Wodarg, Bhakdi und Co.: Die Besserwisser in Zeiten der Coronakrise

NIAID RML Rotgefärbte Coronaviren mit gelb-grün gefärbten Kronenrand vor schwarzem Hintergrund.

Die Thesen vermeintlicher Experten, dass alles nicht so schlimm sei, dass es gar keine Pandemie gebe, verunsichern viele Menschen und lassen sie an wichtigen Maßnahmen zweifeln, um das Coronavirus SARS-CoV-2 noch einzudämmen. Doch Besserwisser und Leugner gibt es in jeder Krise. Wir sollten sie einfach links liegen lassen, anstatt sie zu sharen und zu liken. So verlockend das auch ist, sie können uns nicht weiterhelfen, auch wenn sie vielen von uns so kompetent und überzeugend erscheinen. Das sind nur Äußerlichkeiten, auf die wir hereinfallen, warnt Wissenschaftsjournalist Marcus Anhäuser in seinem Kommentar.

Eine Liste mit Faktenchecks und Einordnungen findet sich am Ende des Artikels.

Es ist zum Haare raufen, zum Verzweifeln. Als wäre die Zeit nicht schon schwer genug, weil ein Virus die Welt aus den Angeln hebt, tauchen nun auch noch diejenigen auf, die vorgeben, es besser zu wissen. Es ist wie immer bei solchen Krisen: Die Leugner betreten die Bühnen und erklären, es sei Quatsch, wie wir auf eine Krise reagierten. Die Klimakatastrophe lässt grüßen.

Paradebeispiel in diesen Tagen ist der Arzt und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg (73). Seine Videos, in denen er erklärt, dass die aktuellen Präventions-Maßnahmen völlig überzogen seien, weil es gar keine wirkliche Pandemie gäbe, gehen fast so viral wie das Virus selbst. Ähnlich wie die Videos des Dr. med. Sucharit Bhakdi (73), seit 2012 emeritierter Professor für medizinische Mikrobiologie, der mit neu eröffnetem Youtube-Kanal innerhalb von wenigen Tagen mit drei Videos ein halbe Millionen Views erreicht.

Und so, wie es ganz einfach für das Virus ist, sich in einer Bevölkerung zu verbreiten, deren Immunsystem noch keine Erfahrung mit dem Erreger hat, so verbreiten sich die Thesen rasant, weil die meisten von uns nichts von Viren, Epidemiologie und exponentiellem Wachstum verstehen. 

Die väterliche Ruhe täuscht

Weil die Wenigsten bei den echten ExpertInnen nachfragen können, machen wir das, was wir in solchen Fällen meistens tun: Wir suchen Anzeichen dafür, warum wir gerade diesem „Experten“ vertrauen sollten.

Wir achten auf Äußerlichkeiten, wie Wodargs väterliche Ruhe oder Bhakdis Wechsel zwischen Gelassenheit und glaubwürdiger Besorgnis, wenn sie ihre Sache erklären, was zeigt, dass sie durch und durch überzeugt sind, von dem, was sie vortragen, dass sie Recht haben, denn sie präsentieren wissenschaftliche Studien, zeigen Kurven, Grafiken und irgendwie plausible Berechnungen. Es ist nicht alles falsch, was sie sagen. Das macht es auch für die Faktenchecker so schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wodarg und Co. suggerieren, sie haben mit ihren über 70 Jahren und einem reichen Berufsleben all die Erfahrung, die man braucht, um eine solche Krise beurteilen zu können. Und ein Experte wie Wodarg muss es ja wissen, denn er war Leiter eines Gesundheitsamtes, habe selbst ein solches Monitoring von Atemwegserkrankungen durchgeführt. Er sei Arzt. Lungenarzt.

Wenn der nicht weiß, was Sache ist, wer sonst? 

Er ist indes nicht der erste Lungenarzt mit viel Erfahrung und einem langen Berufsleben der mit seinen Thesen daneben liegt. Oder haben wir alle schon den Lungenarzt Dieter Köhler vergessen (Jahrgang 1948, Wodarg ist Jahrgang 1947, Bhakdi Jahrgang 1946)? Er verneinte die Sinnhaftigkeit von Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide und entpuppte sich dann als „Lungenarzt mit Rechenschwäche“.

Angebliche Experten wie Wodarg kosten Andere viel Zeit und Nerven

Das Ärgerliche an solchen angeblichen Experten, die in Wahrheit nur Besserwisser sind, ist, dass sie allen anderen so viel Zeit und Ressourcen kosten. Als hätte man sonst nichts zu tun. Eine alte Debunking-Wahrheit lautet: „Es ist ganz einfach, Unsinn und Halbwahrheiten in der Welt zu verbreiten, aber ungemein aufwändig sie zu entlarven und zurückzuholen“. 

Einige KollegInnen haben sich trotzdem die Mühe gemacht (Liste unten). Und hier bei Riffreporter sitzen wir seit Tagen daran, die Aussagen solcher Besserwisser gerade zu rücken, Stimmen der wirklichen Experten einzuholen, und all die wichtigen Fragen um das Coronavirus und die Pandemie zu beantworten.

Ich habe mit Kollegen gesprochen, die weit mehr in das Thema eingearbeitet sind als ich. Sie lassen sich nicht blenden von all den beruflichen Positionen, die sie inne hatten – auch nicht von ihrer ruhigen, fast väterlichen Art, die sie so sympathisch macht. Die Kollegen schlagen bei Wodargs Thesen nur die Hände über dem Kopf zusammen. Sie sind verärgert: „Klar fallen die Sterblichkeitskurven für Atemwegserkrankungen in den Ländern bisher nicht anders aus als in den Jahren zuvor. Die Zahl der Sterbefälle liegt natürlich noch im normalen Bereich, ist doch logisch, denn die Pandemie hat ja gerade erst angefangen. Aber das wird sich ganz schnell ändern, wenn wir nichts unternehmen“, sagen sie. Und sie wundern sich, dass sogar manche Kollegen nicht begreifen: Bei SARS-Cov-2 handelt es sich um eine völlig neue Coronavirus-Variante. Sie hat Menschen zuvor noch nie befallen. Unser Körper konnte noch keine Immunabwehr gegen sie aufbauen. Sie wird deshalb sehr wahrscheinlich sehr viele Opfer finden – wenn wir uns nicht mit anderen Mitteln wehren.

Den Besserwissern und angeblichen Experten ist es letztlich egal, wo sie ihre vergifteten Thesen verbreiten können. Schnell greifen viele der so genannten alternativen Medien zu, und unterstützen die „Parias“. Redaktionen mit fähigen WissenschaftsjournalistInnen, wie beim Tagesspiegel oder der Süddeutschen Zeitung erkannten die Fehler in den Erläuterungen und boten Wodarg keine Bühne für einen Artikel.

Ein kluger, verärgerter Kollege meinte nur: Solche „Experten“ treten immer mitten in der Krise auf, behaupten, alles sei falsch. Wenn es dann am Ende nicht so schlimm kommt, wie befürchtet, stehen sie da und weisen bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass sie ja Recht hatten. Wenn es dann doch schlimm kommt, denkt niemand mehr an die Wodargs dieser Welt, die nichts entscheiden mussten, sondern nur am Rand standen und vor sich hinplapperten.

Der ehemalige Amtsarzt scheint wenig von den Medien, aber auch nicht viel von den Medizinern zu halten, die noch voll im Arbeitsleben stehen. Von den Ärzten in Wuhan etwa, denen Ende letzten Jahres außergewöhnliche viele schwere Fälle an Atemwegserkrankungen auffielen, sodass sie Alarm geschlagen haben. Sie sind Experten ihres Fachs, Praktiker genau wie Wodarg, der das so gerne betont – und bei dem man sich schon fragt, wann er eigentlich zuletzt ganz praktisch gearbeitet hat in diesem Fach. 

Blick nach Italien: Es ist alles andere als harmlos

Unter ihnen war auch der junge chinesischer Arzt Wenliang Li, der für seine Warnungen von den chinesischen Behörden gemaßregelt wurde. Was würde er wohl sagen, wenn er die Sprüche des Deutschen hörte, dass das alles gar nicht so schlimm sei? Wir werden es nicht erfahren, denn Li ist im Alter von 33 Jahren an genau dieser Krankheit verstorben, vor der er warnte.

Und was würden all die Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal sagen, die sich gerade hierzulande darauf vorbereiten, der Pandemie Herr zu werden, wenn sie denn Zeit dafür hätten, den Besserwissern etwas zu entgegnen. Diese ÄrztInnen hoffen einfach nur, dass es ihnen nicht so ergeht wie den KollegInnen in Wuhan, in Bergamo oder in Mailand, wo ein Arzt (und Freund des ehemaligen Direktors der allgemeinmedizinischen Abteilung der Uniklinik Göttingen, Michael Kochen) berichtete, „dass jedes einzelne Krankenhaus in Mailand täglich zwischen zwanzig und vierzig Patienten mit schweren Viruspneumonien erreichen. Dreißig Prozent davon würden in kurzer Zeit intensivpflichtig. Ein leitender italienischer Anästhesist berichtete auf YouTube, dass rund zwölf Prozent aller bisher aufgetretenen Krankheitsfälle (also inklusive der Zahl leichterer Ausprägungen) beatmet werden müssten“. 

In immer mehr Ländern gerät das medizinische Personal an seine Grenzen, bereitet sich darauf vor, zu entscheiden, wie es die knapper werdenden Betten und Ressourcen der Intensivstationen verteilen soll. Wie im Krieg, so haben es Ärzte beschrieben, müsse das medizinische Personal vielleicht schon bald entscheiden, wer eine Chance bekommt und wer nicht – wer sterben muss und wer überleben darf. Wir können nur hoffen, dass es nicht soweit kommt, und entschieden handeln. Hören wir nicht auf die Besserwisser am Rande, die uns via Internet einlullen wollen mit ihrem ewig gleichen Spruch: „Ist doch alles nicht so schlimm.“

Ursprünglich veröffentlicht am 20.3., Update 24.3.: Der Artikel wurde um Informationen und Faktenchecks zu Prof. Sucharit Bhakdi ergänzt.

Faktenchecks und Einordnungen:

Ralf Nowotny, Mimikama, „Die Ansichten des Dr. Wolfgang Wodarg – Coronavirus-Maßnahmen übertrieben?“ 17. März 2020

Frederik Richter/Bianca Hoffmann, Correctiv, „Coronavirus: Warum die Aussagen von Wolfgang Wodarg wenig mit Wissenschaft zu tun haben“, 18. März 2020 

Anja Martini/Christian Drosten, NDR-Podcast Coronavirus-Update, Folge 16 (inkl. Transkript)

Stefan Rahmsdorf, Scilogs/Klimalounge: „Wissenschaftsleugnung in Zeiten von Corona“, 18. März 2020

Alexander Unzicker, Telepolis: „Coronavirus: Warum Herr Wodarg Unrecht hat“, 18. März 2020

Science Busters, Radio FM4, "Frag die Sceince Busters: Pandemieleugner", 19. März 2020

Nike Heinen, Die Welt, „Warum dieser Mann die Epidemie kleinredet", 19. März 2020

Selina Bettendorf, Nina Breuer, Richard Friebe, Sascha Karberg, Tagesspiegel, „Faktencheck: Wolfgang Wodarg verbreitet Thesen, die wichtige Tatsachen ignorieren", 19. März 2020

Jochen Taßler/Jana Heck, tagesschau.de, "Maßnahmen gegen Corona: Alles nur Panikmache?", 19, März 2020

Faktenfuchs, BR24, "Corona-Virus: Arzt setzt viele falsche Behauptungen in die Welt", 19. März 2020

MDR Wissen, Kritik an Wolfgang Wodarg: Faktencheck: Sind die Maßnahmen gegen Corona übertrieben?, 19. März 2020

Daniel Isengard, SWR3, Faktencheck Coronavirus-Video: „Corona – kein Grund zur Panik“ mit Dr. Wodarg, 19. März 2020

dpa, Faktencheck, Alles "Panikmache"? Thesen eines Lungenarztes im Faktencheck, 19. März 2020

Julia Merlot, Der Spiegel, Die gefährlichen Falschinformationen des Wolfgang Wodarg, 20. März 2020

Harald Lesch, Terra X Lesch & Co., Coronavirus – unnötiger Alarm bei COVID-19?, 20. März 2020

Joseph Kuhn, Gesundheits-Check (Scienceblogs), Corona: Wodargs Fragen, Wodargs Antworten, 20. März 2020

Stephanie Lahrtz, NZZ, Welche Fakten der Corona-Verharmloser Wolfgang Wodarg verkennt, 21. März 2020

Nils Metzger, ZDF heute.de, Warum Sucharit Bhakdis Zahlen falsch sind, 23. März 2020

Christian Meesters, rupture de caténaire/Scienceblogs, Schuster bleib bei Deinen Leisten: Kommentar zu Prof. Bhakdis Einlassungen, 23. März 2020

Christina Berndt, Süddeutsche Zeitung, Zu schön, um wahr zu sein, 24. März 2020

dpa, Faktencheck, Mediziner Bhakdi unterschätzt Gefährlichkeit des Coronavirus, 24. März 2020

Bernd Harder, GWUP-Blog, Woran sind die Corona-Toten „wirklich“ gestorben? Bhakdi, Hockertz und Co. im Fakten-Check, 4. April 2020 Zusammenfassung von Birgit Herden, Welt Online, Warum die Corona-Krise keine Übertreibung ist (€) 3. April 2020

  1. Corona
  2. Covid-​19
  3. pandemie

Für eine Weile um sechs Jahre älter

Wie wahrscheinlich ist es, nach einer Infektion mit dem neuen Coronavirus zu sterben? Das versuchen Forscher zu beziffern. Ein britischer Risikoexperte veranschaulicht die Ergebnisse.

Ein rostiger Wecker symbolisiert Alter und Lebenszeit
  1. Corona
  2. Medienkritik

Gefühle versus Gewissheiten in der Pandemie: Fürchtet euch – nicht

Nerze, Lockdown, Impfstoff: Viele Corona-Berichte schwanken zwischen Panik und verfrühter Hoffnung. Wie es besser gehen könnte

Ein junger Mann sitzt mit Angst im Gesicht während der Covid-19 Pandemie auf einem Sofa und liest Nachrichten auf seinem Smartphone.
  1. Corona
  2. Gewalt
  3. Schweigen

Die Angst vor dem Schatten

Interview mit der Dokumentarfotografin Irina Unruh über häusliche Gewalt in Deutschland, traumatische Erfahrungen und tiefe seelische Verletzungen.

Der Schatten einer Frau an einer Wand
  1. Corona
  2. Kommentar
  3. Medienkritik

Die eigentlichen Corona-Opfer kommen in den Medien viel zu kurz

Kommentar zu einem journalistischen Kunstfehler. Berichten wir in der Corona-Krise über die Falschen?

Blick in die Intensivstation der Universitätsklinik Essen mit Covid-19-Beatmungsgerät. Ärzte tragen Maske und behandeln einen Corona-Patienten.
  1. Bildung
  2. Corona
  3. Kinder
  4. Kultur
  5. Theater

"Sie war echt ein schlaues, aufgewecktes Mädchen."

Interview für Kinder zu Anne Frank, ihrem Leben und zum Nationalsozialismus mit den Machern einer Theateraufführung. Anne Frank starb mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr Romanfragment über ihre Zeit als versteckte und verfolgte Jüdin streamt das Düsseldorfer Schauspielhaus wegen Corona in einer Voraufführung im Internet.

Eine junge Frau mit langen Haaren sitzt nachdenklich im Schneidersitz vor einer weißen Wand. Dahinter sitzt wie ein Schatten eine weitere Schauspielerin. Um sie herum fliegen Notizblätter. Das Bühnenbild von Ansgar Prüwer spiegelt, was Anne Frank sich vorstellt.
  1. Corona

Was wir gelernt haben

Zweite Welle, November-Lockdown. Und die Deutschen sind Corona-müde. Das ist die Gefahr der Stunde. Sie haben das Virus am eigenen Leib erlebt und kennen es besser als wir: die #50survivors.

Frau mit Maske in der Sonne
  1. Corona
  2. Medizin
  3. SARS-CoV2

Covid-19: Was bringt eine Antikörper-Therapie?

Donald Trumps "Heilung" und der Studienstopp bei den Pharmafirmen Eli Lilly und Regeneron - Antikörper gegen Sars-CoV-2 werden zukünftig wohl nur einer kleinen Patientengruppe helfen können.

Das Foto zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme von menschlichen Zellen, die hier grün angefärbt sind, mit Sars-CoV-2 (violett angefärbt).
  1. Biodiversität
  2. Corona
  3. pandemie
  4. Umweltpolitik

Wegen Naturzerstörung: Corona könnte erst der Anfang sein

Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor einer Welle neuer Pandemien mit mehr Toten und noch größeren wirtschaftlichen Schäden als durch die Corona-Krise. Als Ausweg aus einem "Zeitalter der Pandemien" empfehlen sie mehr Naturschutz.

Dargestellt ist eine künstlerische Darstellung von kugelförmigen Viren mit dornenartigen Fortsätzen auf der Oberfläche in der Art von Coronaviren.
  1. Corona
  2. Schule

Sechs Dinge, die die Kultusminister jetzt für Schulen beschließen müssten

Die Corona-Fallzahlen steigen, bei den Eltern wächst die Angst. Die Kultusminister könnten einiges tun, um sie mildern.

Leeres Klassenzimmer in dem auf jedem Tisch ein Tablet liegt.
  1. Corona
  2. Immunsystem
  3. Medizin

Immun oder nicht immun?

Die Infektionszahlen in Deutschland steigen. Unklar ist immer noch, wer nach einer überstandenen Infektion, wie lange vor einer erneuten Ansteckung mit Sars-CoV-2 geschützt ist.

Mit Hilfe einer Pipette wird in einem Labor unter sterilen Bedingungen ein Test auf Antikörper gegen das neue Coronavirus durchgeführt. Zu sehen eine Multipette, mit der kleine Mengen eines Testreagenz in die Probengefäße gegeben werden können.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Covid-19: Ein Virus bedroht die Welt