WirvsVirus: Im Wohnzimmer gegen Corona

Wie 43.000 Menschen in einem virtuellen Hackathon Lösungen in der Corona-Krise suchen. Von Christine Faget

Christine Faget Eine Frau schreibt Code auf einem Computer-Bildschirm beim WirvsVirus Hackathon.

RiffReporter-​JournalistInnen berichten für Sie über die Pandemie

Fast 43.000 Menschen aus der ganzen Republik, drei Tage, ein Ziel: Der digitale Kampf gegen das Corona-Virus. Kann das gutgehen?

Unter dem Label #WirvsVirus Hack hatten die sieben Organisationen Tech4Germany, Code for Germany, Initiative D21, Impact Hub Berlin, ProjectTogether, Prototype Fund und Send e.V. zu einem Hackathon unter Schirmherrschaft der Bundesregierung aufgerufen. In der Entwickler-Szene finden Hackathons regelmäßig statt, dabei wird gemeinsam gecodet. Nur: Meist sitzen ProgrammiererInnen, DesignerInnen und ProjektleiterInnen zusammen am Tisch und brüten an ihren Rechnern. Und normalerweise finden sich bei einem Hackathon nur einige Hundert Menschen in Teams zusammen.

Netz am Limit

Ein Experiment also, das die InitiatorInnen innerhalb kürzester Zeit auf den Weg gebracht haben. Am Sonntag, 15. März, hatte Christina Lang von Tech4Germany nach einem Vorbild aus Estland die Idee, am Mittwoch stimmte das Kabinett der Schirmherrschaft zu, bis Donnerstag reichten Menschen aus ganz Deutschland rund 2000 Herausforderungen zur Corona-Krise ein, am Freitag legten fast 43.000 TeilnehmerInnen los, bis Sonntag Lösungen zu entwickeln – wenn auch mit einigen Stunden Verzögerung. Denn mit diesem Ansturm hatte niemand gerechnet: „Bisher haben wir das noch nie geprobt“, erklärte Mitinitiatorin Adriana Groh in einer live übertragenen Eröffnungsrede auf der Videoplattform YouTube.

So gelangt die Slack-Plattform, auf der sich die Teams digital bilden sollten, am Freitag schnell an ihre Grenzen. Die TeilnehmerInnen reagieren auf Twitter mit Geduld und Humor getreu dem Motto „Wir sind sowieso zuhause“. Zeitweise sind die digitalen Plattformen überlastet, dann füllen sich die Kanäle langsam mit TeilnehmerInnen – und mit Ideen. Manche erkunden das technische Neuland erst, da sind Hackathon-Erfahrene längst losgestürmt, eröffnen Kanäle auf dem Nachrichtendienst Telegram und der Austausch-Plattform Discord. Mit Hilfe von ModeratorInnen lichtet sich das Chaos, ExpertInnen finden Teams, und Teams passende ExpertInnen.

Telefon-Roboter für Menschen in der Offline-Welt

Christian Lange hat sich mit der Idee zum WirvsVirus Hack angemeldet, ältere Menschen mit den digitalen Hilfskanälen zu verbinden, die momentan überall in Deutschland sprießen. Der Vorschlag: Ein Bot namens Corona-Assistent ist über eine Telefonhotline zu erreichen und nimmt Einkaufsaufträge an – ganz analog. Mittels automatischer Spracherkennung transkribiert der Bot den Wunsch und veröffentlicht ihn in Textform im lokalen WhatsApp- oder Telegram-Hilfskanal. Im Idealfall erreicht der Hilferuf auf diese Weise Menschen, die den Einkauf erledigen.

Doch wo anfangen? Christian Lange, selbst Informatiker, fragt einen befreundeten Informatiker und seinen Bruder um Hilfe, dann sucht er im passenden Slack-Kanal nach weiteren MitstreiterInnen. Sechs Personen zeigen Interesse, im Video-Telefonat tauschen sie sich aus. Allerdings kann keiner von ihnen programmieren, deshalb macht sich das Team zu dritt an die Arbeit. „Es ist sehr schwer, mit den richtigen Leuten zusammen zu kommen“, sagt der 35-Jährige. Geplant ist, dass bis Sonntag ein erster Prototyp des Corona-Assistenten online steht. Vorerst soll man mit dem Bot nur auf einer Webseite sprechen können.

Mit 3D-Druckern gegen den medizinischen Lieferengpass

Mehr Erfolg hat ein Team, das im Laufe nächster Woche auf der Webseite www.medprint.org eine Plattform für den schnellen 3D-Druck von medizinischen Hilfsmitteln veröffentlichen will. Krankenhäuser sollen über das Netzwerk Ersatzteile und Hilfsmittel in Auftrag geben können, CAD-Spezialisten designen die Anleitungen, Firmen und Organisationen in der Nähe stellen ihre 3D-Drucker zur Verfügung. So die Überlegung. 250 Menschen arbeiten inzwischen an dem Projekt, erzählt Teammitglied Jonathan Waks. Auf der Plattform Discord entwickeln 3D-DesignerInnen, MaterialtechnikerInnen, ÄrztInnen, BetriebswirtschaftlerInnen, ProgrammiererInnen und MikrobiologInnen aus ganz Deutschland die Idee. Kleinere Expertenteams stehen per Live-Sprachchat in ständigem Austausch. „Das ist ein kontrolliertes Chaos, würde ich sagen“, meint Waks, „aber wir schaffen sehr viel und arbeiten konzentriert zusammen.“

Jonathan Waks ist 16 Jahre alt, er geht zur Schule, macht nebenher eine Sanitäter-Ausbildung und hat beim Nachwuchswettbewerb „Jugend forscht“ bereits mit dem 3D-Druck von medizintechnischen Geräten gearbeitet. Der Fokus des Medprint-Teams liegt zunächst auf der Produktion von Schutzbrillen und gesichtsschützenden Masken. Für FFP3-Atemschutzmasken gebe es einen Prototyp, sagt Waks. Aber damit sei das Team eher vorsichtig, denn diese würden von Ärzten getragen. „Wir werden keine Masken freigeben, ohne sie von offizieller Seite getestet zu haben“, sagt er. „Wir wollen helfen, nicht schaden.“

Beim Hackathon lerne er viele Menschen, viele Ansichten und viele Gleichgesinnte kennen, sagt Jonathan Waks. Vor allem aber mache es sehr viel Spaß. „Wenn man mit klugen und interessierten Leuten zusammenarbeitet, schafft man jedes Projekt.“ Schon jetzt gebe es eine Liste, auf der sich ein Viertel der Teammitglieder bereit erklärt hat, nach dem Hackathon am Projekt weiter zu arbeiten. Wahrscheinlich werde es in einigen Städten Pilotprojekte geben, in denen viele Teammitglieder wohnen.

Ein voller Einkaufswagen für Krankenpfleger

Erst um 2 Uhr in der Nacht auf Sonntag ist das Projekt rund um den Solidaritäts-Einkaufswagen entstanden. Ein Teilnehmer teilte auf Slack den verzweifelten Tweet einer Krankenschwester, die nach Zwölf-Stunden-Schichten kein Klopapier und Mehl mehr im Supermarkt findet. Die Lösung folgt prompt: In Frankreich stellen Supermärkte hierfür Einkaufswagen in den Ausgang, die mit Lebensmitteln für Menschen mit vielen Überstunden gefüllt werden können. Schnell hat Gretta Hohl MitstreiterInnen gefunden, um dies auch in Deutschland umzusetzen: einen Grafiker, ÜbersetzerInnen, einen Projektleiter. Viele Menschen braucht es nicht für dieses kleine Spontan-Projekt.

Gretta Hohl initiiert nicht nur Projekte, sondern vernetzt und berät zudem als Mentorin die Teilnehmer beim WirvsVirus Hackathon. „Es herrscht viel Chaos in den öffentliche Kanälen, aber in den Projektgruppen läuft es gut“, beobachtet sie. „Viele Projekte arbeiten an denselben Aufgaben und vergessen, Resultate untereinander zu teilen.“ Das bessere sich jedoch. 27.000 aktive Nutzer seien am Sonntag noch auf der Slack-Plattform aktiv, so Mit-Organisator Leon Reiner vom Impact Hub Berlin. Wie viele Menschen am Ende tatsächlich mitgemacht haben, lässt sich wohl schwer nachvollziehen.

Über die Projekte kann online abgestimmt werden

Jedes Team stellt ab Sonntagabend in einem zweiminütigen Video vor, woran es drei Tage lang ehrenamtlich gearbeitet hat. Erst dann bekommen die OrganisatorInnen den Überblick über die Flut an Projekten. Die Bevölkerung soll mitbestimmen können, welche der rund 1500 Ideen gefördert werden. Bei der Bewertung spielt es auch eine Rolle, ob ein Projekt kommerziell oder frei verfügbar ist. Es gehe vor allem darum, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.

Inwiefern die Projekte realisierbar sind, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen. Wie das Virus breitet sich derweil die Idee des Hackathons aus. „Mein Handy klingelt die ganze Zeit, weil Leute überall auf der Welt das auch machen wollen“, erzählt Mit-Organisator Leon Reimer. Er ist überwältigt von der Resonanz: „Wir sitzen alle zuhause in unseren Wohnungen, und es funktioniert!“

Update 24.3, 16 Uhr.: Am Dienstagmorgen haben die VeranstalterInnen mitgeteilt, dass eine Jury am Sonntag über die Förderung einzelner Projekte entscheidet. Wer in der Jury sitzt, steht demnach noch nicht fest, wird aber in den kommenden Tagen in den sozialen Kanälen von "WirvsVirus" verkündet. Die Projekte kann man sich auf YouTube anschauen.

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