Müsste wegen der Coronakrise jetzt nicht auch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sinken? (Kurze Antwort: Nein)

Ein Faktencheck von Christopher Schrader

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Während der Coronakrise sind die Kohlendioxid-Emissionen zeitweise stark gesunken. Sollte dann nicht auch die CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre messbar sinken? Die Antwort auf diese Frage ist Nein. Denn zurückgegangen sind nur die zusätzlichen Mengen CO2, die wir Menschen in die Atmosphäre pumpen. Die Kohlendioxid-Menge in der Luft nimmt aber dennoch weiter zu. Behauptungen von Klimawandelleugnern, die Klimawissenschaft müsse grundlegend falsch liegen, weil der CO2-Gehalt in der Atmosphäre trotz der Coronakrise weiter steigt, sind deshalb falsch.

Wie stark ist der Kohlendioxid-Ausstoß durch die Coronakrise gesunken?

Der Ausstoß von Kohlendioxid ist durch die Einschränkungen für Wirtschaft, Sozialleben und Mobilität in der Coronakrise in vielen Ländern um etwa ein Sechstel gegenüber zuvor reduziert gewesen. Das besagen Schätzungen des Global Carbon Project und eines Teams um Corinne Le Quéré von der University of East Anglia in Norwich. Die Wissenschaftler haben Daten von Anfang April zusammengetragen und mit Werten aus früheren Jahren verglichen, um den Rückgang hochzurechnen. In einzelnen Ländern, stellte das Team dabei fest, gingen in der Zeit die Emissionen zum jeweiligen Höhepunkt der Einschränkungen von Verkehr und Industrieproduktion sogar um gut ein Viertel zurück.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) hat eine ähnliche Schätzung veröffentlicht. Sie nimmt an, dass die Emissionen im ganzen Jahr 2020 insgesamt um acht Prozent gegenüber 2019 zurückgehen werden. Das ist ein sechsmal so starker Rückgang wie in der Finanzkrise 2008/2009. Der globale Ausstoß ist demnach derzeit so hoch wie zuletzt 2010.

Wird nun auch die CO2-Konzentration in der Atmosphäre sinken?

Nein, am Pegel des CO2 in der Atmosphäre sieht man den Rückgang nicht. Dort dürfte im Mai 2020 sogar ein neuer Rekord verzeichnet werden. Darüber kann man sich zunächst wundern, weil der Ausstoß in der Corona-bedingten Wirtschaftskrise ja zurückgegangen ist. Doch dann verwechselt man das Niveau der Messgröße mit ihrer Veränderungsrate. Das ist so, als würde man den Ort auf der Landstraße mit der Geschwindigkeit durcheinander bringen, in der man dort vorbei fährt. Oder den Füllstand einer Badewanne mit der Menge des Wassers, die pro Minute aus dem Hahn hineinfließt. Oder die Uhrzeit mit dem Vergehen der Stunden.

Auf diese Verwechslung zu setzen ist derzeit ein von Klimawandelleugnern gern gebrauchter Trick. Aber die Emissionen infolge der Coronakrise liegen eben immer noch auf dem Stand von 2010 – und auch damals hat das zusätzlich freigesetzte Kohlendioxid dazu beigetragen, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre kontinuierlich angestiegen ist. Unterschätzt wird dabei die Trägheit des Systems: Einzelne CO2-Moleküle bleiben schließlich für Jahrzehnte bis Jahrhunderte in der Atmosphäre, bevor sie chemisch umgewandelt werden.

Der Anteil von Kohlendioxid an der Luft beträgt zur Zeit etwa 0,04%. Meist wird ihr Gehalt aber in der Einheit ppm angegeben, das sind Anteile CO2 pro Million Volumenanteile der Luft. Auf diese Skala übersetzt liegt der CO2-Spiegel derzeit bei 417 ppm, er ist seit dem Beginn der Industrialisierung von 280 ppm um knapp die Hälfte angestiegen. In der Regel wird ein neuer jährlicher Rekord im Mai vermeldet: im Jahr 2019 waren es knapp 415 ppm, im Mai 2020 lagen praktisch alle bisherigen Tagesmittelwerte deutlich darüber.

Wie wird der CO2-Gehalt überhaupt gemessen?

Unsere Emissionen führen dazu, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre seit dem Beginn der Industrialisierung steigt, weil die Natur die zusätzlichen Mengen nicht verarbeiten kann. Messungen an verschiedenen Stellen rund um den Globus, oft auf hohen Bergen, geben für diese Zunahme des CO2-Gehalts global repräsentative Werte. Das Treibhausgas steigt vor allem aus Ballungs- und Industriegebieten auf und vermischt sich gut und schnell in der Luft. Eine Messstation liegt auf der Zugspitze, die wohl berühmteste aber auf dem Vulkan Mauna Loa auf Hawaii.

Die Grafik stellt eine deutliche Zunahme der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre dar. Zu sehen ist auch die jahreszeitliche Schwankung, die durch ein Zickzack zum Ausdruck kommt.
Der Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre steigt und steigt. Die Grafik zeigt die Messwerte der Mauna-Loa-Station auf Hawaii seit 1960.

Dort hat er Atmosphären-Wissenschaftler Charles Keeling schon 1958 ein Labor zur Messung eingerichtet, das seither Daten wie in dieser Grafik liefert. Die Technik wurde immer wieder verbessert, und auf die Kontinuität der Messreihe achten viele Mitarbeiter. Inzwischen betreibt sein Sohn, Ralph Keeling von der Scripps Institution in San Diego, die Messstation. Die Daten lassen sich tagesgenau auf der Webseite abrufen.

In der Keeling-Kurve erkennt man zwei wichtige Prozesse: Das Ein- und Ausatmen der Natur spiegelt sich in den regelmäßigen Zacken wieder. Der CO2-Spiegel sinkt von Mai bis Oktober jedes Jahres. Das entspricht der Vegetationsperiode auf der Nordhalbkugel: Wenn die Pflanzen dort wachsen, nehmen sie sehr viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf. Darum fällt der Messwert im späten Frühling, Sommer und Frühherbst der Nordhalbkugel regelmäßig um sechs bis sieben ppm. Im Rest des Jahres vergammeln viele Pflanzen wieder; CO2 wird frei und bis zum nächsten Frühjahr kommen die sechs bis sieben ppm in die Atmosphäre zurück. Die Südhalbkugel hat viel weniger Landmasse und deswegen kleinere Wälder, darum dominiert die Nordhalbkugel das Verhalten der Kurve.

Der Pegelstand von Mai zu Mai steigt aber stetig, zuletzt um weitere drei ppm pro Jahr: Das ist der zweite Faktor, der Anteil des Menschen. Er bringt die Balance des Kohlenstoffzyklus durcheinander, weil er Rohstoffe verbrennt, die der Biosphäre lange entzogen waren: Kohle, Öl und Erdgas sind schließlich einst aus Biomasse entstanden, waren Äonen lang vergraben und setzen nun in Kraftwerken und Automotoren CO2 frei. Darum zeigt die Keeling-Kurve seit ihrem Beginn einen steigenden Trend, der von einem jährlichen Zickzackverlauf überlagert ist.

Ab wann würde eine Reduktion in der Keeling-Kurve sichtbar?

Die Betreiber der Messstation Mauna Loa auf Hawaii haben ausgerechnet, ab wann man eine Corona-bedingte Veränderung im CO2-Profil bemerken könnte: Es müsse eine zehnprozentige, globale Reduktion für ein ganzes Jahr geben, damit man den Effekt in der Keeling-Kurve klar nachweisen kann, hat Keeling Jr ausgerechnet. Es kann also sein, dass Anfang 2021 etwas zu erkennen ist. Jetzt ist es dafür zu früh.

Wenn es in diesem Jahr tatsächlich dabei bleiben sollte, dass der CO2-Ausstoß um acht Prozent niedriger ausfällt, wie die IEA annimmt, dann fällt der menschliche Zuschlag in der Keeling-Kurve nur etwas niedriger aus als sonst: Statt einem Plus von ungefähr 3 ppm gibt es dann Anfang Juni 2021 eine Zunahme um ungefähr 2,75 ppm zu vermelden. Das ist immer noch ein größeres Plus als in den Jahrzehnten zuvor. In den 1960er lag das jährliche Plus im Durchschnitt bei 1 ppm, in den 1980ern bei 1,5 ppm und in den Nullerjahren des neuen Jahrhunderts bei 2 ppm.

Fazit:

Die Behauptung von Klimawandelleugnern, dass der Rückgang der Emissionen auch zu einem Rückgang des CO2 in der Atmosphäre führen müsste, kann man mit einem einfachen Argument entkräften. Bleibt es über das Jahr 2020 betrachtet bei den Reduktionen, wird nur der Zuwachs geringer ausfallen, der CO2-Gehalt der Atmosphäre aber wird vorerst weiter steigen. (Christopher Schrader)

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