Tunesiens Hotelbewohner

Im Moment werden in Hotels Covid19-Patienten und Rückkehrer in Quarantäne untergebracht, doch die Hoffnung auf ein bisschen Tourismus im Sommer ist noch nicht ganz versiegt.

FETHI BELAID / AFP People stranded at Tunis Carthage airport wait for flights on March 16, 2020. - Charted flights are being organised to bring back tourists whose flights have been cancelled due to the coronavirus COVID-19 pandemic. (Photo by FETHI BELAID / AFP)

Tunis, 08.05.2020

Einige sitzen in Jugendzentren oder Studentenwohnheimen, andere in 5*-Hotels: wer im Moment mit einem der Rückkehrerflüge für gestrandete Auslandstunesier ins Land kommt, der muss in Quarantäne. Und zwar nicht zu Hause, sondern in ein staatliches Quarantänezentrum. Je nachdem wie viel Glück man hat, fällt das mal mehr, mal weniger luxuriös aus. Mehrere Hoteliers haben ihre Häuser kostenlos geöffnet: für Rückkehrer, für Covid19-Erkrankte, die keinen Krankenhausaufenthalt benötigen oder für medizinisches Personal, das aus Angst vor Ansteckung von Familienmitgliedern in diesen Tagen nicht zu Hause wohnen will. Geld bekommen sie dafür nicht, aber die Hotels würden ja so oder so leerstehen, nachdem Tunesien Reisen außerhalb des eigenen Wohngebiets untersagt und die Grenzen schon im März geschlossen hat.

Ursprünglich mussten sich Rückkehrer und Erkrankte nur zu Hause isolieren. Doch daran hielten sich nicht immer alle, einzelne Rückkehrer lösten Cluster von mehr als hundert Infektionen aus. Die Regierung entschied sich für drastischere Maßnahmen. Wer einreist, wird am Flughafen in Empfang genommen und zentral untergebracht. Auch positiv getestete Patienten werden in Hotels oder Wohnheimen isoliert.

Repressiv, kritisiert, erfolgreich: die Maßnahmen zur Eindämmung

Die Reaktionen in Tunesien auf diese Maßnahmen sind gemischt. Während einige Kritiker die Maßnahmen wegen ihres repressiven Charakters ablehnen, fürchten andere, dass sich Kranke verstecken oder Verdachtsfälle sich nicht testen lassen, um nicht isoliert zu werden. Andere loben die Wirksamkeit der Maßnahmen. Anfang Mai hat die Zahl der geheilten Patienten erstmals die Zahl der aktiven Fälle überschritten. Die festgestellten Neuinfektionen bewegen sich seit einigen Tagen im unteren einstelligen Bereich.

Dies weckt vorsichtige Hoffnungen, dass die Tourismussaison vielleicht doch noch nicht endgültig gelaufen ist. Mehr als neun Millionen Besucher hatte Tunesien letztes Jahr verzeichnet: ein Rekord nach Jahren der Krise infolge des politischen Umbruchs 2011 und der Anschläge 2015 - und das trotz der Thomas Cook-Pleite, die sich auch in Tunesien bemerkbar machte.

Die Renaissance der Bettenburgen? 

2020 solle ein weiteres Erfolgsjahr werden, doch dann kam Corona. Während die Wintermonate traditionell schwach und für die Strandhotels ein Minusgeschäft sind geht die Saison ab Ostern so richtig los und zieht sich bis in den Spätsommer. Dann machen die meisten Unternehmen den größten Umsatz. Dieses Jahr ist der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr in den ersten vier Monaten um 22% eingebrochen, so die tunesische Zentralbank. Und das trotz zehn Prozent mehr Besuchern in den ersten beiden Monaten des Jahres.

Für die 400 000 Personen, die direkt oder indirekt vom Tourismus leben und mehr als zehn Prozent der aktiven Bevölkerung ausmachen ist dies nicht der erste Rückschlag. Er zeigt einmal mehr, wie krisenanfällig der Sektor ist. Dass der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller im April in Aussicht stelle, vielleicht sei Tourismus auch in Nordafrika im Sommer schon wieder möglich, wurde in Tunesien aufmerksam zur Kenntnis genommen. Ein Sanitärprotokoll hat das tunesische Tourismusministerium bereits erarbeitet. Es soll garantieren, dass mit strengen Auflagen Urlaubsreisen relativ gefahrlos möglich wären. Die Ironie der Geschichte: in den Bettenbunkern am Strand sollte es relativ leicht möglich sein, den Kontakt von Reisenden mit der Bevölkerung zu minimieren. Ob Corona wohl zur unerwarteten Renaissance des Pauschaltourismus beitragen wird, von dem Tunesien sich eigentlich schon seit langem verabschieden wollte?

20.04.2020

Tunesien: Was sagen die Zahlen?

Digitalisierung, Hoffen auf den Schnelltest und Angst vor der Rezession

Flacht die Kurve ab oder lügt die Regierung? Oder sind doch die Tests defekt? Viele Tunesier*innen wissen in den letzten Tagen nicht so richtig, wem und was sie glauben sollen. Mal gab es gut fünfzig neue Fälle pro Tag, dann waren es nicht mal ein halbes Dutzend, bevor die Kurve wieder hochging.

Insgesamt gibt es in dem nordafrikanischen Land mit 884 nachgewiesenen Infektionen (Stand: 19.04.) nach wie vor so wenig Fälle, dass schwerer betroffene Länder nur müde lächeln. Doch die Gefahr ist nicht zu unterschätzen, weder für das darbende Gesundheitssystem noch die sowieso schon schwache Wirtschaft.

Ab Ende April will der Krisenstab mehrere Hunderttausend Schnelltests einsetzen, um einschätzen zu können, wie weit sich der neue Coronavirus im Land schon ausgebreitet hat. In einer ersten Phase sollen diese an zwei Hotspots zum Einsatz kommen: zum einen im Großraum Tunis, wo rund ein Drittel der Bevölkerung des Landes lebt und je knapp die Hälfte der Erkrankungen und Todesfälle aufgetreten sind.

Zum anderen wollen sie sich auf El Golaa konzentrieren, einen Ort mit rund 7000 Einwohnern, im Südwesten des Landes am Rand der Wüste. In der Region hat ein einzelner, aus dem Ausland zurückkehrender Bewohner mit dem Besuch einer Hochzeit für 82 nachvollziehbare Infektionen in El Golaa und im Nachbarort Douz gesorgt, so dass der Bezirk mit 529 Fällen pro Million Einwohner im Landesdurchschnitt am stärksten betroffen ist. Der Vorteil: der Ort ist seit Bekanntwerden des Clusters abgeriegelt und so klein, dass dort durch die Schnelltests bald eine erste Einschätzung möglich sein sollte, wie stark sich Covid-19 dort verbreitet hat - eine Art tunesisches, ebenfalls mit Vorsicht zu betrachtendes Heinsberg also.

Digitalisierung: geht doch

Für Ende April erwarten die Behörden in Tunesien einen Peak - zwei Wochen, nachdem sie angefangen hat, Hilfszahlungen für Bedürftige auszugeben und sich in der Folgende in allen Landesteilen Hunderttausende vor Behörden und Postämtern drängelten, um sich das dringende benötigte Geld abzuholen, ohne Sicherheitsabstand oder Masken. Gerade wurden die strikten Ausgangsbeschränkungen erneut um zwei Wochen verlängert. Die Hilfszahlungen würden diesmal digitalisiert. Mit einem Code, den die Berechtigten aufs Handy erhalten, könnten sie direkt und auch ohne eigenes Konto das Geld am Automaten abheben, versprach der Regierungschef am Wochenende.

Manch eine*r reibt sich in Tunesien in diesen Tagen verwundert die Augen - ich gehöre dazu. Ausgangsgenehmigungen per Internet beantragen und dann einen QR-Code aufs Handy und per Mail bekommen, wo jahrelang ein Fax, ein möglichst offiziell aussehender Briefkopf und viele Stempel nötig waren: check. Die Liste der Bedürftigen digitalisieren, was seit mehr als zehn Jahren von der Verwaltung als unmöglich eingestuft wurde: in einer Woche erledigt. Einen neuen Bildungssender mit Programmen für alle Schulklassen und eine Plattform für digitale Kurse an der Uni gibt es auch schon. In Sachen Digitalisierung und Bürokratieabbau hat Covid-19 möglich gemacht, was man sich in zehn Jahren Demokratisierung kaum hat träumen lassen.

Doch die Hilfszahlungen kosten Geld, das Tunesien nicht hat. Einen Kredit über 745 Mio US$ hat der Internationale Währungsfond kurzfristig zur Verfügung gestellt. Die Rezession wird der fragilen Wirtschaft zu Schaffen machen. Tunesische Experten und internationale Organisationen rechnen mit einem Wachstum von bis zu minus 4,5%.

07.04.2020

Angst um die Existenz:

Lange können die Ausgangsbeschränkungen in Tunesien nicht aufrecht erhalten werden

Tunesien hat zur Zeit 574 bestätigte Krankheitsfälle und 22 Todesfälle (Stand 04.04.). Allerdings sind die Testkapazitäten begrenzt. Seit Beginn der Pandemie wurden nur knapp 7000 der rund 11,5 Millionen Einwohner getestet. Da das öffentliche Gesundheitswesen in einem relativ desolaten Zustand ist und es eine weitere Ausbreitung der Krankheit schnell zum Kollaps bringen würde wurden vergleichsweise früh sehr strikte Regelungen umgesetzt. Mitte März wurden die Grenzen geschlossen, es herrscht eine generelle nächtliche Ausgangssperre und tagsüber darf man nur zum Lebensmittelkauf aus dem Haus gehen. Rund 1,5 Millionen Personen wurden als systemrelevante Beschäftige (darunter auch Journalist*innen) eingestuft und dürfen mit einer Sondererlaubnis arbeiten.  

Wie geht die Bevölkerung damit um - und wie geht es dir dabei?

Laut einer repräsentativen Umfrage von Ende März fühlen sich rund 80% der Tunesier*innen gut über das Virus informiert. Mehr zwei Drittel finden, dass die Regierung angemessen reagiert. Wer kann, hält sich an die Ausgangsbeschränkungen. Mir fällt es nicht schwer, allerdings bin ich privilegiert und in der komfortablen Situation, im home office arbeiten zu können. Doch wer auf einmal den ganzen Tag mit der Großfamilie auf 30m2 sitzen muss und möglicherweise ums wirtschaftliche Überleben fürchtet, für den sind die aktuellen Auflagen dramatisch.

Welche regionalen oder andere Besonderheiten spielen eine Rolle?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen, die ja auch in Deutschland viel diskutiert werden, nehmen in Tunesien noch einmal eine andere Dimension an. Hier wird rund die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes im informellen Sektor erwirtschaftet. Vor allem für Tagelöhner und solche in prekären Beschäftigungsverhältnissen sind die Einschränkungen des täglichen Lebens existenzbedrohend, da ihnen vom einen auf den anderen Tag ihr dringend benötigtes Einkommen weggebrochen ist. Als die Regierung angefangen hat, Hilfsgelder für Bedürftige in Höhe von 50 bis 200 Dinar, umgerechnet 15 bis 60 Euro auszuzahlen, kam es vieler Orten zu Massenaufläufen. Social Distancing können sich hier viele Menschen nicht leisten.  

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