Wie die Corona-Pandemie deutsche Defizite beim digitalen Lernen, in der Forschungsförderung und bei der Ärzteausbildung spürbar macht

Eine Analyse von Jan-Martin Wiarda

Aktuelle Entwicklungen in Bildungs- und Forschungspolitik

DIE CORONA-PANDEMIE wird auch in Bildung und Wissenschaft in Superlativen beschrieben und kommentiert.

Hamburgs Universitätspräsident Dieter Lenzen zum Beispiel sagt, die Universität Hamburg erlebe "eine der vermutlich schwierigsten Perioden ihrer Geschichte". Niemand wisse, wie die Hochschule "nach dieser Prüfung aussehen wird". FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube schreibt, wir würden Zeugen eines Ereignisses, das sich ähnlich epochal anfühle wie der 11. September 2001. Es heiße, die Schulen blieben bis zum Ende der Osterferien oder bis zum Ende ihrer Verlängerung geschlossen, fügt Kaube hinzu. Doch in Formulierungen wie "einstweilen" oder "bis auf Weiteres“ verberge sich die Befürchtung, dass es mit den verschiedenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens lange dauern könnte. "Mehr aber noch, dass wir nicht sicher sein können, die gesellschaftliche Normalität, wie sie sich uns darstellte, zurückzubekommen." 

Zwei Äußerungen, die für viele stehen. Nein, vieles wissen wir nicht zurzeit. Doch halten wir uns an das, was wir wissen: Einige erste Lehren aus der Corona-Krise werden schon jetzt sichtbar, auch für Bildung und Wissenschaft. Anhand von drei wichtigen Beispielen sind Diagnosen möglich, die wenig schmeichelhaft sind für die Politik der vergangenen Jahre.

Es geht um die mangelnde Digitalisierung der Schulen, um die zu geringen deutschen Investitionen in bahnbrechende Neuerungen in der Wissenschaft (wie neue Impfverfahren) und mangelnde Finanzierung der Ausbildung von Ärzten und medizinischem Fachpersonal.

1. Digitales Lernen: Beschwörungen versus bittere Wirklichkeit

Auf dem Bild zu sehen ist eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern im Grundschulalter, die vor einem Laptop sitzen und sich mit etwas beschäftigen. Neben ihnen liegt etwas Technisches, das sie vielleicht gemeinsam gebaut haben. Hinter ihnen steht ein junger, männlicher Lehrer, der ihnen Hinweise gibt.
Nach Ansicht von Experten hinkt Deutschland in der Digitalisierung der Schulen und beim digitalen Lernen massiv hinterher. Das rächt sich jetzt während in der Zeit von Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie.

Stefanie Hubig, die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) sagte mir vergangene Woche Folgendes zum Rückstand der deutschen Schulen in Sachen Digitalisierung: „Ja, auf den ersten drei Plätzen steht Deutschland nicht gerade im internationalen Vergleich.“ Sie paarte diese Süffisanz mit einem Versprechen: "Wir holen auf, und dank des Digitalpakts hat die Entwicklung nochmal an Fahrt aufgenommen."

Allerdings gilt nachweisbar nur der erste Teil von Hubigs Aussage. Gerade in ländlichen Regionen scheitert die Ansage, die Schüler sollten in Zeiten der Schulschließungen auf digitale Lernangebote zurückgreifen, bereits an der Infrastruktur. Henry Tesch, Schulleiter aus Mecklenburg-Vorpommern und selbst ehemaliger KMK-Präsident, sagt: "In der Krise wird deutlich, wie sehr die Digitalisierung im ländlichen Raum verschlafen wurde. Wo ist das schnelle Internet in den Dörfern und Kleinstädten, wo die meisten unserer Schüler wohnen? Wo sind die digitalen Lernstrukturen, die wir seit zehn Jahren hätten aufbauen können?"

Dass das Geld aus dem Digitalpakt bislang nur in Rinnsalen in die Schulen geflossen ist, kann man, wie Hubig es tut, mit der sinnvollen Bedingung begründen, dass die Schulen zunächst medienpädagogische Konzepte erarbeiten müssten. Oder man weist darauf hin, dass die KMK bereits Ende 2016 ihre Strategie "Bildung in der digitalen Welt vorgelegt hatte" – und die damalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Schulen sogar noch davor erstmals die fünf Digitalmilliarden in Aussicht gestellt hatte – schon damals mit dem Hinweis, Deutschland sei extrem spät dran. Ohne das ganze darauf folgende föderale Hin und Her wiederholen zu wollen, nur dies: Zwischen Wankas Ankündigung und der Veröffentlichung der Digitalpakt-Förderrichtlinien vergingen in den meisten Bundesländern drei Jahre. 

Positiv ist, dass in der Krise in die Hände gespuckt wird. Deshalb sind die Hoffnungen, dass es jetzt zu einem die Corona-Pandemie überdauernden Digitalisierungsschub an Schulen und Hochschule kommt, trotz der vielerorts schwierigen technischen und organisatorischen Lage nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Anstatt auf weitere Ansagen aus der Politik zu warten, wird gehandelt: Kiron Open Higher Education hat ein "Best of" seines Kurses "Teaching Online" online freigeschaltet, damit, wie Kiron-CEO Tobias Ernst, sagt, "Lehrkräfte aller Art Hemmungen abbauen und ihre digitalen Lehrkompetenzen ausbauen können". Der Bildungsverlag Cornelsen wiederum hat unter anderem seine Lernplattform "Duden Learnattack online" mit 40.000 Lerninhalten von der 4. Klasse bis zum Abitur ab sofort für die nächsten zwei Monate kostenlos abrufbar gestellt. Und der Marburger Anglistikprofessor Jürgen Handke, Lehrpreisträger und Vordenker digitalen Lernens, veröffentlicht auf Twitter "mein Angebot für alle Interessierten – nicht nur in Corona-Zeiten". Wenige Beispiele von vielen – es brummt gerade in den Köpfen und Servern. 

Hoffentlich hat auch die Politik ihre Lektion für nach der Krise gelernt: kleckern, nicht klotzen bei den digitalen Lehr- und Lernangeboten. Und lernen, wieder schneller Investitionen zu ermöglichen. Auch ohne den Druck der Krise.

2. Was der Streit um Curevac mit der deutschen Forschungsförderung zu tun hat

Zu sehen sind Gebäude im Technologiepark Tübingen. Rechts moderne Büro- und Forschungsgebäude, links ein kleines historisches Gebäude, das nach einer Sternwarte aussieht.
Die Firma CureVac in Tübingen, deren Firmensitz im Technologiepark hier abgebildet ist, entwickelt innovative Impfstoffe. Doch Firmen wie diese werden im Gegensatz zu den USA bisher von der deutschen Forschungspolitik viel zu wenig unterstützt.
CureVac/Technologiepark Tübingen-Reutlingen GmbH

Die Meldung hat viele aufgeschreckt. US-Präsident Donald Trump wolle Wissenschaftler, die an einem potenziellen Corona-Impfstoff arbeiten, mit hohen finanziellen Zuwendungen in die USA locken, berichtete die WELT am Sonntag. Die Tübinger Pharma-Firma CureVac soll dabei im Mittelpunkt des Interesses stehen. Die Empörung in Deutschland ist enorm, sogar Wissenschaftsminister gar nicht zuständiger Bundesländer forderten per Pressemitteilung die Bundesregierung auf, "alle Mittel auszuschöpfen, um diese Standortverlagerung zu verhindern". 

Inzwischen hat CureVac-Hauptanteilseigner Dietmar Hopp Trump medienöffentlich abblitzen lassen. Doch sollte die Wissenschaftspolitik sich fragen, was diese Affäre mit ihr zu tun hat. Die Antwort: einiges. Denn dass es überhaupt so enge Verbindungen von CureVac in die US-Politik gibt, dass Trump sich auf seine narzisstische Art und Weise wahrscheinlich sogar berechtigt fühlt, nach CureVac zu greifen, liegt in der Fördervergangenheit der Firma begründet. Sie gilt schon lange als extrem innovativ. Schon 2011 hat sie mit der ersten Impfstoff-Entwicklung auf mRNA-Basis begonnen. Doch tat sie sich schwer, für diese Art der risikoreichen Forschung in Deutschland ausreichend Finanzierung zu aktivieren. Weshalb sie Fördergelder unter anderem von der US-Behörde Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa) erhielt

Die grüne Wissenschaftspolitikerin Anna Christmann twitterte deshalb gestern, der Streit zeige auch, "dass wir in Europa noch besser in der Förderung von Forschung und Spin-Offs werden müssen." In CureVac stecke auch Geld der DARPA, "weil es vergleichbare Innovationsförderung hier kaum oder gar nicht gibt."

Worauf ausgerechnet Rafael Laguna antwortete: Er glaube fest daran, fest daran, dass CureVac-Chef Ingmar Hoerr "das Richtige tun wird. Wir denken da gleich." Ausgerechnet Rafael Laguna, weil er seit Jahresanfang Chef der Agentur für Sprunginnovationen (SprinD) ist, den die Bundesregierung als deutsches, allerdings nicht militärisches Darpa-Pendat neu gegründet hat.

Man könnte sagen: Hätte es SprinD früher gegeben, hätte Curevac die Darpa womöglich gar nicht gebraucht. Doch es dauerte Jahre, bis Deutschlands Innovationspolitik realisierte, dass die Unternehmen der Bundesrepublik ein echtes Defizit an disruptiven Neuentwicklungen haben. Und noch immer gibt es in den Bundesministerien, Rechnungshöfen und Parlamenten, aber auch in bestehenden Forschungseinrichtungen reichlich Leute, die meinen, derart ungewöhnliche Formen der Innovationsförderung seien schon aus haushaltsrechtlichen Gründen abzulehnen. Vielleicht hilft ihnen jetzt die Corona-Disruption beim Umdenken.


3. Deutschland investiert zu wenig in Ärzteausbildung und Gesundheitsberufe

Die Ausbildung von Ärzten und in vielen Gesundheitsberufen soll grundlegend reformiert werden; Studieninhalte werden erneuert, Praxisphasen vergrößert. Pflegeberufe, die bislang auf einer Ausbildung fußten, werden akademisiert. Ein anspruchsvolles Maßnahmenpaket, das Deutschlands Gesundheitssystem bereits vor der Krise für das 21. Jahrhundert fit machen sollten. 

Abgebildet ist der Korridor einer Klinik, auf dem medizinisches Fachpersonal unterwegs ist.
Alle wollen eine bessere Ausbildung für Ärzte und Gesundheitspersonal – doch die deutschen Gesundheitsminister haben die Kosten dafür einfach bei den Wissenschaftsministern abgeladen.

Doch dieselben Gesundheitsminister, die so sehr auf die aus ihrer Sicht unverzichtbaren Reformen drängten, zuckten bei der Frage nach ihrer Finanzierung mit den Achseln – und zogen die Ministerpräsidenten auf ihre Seite. Mit dem Ergebnis, dass die Zusatzkosten – geschätzt mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr – an den Wissenschafts- und Hochschulhaushalten der Länder hängenbleiben könnten. 

Diese wussten sich zuletzt nicht anders zu helfen, als per offiziellem Schreiben von KMK-Präsidentin Hubig an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), den derzeitigen Sprecher aller Ministerpräsidenten, mit der Streichung von Medizin-Studienplätzen zu drohen – wenn die Regierungschefs nicht dringend vom Bund Kompensation verlangen. Die Streichung von Studienplätzen – und das angesichts eines schon bestehenden Ärztemangels: klingt wie aus einer anderen Zeit? Ja – ist aber erst ein paar Tage her. 

Den Wissenschaftsministern sollte man das nicht zum Vorwurf machen. Den Gesundheitsministern und den Ministerpräsidenten schon eher. Sie waren bis vor kurzem offenbar der Meinung, derart tiefgreifende Reformen unseres Gesundheitssystems gebe es zum Nulltarif. Auch Forderungen der Wissenschaftsminister, endlich zusätzliche Medizin-Studienplätze zu finanzieren und den Bund dafür mit in die Verantwortung zu nehmen, haben sie immer wieder abgeblockt. Genauso wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der jetzt den Krisenmanager gibt, aber über einen sogenannten Systemzuschlag für Universitätskliniken bislang nicht einmal reden wollte. Obwohl gerade die Unikliniken die besonders teuere sogenannte Maximalversorgung vorhalten, die jetzt gebraucht wird.  

Die Lehre aus der Corona-Pandemie dürfte auch hier schon eindeutig sein – egal, wie sie weitergeht. Hoffentlich vergessen die Gesundheitsminister und Ministerpräsidenten nicht, wenn die Wissenschaftsminister nach der Krise wieder bei ihnen anklopfen. 

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