Die Rallye der Impfstoffe

In einem Jahr soll es einen Corona-Impfstoff geben. So schnell ging das noch nie. Kann diese Rallye gut ausgehen? Von Susanne Donner

Veronika Siebmüller (Name geändert) fuhr gerne im Rollstuhl zum Blumenladen und kaufte einen Strauß. „Einmal am Tag muss man raus, sonst wird man doch verrückt“, pflegte sie zu sagen. Aber seit dem Lockdown hat kein Nachbar die 88-Jährige mehr gesehen. Sie macht nicht auf, wenn es klingelt. Nur an der Margaritenpflanze auf ihrem Balkon kann man erkennen, dass sie noch am Leben sein muss – die Frau wohl gemerkt, weil die Pflanze nicht welk ist. Ihre Welt beschränkt sich auf 60 Quadratmeter, bis es einen Impfstoff gibt.

Viele haben seit dem Corona-Ausbruch in Deutschland ein anderes Leben. Wie Siebmüller würden sie gerne zur Normalität zurückkehren. Aber aus Angst vor einer Infektion geht das nicht. Auch die meisten Politiker argumentieren so. Normal könne das gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenleben erst mit einem Impfstoff wieder werden. „Die Pandemie wird nicht verschwinden, bis wir diesen haben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein solcher Impfstoff müsse für alle da sein, forderte sie anlässlich einer Geberkonferenz der Europäischen Union (EU) Anfang Mai. Ende kommenden Jahres könne es soweit sein, urteilte der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron.

Herantasten an den Impfstoff

Ein Impfstoff als Fixpunkt im Jahr 2021, als Retter der coronagegeißelten Menschheit – so erscheint es momentan. Denn alle bisherigen Maßnahmen vom Abstandhalten über Mundschutz bis zur Beschränkung der Sozialkontakte dämmen zwar die Ausbreitung des Virus ein. Aber sie bieten keinen hundertprozentigen Schutz. Und weil sie wissenschaftlich im Einzelnen nicht evaluiert sind, tasten sich die Politiker mehr heran, als dass sie diese Maßnahmen auf Basis von Wissen und Vertrauen einsetzen. Das bedeutet auch in nächster Zeit und gerade in der Furcht vor einer zweiten Welle ein Wirtschaften mit angezogener Handbremse: weniger Handel, kaum Tourismus, kaum Gastronomie vom Kulturbetrieb ganz zu schweigen. Schulen und Kitas sind zudem im Ausnahmezustand, die Eltern damit erwerbsgemindert. Die Aussicht auf einen Impfstoff wirkt da wie die Erlösung aus der Dauerbeschränkungsfalle. Aber kann diese Strategie aufgehen?

Nie in der Medizingeschichte gab es eine solche Rallye: 115 Teams weltweit arbeiten laut Verband forschender Arzneimittelhersteller an einem Impfstoff. „Sonst kümmert sich nie mehr als eine einstellige Zahl von Firmen um eine Krankheit“, sagt Ralf Hömke, Sprecher für Forschung und Medizin beim Verband forschender Arzneimittelhersteller. Hochschulen, Start-ups, kleine innovative Unternehmen und erfahrene Impfgiganten engagieren sich. Der größte Impfstoffhersteller, Serum Institute of India, ist ebenso dabei wie Glaxo Smith Kline, Sanofi und Novartis, Janssen und Pfizer. In Deutschland bekam der Krebsspezialist BioNTech Anfang Mai als erstes grünes Licht für eine klinische Studie. CureVac hatte mit seinem Impfansatz schon im März für Schlagzeilen gesorgt, als es hieß, die US-Regierung habe dem Tübinger Unternehmen ein Übernahmeangebot unterbreitet. Nun, im Juni 2020, steigt die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro in die Gesellschaft ein. Kurz darauf startete auch CureVac seine ersten Tests an Menschen.

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