CRISPR-Babys: Historischer Moment, verpatzt



#CRISPRhistory – Die Biografie der revolutionären Gen-Schere CRISPR/Cas9.

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Man kann sich die Art und Weise wie historische Momente der Menschheit passieren, nicht immer aussuchen. Manchmal geschehen sie unbeabsichtigt, wie die (Wieder)Entdeckung Amerikas. Manchmal sind sie das Ergebnis gigantischer Vorbereitungen, Planung, Wagemut und Glück in den richtigen Momenten, so wie die ersten Schritte auf dem Mond. Und manchmal passieren sie, obwohl das niemand so wollte.

Genau so ein historischer Moment war das letzte Woche, als am Montag bekanntgegeben wurde, dass zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit zwei Babys das Licht der Welt erblickt hatten, deren Erbgut durch menschlichen Eingriffe gezielt verändert worden war. Die ersten beiden „Babys by Design“ waren wenige Wochen zuvor geboren worden, auch wenn sich das Design, die Gen“manipulation“ der CRISPR-Babys Lulu und Nana, auf das Verändern nur eines einzigen der rund 20.000 Gene beschränkte, also quasi auf eine Schraube in der gesamten biologischen Maschinerie, die wir „Mensch“ nennen. 

Aber das reichte natürlich völlig aus, um einen durchaus verständlichen Orkan der Empörung weltweit auszulösen. Dabei war eigentlich genau das eingetreten, worauf die gesamte Wissenschaft seit Jahrzehnten hingearbeitet hatte: nicht mehr den Launen der Natur hilflos ausgeliefert zu sein. Nur sollte dieses epochale Ereignis eben ganz anders ablaufen, als es Jiankui He getan hatte: nicht heimlich, nicht ethisch obskur, nicht wissenschaftlich fragwürdig, nicht so naiv und nicht alleine.

Das genetische Schicksal in die eigene Hand nehmen

Mit Lulu und Nana kommt eine Entwicklung zu ihrem vorläufigen Höhepunkt, die vor zwei Generationen mit der Arbeit von Watson und Crick 1953 ihren ersten Durchbruch erreicht hatte. Und dabei war das Erkennen der Struktur der Erbsubstanz DNA und das Verstehen des Codes des Lebens ja nie nur l’art pour l’art. Es ging immer auch darum, unser genetisches Schicksal in die eigene Hand zu nehmen (mit einer ständigen begleitenden Diskussion darüber, wo die Grenzen dieses Handelns sein sollten). Genau deshalb wurde ja dann auch in einem Mammutprojekt über fünfzehn Jahre das menschliche Genom entziffert und unter großem Tamtam zur Jahrtausendwende veröffentlicht, dem zweiten großen Schritt in dieser Entwicklung (neben so vielen kleineren).

Mit der Entdeckung und Entwicklung von CRISPR/Cas9 durch das Team um Jennifer Doudna und Emanuelle Charpentier im Jahr 2012 bekamen ForscherInnen nun auch das Werkzeug in die Hand, das ihnen noch fehlte: eine einfache, billige und ziemlich präzise Schere, um diesen Code zu verändern und damit endlich das vollziehen zu können, wovon so viele geträumt hatten (auch wenn zuvor durchaus schon Gen-Scheren entwickelt worden waren, die auch funktionieren, aber eben teuerer und komplizierter sind).

Die Schere ist so einfach zu bedienen, dass selbst ein in diesen Dingen unerfahrener Forscher wie He (der offenbar ein versierter Sequenzierer ist), das Ding drehen konnte – auch dank der Dienstleistungen amerikanischer Biotechfirmen, die es ermöglichen, maßgeschneiderte Scheren aus dem Katalog zu bestellen. Die Einfachheit von CRISPR/Cas9 wurde so zur Voraussetzung dieses historischen Moments.

Es war eine von Jennifer Doudnas schlimmsten Befürchtungen, dass sie eines Tages jemand anrufen würde, und erklärte, die ersten CRISPR-Babies wären schon da, obwohl sich die Wissenschaftsgemeinde einig war, dass es jetzt noch zu früh sei, weil die Technologie noch nicht so weit wäre. Am Montag war es dann aber trotzdem soweit.

Natürlich hatten sich alle dieses epochale Ereignis ganz anders vorgestellt: Eher so wie im Jahr 2000 als der amerikanische Präsident Bill Clinton erklärte:

„Today, we are learning the language in which God created life.“

Oder auch in der Art wie Watson und Crick in ihrem Fachartikel in Nature 1953 mit einer großen Portion Understatement prognostizierten:

„We wish to suggest a structure for the salt of deoxyribose nucleic acid (D.N.A.). This structure has novel features which are of considerable biological interest."

Oder mit einem Satz für die Ewigkeit wie Neil Armstrongs:

“That’s one small step for man… one… giant leap for mankind."

Stattdessen verkündete ein schmaler, blasser Forscher, den niemand kannte, per Youtube und über die Presse die Geburt der beiden Babys, der auf eigene Faust geforscht hatte, ohne staatliche Unterstützung (wie übrigens auch schon die Forschung zur künstlichen Befruchtung (In-Vitro-Fertilisiation)) und voller Ignoranz gegenüber internationaler ethischer Standards und Abmachungen der wissenschaftlichen Community.

Möglich wurde dies aber auch, gerade weil CRISPR/Cas9 zu einer Demokratisierung dieser Art der Forschung beigetragen hat, weil sie so einfach, billig und genau ist. Die Gen-Schere wurde so zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. 

Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das gewünscht hatten. Es gibt keinen strahlenden Helden, dem wir die Hand schütteln wollen. Das ändert kein Jota daran, dass wir eine Stufe weiter sind. Es wird künftig ein ‚davor‘ und ein ‚danach‘ geben, wie bei so vielen anderen historischen Momenten, die die Welt unwiederbringlich verändert haben. Seit letzter Woche leben wir in einer Welt, in der es zwei Menschen gibt, deren Genom absichtsvoll verändert wurde (ohne, dass sie zustimmen konnten). Das hat es in dieser Form noch nie gegeben.

Wie immer diese Geschichte weitergeht: Wir sollten schnellsten lernen, damit umzugehen, gerade weil wir diesen historischen Moment verpatzt haben.

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Zum Weiterlesen:

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Dies ist ein kostenloser Beitrag der Serie #CRISPRCas9 – Die Biografie der revolutionären Gen-Schere CRISPR/Cas9 von Marcus Anhäuser. Verpasse keine Folge und abonniere den Newsletter oder verfolge TwitterFacebook und Instagram. Die Einführungsartikel werden gratis sein. Die Hauptartikel der Story wird es dann später für die geben, die bereit sind, einmalig 3,99 Euro zu zahlen (zum Einführungspreis; über den Kaufbutton unten rechts in der Leiste). #CRISPRhistory ist wie ein Buch: Du zahlst einmal und bekommst die ganze Geschichte.

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