Corona-Trends: Weniger Neuinfektionen und kranke Kinder, kaum Einweisungen ins Krankenhaus

Die Entwicklung der Pandemie in Deutschland macht gerade Hoffnung. Doch wie nachhaltig ist sie?

Ina Fassbender/AFP Das Bild zeigt Schülerinnen des Phönix-Gymnasiums in Dortmund Mitte August 2020 im Unterricht. Die jungen Frauen sitzen dicht beieinander und lesen im Unterrichtsmaterial, sie tragen alle Mund-Nasen-Schutz.

INZWISCHEN LÄSST SICH die Trendwende auch optisch auf den ersten Blick erkennen. Wenn man sich die deutschen Corona-Tageszahlen seit Februar aus dem Corona-Dashboard der Johns-Hopkins-University herauszieht, sieht man nicht nur, dass Neuinfektionen seit dem Höhepunkt vor fast zwei Wochen langsam zurückgehen.

Man sieht auch: Der steile Berg im Frühjahr ist in keiner Weise mit dem sanften Hügel des Spätsommers zu vergleichen. Ob es überhaupt angemessen ist, die Entwicklung seit etwa 20. Juli als "zweite Welle", als "Wellchen" (Olaf Gersemann von der Welt) oder sonst irgendwie wellenförmig zu bezeichnen, ist dabei Ansichtssache – und hängt sicherlich vor allem davon ab, wie es in den nächsten Wochen weitergeht. Was sich derzeit sicher sagen lässt, bietet diese neue Zwischenbilanz.

Die Trendwende ist stabil

Am 3. September meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 1311 Neuinfektionen, das sind knapp 200 weniger als eine Woche zuvor. Die letzten sieben Tage zusammengenommen wurden deutschlandweit 7255 neue Corona-Fälle registriert – gut zwölf Prozent weniger als in den sieben Tagen zuvor. Damit nimmt der Abwärtstrend Fahrt auf. Verglich man die Kalenderwoche 35 mit der Kalenderwoche 34, lag das Sieben-Tages-Minus noch bei knapp 11 Prozent. Schon das war ein enormer Umschwung gegenüber dem Anstieg um 20 Prozent von Kalenderwoche 33 zu 34, der wiederum schon schwächer war als die 31 Prozent im Wochenvergleich davor.  

Parallel sank der R-Wert, der die Reproduktionsrate der Infektionen angibt, Anfang vergangener Woche wieder unter 1 und liegt jetzt bei 0,80 (4-Tage-R-Wert) beziehungsweise 0,91 (etwas weniger schwankungsanfälliger 7-Tage-R-Wert) – so niedrig wie seit Wochen nicht mehr. 

Der starke Anstieg in den vergangenen Wochen wurde von einer fast ebenso starken Ausweitung der Corona-Tests begleitet, was die Abschätzung der tatsächlichen Dimension des Infektionsgeschehens erschwerte. Zumindest ein Teil des Anstiegs ließ sich auf das Mehr an Tests und ihre Konzentration unter anderem auf Reiserückkehrer aus Risikogebieten zurückführen.

Die Graphik zeigt die Statistik der Infektionsfälle in Deutschland seit Februar. Zu sehen ist ein starker Anstieg vor allem im März, dann ein Abflachen und ein erneuter, aber weniger ausgeprägter Anstieg seit Juli.
Wie geht es weiter in der Pandemie? Jan-Martin Wiarda analysiert auf er Grundlage der Statistiken von RKI und Johns Hopkins University (Bild) die aktuellen Trends.

Nachdem die Testkapazitäten zuletzt an ihre Grenzen gestoßen waren, war absehbar, dass auch ihr Wachstum abflachen würden. So ist es gekommen: Die Zahl der Tests stieg nach vorliegenden Zahlen zwischen Kalenderwoche 34 und 35 nur noch um 4,5 Prozent auf gut 1,1 Millionen – nach Steigerungsraten von 22 beziehungsweise 18 Prozent allein in den beiden Wochen zuvor. Zugleich ging der Anteil der registrierten Neuinfektionen mit Ursprungsort Ausland von fast 50 auf nur noch rund 35 Prozent zurück.

Weniger Neuinfektionen trotz mehr Tests  

Was sich daraus schließen lässt: Die Zunahme an Tests und dann wiederum von positiv getesteten Reiserückkehrern hat eine deutlich geringere Auswirkung auf die aktuelle Corona-Statistik. Doch bedeutet das weder, dass der kräftige Anstieg seit Ende Juli vorrangig ein statistisches Artefakt – also nicht echt – gewesen sein könnte. Und es bedeutet im Umkehrschluss auch nicht, dass es jetzt nicht wirklich zu einer Entspannung im Infektionsgeschehen kommt.  

Sehr wohl hat das Testwachstum und die Fokussierung auf Reiserückkehrer den Anstieg aber zu einem gewissen Grad überzeichnet, möglicherweise wirkt dadurch auch der Rückgang jetzt stärker, als er ist. Aber die Trendwende ist trotzdem echt und nicht nur durch die Testpraxis bedingt.

Dafür gibt es mindestens zwei Belege: Erstens stiegen die Testzahlen ja trotzdem weiter, während die gemeldeten Neuinfektionen sogar zurückgingen. Zweitens hüpfte die sogenannte Positivenquote in der vergangenen Kalenderwoche zurück auf nur noch 0,74 nach 0,85 in der Woche davor. Soll heißen: Bei 1000 Tests wurden nur noch 7,4 Neuinfektionen festgestellt. Übrigens hat auch das mit dem Abflachen der Reisewelle zu tun – laut RKI hatte die Positivenquote unter den Rückkehrern deutlich höher gelegen und folglich den Wert zwischenzeitlich insgesamt nach oben getrieben. 

Rückgänge in fast allen Altersgruppen, aber die Jungen bleiben das Problem

Es ist die vielleicht beste Nachricht dieser Woche: In fast allen Altersgruppen sank die Zahl der Neuinfektionen zwischen Kalenderwoche 34 und vergangener Woche, der Kalenderwoche 35. Auch und teilweise sogar besonders stark bei den Jungen, auf die ein Großteil des Anstiegs seit Ende Juli zurückging. Konkret: -10 Prozent bei den 20- bis 29-Jährigen, -12 Prozent bei den 10- bis 19-Jährigen, -10 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen. 

Die mittelalten Jahrgänge sind ebenfalls deutlich im Minus: -12 bei den 40- bis 49-Jährigen, -12 Prozent bei den 50- bis 59-Jährigen.

Bei den älteren Altersgruppen dagegen stagnierende oder leicht steigende Zahlen, wobei das nicht wirklich bedeutsam ist, weil sie nie dramatisch angestiegen waren seit Ende Juli: +3 Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen, -3 Prozent bei den 70- bis 79-Jährigen, +4 Prozent bei den über 80-Jährigen. Um aber die geringe Dimension des Anstiegs bei den ganz alten zu verdeutlichen: 111 gemeldete Neuinfektionen in Kalenderwoche 35 gegenüber 107 in Kalenderwoche 34.

Trotz des deutlichen Rückgangs bei den Jungen bleiben diese Altersgruppen doch das Problem. Allein die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen stellt immer noch fast 30 Prozent aller registrierten Neuinfektionen, die 20- bis 39-Jährigen sogar fast die Hälfte. Das RKI vermutet, dass bei den 20- bis 29-Jährigen Vergnügungstourismus in Ländern wie Spanien, Kroatien und Bulgarien eine Rolle spielt.  

Der Rückgang auch bei den Jungen lässt die Hoffnung zu, dass die Reiserückkehrer das Infektionsgeschehen in Deutschland nicht nachhaltig erhöhen.

Was bislang jedenfalls festzuhalten ist: Der starke Anstieg in den jüngeren Altersgruppen hat sich nicht auf die viel stärker durch Corona gefährdeten Älteren übertragen. Die Zahl der registrierten neuen Krankenhauseinweisungen, die seit Ende Juli nie wirklich angestiegen war, geht nun schon die dritte Woche zurück – und zwar deutlich um über ein Drittel auf nur noch 275. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr lag die Zahl der gezählten wöchentlichen Krankenhauseinweisungen bei bis zu 6.041.

Auch die Zahl der Verstorbenen bleibt niedrig, lag in Kalenderwoche 32 bei 20 und in den Wochen danach bei 18, 10 und 6 – wobei die jüngsten Wochenzahlen erfahrungsgemäß noch steigen und damit nicht wirklich belastbar sind.

Trotz Schulanfang sinkt die Zahl der Infektionen bei Kindern

Die zeitliche Koinzidenz ist frappierend: Die Zahl der in der vergangenen Woche neuinfizierten 0- bis 9-Jährigen lag mit 548 um 17 Prozent unter der Kalenderwoche 34 – keine andere Altersgruppe verzeichnete einen stärken Rückgang. Schon in der Woche zuvor waren bei den Kleinsten die registrierten Neuinfektionen gegen den Trend gesunken. Und das, obwohl Woche für Woche mehr Bundesländer ins neue Schuljahr gestartet sind – mit Präsenzunterricht in voller Klassenstärke. Den Anfang hatte vor einem Monat Mecklenburg-Vorpommern gemacht.  

Womöglich lag der zwischenzeitliche Anstieg vor allem daran, dass auch viele Kinder sich auf Familienreisen in Risikogebiete angesteckt haben – und die Reiserückkehrer überdurchschnittlich oft getestet wurden. Und dass vor Schulanfang im Umkreis von Kitas und Schulen ebenfalls besonders viele Tests stattfanden.

Die Entwicklung der Infektionszahlen legt eines in jedem Fall nahe: Sorgen, dass die Rückkehr zum "Regelbetrieb" (der natürlich unter Corona-Bedingungen ein ganz anderer ist als vor der Pandemie) die Schulen zwangsläufig zu Hotspots machen werde, haben sich bislang nicht bestätigt. Was zeigt: Diesbezügliche Warnungen sollten künftig etwas zurückhaltender formuliert werden. Das Herstellen einfacher Kausalitäten in der Pandemie verbietet sich jedenfalls – erst recht, wenn es um die Bildungs- und Teilhaberechte von Kindern geht.

Die Kinder gehen ganz offenbar mit der Pandemieentwicklung mit, sie bestimmen sie nicht. All das heißt freilich nicht, dass die Zahl der Infektionen in Kitas und Schulen im Herbst und Winter nicht doch noch deutlich steigen könnten. Weil sie es auch im Rest der Gesellschaft fast zwangsläufig tun werden. Vielleicht sogar schon sehr bald, wenn die aktuellen Corona-Wellen in vielen europäischen Nachbarländern nicht abebben.

Es könnte also statt eines Hügels durchaus wieder ein spitzer Berg in der Corona-Grafik auftauchen. Doch auch das wäre kein Grund, wieder über die Schließung von Kitas und Schulen zu diskutieren, während der Rest der Gesellschaft offen bleibt. Diese schräge Debatte liegt – hoffentlich – hinter uns.  

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