Haben alle Menschen, die das Robert-Koch-Institut als „genesen“ zählt, Covid-19 wirklich überstanden?

Auch PatientInnen, die als genesen gelten, können noch an Folgen der Krankheit leiden.

Symbolfoto: Sudok1/depositphotos Das Symbolfoto stellt einen Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses dar. Ein Monitor stellt Informationen über seinen Gesundheitszustand dar.

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Kurze Antwort

Ob alle Menschen, die das Robert-Koch-Institut als „genesen“ zählt, Covid-19 wirklich überstanden haben, weiß man nicht. Es handelt sich bei den Zahlen des RKI nämlich nur um eine pauschale Schätzung, nicht um eine Berechnung auf der Grundlage von Arztberichten. Die Hinweise mehren sich, dass ein unbekannter Anteil von Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben, mit längerfristigen gesundheitlichen Problemen konfrontiert ist.

Erklärung

Die Webseite des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Pandemie bietet die neuesten Zahlen zum Infektionsgeschehen. Dort ist in einer grün gefärbten Rubrik von „Covid-19-Genesenen” die Rede. Der Webseite zufolge ist derzeit der allergrößte Teil der Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, nicht mehr daran erkrankt. Doch das ist eine Schätzzahl und nicht, wie es in manchen Medienberichten heißt, eine Zahl der „nachweislich Genesenen". Die Angabe gründet nämlich nicht auf Berichten von Krankenhäusern und Ärzten darüber, dass PatientInnen wieder vollständig von Covid-19  genesen sind. Vielmehr geht das RKI von pauschalen Fristen aus, nach denen ein Erkrankter die Krankheit überwunden haben sollte. Das dient dazu, den Verlauf der Epidemie grob abzuschätzen, vor allem hinsichtlich der Frage, wie viele Menschen noch ansteckend sind. Die sich daraus ergebende Zahl gibt aber keine  Informationen über die individuellen Verläufe.

„Je nach Verfügbarkeit werden in Abhängigkeit von Erkrankungsbeginn beziehungsweise Meldedatum feste Zeitintervalle addiert, wobei angenommen wird, dass der Großteil der Personen in diesem Zeitraum bereits wieder genesen ist“, teilte das RKI auf Anfrage von RiffReporter mit. Anlass für die Anfrage war ein Bericht im Science Magazine über Langzeitfolgen von Covid-19.

Haben Covid-19-PatientInnen die Krankheit tatsächlich nach zwei Wochen überstanden?

Menschen, die nicht zur Behandlung stationär ins Krankenhaus müssen, gelten der Zählmethode des RKI zufolge pauschal 14 Tage nach Erkrankungsbeginn als genesen. Bei Menschen, bei denen kein Erkrankungsbeginn bekannt ist, werden ab dem Meldedatum der Krankheit 14 Tage addiert, bis sie entsprechend eingestuft werden.

Menschen, die zur Behandlung stationär ins Krankenhaus müssen, auch solche mit Behandlung auf der Intensivstation, gelten 7 Tage nach ihrer Entlassung als genesen. Liegen zum Datum der Einweisung ins Krankenhaus keine Informationen vor, werden auf Erkrankungsbeginn oder Meldedatum 28 Tage addiert.

Das RKI begründet diese pauschalen Fristen mit dem aktuellen Wissen über die Krankheit. So hat die Weltgesundheitsorganisation Daten aus China ausgewertet: Bei milden bis mittelschweren Verläufen beträgt die Zeit bis zur Genesung demnach zwei Wochen, in schwereren Fällen drei bis sechs Wochen. Das RKI betont aber zu den Zahlen auf der eigenen Webseite: „Wichtig ist, dass es sich hier um eine grobe Schätzung und nicht um eine genaue Berechnung handelt.“ In der Beschreibung der Krankheit auf der Webseite des RKI finden sich keine Zahlen zur Dauer des Genesungsprozesses.

Noch ist unklar, welche langfristigen gesundheitlichen Folgen die Krankheit haben könnte 

In letzter Zeit mehren sich Berichte über Langzeitfolgen von Covid-19. Dazu zählen anekdotische Berichte von Einzelpersonen ebenso wie ärztliche Befunde über schwerwiegende Verläufe, etwa durch eine Beteiligung zahlreicher Organsysteme. Hinzu kommen Berichte über Schlaganfälle bei jungen und mittelalten PatientInnen, die mit der Sars-CoV-2-Infektion in Verbindung gebracht werden, Immunschocks bei Kindern, die der Kawasaki-Krankheit ähneln, sowie Komplikationen bei Menschen, die mit einer sogenannten Intubation künstlich mit Sauerstoff versorgt wurden.

„Wir haben viele Fälle gesehen, in denen Menschen eine lange, lange Zeit brauchen, um sich zu erholen“, sagte Alessandro Venturi, der Direktor des Krankenhauses San Matteo in der lombardischen Stadt Pavia, der New York Times. Er fügte hinzu, dass die Beschwerden ausgerechnet bei Menschen mit leichteren Symptomen oft länger anhalten. „Es ist nicht die Krankheit, die 60 Tage dauert, es ist die Genesung“, sagte er. „Es ist eine sehr lange Rekonvaleszenz.“

Der Virologe Peter Piot, Mitentdecker des Ebola-Virus, Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine und einer der wissenschaftlichen Berater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Coronakrise, schrieb Anfang Mai nach seiner eigenen Covid-19-Erkrankung im Magazin Science, er habe auch viele Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch erhebliche Probleme.

Piot warnt: „Viele Menschen denken, dass COVID-19 ein Prozent der Patienten tötet, und der Rest kommt mit einigen grippeähnlichen Symptomen davon. Aber die Geschichte ist komplizierter. Viele Menschen werden mit chronischen Nieren- und Herzproblemen zurückbleiben. Sogar ihr Nervensystem erleidet Schaden. Weltweit wird es Hunderttausende von Menschen geben, möglicherweise noch mehr, die für den Rest ihres Lebens Behandlungen wie eine Dialyse benötigen werden. Je mehr wir über das Coronavirus erfahren, desto mehr Fragen kommen hinzu.“

Fazit

Es ist durchaus möglich, dass die Zahlen der RKI-Seite ein realistisches Bild der durchschnittlichen Krankheitsverläufe geben. Eine konkret erfasste Zahl von nachweislich Genesenen bietet das RKI aber nicht, da weder die behandelnden Ärzte noch die PatientInnen über ihren Gesundheitszustand befragt werden. Auch die möglichen Langzeitfolgen von Covid-19 und der Anteil der davon betroffenen PatientInnen sind noch ungeklärt. Eine genauere Formulierung für die Statistik wäre deshalb „nicht mehr infektiös" statt „genesen". (Christian Schwägerl)

Quellen:

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