dieser wurde mit Bänken, Grünflächen und Freizeitgeräten ergänzt, um ein Zukunftsszenario darzustellen.

Schönheit ist subjektiv. Wie kann man also attraktive Orte der Begegnung schaffen, wenn während einer Pandemie geschlossene Räume zur Gefahr werden?

Beitrag von Louisa Huttenlocher, Paulina Jarosinska, Natalie Krauter, Maura Münter und Valerie Schramm. Ein studentisches Projekt der Hochschule der Medien über Liveable Cities und Ideen, die uns dort hinführen könnten.

Der Mangel an öffentlichen Plätzen in Stuttgart, die zum Verweilen einladen, ist schon lange bekannt. Doch dann kam die Corona-Pandemie und plötzlich sind Spaziergänge und Parkbank-Gespräche nicht mehr nur der Generation über 60 vorbehalten. Jetzt tummeln sich Tinder-Dates neben übernächtigten Eltern, die in ihrer Home-Office-Mittagspause nun auch noch die Kinder einmal um den Block jagen. Doch was braucht es, um sich auf Straßen und öffentlichen Plätzen wohlzufühlen? Müssen diese besonders grün, praktisch oder schön sein?

Was ist schön?

Zuallererst: Ob ein Ort schön oder eben nicht schön ist, kann meist nur subjektiv beurteilt werden. Dennoch gibt es Faktoren, die das Verweilen an Orten attraktiv machen und somit auch zu einem schönen Erlebnis. Das können Sitzmöglichkeiten zum Reden und Ausruhen sein oder Beleuchtungen, damit sich Frauen auch im Dunkeln sicher fühlen.

Viele Bürger*innen wünschen sich aber auch mehr Grün: ein paar Bäume hier, ein paar Büsche dort. In der Vorstellung geht das einfach, doch die Realität sieht leider anders aus, erklärt Werner Winkler, Landschaftsarchitekt aus Stuttgart: Einen öffentlichen Platz im Nachhinein zu begrünen sei sehr schwierig, denn schon einen Ort für nur einen einzigen Baum zu finden, sei eine große Herausforderung. Dies liege vor allem daran, dass Großstädte (und somit auch Stuttgart) mit einem engen Netz aus abertausenden Kabeln, Leitungen und Rohren durchzogen sind. Diese für einen Baum zu verlegen, koste mehrere tausend Euro, so Winkler.

Außerdem verändert auch der Klimawandel einiges. Durch die steigenden Temperatur in der Innenstadt vertrocknen in Stuttgart viele Bäume, die in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren gepflanzt wurden. Die beliebte Birke zum Beispiel ist laut Winkler in Stuttgart fast völlig verschwunden. Deshalb gibt es viele neue Arten, die sogenannten Klimabäume, die mit großer Hitze klarkommen. Doch grün bedeutet nicht automatisch schön. Rein von der Ästhetik her, sagt Winkler, sei es nicht zwingend so, dass ein Baum einem Platz guttut, gerade wenn er dadurch besonders schöne Fassaden verdeckt.

Plätze der Begegnung sollen möglichst viele Gesellschaftsgruppen einschließen und müssen deshalb auch auf die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen eingehen. Durch eine Umfrage auf Twitter haben wir uns ein genaueres Bild dieser Bedürfnisse gemacht. In kurzen Fragen wollten wir von den Leser*innen wissen, ob diese öffentliche Plätze lieber grün mit Wiesen, oder eher praktisch mit betonierten Flächen bevorzugen. Dabei wurde unsere Annahme bestätigt: Natur hilft beim Entspannen. Vor allem während einer Pandemie, wenn man sich die meiste Zeit zuhause aufhält, wird das Bedürfnis ins Grüne zu kommen noch größer. Auf dem Land ist dies meist problemlos möglich, doch in Großstädten sind besonders jetzt öffentliche Parks und Spielplätze gefragt. Dies spiegelt sich auch in den Antworten von Twitter wieder: Fast alle Teilnehmer*innen wünschen sich Grünflächen sowie Bäume, die Schatten spenden, und weniger Betonflächen. Auch Sitzgelegenheiten sollten ausreichend vorhanden sein, wobei Sportgeräte und Tischtennisplatten eher als guter Zusatz aber nicht als Muss gesehen werden.

Öffentliche Plätze als Schnittpunkt der Gesellschaft

Neben rein äußerlichen Merkmalen gibt es auch politische Eigenschaften, die einem demokratischen Raum zugeschrieben werden: Dort hat nämlich jede*r das Recht, seine Meinung zu äußern, zu demonstrieren und sich frei zu bewegen. Isabelle Willnauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theorien und Methoden der Stadtplanung der Universität Stuttgart und gibt in diesem Semester ein Seminar zum öffentlichen Raum in der Pandemie. Dort untersuchen die Studierenden die Veränderung von öffentlichen Plätzen während Corona. Es spielen aber auch Faktoren wie der Zugang zu öffentlichen Plätzen sowie ihre Lage eine Rolle. Also ob sich ein Park zum Beispiel direkt im Stadtzentrum befindet oder nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Der Hauptbahnhof zum Beispiel ist ja eigentlich ein sehr anonymer Transitort, der durch die Maskenpflicht noch anonymer wurde. Im Widerspruch zur Anonymität haben die Studierenden herausgefunden, dass zunehmend Menschen den Bahnhof auch als Ort gegen die Einsamkeit sehen und dort Austausch mit anderen suchen.

Auf dem Bild ist Isabelle Willnauer zu sehen und ihre Aussage: „Die pandemiebedingten Restriktionen im öffentlichen Raum haben besonders benachteiligte Gruppen empfindlich getroffen. Die Krawalle in Stuttgart sind ein Ausdruck davon.“
Isabelle Willnauer erinnert neben den äußerlichen Merkmalen auch an politische Eigenschaften von öffentlichen Plätzen.

Freiheit und Mitgestaltungsrecht

Die Samstagnacht war einst von monoton hämmernden Beats aus den Clubs geprägt, welche ebenfalls durch die Pandemie verstummt sind. Stattdessen hat sich das Nachtleben vor allem im Sommer auf öffentliche Plätze verlagert, was auch zu Konflikten mit der Polizei führte. Aber gerade für Menschen in beengten Wohnverhältnissen ist der öffentliche Raum eine wichtige Erweiterung des Lebens- und Sozialraums. Die Beschränkungen wirken daher viel stärker auf Angehörige benachteiligter Gruppen, denn sie sind besonders auf die soziale und integrative Funktion von öffentlichem Raum angewiesen.

So ist es laut Willnauer wichtig, keine Menschengruppen auszuschließen, wie es beispielsweise in Teilen des Europaviertels hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof geschieht: „Dort sind die meisten Sockel mit Unebenheiten versehen, sodass nicht geskatet werden kann.“ Das Europaviertel entstand auf dem Gelände des ehemaligen Güter- und Rangierbahnhofs und soll den neuen unterirdischen Hauptbahnhof mehr ins Zentrum der Stuttgarter Innenstadt rücken. Bereits realisierte Bauprojekte im Europaviertel sind ein Einkaufszentrum, die neue Stadtbibliothek und ein großes Bürogebäude der Landesbank Baden-Württemberg.

Für die Regeln im öffentlichen Raum sind nicht immer die Städte verantwortlich, denn der Trend geht immer mehr hin zur Privatisierung öffentlicher Räume. Dennoch ist es für das öffentliche Leben wichtig, prinzipiell offene Begegnungsorte zu erhalten. Willnauer meint dazu: „Wenn Grundstücke städtisch sind, dann haben die Bürger*innen auch Mitspracherecht. Bei Privateigentum kann der Eigentümer selbst entscheiden nicht nur über die ästhetische Gestaltung, sondern auch über den Zugang zu und die Regulierung des Raums.“

Doch was könnten nachhaltige Lösungsansätze sein, bei denen die Menschen, die die öffentlichen Plätze am meisten nutzen, diese auch mitgestalten können? Immer wieder wird über Zwangsenteignung von potenziellen öffentlichen Plätzen oder über strikte Vorschriften für die Gestaltung öffentlichen Raumes diskutiert. Auch Willnauer und Winkler haben darauf keine direkte Antwort. Willnauer hält es aber für wichtig, dass die Bürger*innen sich den Platz zu eigen machen können und ihm selbst eine Bedeutung zuweisen, so wie es beispielsweise beim eher tristen Marienplatz in Stuttgart passiert ist. Obwohl dieser Platz nicht mit großen Grünflächen oder Sitzmöglichkeiten punktet, wurde er immer mehr zum sozialen Treffpunkt von Menschen, die sich auf dem betonierten Platz in die Sonne setzten oder eine Pizza aus der nahen Gastronomie essen.

Für diese Entwicklung braucht es aber vor allem Freiheit und Mitgestaltungsrecht. Dazu meint Winkler, es sei durch die grüne Landesregierung Baden-Württembergs in den letzten Jahren zwar einfacher geworden gerade Begrünungsprojekte zu verwirklichen, aber schwierig bleibe es dennoch. Er fügt hinzu: „Ist eben Stuttgart, doch es wurden bereits einige Initiativen geschaffen, wie etwa das Projekt Stadtlücken unter der Paulinenbrücke.“ Der gemeinnützige Verein Stadtlücken wurde aus dem Bedürfnis heraus gegründet, das Bewusstsein für öffentlichen Raum zu schärfen und die Entwicklung einer lebenswerten Stadt zu fördern. Der Platz unter der Paulinenbrücke wurde von der Stadt als Experimentierort angeboten. Er soll ein Ort der Kunst, des Austauschs und der Geselligkeit sein, an dem alle Menschen willkommen sind. Seit Anfang 2021 ist mit Frank Nopper (CDU) in Stuttgart ein neuer Oberbürgermeister im Amt. Es wird sich zeigen, wie er zu öffentlichen Plätzen steht.

Ein eigener Versuch, kreativ zu sein

Wir Studierenden haben uns zum Abschluss dieses Beitrags überlegt, was ein öffentlicher Platz für uns braucht, damit wir uns wohlfühlen. In mehreren Scribbles haben wir den Bismarckplatz, der von der Stadt Stuttgart gerade in mehreren Verkehrsversuchen umgestaltet werden soll, mit eigenen Ideen ergänzt. Dabei haben wir auch auf die Anregungen aus der Twitter-Umfrage zurückgegriffen. Wir wollen, dass sich die Leserinnen und Leser eine Vorstellung davon machen können, wie Plätze der Begegnung in Zukunft aussehen könnten. Außerdem möchten wir zeigen, dass bestehende Plätze relativ einfach verändert werden können.

Auf dem Bild ist der Bismarckplatz in Stuttgart zu erkennen. Dieser wurde mit Bänken, Grünflächen und Freizeitgeräten ergänzt, um ein Zukunftsszenario darzustellen.
Grünflächen und Sitzgelegenheiten – so könnte ein Ort der Begegnung in Zukunft aussehen.

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Auf dem Bild ist der Bismarckplatz in Stuttgart zu erkennen. Dieser wurde mit Bänken, Grünflächen und Freizeitgeräten ergänzt, um ein Zukunftsszenario darzustellen.
Grünflächen und Sitzgelegenheiten – so könnte ein Ort der Begegnung in Zukunft aussehen.

Dieser Beitrag ist Teil eines studentischen Projekts der Hochschule der Medien Stuttgart zu lebenswerten Städten. In diesem Projekt recherchieren 32 Studierende, wie sich Städte neu gestalten und mit Leben füllen lassen: von den öffentlichen Toiletten über Kino und Konzerte bis zu erholsamen Grünanlagen.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: KlimaSocial und die ZukunftsReporter.


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Unsere Zukunft beginnt nicht irgendwann, sondern schon heute. Wenn wir sie gestalten wollen, müssen wir unsere Optionen diskutieren. Die ZukunftsReporter zeigen auf, welche Herausforderungen auf uns warten, und sprechen mit Menschen, die dafür Lösungen entwickeln. Wir schreiben keine Science Fiction, sondern alltagsnahe, wissenschaftlich fundierte Zukunftsszenarien. Wir rechnen nicht damit, dass uns technische Erfindungen retten werden, und setzen uns für einen differenzierten Umgang mit Innovationen ein.

Die ZukunftsReporter laden auch zu öffentliche Debatten ein, denn uns interessiert die Meinung der Menschen. Wir sind überzeugt, dass wir die Zukunft gemeinsam gestalten können, wenn wir ehrlich über mögliche Optionen diskutieren. Sie möchten Kontakt zu uns aufnehmen? Schreiben Sie uns:

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