Die eigentlichen Corona-Opfer kommen in den Medien viel zu kurz

Kommentar zu einem journalistischen Kunstfehler. Berichten wir in der Coronakrise über die Falschen?

imago images / Ralph Lueger Blick in die Intensivstation der Universitätsklinik Essen mit Covid-19-Beatmungsgerät. Ärzte tragen Maske und behandeln einen Corona-Patienten.

RiffReporter arbeitet ab sofort zum Thema Corona mit Medienjournalist*innen von Übermedien zusammen. Übermedien ist das unabhängige Magazin für Medienkritik. Wir werden in Zukunft häufiger gemeinsam Artikel veröffentlichen, die sich mit der Berichterstattung über Covid-19 beschäftigen. Den Anfang macht dieser Kommentar von Peter Spork.

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Es ist der 16. November. Gerade trudelt der tägliche Hamburg-Newsletter der „Zeit“ in mein Postfach. „Elbvertiefung“ heißt er, und er steuert Vertiefendes zur Corona-Krise bei. „In der vergangenen Woche gab es eine traurige Meldung in dieser an traurigen Meldungen reichen Zeit“, lese ich. Was ist passiert? Noch mehr Tote? Intensivstationen am Limit? Neuer Rekord bei der Suizidrate?

Nichts dergleichen: „Die Männer, die als Nikoläuse oder Weihnachtsmänner verkleidet durch Kaufhäuser und über Märkte ziehen, um Kindern und Kindgebliebenen eine Freude zu machen, werden in diesem Jahr kaum einen Job haben“, lese ich weiter. Okay. Das ist wirklich hart. Keine Nikoläuse in diesem Jahr. Uns bleibt aber auch nichts erspart.

Mir fallen die ARD-„Tagesthemen“ vom 14. November ein. Es ist der zehnte Monat der Corona-Krise in Deutschland, mitten in der zweiten Welle. Mehr als 3000 Intensivbetten sind mit Corona-Kranken belegt, im Durchschnitt sterben davon 160 Menschen täglich – Tendenz stark steigend. Moderator Ingo Zamperoni fragt mit sorgenvollem Blick: „Womit müssen wir nun rechnen?“

Ich denke nach: Nein, ins Krankenhaus will ich nicht. Ich möchte auch niemanden anstecken, mache mir Sorgen um die Eltern und Freunde mit gefährlichen Vorerkrankungen. Die psychisch Kranken fallen mir ein: Wie viele werden jetzt noch schwermütiger oder abhängiger? Oder die Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind: Wie sollen sie das überstehen?

Wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen. Aber um all das geht es im folgenden ARD-Beitrag nicht. Ein Reporter fragt Passanten in einer Einkaufsstraße. „Wir befürchten leider das Schlimmste“, antwortet eine Frau. Sie meint die Verschärfung des Lockdowns.

Gastwirte, Gastwirte, Gastwirte

Am 16. November gebe ich den „Tagesthemen“ eine zweite Chance. Dieses Mal erzählt ein Gastronom von seinen Erfahrungen mit Außer-Haus-Verkäufen; eine Stimmtrainerin beklagt, sie dürfe nur noch Einzelunterricht geben, und es wird über eine Schule berichtet. Immerhin der Kommentar von Bettina Schön überzeugt. Nicht etwa, weil sie von der „scheiß Pandemie“ spricht. Sie widerspricht auch der vorangegangenen Berichterstattung: „Die größte Anstrengung ist die Pandemie für die, die schlimm krank werden könnten, krank sind oder als genesen gelten – und es doch nicht sind.“

Doch danach fragen die Kolleg*innen aus Zeitung, Radio und TV fast nie. Sie interessieren sich für negativ Getestete. Da kommen Karnevalisten zu Wort, deren Karneval abgesagt wurde, Freizeitsportler, die sich nur alleine im Freien bewegen dürfen oder Menschen, die Angst haben, Weihnachten falle aus. Außerdem erfahren wir, wie es Schüler*innen mit oder ohne Maske ergeht, lernen mehr über das harte Schicksal der Obdachlosen in Berlin, die Corona-Schnelltests machen müssen. Wir dürfen Anteil nehmen an den Abgründen, in die Konzertveranstalter und freie Künstler*innen derzeit blicken. Und immer wieder: Gastwirte, Gastwirte, Gastwirte.

Lockdown-Krise statt Corona-Krise

Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele dieser Schicksale sind hart. Sie sind auch berichtenswert. Aber der Gedanke drängt sich auf, hier wird gesamtgesellschaftlich etwas verdrängt. Ist die wahre Krise nicht eine andere, sehr viel bedrohlichere? All den betroffenen Menschen, denen die deutschen Medien derzeit so gerne zuhören, ist eines gemein: Sie haben keine Coronainfektion. Sie sind gesund. Sie leben in der Lockdown-Krise. Von der Corona-Krise erfahren wir fast nichts.

Könnte es also sein, dass die Medien ein Problem mit der Corona-Berichterstattung haben? Könnte es sein, dass sie sich vor ihrem eigentlichen Berichtsgegenstand drücken? Sind wir alle zu bequem und tragen lieber das hirnbefreite Geschwätz von Querdenkern an die Öffentlichkeit als die O-Töne einer Corona-Patientin, die sich in der Rehaklinik vom zweimonatigen Koma erholt? Ist es uns wirklich wichtiger, zu erfahren, was verhinderte Restaurant-Gäste, Sportler, Nikoläuse denken, als der Mann, der auch noch sechs Monate nach einer eher milde verlaufenen Infektion mit SARS-CoV-2 unter Herzschwäche, Kurzatmigkeit und chronischer Müdigkeit leidet?

Ist es wichtiger, wie sich eine Bahnreisende nach dreistündiger Zugfahrt mit Maske fühlt als ein ermatteter Pfleger auf der Corona-Intensivstation nach seiner Nachtschicht oder die Medizinerin, die plötzlich selbst am Virus erkrankt, nachdem sie einen Notfall retten musste und zu wenig auf Vorsichtsmaßnahmen geachtet hatte?

Diese wahren Geschichten aus der echten Corona-Krise laufen an uns vorbei. Natürlich ist es mühsam, an sie heranzukommen. Aber das sollte kein Hinderungsgrund für guten Journalismus sein. Im Gegenteil.

Wird das je wieder?

Dass es auch anders geht, haben Christina Kunkel und Felix Hütten im „Buch Zwei“ der „Süddeutschen Zeitung“ bewiesen. Am 14. November erzählen sie ausführlich und bewegend die Geschichten zweier Frauen, beide schwer von Covid-19 getroffen, beide erst nach Monaten auf dem Weg der Besserung, beide nicht sicher, ob sie jemals wieder so fit und belastbar sein werden wie vor der Krankheit.

Diesen Frauen dürfte es ziemlich egal sein, ob dieses Jahr der Nikolaus kommt. Sie haben andere Probleme, berichten Kunkel und Hütten: „Damals dachte Amelie Kessler noch: 'Das wird wieder.' Jetzt, im Juli, drei Monate später, ist sie sich da nicht mehr so sicher.“

Man schätzt, dass es „etwa zehn bis 15 Prozent aller positiv auf das Coronavirus getesteten Patienten“ ähnlich ergeht, lese ich im weiteren Verlauf des Artikels, „bei derzeit 51 Millionen bestätigten Fällen weltweit wären das je nach Rechnung mindestens fünf Millionen Menschen.“ Von den 1,33 Millionen bis heute mit einer Corona-Infektion Gestorbenen ganz zu schweigen.

Auch das Projekt „50Survivors“, vom Journallist*innenteam tactile.news bei riffreporter.de veröffentlicht, gibt Überlebenden eine Stimme. Wer dort liest, was zum Beispiel Matthias aus Stolpe erzählt, wird an keiner Demonstration gegen so genannte Corona-Auflagen mehr teilnehmen: „Nein, ich gebe niemandem die Schuld an meiner Erkrankung. Derjenige, der mich mutmaßlich angesteckt hat, wusste zu dem Zeitpunkt nichts von seiner Infektion. Und jetzt ist er tot.“

Der Einzelne passt nicht immer in die Statistik

Eine lobenswerte Ausnahme sind auch die Interviews der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Cihan Çelik, dem Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke des Klinikums Darmstadt. Am 1. November erzählt er von seiner eigenen, fast tödlich verlaufenen Erkrankung: „Ich bin 34 Jahre alt, bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen verläuft diese Krankheit mit großer Wahrscheinlichkeit eher milde. Aber ich habe es immer wieder gesagt: Es gibt dafür keine Garantie, der Einzelne passt nicht immer in die Statistik. Das musste ich jetzt auch erfahren.“

In früheren Folgen der Serie klärt Çelik nüchtern und anschaulich auf, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die Tag für Tag und Nacht für Nacht gegen die heimtückische, neue Infektionskrankheit kämpfen – und für die Gesundheit ihrer Patient*innen.

Auch dem Bundespräsidenten ist inzwischen aufgefallen, dass etwas falsch läuft. Am 10. November bittet Frank-Walter Steinmeier medienwirksam fünf Corona-Opfer zum Gespräch. „Mir scheint, dass wir bei aller Öffentlichkeit, die wir haben, zu der Pandemiekrise uns bislang zu selten Menschen wie Ihnen zugewandt haben, denjenigen, die diese Erkrankung durchgemacht haben “, gibt er zu Protokoll. Recht hat er.

Doch nicht nur die Geschichten und Erkenntnisse der Betroffenen kommen in den deutschen Medien zu kurz. Auch die Corona-Wissenschaft an sich. Themen wie die Erforschung der Krankheit oder die Prognosen zum Verlauf der Pandemie wurden längst in die Spezialsendungen und auf die Wissens-Seiten zurückgedrängt. Wissenschaftsjournalist*innen oder Epidemiolog*innen sitzen nur in Ausnahmefällen in Talkshows.

Dabei zeigen auch hier ein paar Beispiele, wie viel eine gute Aufklärung bringen würde. Wenn die Physikerin Viola Priesemann bei Anne Will einem Millionenpublikum erklärt, „jede Neuinfektion, die wir verhindern, ist ein Mensch weniger, der das Virus in die Heime tragen kann“, dann stimmt das viele Menschen nachdenklich.

Hervorzuheben sind auch die angenehm trockenen, informativen Interviews von Deutschlandfunk-Moderator Ralf Krauter für die Sendung „Forschung Aktuell“, nicht nur mit Priesemann, die schon Ende Oktober sagte: „Je früher wir handeln, desto kürzer ist der Lockdown“, sondern zum Beispiel auch am 16. November mit dem Saarbrücker Modellrechner Thorsten Lehr. Er hat seinen „Covid-19 Simulator“ befragt, ob die derzeitigen Maßnahmen des so genannten Lockdown light ausreichen werden. Vermutlich nicht, lautet die Antwort: „Wir müssen eigentlich, damit wir das Infektionsgeschehen wieder in den Griff bekommen, relativ schnell auf die Bremse drücken.“

Zugegeben: Jetzt bin auch ich beim Lockdown angekommen. Doch mir geht es um die Einschätzung der Wissenschaft – und diese hat uns den Lockdown nun mal empfohlen. Sie kann auch begründen, warum er sinnvoll ist, warum er in der Corona-Krise hilft. Mit Nikoläusen hat das nichts zu tun.

Ein journalistischer Kunstfehler

Warum aber hören wir so wenig auf die Wissenschaft? Es scheint, als wolle niemand wahrhaben, dass sich diese Gesellschaft mit gutem Grund Kontaktbeschränkungen auferlegt hat. In einer fast schon narzisstisch anmutenden Selbstbespiegelung kreisen all ihre Gedanken nur um die eigenen Entbehrungen. Das Leid der wirklich Leidenden wird ausgeblendet. Und die Medien machen fröhlich mit.

Es wäre ein Kunstfehler, würden Mediziner*innen einem Krebspatienten nahelegen, er solle lieber keines der Medikamente gegen seine bösartige Krankheit nehmen, da ihm davon Haarausfall drohe, obwohl die Mittel den Patienten wahrscheinlich vor dem Tod bewahren würden. Kann es also sein, dass wir Journalist*innen in Deutschland gerade einen Kunstfehler begehen?

Kann es sein, dass wir – warum auch immer – viel zu wenig über die eigentliche und viel zu viel über die uneigentliche Krise berichten? Kann es sein, dass wir dadurch womöglich dazu beitragen, dass mehr Menschen sterben oder leiden, als nötig gewesen wäre?

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