Coronakrise: Wann ist wieder Schule?

Die Kitas und Schulen sind seit zwei Wochen zu, bald sind Osterferien. Und dann? Die Kultusminister wissen es auch nicht. Derzeit bleibt ihnen nur, mit mehreren Szenarien zu planen.

HUMOR IST in Krisenzeichen so eine Sache. Bei WhatsApp kursierte am 1. April die Meldung, Bayern wolle die Sommerferien verkürzen. Ziel sei, einen Teil der Corona-Schulschließung wieder aufzuholen. Angebliche Quelle, belegt per Artikel-Screenshot: der SpiegelDoch das Nachrichtenmagazin dementierte: Der Screenshot war ein Fake. Und berichtete dafür gleich noch von einer Reihe weiterer zweifelhafter Aprilscherze, die sich gestern über die Sozialen Medien verbreiteten. Sie handelten von angeblich komplett abgesagten Sommerferien oder dem Zusammenziehen mehrerer Schuljahre.

Die seltsamen Scherze treffen auf fruchtbaren Boden. Die Eltern in Deutschland sind nervös. Wie geht es weiter mit den Schließungen von Kitas und Eltern? Wie lange müssen sie noch den kräftezehrenden Spagat proben zwischen Kinderbetreuung, Homeschooling und Homeoffice? Sozialwissenschaftler warnen zunehmend und eindringlich vor den Folgen der Ausgangsbeschränkungen für Familien

Wie dringend das Informationsbedürfnis vieler Eltern wenige Tage vor dem offiziellen Beginn der Osterferien ist, lässt sich seit vorgestern auch am Nutzerverhalten auf diesem Blog ablesen. Die Leserzahlen eines drei Wochen alten Artikels ("Wenn schon schließen, dann so") schnellten plötzlich wieder auf mehrere tausend am Tag hoch, obwohl er nichts Neues enthält. Warum? Weil die Leute offenbar wie wild das Wort "Schulschließungen" googeln.

Nach Ostern müssen die Regierungschefs Farbe bekennen

 Doch so schnell werden die Kultusminister keine Klarheit schaffen können. Zwar haben gestern die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten beschlossen, die geltenden Maßnahmen der gesellschaftlichen Stilllegung bis mindestens zum 19. April zu verlängern, bis zum Ende der Osterferien also. Doch das war zu erwarten. Ziemlich genau das hatten ihnen schon vor 12 Tagen führende Wissenschaftler in einer Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina empfohlen. Spannend wird es erst nach Ostern, wenn die von den Forschern vorgeschlagene Frist von "mindestens drei Wochen" vorüber ist. Dann muss die Politik Farbe bekennen. 

Leitet sie dann das im Leopoldina-Gutachten ebenfalls diskutierte schrittweise kontrollierte Hochfahren des öffentlichen Lebens wieder ein? Und wenn ja, wann sind bei diesem kontrollierten Hochfahren die Schulen und Kitas an der Reihe? Geschlossen wurden sie schließlich auch fast eine Woche vor den generellen Ausgangsbeschränkungen – bleiben sie also auch noch länger zu, weil Kinder als besonders aktive Überträger des Coronavirus gelten?

Die Kultusminister müssen zwangsläufig auf Sicht fahren. So, wie ihnen die Entscheidung über die Schulschließungen aus der Hand genommen wurde, so fehlt ihnen auch die Kompetenz, sie allein wieder zu öffnen. Bislang hatten sie intern lediglich vereinbart, am 9. April die Lage neu zu bewerten. Mit anderen Worten: Dann wollten sie entscheiden, wie es nach dem Ende der Osterferien weitergeht, ob die Kinder von 20. April an wieder die Kitas und Schulen besuchen können. Doch weil die Regierungschefs von Bund und Ländern ihrerseits erst am 14. April zu der Frage tagen, werden die Kultusminister die Antwort ebenfalls noch länger schuldig bleiben müssen. Und so wie die Schließungen kaum zumutbar kurzfristig kamen für viele Schulen, werden es die Öffnungen dann möglicherweise auch. 

Kommt vom 20. April an die schrittweise Öffnung, gestaffelt nach dem Alter der Kinder? 

In den Kultusministerien hoffen viele derweil, dass sich das Infektionsgeschehen bis zum 20. April tatsächlich zumindest soweit verlangsamt hat, dass vielleicht zunächst die Kitas und Grundschulen wieder schrittweise öffnen können. Also dort, wo die Betreuungsfrage sich am drängendsten stellt. Aber weil sie selbst nicht wissen, wie es weitergeht, wollen die Kultusminister auf alles vorbereitet sein. Vor allem wollen sie den enormen Druck in den Familien verringern. 

In einer ihrer zuletzt sehr häufigen Telefonschalten waren sich die KMK-Amtschefs einig, dass sie, je länger die Schließungen andauern, umso großzügiger mit der Notfallbetreuung in den Kitas und Schulen sein müssen. So sollen nicht mehr allein die Kinder betreut werden, deren Eltern in "systemrelevanten" Berufen arbeiten, sondern die Einrichtungen sollen auch offen sein, wenn Familien aus sozialpsychologischen Gründen Entlastung brauchen. Das Ziel ist, die Gefahr von Vernachlässigung und von häuslicher Gewalt zu verringern, indem man die Kinder im Zweifel in die Notbetreuung nimmt.  

Findig werden die Kultusministerien auch, um die sozialen Unterschiede beim Homeschooling zumindest ein Stück auszugleichen. Experten warnen, dass die Schulschließungen besonders jenen Kindern schaden, deren Eltern ihnen nicht beim Erledigen der Heimarbeiten helfen wollen oder können – oder denen das nötige technische Equipment wie Computer oder Internetanschluss fehlt. Immer mehr Schulen lassen ihre Lehrer deshalb auch einmal bei einzelnen Schülern zu Hause klingeln und nach dem Rechten fragen, andere beschäftigen Honorarkräfte, um den Schülern die neuen Hausaufgaben vorbeizubringen und die erledigten einzusammeln. Leih-Tablets mit Prepaid-Karten werden an einige Schüler verteilt, und angehenden Abiturienten soll, wenn nötig erlaubt werden, zeitweise auch in den Schulen zu lernen, wenn sie zu Hause dazu keinen ruhigen Platz haben.  

Das Abitur wollen die Kultusminister mit aller Kraft durchziehen

Festlegt haben die Kultusminister immerhin, dass sie die Abiturprüfungen mit aller Kraft durchziehen wollen – "zum geplanten bzw. zu einem Nachholtermin bis Ende des Schuljahres..., soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist", wie die KMK vergangene Woche beschlossen hatte. Dass die Prüfungen allerdings, auch wenn sie stattfinden, in jedem Fall ziemlich anders laufen werden als in normalen Jahren, ist allen ebenfalls klar. Hamburg zum Beispiel will wie Schleswig-Holstein fünf Tage später anfangen, damit die Abiturienten mehr Vorbereitungszeit haben. Statt der üblichen fünf Nachschreibetermine sollen insgesamt elf angeboten werden. Die Prüfungen selbst sollen, wenn immer noch nötig, unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. Und um den engen und schwer zu kontrollierenden Zeitplan zu entlasten, soll die Zweitkorrektur der Abiturklausuren dieses Jahr größtenteils entfallen.  

Der Deutsche Philologenverband macht sich derweil Gedanken, was passiert, falls nach Ostern der Unterricht tatsächlich wieder startet. "Stell´ Dir vor, es ist Montag, der 20. April, und die Schule beginnt wieder... – was ist dann? Wir brauchen Mindeststandards beim Gesundheitsschutz für Lehrkräfte und Schüler, wenn die Schulen nach den Osterferien tatsächlich wieder geöffnet werden sollen!", fordert Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing. Der Philologenverband will den Kultusministern deshalb über die Osterferien deshalb "Hausaufgaben" aufgeben, wie Schule in Zeiten von Corona möglichst sicher ablaufen kann. Die Kultusminister sollen deshalb Fragen wie diese beantworten: "Welche Anzahl an funktionierenden Waschbecken muss wo in jeder Schule vorhanden sein, damit sich alle in der Schule Tätigen mehrmals am Schultag die Hände waschen können? (...) Sollten mindestens an den Eingangstüren zu den Schulen kontinuierlich ausreichend gefüllte Desinfektionsmittelspender zur Verfügung stehen? (...) Sollten gegebenenfalls Tests auf das Corona-Virus an den Schulen abgenommen werden? Und wenn ja: Wie kann das gewährleistet werden?" 

Auch sonst bleiben jede Menge Fragen zu beantworten für die Bildungsministerien. Am unwichtigsten ist dabei noch die Diskussion über eine mögliche Verkürzung der Sommerferien, um die verlorene Schulzeit wieder aufzuholen. Auch wenn einige Lehrerverbände darüber schon Scheingefechte führen: Wenn es tatsächlich Ostern wieder losgehen sollte, wäre der Ausfall wohl auch so verkraftbar. Anders sähe die Situation aus, wenn die Schulschließungen weitergingen. Aber solange das keiner weiß, haben die Kultusminister genug andere Probleme zu lösen. Derzeit heißt das Motto: einen Schritt nach dem anderen. 

  1. Corona
  2. Corona2021
  3. Covid-​19

Die Unsichtbaren - Pflegende Angehörige in der Corona-Pandemie

Vielen pflegenden Angehörigen geht es in der Pandemie schlecht. Sie müssen noch mehr leisten als sonst. Trotzdem bekommen sie kaum Unterstützung. Dabei bräuchte es nicht viel.

Eine Frau legt ihrer alten Mutter zuhause die Hand auf die Schulter. Sie kümmert sich um die Pflege und Betreuung der alten Dame. Die Versorgung ist aufwändiger geworden, weil durch Corona viele Unterstützungsangebote weggefallen.
  1. Afrika
  2. Corona

Corona in Kenia: Ärzt*innen fürchten um ihr Leben

In Kenia sterben Ärzt*innen und Pfleger*innen an Covid-19, weil ihnen Schutzkleidung fehlt. Viele sind nicht krankenversichert, Gehälter stehen seit Monaten aus.

Zu sehen ist ein dunkelhäutiger Mensch mit Schutzbrille, Schutzanzug, Handschuhen und Kopfbedeckung
  1. Corona
  2. Gesundheit
  3. Vogelbeobachtung

Von wegen Sofahelden – was gibt es jetzt Besseres, als die Natur in der eigenen Umgebung zu erkunden?

Wie wir vor der eigenen Haustür nicht nur Vögel, sondern auch Ruhe finden

Eine Gruppe Singschwäne schwimmt auf einem fast zugefrorenen See während es schneit
  1. Corona
  2. Journalismus
  3. Wissenschaftskommunikation

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Pressemitteilung

Pressemitteilungen aus Wissenschaft und Forschung kann man doch trauen, gerade in Corona-Zeiten, oder nicht?

Teenager mit Jacken und dicken Pullis sitzen in einem Klassenraum, vorne an der Tafel steh der Lehrer. Alle tragen Gesichtsmasken. Die Fenster sind geöffnet.
  1. Corona
  2. Immunsystem
  3. Medizin

Coronavirus: Wenn sich Menschen mit einer geschwächten Immunabwehr anstecken

Krebskranke oder Transplantierte haben während der Pandemie ein besonders hohes Risiko, schwer zu erkranken. Doch Covid-19 verläuft in dieser verletzlichen Bevölkerungsgruppe nicht immer heftiger als bei Immungesunden.

Ein Tropf, über den ein Patient im Krankenhaus gerade ein Antibiotikum intravenös verabreicht bekommt.
  1. Corona
  2. IT-Sicherheit
  3. pandemie

Corona-Impfstoff – die Industriespionage läuft auf Hochtouren

Cyberangriffe auf die Europäische Arzneimittelagentur, wissenschaftliche Höchstleistungsrechenzentren und Hersteller von Kühltechnologie für die Impfstoff-Lieferung zeigen, wie die Organisierte Kriminalität beim Impfstoff im Geschäft ist

Server-Gang im Rechenzentrum
  1. Corona
  2. USA

Diplomat für eine Nacht

USA-Reisen sind wegen Corona derzeit kaum möglich. Die Alternative: ein Hotel in Deutschland.

Ein rotes Telefon steht auf einem Schreibtisch. Im Hintergrund sind eine US-amerikanische Tischfahne sowie ein Doppelbett zu sehen.
  1. Corona
  2. Corona2021
  3. Covid-​19

Die Hürden vor dem Start der Corona-Impfung

Städte und Bundesländer bereiten Massenimpfungen gegen Corona vor. Das klingt gut, aber der Blick auf die Details zeigt: Viele Fragen sind noch ungeklärt.

Ein Mann hält ein Gefäß mit dem Impfstoff und eine Spritze, er bereitet eine Impfung vor.
  1. Corona
  2. Medizin

Jubelbotschaft im trüben Corona-Herbst: der Impfstoff ist da!

Zwei RNA-Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 stehen kurz vor der Zulassung. Was wissen wir über sie und was wissen wir noch nicht?

Eine Hand mit einer Impfstoff-Spritze kurz vor der Infektion in den Muskel in den Oberarm eines Menschen.
  1. Corona
  2. Corona2021
  3. Covid-​19

„Es gibt keine einfache Lösung der Triage“

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen steigt. Was, wenn die Betten nicht mehr reichen? Der Ethiker Hans-Jörg Ehni zu den Richtlinien

Der Medizinethiker Hans-Jörg Ehni von der Universität Tübingen im Porträt
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Covid-19: Ein Virus bedroht die Welt