Das Auto ist männlich, zu Fuß gehen eher weiblich

Warum ist das so und brauchen wir überhaupt mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Mobilität? Die Mobilitätsexpertin Ines Kawgan-Kagan im Interview

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Eine breite Kreuzung in Berlin im Spätsommer. Die Sonne scheint. Zwei Frauen schieben Kinder in entgegengesetzter Richtung über die Ampel, eine weitere Frau schiebt ihr Fahrrad über die Kreuzung eine weitere fährt mit dem Rad im Hintergrund über die Kreuzung.

Seit über 40 Jahren fordern Wissenschaftlerinnen und Planerinnen mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Verkehrsplanung. Passiert ist bislang wenig. Was ist dran an den Forderungen und warum passiert so wenig? Ein Gespräch mit der Expertin für Gender und Mobilität Ines Kawgan-Kagan.

Zur Person

Dr-.-Ing. Ines Kawgan Kagan hat Verkehrswesen studiert, Soziologie, Öffentliche Verwaltung und BWL. Sie forschte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin, an der HTW Berlin und der Technischen Universität Berlin und war als Unternehmensberaterin für die APPM GmbH tätig. 2020 hat sie mit Carolin Kruse das Accessible Equitable Mobility Institute gegründet. Sie ist Council Member und German Ambassador der Association for European Transport, die eine Brücke bildet zwischen Wissenschaft und Praxis. Dort leitet sie die Arbeitsgruppe Gender and Mobility.

Warum ist das Thema Gender in der Mobilität überhaupt wichtig?

Ines Kawgan-Kagan: Mobilität ist eine Daseinsvorsorge. Sie ermöglicht uns sowohl die Teilhabe am Arbeitsleben als auch die soziale Teilhabe. Wer bei der Planung nicht berücksichtigt wird, dem wird die gesellschaftliche Teilhabe erschwert. Vom Geschlecht wissen wir, dass es eine sehr einflussreiche Variable ist. Laut International Transport Forum ist Gender eine der robustesten Faktoren bei der Verkehrsmittelwahl. Manchmal sogar robuster als das Einkommen oder das Alter.

Viele setzen Gender in der Mobilität gleich mit Frauen, aber es geht um mehr, oder?

Gender heißt nicht automatisch Frauen. Gender bezeichnet das soziale Geschlecht; und das haben wir alle. Es bezieht also alle ein; nicht nur die, die in die Standard-Kategorie passen: Mann, weiß, berufstätig, mit einem linearen Mobilitätsmuster. Wenn man von Gendergerechtigkeit spricht, meint man auch Kinder, Ältere, Menschen mit Einschränkungen, anderer Hautfarbe und viele andere. Die Verkehrsplanung, wie wir sie kennen, bedient in erster Linie die Bedürfnisse von Männern, die morgens auf direktem Weg zur Arbeit fahren und abends ebenso wieder heimkehren. Langsam setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass es durchaus Sinn macht, auch Frauen mit ihren Mobilitätsansprüchen mehr in die Planung einzubeziehen. Das ist überfällig, schließlich wird die Hälfte der Bevölkerung ansonsten ausgeblendet.

Worin unterscheiden sich weibliche und männliche Mobilitätsmuster?

Studien zeigen uns die Wegemuster von Frauen und Männern sehr genau auf. Anders als Männer legen berufstätige Frauen eher Wegeketten zurück. Sie bringen ihre Kinder vor der Arbeit in die Kita, gehen auf dem Heimweg einkaufen oder begleiten ältere Verwandte zum Arzt. Die aktuellen Sharing-Angebote vom Auto bis zum Roller passen sehr gut zu der linearen Alltagsmobilität der Männer. Für Frauen dagegen sind sie oft unattraktiv. Das liegt neben den vielen Zwischenstopps und Begleitfahrten auch an ihrer Sozialisation, die ihr Mobilitätsverhalten prägt.

Ines Kawgan-Kagan hat lange glatte braune Haare. Sie steht vor einer Backsteinmauer und blickt an dem Fotografen vorbei.
Ines Kawgan-Kagan ist Expertin für Mobilität und Gender

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Lektorat: Steve Przybilla