Was sollen Immunitätspässe bringen, und wie sinnvoll sind sie?

Der so genannte Corona-Pass soll den Menschen, die das Virus bereits hatten, mehr Freiheiten geben – aber das Konzept ist voller Lücken.

Bei RiffReporter berichten WissenschaftsjournalistInnen für Sie über die Pandemie

Kurzantwort

Derzeit lässt sich nicht sagen, ob und wann es einen Corona-Immunitätsausweis oder Corona-Pass geben wird – vielleicht kommt er gar nicht. Der Immunitätsausweis soll an Menschen ausgestellt werden, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben und deshalb immun sind. Wer den Pass besitzt, müsste sich an die geltenden Beschränkungen nicht mehr halten. Der Ausweis könnte auch das Leben der Menschen erleichtern, die ohne Immunität nur eingeschränkt oder unter besonderen Hygiene-Auflagen arbeiten können – etwa in der Alten- und Krankenpflege. Doch das Konzept wird heftig kritisiert. Es gibt rechtliche und ethische Bedenken. Auch die wissenschaftliche Grundlage ist fraglich: Die Corona-Forscher wissen nämlich noch nicht genau, wie das Immunsystem des Menschen auf das Virus reagiert.     

Erklärung

Die Einführung eines Immunitätsausweises war ursprünglich im 2. Pandemiegesetz ge­plant, das am 15. Mai 2020 im Bundestag beschlossen wurde. Der Passus wurde aber nach heftiger Kritik aus dem Entwurf gestrichen. Gesundheitsminister Spahn hat den Deutschen Ethikrat als Beratergremium der Bundesregierung um eine Bewertung des Konzepts gebeten. Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats wird noch dauern, denn das Gremium ist turnusmäßig gerade erst neu besetzt worden. Der Rat will seine Bewertung des Corona-Passes noch vor der parlamentarischen Sommerpause Anfang Juli veröffentlichen.

Mehrere Argumente sprechen zumindest in den nächsten Monaten gegen die Einführung eines Immunitätsausweises:

Erstens: Es bestehen noch erhebliche Lücken im Verständnis der Immunreaktion des Körpers bei einer Infektion mit Sars-CoV-2. Noch ist unklar, ob Covid-19-PatientInnen nach ihrer Genesung tatsächlich eine Immunität erwerben. Im Blut von genesenen Covid-19-PatientInnen lassen sich zwar häufig Antikörper nachweisen, aber InfektionsforscherInnen setzen diesen Befund nicht gleich mit einem gesicherten Schutz gegen eine erneute Infektion. Selbst wenn das der Fall sein sollte: Niemand kann derzeit sagen, ob diese Immunität ein Leben lang halten würde oder zeitlich begrenzt ist. Bei vielen herkömmlichen Atemwegserkrankungen hält die Immunität nur ein paar Jahre.

Zudem ist es möglich, dass für einen effektiven Schutz eine bestimmte Menge an Antikörpern im Blut vorhanden sein muss. Für andere Infektionskrankheiten trifft das zu: MedizinerInnen ermitteln deshalb in unklaren Fällen den Impfstatus einer Person mit einer Titer-Bestimmung (Immunitätsbestimmung) nach Blutentnahme. Ist die Menge an Antikörpern zu niedrig, reicht der Impfschutz nicht aus, um eine Ansteckung zu verhindern. Ob ein solcher Schwellenwert auch bei Sars-CoV-2 existiert und wie hoch er ist, ist bisher nicht bekannt. Ohne diesen Wert fällt es indes schwer, einen Antikörper-Wert zu bestimmen, auf dessen Basis der Ausweis ausgestellt werden könnte. 

Zu wenige Tests auf Antikörper verfügbar  

Zweitens: Die Infektion mit Sars-CoV-2 verläuft häufig ohne Symptome. Auch diese Gruppe von Corona-Infizierten kann Antikörper entwickeln. Viele Menschen wissen aber nicht, ob sie eine Infektion durchgemacht haben oder nicht. Das bedeutet in der Praxis, dass alle BürgerInnen ein Recht auf einen Antikörpertest bekommen müssten. 80 Millionen Tests stehen in Deutschland aber nicht zur Verfügung. Damit würden BürgerInnen, denen der Test vorenthalten wird, ungerecht behandelt. Denn diejenigen, die Covid-19 mit Symptomen hatten, bekommen vermutlich einfacher einen Test als diejenigen, die keine Symptome entwickelt haben – und somit auch einen Immunitätspass.

Drittens: Die bisher vorhandenen Antikörpertests sind zwar gut, aber noch nicht zuverlässig genug. Sie bieten noch nicht die Sicherheit, die für die Ausstellung eines Ausweises nötig wäre.    

Viertens: Ein Immunitätsausweis könnte das Verhalten der Menschen verändern. Wenn mit dem Besitz des Ausweises große Vorteile verbunden sind, wird eine Ansteckung mit dem neuen Coronavirus plötzlich attraktiv. Viele Menschen könnten das Risiko einer Infektion in der Hoffnung eingehen, dass der Krankheitsverlauf mild verläuft und sie danach einen Immunitätsausweis erhalten. Das widerspricht dem bisherigen Ansatz, möglichst viele Infektionen zu verhindern.

Vergleich zwischen Corona und Gelbfieber hinkt   

Fünftens: Gesundheitsminister Spahn hat den Corona-Pass mit dem Eintrag einer Gelbfieberimpfung im Impfpass verglichen. Dieser Vergleich hinkt. Spahn hatte an diesem Beispiel argumentiert, schon heute sei es üblich, dass Reisende ihre Immunität gegen eine Krankheit mit einem Dokument nachweisen, um in ein Land einzureisen. Der Gelbfieberstempel dokumentiert aber lediglich, dass der Besitzer des Impfpasses sich einer freiwilligen Impfung unterzogen hat. Impfungen sind jahrzehntelang erprobte Abläufe, die mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit eine Immunisierung bewirken. Sie stehen allen Menschen zur Verfügung – aber sie haben kaum etwas gemein mit der Infektion mit einem aktiven, weitgehend unbekannten Krankheitserreger wie Sars CoV-2.             

Sechstens: Die Frage, welche Einschränkungen wann und für wen zulässig sind, beschäftigt schon jetzt zunehmend die Gerichte. Der Immunitätspass dürfte zu noch mehr rechtlichen Streitfällen führen. Denn er stellt ein Prinzip des Grundgesetzes in Frage: Menschen dürfen in der Ausübung ihrer Grundrechte – etwa bei der Bewegungsfreiheit –  nicht unterschiedlich behandelt werden, nur weil sie krank oder gesund gewesen sind.  (Rainer Kurlemann)

Quellen:

  1. Corona
  2. Katalonien
  3. Politik
  4. Reiseland
  5. Spanien
  6. Urlaub

Unterschiede zwischen Spanien und Katalonien

Interview mit dem Romanisten Prof. Dr. Ulrich Hoinkes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der sich seit 40 Jahren mit Land und Leuten beschäftigt.

Porträt Romanist Prof. Dr. Ulrich Hoinkes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
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