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Pinkelpause? Nein, danke!

Die Suche nach sauberen öffentlichen Toiletten

von
23.02.2021
12 Minuten
Öffentliche Toiletten

Die Probleme öffentlicher Toiletten stinken bis zum Himmel: Denn diese sind rar gesät und oftmals verschmutzt. Gibt es Lösungsansätze für diese Probleme?

Ein Artikel von Franziska Anson, Mira Biehler, Sophie Mineif und Max Schniepp. Ein studentisches Projekt der Hochschule der Medien über livable cities und Ideen, die uns dort hinführen könnten.

Unhygienisch oder gar nicht erst vorhanden – diese Assoziation schießt wohl vielen Menschen durch den Kopf, wenn es um öffentliche Toiletten geht. Gerade in Zeiten, in denen Restaurants geschlossen sind, ist die Auswahl an Toiletten im öffentlichen Raum begrenzt und zugängliche WCs sind schwer zu finden. Aber auch wenn Restaurants offen haben und ihre Toilette zur Verfügung stellen, sind die Möglichkeiten an zumutbaren Pinkelgelegenheiten überschaubar, da es nicht die Aufgabe von Restaurants ist, Toiletten für alle zu stellen. Hinzu kommt noch das Problem, dass vorhandene öffentliche Toiletten oftmals nicht dem Level der Sauberkeit entsprechen, wie man das von der eigenen Toilette zu Hause gewöhnt ist.

Umfrage, was Leuten an öffentlichen Toiletten missfällt. Die Umfrage zeigt, was an öffentlichen Toiletten am meisten stört.
Die Umfrage zeigt, was an öffentlichen Toiletten am meisten stört.

Verwunderlich ist daher nicht, dass laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 des Marktforschungsinstitut net-request 60 Prozent der Deutschen öffentliche Toiletten meiden, weil diese zu unhygienisch sind. Das bestätigt auch die Umfrage von Statista , laut der rund 70 Prozent der Befragten finden, dass öffentliche Toiletten unhygienisch sind. Dieser Grund, öffentliche Toiletten zu meiden, steht mit Abstand an erster Stelle. Danach kommt mit zehn Prozent die Angabe, bei der Nutzung einer öffentlichen Toilette Angst zu haben, sich mit etwas zu infizieren. Immerhin 84 Prozent haben laut net-request schon einmal eine öffentliche Toilette ungenutzt verlassen, weil sie nicht sauber genug war. Dabei ist sogar ein großer Teil der befragten Deutschen, 80 Prozent, laut der gleichen Umfrage bereit, für die Nutzung einer sauberen Toilette zu zahlen.

Das spiegelt sich auch in unserer nicht-repräsentativen Umfrage auf dem Twitter-Account der ZukunftsReporter wider: Von etwa 60 teilnehmenden Personen sind um die 50 Prozent bereit, bis zu 50 Cent für ein sauberes öffentliches WC zu zahlen. Und um die 40 Prozent sogar bis zu einem Euro.

Ein Kommentar unter der Umfrage auf dem Twitter-Account der ZukunftsReporter weist uns darauf hin, dass die aktuelle Toiletten-Situation vor allem für Menschen ohne Obdach ein Problem darstellt. Diesem Problem hat sich eine Userin der Webseite Avaaz.org für Bürgerpetitionen zugewandt und eine Petition gestartet, mit der Bitte, auch während der Corona-Krise Obdachlosen den Zugang zu kostenlosen und öffentlichen Waschräumen sowie Toiletten zu ermöglichen. Doch nur rund 850 Personen haben die Petition unterschrieben, obwohl diese seit März 2020 läuft.

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„Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft“

Während es für den Durchschnittsmenschen durchaus unpraktisch ist, unterwegs keine Toilette vorzufinden, stellt dies besonders für Obdachlose eine prekäre Situation dar. Für diese war es noch nie einfach, doch nun hat sich die Lage weiter zugespitzt. Restaurants, die zuvor aufgesucht werden konnten, sind zum Großteil geschlossen. Öffentliche Toiletten haben zumeist Öffnungszeiten oder sind kostenpflichtig. Auch wenn dies häufig kleine Beträge sind, ist es doch schwierig für Obdachlose, die zumeist kein geregeltes Einkommen haben, diese Tag für Tag aufzubringen. Doch das sogenannte „Wildpinkeln“ ist wesentlich teurer: Als Ordnungswidrigkeit entscheidet jede Kommune selbst, wie teuer der Verstoß ist, doch rangiert dieser in der Regel zwischen 60 und 200 Euro, besonders wenn dies die Aufmerksamkeit Dritter auf sich zieht und als Erregung öffentlichen Ärgernisses eingestuft wird. Dabei haben die Kosten für die öffentlichen Toiletten häufig nicht den Zweck, deren Instandhaltung, Wartung und Reinigung zu finanzieren, sondern dienen lediglich als Abschreckung gegen Vandalismus. Nach Angaben der Abfallversorgung Stuttgarts betragen die Kosten des Betriebs und der Instandhaltung der Toiletten gerade mal zehn Prozent der Baukosten und stellen somit nicht den größten Kostenfaktor bei öffentlichen Toiletten dar.

Die Städte sehen jedoch ihre Pflicht gegenüber den Obdachlosen erfüllt, denn es gibt entsprechende Einrichtungen, welche Betroffene aufsuchen können. Dortmunds Stadtsprecher Maximilian Löchter äußert sich gegenüber ruhr24.de folgendermaßen: „Kein Mensch muss in Dortmund draußen schlafen.“ Einrichtungen wie diese sind jedoch nicht für alle eine Lösung. Und so finden sich in der Realität unterschiedliche Praktiken. Besonders im Winter sind Obdachlose teils in den Vorräumen von Banken zu finden, da diese beheizt sind. Da jedoch der automatische Türöffnungsmechanismus ab einer gewissen Uhrzeit abgeschaltet wird, bleiben die Obdachlosen in diesem Vorraum und kommen dort auch ihren körperlichen Bedürfnissen nach. Eine Praxis, die den wenigsten Banken gefallen dürfte. Weiterhin bekannt ist die Möglichkeit, in einem öffentlichen Krankenhaus die Toiletten aufzusuchen.

Die Stadt Lübeck hat hier einen Lösungsansatz gefunden. Finanziert durch die Politik, die Kirche und Spenden, gibt es jetzt DIXI-Toiletten, die an öffentlichen Orten aufgestellt sind. Diese sind jedoch mit Schlössern gesichert und können nur mit einem Code geöffnet werden, der an bekannte Obdachlose gegeben wird. Die Toiletten werden täglich kontrolliert und gereinigt, was in Zeiten der Corona-Krise wohl trotzdem ein hygienisches Problem darstellt. Die Kooperation möchte sich für eine permanente Lösung einsetzen und betont, dass in diesen Zeiten „Solidarität mit den Schwächsten in der Gesellschaft“ das Wichtigste sei, so der Fraktionsvorsitzender der Linken in Lübeck, Ragnar Lüttke.

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Das Stiefkind aller Themen

Auf der Suche nach Psycholog:innen, die sich mit dem Thema öffentliche Toiletten und den Hintergründen von Vandalismus auseinandersetzen, wird eines klar: Mit der psychologischen Komponente dieses Stiefkindthemas möchte sich niemand beschäftigen. Nach wochenlangen Recherchen und Anfragen an praktizierende Psycholog:innen und Professor:innen der Psychologie lässt sich weder ein eindeutiges Fachgebiet ausmachen, noch eine zuständige Person. Es kann uns niemand einen psychologischen Grund nennen, wieso öffentliche Toiletten eher verschmutzt hinterlassen werden als die eigenen daheim. Es wird deutlich: Öffentliche Toiletten und ihre Problematik werden vergessen und vernachlässigt. Eine Studie wäre hier sehr hilfreich, um den Ursachen des Problems auf den Grund zu gehen und daraus Lösungen entwickeln zu können. Denn öffentliche Toiletten betreffen uns alle, egal wo und wann, sei es in der Innenstadt beim Einkaufen oder an der Raststätte auf dem Weg in den Urlaub.

Denn die Fahrt in den Urlaub kann schön sein. Aber teilweise auch sehr lang, egal ob das Ziel der Gardasee oder die Ostsee ist. Und wenn man auf einem Rastplatz für eine Pinkelpause anhält und vom Ekel befallen wird, gibt es zwei Möglichkeiten: Augen zu und durch oder warten und hoffen. Aber halt! Für Männer gibt es häufig eine dritte Variante: der nächste Grünstreifen. Dass dieses „Wildpinkeln“ streng genommen illegal ist, stört dabei die Wenigsten. Schließlich geht es schnell und man muss nichts zahlen. Während dieser Prozess bei Frauen anatomisch nicht ganz so schnell und unkompliziert funktioniert, muss noch etwas anderes beachtet werden: die Menstruation. Einmal im Monat geht es für Frauen nicht nur darum, den Druck auf der Blase zu erleichtern. Und das wiederum ist ohne Toilette fast unmöglich. Ein weiterer Grund also, die Nase zu rümpfen und nicht allzu genau in jede Ecke zu schauen.

Das schlägt sich auch in einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts net-request aus dem Jahr 2017 nieder, die in Deutschland, der Schweiz, Belgien, Italien und den Niederlanden durchgeführt wurde. Während bei den Männern 69 Prozent bereit sind, für eine öffentliche Toilette zu bezahlen, sind es bei den Frauen 77 Prozent. Noch drastischer sind die Unterschiede beim Wohlfühlfaktor, denn 65 Prozent der Frauen empfinden öffentliche Waschräume nicht als einen angenehmen Ort, während es bei den Männern nur 49 Prozent sind. Hier bleibt zu überlegen, inwiefern manche Klischees zutreffen. Verbringen Frauen wirklich mehr Zeit auf der Toilette, um beispielsweise das Puder aufzufrischen oder mit der besten Freundin zu sprechen? Eine Studie dazu ist nicht vorhanden, könnte jedoch helfen.

„Toilette in 500 Metern rechts…“

Doch einige Städte fangen an, Lösungen zu entwickeln, um die Suche nach einer öffentlichen Toilette zu erleichtern. In Frankfurt am Main gibt es beispielsweise seit September 2019 eine entsprechende App der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH. Hier werden alle öffentlichen Toiletten auf einer Karte übersichtlich dargestellt. Bei Bedarf können User:innen sich zu einer Toilette navigieren lassen, hierfür wird Google Maps auf einem Android-Gerät oder „Karten“ auf einem iPhone geöffnet. Zudem werden Barrierefreiheit, Preise, Wickelmöglichkeiten für Kinder und die Häufigkeit der Reinigung angezeigt. Momentan haben mehr als Tausend Menschen die App auf ihr Smartphone geladen und scheinen durchaus zufrieden mit den Funktionen: 4,8 von 5 möglichen Sternen wurden vergeben und auch positive Rezensionen sind vorhanden: „Sehr gut! Habe schon lange nach so einer App gesucht.“

Doch dass auch diese Lösung nur ein Ansatz ist und nicht perfekt, liegt auf der Hand. Denn insbesondere ältere Menschen, die über kein Smartphone verfügen, werden hier ausgeschlossen. Auch für Reisende bleibt es fraglich, wie praktisch es ist, eine App für jede einzelne Stadt herunterladen zu müssen. Dennoch ist hier ein praktischer Lösungsansatz vorhanden: Gäbe es diese Funktion innerhalb einer App nicht nur für eine Stadt, sondern das ganze Bundesland oder auch ganz Deutschland wäre die App sicherlich eine gute Lösung, die nächste Toilette zu finden.

Den Mangel an öffentlichen Toiletten und deren Sauberkeit löst diese App nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung ist getan. Auch in Baden-Württemberg ist das Problem bekannt. Die Stadt Stuttgart teilt dazu mit, dass es teilweise schwer sei einzuschätzen, wie oft öffentliche Toiletten gereinigt werden sollen, weil die Verschmutzung von Toilette zu Toilette variiert. Nach Erfahrungswerten der Stadt wären Möglichkeiten, Vandalismus und Verunreinigungen entgegenzuwirken, eine moderne und ansprechende Innenausstattung der Toiletten, damit sich Täter:innen weniger trauen, diese zu besprühen oder willentlich zu beschädigen. Passend dazu würden auch robustere und höherwertige Materialien, die möglicherweise auch Graffiti-abweisend sind, den Vandalismus einschränken.

Die Stadt Stuttgart erzählt von ihren Erfahrungswerten.
Die Stadt Stuttgart erzählt von ihren Erfahrungswerten.

Safe Space für alle

Verschmutzung und Vandalismus sind aber nicht die einzigen Probleme, die mit der Nutzung öffentlicher Toiletten zusammenhängen. Intersexuelle und Transpersonen sehen in öffentlichen Klos eine besondere Einschränkung, vor allem wenn es um die psychische und körperliche Gesundheit geht. Für Transpersonen stellen öffentliche Toiletten eine besondere Gefahr da, da sie dort ein Risiko eingehen, sowohl körperlich als auch verbal angegriffen zu werden. Diese Tatsache hatte Schulen, Universitäten und Länder dazu veranlasst, die Unisex-Toilette einzuführen.

Eine Toilette für alle soll sowohl ein Safe Space für Menschen sein, die Angst haben, blöd in dem für sie passenden Klo angemacht zu werden, als auch non-binäre Menschen nicht dazu zwingen, sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Gleichzeitig soll es die ungleichen Möglichkeiten von Frauen und Männern aufheben, indem lange Schlangen vor Frauentoiletten reduziert werden. Initiativen wie die barrierefreien Berliner Toiletten sind schon dabei, alte City-Toiletten umzurüsten. Ende April 2020 gab es bereits 103 neue Berliner Toiletten, wobei der Umbau bereits seit März 2019 im vollen Gang ist. Geplant sind bis Ende 2022 stadtweit 366 Toilettenanlagen.

Vorderansicht der Berliner Toilette in der Rungestraße
Vorderansicht der Berliner Toilette in der Rungestraße
Rückseite Berliner Toilette mit Pissoirs
Rückseite Berliner Toilette mit Pissoirs
Innenansicht der Berliner Toilette
Innenansicht der Berliner Toilette
Weitere Innenansicht der Berliner Toilette
Weitere Innenansicht der Berliner Toilette

Auch zunehmend Universitäten, wie die Universität zu Köln oder die Universität Göttingen, führen geschlechtsneutrale Toiletten in ihren Einrichtungen ein. Andere Hochschulen wie die Universität Hamburg planen bereits, solche Toiletten zu integrieren, wogegen einige Einrichtungen durch fehlende, offizielle Regelungen und Unsicherheit, wie die Toiletten ankommen würden, sich noch nicht an die Umrüstung herangetraut haben. Durch zunehmenden Druck von Studierenden tendieren jedoch immer mehr Universitäten zu der geschlechtsneutralen Alternative.

Die Toilette der Zukunft

Der US-Milliardär Bill Gates, eines der bekanntesten Gesichter des Erfindungsgeistes im 20. Jahrhundert, unterstützt über seine Wohltätigkeitsorganisation die Erforschung der Toilette der Zukunft mit rund 200 Millionen Dollar. Auf Chinas Reinvented Toilet Expo betonte der Milliardär das Thema Hygiene in Entwicklungsländern und dass die Welt nicht die sanitären Möglichkeiten habe für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil. Das Ergebnis seiner Forschung ist ein erster selbstreinigender Prototyp, der einer Weltraumtoilette ähnelt. Eine Klappe schließt sich, wenn der Toilettendeckel heruntergezogen wird, um eine physische Barriere zwischen dem Abfall und der Umwelt zu schaffen. Denn bisher haben viele Orte eine Verbindung zum Meer oder einem großen Fluss – und pumpen ihre Abwässer direkt in offene Gewässer.

Nach der Spülung werden in der Toilette der Zukunft die flüssigen Komponenten von den festen getrennt. Alle Feststoffe werden in der Toilette verbrannt, für deren Funktion weder Frischwasser, noch ein Kanalanschluss erforderlich sind. Chemikalien verwandeln die möglichen giftigen Abfälle aus der Toilette in nützlichen Dünger. Diese drastischen Verbesserungen sind aus gutem Grund nötig: Jedes Jahr sterben in armen Ländern einige hundert Millionen Kinder wegen mangelnder Hygiene. Konzepte wie diese Erfindung zielen nicht unbedingt auf Komfort ab, sondern eher auf Nachhaltigkeit.

In der Welt der westlichen Sanitäranlagen sind ebenfalls neue Erfindungen auf dem Weg. Heute wechseln moderne Sanitär-Anbieter:innen zu selbstreinigenden Toiletten, die sich nach jedem Gebrauch selbst desinfizieren. Und wir alle gewöhnen uns an voll bewegungs-betriebene Seifenspender und Händetrockner. Laut Statista befürworten 42 Prozent der Teilnehmenden beruhigende Musik und zwei Prozent forderten mehr Netzteile und Internetverbindung für ihre Mobilgeräte auf einer öffentlichen Toilette.

Die Umfrage zeigt, wie öffentliche Toiletten in der Zukunft aussehen könnten.
Die Umfrage zeigt, wie öffentliche Toiletten in der Zukunft aussehen könnten.

Nette Toilette Initiative – Solidarität bei den Sanitäranlagen

Mit einem Problem haben alle Aktionen zu öffentlichen Toiletten zu kämpfen: dass es für die Nutzer:innen plötzlich richtig dringend werden kann. Natürlich, an öffentlichen Plätzen wie größeren Bahnhöfen findet man meist schnell eine öffentliche Toilettenanlage. Doch oft steht man mitten in der Stadt, vollgepackt mit Einkaufstüten und unter Umständen weit von der nächsten öffentlichen Toilette entfernt. Für alle Bummler:innen in den Innenstädten und diejenigen, bei denen es ganz schnell gehen muss, haben Ladenbesitzer:innen und Gastronom:innen Abhilfe geschafft. Gemeinsam mit den Stadtverwaltungen starteten die Händler:innen in vielen Städten ein Programm gegen Knappheit bei den Toiletten-Möglichkeiten. Hunderte Kommunen beteiligen sich bereits an der Initiative Nette Toilette.

Im August 2017 beschloss zum Beispiel der Chemnitzer Stadtrat, zusammen mit einigen freiwillig Betrieben aus der Innenstadt, an der Initiative teilzunehmen. Gelistet sind dazu im Flyer 19 Toiletten-Standorte. Jede:r darf dort die Toilette auf Anfrage kostenlos nutzen, ohne ein Kunde oder Kundin im Geschäft gewesen sein zu müssen. Wie die Stadt bei der Sache hilft: „Die teilnehmenden Gastronomen erhalten im Gegenzug von der Stadt eine Aufwandsentschädigung für den etwas höheren Wasserverbrauch sowie Reinigung und Instandhaltung der Toilettenanlagen“, schreibt Chemnitz auf seiner Website über die Idee hinter den netten Toiletten. Mit einem 14×15cm großen Aufkleber können Ladenbesitzer:innen und Gastwirt:innen auf sich am Schaufenster aufmerksam machen, wenn sie an der Initiative teilnehmen.

Neben der Idee, mithilfe der Läden die Zahl der Sanitäranlagen in den Innenstädten drastisch zu erhöhen, soll Nette Toilette die Erfahrung im Fall der Fälle persönlicher und angenehmer machen. Sauberkeit, vielleicht das wichtigste Kriterium, wird nämlich durch die Ladenbesitzer:innen in der Innenstadt garantiert. Die sind selbst verantwortlich, ihre Räumlichkeiten sauber zu halten – dürfen aber von ihren Besucher:innen Sauberkeit fordern.

Noch vor der Pandemie konnte sich die Bilanz der Initiative nach über 20 Jahren sehen lassen: Im Jahr 2017 hatten schon über 250 Kommunen das Prinzip der netten Toilette umgesetzt. Begonnen hat alles im Jahr 2000 im östlich von Stuttgart gelegenen Aalen. Entwickelt wurde das Konzept hier vor Jahren von der Stadtverwaltung und einer lokalen Werbeagentur. Schell schlug die Idee große Wellen, denn Pinkelmöglichkeiten benötigen alle. Doch auch Hygiene und Sauberkeit sind seit gut einem Jahr durch die weltweite Corona-Pandemie nötiger den je. Mit Zwangsschließungen in Gastronomie und Einzelhandel verlieren viele Städte unzählige Toiletten-Standorte. Abhilfe kann hier nur noch durch Notlösung geschafft wegen: So organisierte und betreibt die schwäbische Stadt Göppingen seit dem Beginn der Corona-Pandemie zwei voll ausgerüstete Toilettenanhänger, die ein Ersatz für die verlorenen Standorte in der Fußgängerzone sein sollen. Denn eins steht fest: Öffentliche Toiletten kann es nie genug geben.

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Dieser Beitrag ist Teil eines studentischen Projekts der Hochschule der Medien Stuttgart zu lebenswerten Städten. In diesem Projekt recherchieren 32 Studierende, wie sich Städte neu gestalten und mit Leben füllen lassen: von den öffentlichen Toiletten über Kino und Konzerte bis zu erholsamen Grünanlagen.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: KlimaSocial und die ZukunftsReporter.


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