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Lebenswerter Großstadtdschungel

Die Nutzung von Freiraum für Kultur und Natur

von
10.02.2021
4 Minuten
Stadtacker ist 2012 im Rahmen des 72 Hour Urban Action Festivals in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Wagenhalle e.V. entstanden.

Schier unendliche Betonwüsten, tiefe Häuserschluchten und stickige Luft prägen das Bild in vielen Großstädten. Grünflächen liegen häufig brach und auch andere Plätze werden nur selten über ihren eigentlichen Zweck hinaus genutzt. Dabei haben solche Freiräume einen hohen kulturellen und ökologischen Wert. Für eine lebenswerte Stadt von morgen braucht es kreative Menschen, die selbst mit anpacken.

Ein Beitrag von Felix Arnold, Shirin Kittelberger, Marcel Posa und Anna-Sophie Kächele. Ein studentisches Projekt der Hochschule der Medien über liveable cities und Ideen, die uns dort hinführen könnten.

Der Wohnungs- und Straßenbau verdrängt oft die Möglichkeiten, Flächen für die Gesellschaft umzugestalten. Denn aus den öffentlichen Plätzen könnten kulturelle, soziale oder sportorientierte Freiräume werden. Das Projekt „Stadtacker“ in Stuttgart versteht sich in erster Linie als Bildungseinrichtung, die den Menschen durch den Gemüseanbau die Natur wieder näherbringen will. Alle, die eine Leidenschaft für das Gärtnern haben, können mitmachen und einen Teil des Geländes bepflanzen und pflegen. Der Platz wird zwar langsam eng, aber es wird gemeinsam versucht, neue Möglichkeiten zu schaffen. Durch einen freiwilligen Beitrag können Gartengeräte und weitere benötigte Utensilien gekauft werden.

2012 wurden auf den Flächen des ehemaligen Ausbesserungswerks der Bahn am Nordbahnhof Stuttgart Maßnahmen zur Dekontaminierung durch die Stadt Stuttgart durchgeführt. Dadurch wurde es erst möglich, die entstandene Schotterfläche zu begrünen. Mitten in der Stadt Brachland? Nicht unbedingt ein Hingucker. Auch die Wagenhallen, das Kultur- und Veranstaltungszentrum in direkter Nähe, hatten Interesse, daran etwas zu ändern. Langfristig soll auf dem Gelände ein neues Wohnquartier gebaut werden. In der Zwischenzeit kommt dort aber eine bunte Mischung aus Studierenden, jungen Familien und Einwanderer*innen mit unterschiedlicher Herkunft zusammen, die Lust hat auf Erde und dreckige Hände.

Das Projekt geht jedoch weit über das gemeinsame Gärtnern hinaus und richtet sich laut Gründer Martin Abelmann an alle, die Lust darauf haben, eine funktionierende Gesellschaft wachsen zu lassen. „Mit Hilfe des gemeinsam angebauten Gemüses werden Grillabende organisiert, welche Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen sollen, um eine Gemeinschaft zu bilden und um Integration zu leben“, so Abelmann.

Auf unseren Gemeinschaftsflächen bauen wir Gemüse an. Die gemeinsame Zubereitung und das Essen tragen zu einer gemeinschaftlichen Essenskultur bei. Gleichzeitig kann der Ort auch anders genutzt werden: vom Hochbeetbau bis zur Theateraufführung. – Martin Abelmann, Gründer von Stadtacker

„Stadtacker“ verbindet Mensch und Natur

Neben den kulturellen Aspekten bringt das Urban Gardening vor allem aus ökologischer Sicht zahlreiche Vorteile mit sich. So pflanzen Stadtbewohner*innen auf ungenutzten Kleinflächen Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und leisten damit ihren Beitrag zu neuem Leben in der Stadt.

Jedes der Grundstücke trägt mit seinen wuchernden Pflanzen und seinem gedeihenden Obst und Gemüse zur besseren Biodiversität in der Stadt bei. Biotope und wichtige Lebensräume, sonst Opfer der Urbanisierung, können auf diese Weise erhalten werden und sorgen damit für merklich bessere Atemluft im Großstadtdschungel.

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Über 80 aktive urbane Gärtner bewirtschaften den Stadtacker: gemeinsam, biologisch und ohne Einsatz chemischer Produkte.
Die bunte, gemischte Gruppe von Gärtnern verbindet die Leidenschaft für das Bepflanzen und der Wille zur Gestaltung unserer Umwelt.

Zweckverdopplung und die Herausforderungen dahinter

Auch Plätze, die bereits einen anderen Zweck erfüllen, können kreativ umgestaltet werden. So zum Beispiel ein Projekt der Plattform StadtstattStrand“, die sich für kreative Freiräume in Städten einsetzt. Die Stäffele, wie die Stuttgarter liebevoll die Treppen nennen, mit denen man die Hänge erklimmen kann, wurden von reinen Durchgangsräumen zu Begegnungsräumen umfunktioniert. Temporäre Installationen und Aktionen boten die Möglichkeit, die Stadt zu entdecken und andere Stadtbewohner*innen zu treffen.

„StadtstattStrand“ ist ein offenes Netzwerk, das Gesellschaft, Stadtverwaltung und Politik verbindet und zugleich für neue Inspiration sorgt. Durch Aktions- und Vermittlungsformate und Aufklärung über rechtliche Rahmenbedingungen versuchen die Mitglieder immer mehr Menschen zu mobilisieren und zum aktiven Handeln für eine Stadt von morgen zu bewegen.

Der Spontaneität vieler kreativer Köpfe sind häufig rechtliche Grenzen gesetzt, was die Umsetzung neuer Ideen zusätzlich erschwert. Um Jugendliche und junge Erwachsene bei der Realisierung ihrer Ideen zu unterstützen, hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung in Zusammenarbeit mit „StadtstattStrand“ eine frei verfügbare Freiraumfibel entwickelt, die Richtlinien zur kreativen Nutzung von Freiräumen in der Stadt enthält.

Gärtnern mit „Materialien aus zweiter Hand“

Kreativ genutzt werden auch die Materialien beim Upcycling, einer umweltschonenderen Alternative zum Recycling. „Auch wir schauen, dass Projekte möglichst immer mit Materialien aus zweiter Hand realisiert werden“, sagt Abelmann. Das Thema Nachhaltigkeit genießt dabei einen hohen Stellenwert – ob beim Kleingärtner oder im großen Stil in der Landwirtschaft.

Für eine zukunftsfähige Stadt, in der wir gerne leben, braucht es mehr Gärtner*innen mit grünem Daumen und Plätze, die das kulturelle Miteinander fördern. Auf diese Weise können alle Stadtbewohner*innen ihren Teil zu besserer Luft, mehr Artenvielfalt und gesellschaftlichem Austausch im „Ländle“ beitragen. Für alle potenziellen Nachahmer*innen da draußen gilt also: lasst euch inspirieren und werdet selbst aktiv!

Dieser Beitrag ist Teil eines studentischen Projekts der Hochschule der Medien Stuttgart zu lebenswerten Städten. In diesem Projekt recherchieren 32 Studierende, wie sich Städte neu gestalten und mit Leben füllen lassen: von den öffentlichen Toiletten über Kino und Konzerte bis zu erholsamen Grünanlagen.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: KlimaSocial und die ZukunftsReporter.


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