Coronakrise: Reichen die Betten im Krankenhaus?

Krankenhäuser unternehmen einen enormen Kraftakt, um eine größere Zahl an Covid-19-Patienten zu versorgen. Von Susanne Donner

Man kann sich wundern. Während Menschen in Quarantäne gehen, wenn sie nachweislich längeren Kontakt mit einem SARS-CoV2-Infizierten hatten, gilt dies in Krankenhäusern längst nicht mehr. Diese Quarantäne sei nicht praktikabel, kritisierte der Verband der Universitätsklinika. Sonst müssten ganze Abteilungen schließen. Die Versorgung schwerkranker Patienten wäre dann nicht mehr sicherzustellen. „Das betrifft im Grunde alle Häuser“, sagt Michael Albrecht, 1. Vorsitzender des Verbands. 

Die Achillesferse, nicht nur in Italien, auch in diesem Land ist das Gesundheitswesen: Es müsste sich nun rasch dehnen – 14 Behelfskliniken und 50.000 Ärzte zusätzlich brauchte es in Wuhan. Aber elastisch wurde das Krankenhauswesen hierzulande kaum gedacht. Im Gegenteil: Es wurde in den letzten Jahren auf Effizienz ausgerichtet.

Dass Krankenhäuser keine Notfallpatienten mehr aufnehmen können, den Mann mit kompliziertem Beinbruch, die Oma mit Schlaganfall, weil sie voll sind mit Coronakranken – eine solche humanitäre Katastrophe gilt es nach Kräften zu vermeiden. Denn dann ist die Sterblichkeit infolge von Corona wie in Wuhan viel höher, weil die Leute eben auch an anderem sterben, wenn sie nicht versorgt werden können. Das ist der wichtigste Grund für den nun erfolgten Einschnitt in die Freiheiten der Bürger. In Norditalien gibt es Arztkreisen zufolge eine Altersobergrenze, im Elsass ebenso, wer noch auf die übervollen Intensivstationen darf. Niemand möchte eine solch menschenunwürdige Diskriminierung. Am 25. März aber veröffentlichten sieben Fachgesellschaften ein Statement, wonach es in Deutschland in „kurzer Zeit wahrscheinlich trotz erfolgter Kapazitätserhöhung nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen geben werde“. Sodann sollten die Patienten prioritär nach ihren Heilungschancen behandelt werden.

Belastungsprobe ungeahnter Dimension  

Die Belastungsprobe war absehbar: Covid-19 verläuft bei ungefähr einem von fünf Patienten in einer Weise, dass er oder sie medizinische Behandlung braucht. Das kann eine Sauerstoffmaske sein, um eine ausreichende Versorgung bei Atemnot sicherzustellen, oder eine künstliche Beatmung. Verschiedene Studien aus China ergaben einen Anteil an beatmeten Patienten an den Infizierten zwischen zwei (außerhalb von Wuhan) und 25 Prozent (Provinz Hubei). Patienten mit einer unkomplizierten Lungenentzündung lägen bisherigen Erfahrungen zufolge üblicherweise zwei, drei Wochen auf einer Intensivstation, so Albrecht. Kompliziertere Verläufe, die seltener sind, dauern allerdings deutlich länger.

Das Problem ist jedoch, dass die Dimension der Belastungsprobe ungewiss ist. Denn die Zahl der tatsächlich Infizierten hierzulande ist unbekannt. Da man sich am Anfang entschieden hat, nur sehr ausgewählte Personen zu testen, vor allem jene, die in einem Risikogebiet waren, kennt man viele Infizierte nicht. Dazu kommt: Covid-19 ist eine unsichtbare Krankheit. Ihre Symptome sind unspezifisch, und sie ist auch schon während der beschwerdefreien Inkubationszeit von rund fünf Tagen ansteckend. Den chinesischen Daten zufolge entwickeln gerade Kinder und Jugendliche vielfach gar keine Symptome, können aber andere anstecken, die dann schwer erkranken. „Die Dunkelziffer hierzulande ist erheblich“, sagt Albrecht. Und sie schafft für das Gesundheitswesen nun Unsicherheit. „Wir wissen nicht genau, wie groß die Welle wird.“

Viele Betten und noch mehr

Eine gute Nachricht gibt es zumindest: Deutschland hat mit 28.000 vergleichsweise viele Intensivbetten pro Kopf. Das sind zweieinhalb Mal so viele wie in Italien. Nur sind diese Betten pi mal Daumen zu 80 Prozent belegt, sagt Gesundheitsökonom Bernd Mühlbauer von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Er warnte früh vor der Fragilität des Krankenhauswesens hierzulande. Kurzfristig ließen sich vielleicht Container für Intensivbetten aufstellen. Aber auch das benötigt Zeit. Nun stellte Gesundheitsminister Jens Spahn einen finanziellen Bonus für jedes zusätzliche Intensivbett in Aussicht, sodass gegenwärtig Abteilungen, die gewöhnlich keine Intensivmedizin praktizieren, Betten aufrüsten. Die Charité widmet aktuell ganze Stationen um. In Berlin soll zudem auf dem Messegelände eine Interimsklinik für 1000 Patienten entstehen.

„Wir stellen uns auf eine Dreiteilung der Intensivversorgung ein, leichte, mittlere und schwere Fälle“, sagt Albrecht. „Die Herausforderung ist aber, dass wir die Patienten von Anfang an ins richtige Bett bringen müssen. Dafür müssen wir nun in der Krise loyal und koordiniert zusammenstehen und zeigen, wie gut wir wirklich sind“, sagt Albrecht. „Es darf nicht der Tumorpatient im Intensivbett mit Beatmungsgerät liegen, während der Beatmungspatient 100 Kilometer entfernt im Bett ohne Beatmungsgerät gelandet ist. Dann liegen die Falschen am falschen Ort. Die Verteilung der Patienten ist der Schlüssel.“ In nur zehn Tagen ließ die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ein Register programmieren, in dem Krankenhäuser freie Intensivbetten melden. Die bloße Infrastruktur genügt aber nicht, wenn man sich vergegenwärtigt: Üblicherweise fährt der Rettungswagen den Kranken einfach ins nächstgelegene Krankenhaus.

Kaum Personal

Das noch größere Problem: Betten alleine reichen nicht. Es braucht Personal, um beatmungspflichtige Kranke zu versorgen. Und jedem Gesundheitspolitiker dieses Landes war lange bekannt, dass dieses Personal schon im Normalbetrieb viel zu knapp ist. Das Deutsche Krankenhausinstitut berechnete aktuell, dass 17.000 Pflegekräfte fehlen, auch auf Intensivstationen. „Aus diesem Grund sind in der Vergangenheit bereits Intensivbetten gesperrt worden. Krankenhäuser haben sich tageweise von der Notfallversorgung abgemeldet“, so das Institut. In Deutschland kommen im Schnitt 13 Patienten auf eine Pflegekraft, in den Niederlanden dagegen nur 7. Das war vor Covid-19.

Gesundheitsminister Spahn hat im ersten Schritt die Personaluntergrenzen bis auf Weiteres ausgesetzt. Das heißt, eine Pflegekraft kann nun mehr Patienten betreuen als bisher. Die zweite Idee: Kliniken sollten auf Studierende und berentete Ärzte zurückgreifen. Zusätzlich sollen Reservisten und Notfallsanitäter in den Bundeswehrkrankenhäusern einspringen. „Wir haben bereits die rund 2000 Medizinstudierenden an unserem Campus des Uniklinikums Dresden registriert“, sagt Albrecht. „Rund hundert davon setzen wir aktuell schon ein.“ Die Bertelsmann-Stiftung rief nun mit der Initiative „Pflegereserve“ dazu auf, dass sich Pflegekräfte, die in anderen Bereichen arbeiten, melden.

Auch die Lockerung der Quarantäneauflagen soll das ohnehin knappe Personal nicht noch zusätzlich ausdünnen. „Darin liegt aber eine große Gefahr“, sagt Mühlbauer. Denn so steigt das Infektionsrisiko für Ärzte und Pflegekräfte. Zwar sollen diese regelmäßig getestet werden. Aber bis zum Vorliegen des Ergebnisses besteht die Gefahr, Kollegen und Patienten anzustecken. In Italien soll nun mancherorts ein Drittel des medizinischen Personals infiziert sein.

Ein ökonomisches System im Krisenmodus

Derweil hat man eine andere Schraube des Gesundheitswesens bedient, wie es auch Italiens Kliniken vor rund einem Monat getan haben. Patienten, die zu einer geplanten OP kommen, müssen bis auf unbestimmte Zeit warten. Aber wie gut kann das funktionieren? Wie bereitwillig vertrösten Krankenhäuser ihre lukrativen Hüft- und Herzkatheterpatienten? Kliniken sollen schwarze Zahlen schreiben. Manager achten darauf, dass die Operationssäle dicht belegt sind und maximale Vergütung erzielen. Chefärzte bekommen regelhaft mehr Gehalt, wenn sie die Zielvorgaben erfüllen. 90 Prozent aller Chefarztverträge in hiesigen Krankenhäusern sehen solche Boni vor. Wie kann ein System, dass seit Langem an erster Stelle effizient laufen soll, in dem Patienten Fälle sind und Ärzte in Minuten eingeteilt werden, auf einmal den notleidenden Coronapatienten in den Blick nehmen? Zumal die Versorgung von Coronapatienten vergleichsweise wenig lukrativ ist. Es gibt keinen Schalter, der ein geldorientiertes System über Nacht zu einem barmherzigen Ort macht. Man müsste schon sehr deutlich die Weichen stellen, damit nun das Richtige passiert: „Die Krankenkassen müssten ein Zeichen setzen, dass für Coronapatienten eine etwas höhere Fallpauschale abrechenbar ist, auch für Schutzausrüstung. Die halten aber alle still. Es ist unerträglich“, sagt Mühlbauer. Politisch müsste ein klares Signal kommen, dass Coronapatienten nicht abgewiesen werden dürfen, wenn Betten für Privatpatienten frei wären. „Gegen solche Unmoral müsste man deutlich vorgehen“, fordert Mühlbauer. Albrecht verteidigt zwar die Ärzte: „Die Loyalität, die Krise zu meistern, ist momentan groß.“ Aber: „Wenn kleinere Häuser nun keine Einnahmen aus geplanten Eingriffen erzielen, haben sie in kurzer Zeit, das kann zwei Wochen heißen, Liquiditätsprobleme.“ Spahn stellte den Krankenhäusern eine finanzielle Kompensation für die Einnahmen in Aussicht, die ihnen wegen abgesagter Operationen entgehen könnten. Diese wurde jedoch von Fachgesellschaften scharf als unzureichend kritisiert. 

„Es mangelt an Weitsicht und Nachdenken in diesem Land“, klagt Mühlbauer. „Das Gesundheitssystem dient der Daseinsvorsorge. Es müsste immer für solche Fälle gewappnet sein. Und Corona ist nicht einmal ein wahnsinnig aufregender Krankheitserreger, es ist weder eine neue Pest noch eine unbekannte Cholera.“

„Ich möchte kein ECMO“

Nichtsdestotrotz birgt jede Krise eine Chance. Patienten bekommen in deutschen Krankenhäusern immer wieder Therapien, die sie nicht unbedingt wollen. Die Techniker Krankenkasse weist selbst auf auffällig viele Reanimationen am Lebensende hin und geht von monetären Gründen aus: Mit den Kranken im Sterbebett wird die Kasse aufgebessert. In einer bemerkenswerten Erhebung legte der Pflegewissenschaftler Guido Schliemann von der Universität Bremen offen, dass besonders pflegebedürfte demente Menschen ungefragt in hoher Zahl in deutsche Krankenhäuser eingeliefert und behandelt werden.

„Da ist die Luft zum Guten in der Coronakrise“, betont ein anonym gefragter Arzt eines Krankenhauses. Ihm zufolge kursieren nun Notfallpatientenverfügungen. Pflegeheimbewohner sind aufgerufen, anzugeben, was sie wollen: 1. nicht ins Krankenhaus: nur eine lindernde Therapie, 2. eine Behandlung im Krankenhaus, aber keine Intensivtherapie oder 3. Maximalversorgung, also alle Formen der Beatmung bis zum ECMO. 

„Wir wissen, dass bei Beatmung über zehn Tage insbesondere ältere Betroffene mit Tod oder Schwerbehinderung nach längerer leidvoller Intensivtherapie rechnen müssen“, erklärt der Arzt. „Advanced care planning“ – wörtlich „fortgeschrittene Pflegeplanung“ – heißt es im Fachjargon, wenn man Menschen vorher fragt, was sie im Krankenhaus für Therapien möchten. Auch im Papier der Fachgesellschaften taucht sie als Option auf, die Überlastung der Kliniken abzuwenden. Albrecht sagt: „Wenn wir von einer Flut von Notfallpatienten überrollt werden, haben wir keine Zeit, Patienten und Angehörige nach ihren Wünschen zu befragen.“ Und der Arzt aus dem deutschen Krankenhaus hofft: „Wenn wir das jetzt einführen, können wir die schlimme Altersdiskriminierung wie in Italien vermeiden, die ansonsten mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf uns zukommt.“

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