Code Noir

Zur Ökonomie des Sklavenhandels. Von Carmela Thiele

Janisch

11. September 2017

Information ist nicht gleichbedeutend mit Wissen. Auch wenn klar ist, dass es den Sklavenhandel gab, auch wenn sich heute im Grunde alle vernünftigen Menschen einig sind, dass dies eine erschreckende Tatsache ist: dass 13 Millionen Menschen von Afrika nach Nord- und Südamerika über vier Jahrhunderte zwangsverschifft wurden, macht sich nicht jeder bewusst - und noch viel weniger, welche Tragweite dieser Vorgang bis heute hat. Manche Besucher_in der d14 hat vielleicht betroffen den in der Neuen Galerie ausgestellten Code Noir zur Kenntnis genommen, der seit 1685 in den Kolonien den Umgang mit den Sklaven regelte, und als Bezugspunkt postkolonialen Denkens inmitten zeitgenössischer afrikanischer Kunst ausgestellt war. Aber was kann diese Betroffenheit bewirken?

Wie ist zu erreichen, dass die beschämenden Fakten nicht an uns abprallen, sondern uns helfen, unser koloniales Erbe und damit auch die Gegenwart besser zu verstehen? In Deutschland ist im vergangenen Sommer die Kolonialismusdebatte entbrannt – Anlass war die in vielen Punkten widersprüchliche Konzeption des Berliner Humboldt-Forums, wo ab 2019 die ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen Berlin gezeigt werden sollen. Die Politik ergeht sich nun in Absichtserklärungen. Aber was bedeutet das überhaupt – verantwortungsvoller Umgang mit dem kolonialen Erbe? In Frankreich dauerte die gesellschaftliche Aufarbeitung Jahre und ist auch zu einer Herausforderung für die Museen geworden.

Beispiel Nantes: Im Shop des Stadtmuseums gibt es für drei Euro den Code Noir im Miniaturformat zu kaufen, mit einer Einführung von Christiane Taubira, französische Justizministerin von 2012 bis 2016. Sie stammt aus Französisch-Guayana und ist Namensgeberin des Loi Taubira, in dem Frankreich 2001 die Sklaverei und den Sklavenhandel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannte. Ein in Leder gebundenes Exemplar aus dem 17. Jh. gehört auch zur Dauerausstellung des Stadtmuseums in Nantes, und hier stimmt hier der Kontext. Von der Stadt an der Loiremündung starteten 43 Prozent aller französischen Sklavenschiffe mit Ziel Westafrika. Dort nahmen sie die von Einheimischen gejagten und an die Europäer verkauften Gefangenen an Bord, um sie als Arbeitskräfte zu den Plantagen in den Kolonien zu transportieren.

Ladeplan des Sklavenschiffs Marie-Séraphique, deren Fahrt am 25. August 1769 begann und am 16. Dezember endete. (Detail) Musée d'histoire de Nantes
Der MIniatur-Band des Code Noir enthält neben der Einleitung von Christiane Taubira mehrere veränderte Versionen des Code Noir, deshalb Codes Noirs.
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Darstellung der Finanzen und des Handels im französischen Teil von St. Domingo im Dezember 1790. Danach umfasste die Bevölkerung damals 38 360 freie Weiße, 8 370 befreite Schwarze und 455 000 Sklaven.

Der Sklavenhandel verhalf der Region Nantes bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu Wohlstand und Reichtum. Nicht nur die Kaufleute profitierten, sondern auch die Schiffsbauer, das Handwerk und die Expeditionsausrüster. Manufakturen, die Stoffe als Tauschware herstellten oder Fußfesseln aus Eisen schmiedeten, brauchten sich um mangelnde Nachfrage nicht zu sorgen. Zwar existierte eine Société des amis des Noirs in der Stadt, doch konnte diese die Dynamik des prosperierenden Handels nicht im Ansatz stoppen. In der Ausstellung erinnert eine dekorierte Fayence-Schüssel an die noble Vereinigung. Sie zeigt das Bild eines auf Knien bittenden Gefangenen, überwölbt mit dem Schriftzug „Bin ich nicht ein Mensch und euer Bruder?“

In einem langen Prozess, nicht ohne Widerstand mächtiger Familien, setzte sich Nantes – wie übrigens auch Bordeaux – mit seiner dunklen Vergangenheit auseinander. Es begann 1985 mit dem Plan der Association Nantes, anlässlich des 300. Jahrestag des Code Noir , die Erforschung der Kolonialgeschichte der Stadt anzuregen, aber auch mit Veranstaltungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch die Stadtverwaltung weigerte sich, das Projekt zu finanzieren und provozierte damit eine - am Ende fruchtbare - Debatte um die Aufarbeitung der Vergangenheit. Acht Jahre später lief eine erfolgreiche Sonderausstellung zu dem Thema im Stadtmuseum Nantes, 1998 erschien die bis heute nachgefragte Studie Nantes au temps de la traite des Noirs des Historikers Olivier Pétré-Grenouilleau, der auch aus Nantes stammt. 2007 wurden erste Räume in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zum Thema eingerichtet, heute ist der atlantische Sklavenhandel eines der Schwerpunkt-Themen des 2016 neu eingerichteten Hauses.

Vermittlung erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Kurze Filme zeigen Episoden aus der Kolonialzeit, die nicht immer eine Erfolgsgeschichte war. So scheiterte eine der ersten Expeditionen 1707, weil die L’Hercule vor der Elfenbeinküste in eine Auseinandersetzung mit einem holländischen Schiff geriet. Von Kanonenkugeln getroffen, explodierte der französische Segler, und ein Großteil der Besatzung kam ums Leben. In der Regel aber erstaunt die nüchterne Darstellung des minutiös geplanten atlantischen Dreieckhandels. Schiffsmodelle, Seekarten, Druckgrafiken und Gemälde liefern Puzzleteile, um die Gründe zu verstehen, die den – unchristlichen – Menschenhandel unverzichtbar erschienen ließen. Schnell wird klar, dass die Geschichte Europas ohne koloniale Ausdehnung eine andere gewesen wäre. Eine Zuckerdose ist nicht mehr nur ein schön dekoriertes Gefäß, sondern ein Hinweis auf den durch den Sklavenhandel ermöglichten Rohrzuckeranbau auf den Antillen.


Handelsszene an der afrikanischen Küste in der ersten Hälfte des 19. Jh. Nach dem Verbot des Sklavenhandels nahmen die Schiffe nur noch kleinere Gruppen an abgelegenen Stellen auf und mieden die großen Forts.
In Nantes hergestellte bedruckte Stoffe dienten im Sklavenhandel als Tauschware.
Auf den in das Ausstellungsdisplay eingebetteten Monitoren laufen animierte Filme oder Audios - wählbar entsprechend Thema und Sprache.

Effizienz war schon damals im Handel oberstes Gebot: Der penibel ausgeführte Ladeplan der Marie-Seraphique gibt nicht nur die optimale Anordnung der Fässer vor, sondern auch die der 650 in Seitenlage eng aneinander gedrängten Gefangenen. Im Code Noir werden die Sklaven als Sachen bezeichnet, als meuble, die zwar bei Krankheit ärztlich zu versorgen, aber nach dreimaligem Fluchtversuch mit dem Tode zu bestrafen seien. Damit die menschliche Fracht die wochenlange Seereise auch durchhielt, wurden regelmäßig Waschungen durchgeführt, das Deck von den Gefangenen selbst gereinigt, die Verpflegung einige Tage vor Einlauf in den Zielhafen aufgestockt. Das lief nicht ohne Aufstände, Selbstmorde und Bestrafungen ab, das Leid ist unvorstellbar.

Illegaler Sklavenhandel in Nantes

Die Präsentation verschweigt nichts, prangert aber auch nichts an. Bereits seit dem 15. Jahrhundert waren Araber und Portugiesen im Sklavenhandel aktiv, zeitweise überflügelten die Engländer alle Konkurrenten. Eigentlich hatten die Kolonisten mittellose Franzosen als Arbeitskräfte in die Kolonien locken wollen, doch reichte die Zahl der Engagés bei weitem nicht aus. Die Konkurrenz zu anderen Ländern und der Sog wirtschaftlichen Erfolgs machten Vermittler und Händler unempfindlich für ihr brutales Geschäft. Ihr Wohlstand hing von der Ausbeutung der Kolonien ab, es schien keine Alternative zu geben. Selbst als im Zuge der Französischen Revolution die Sklaverei abgeschafft wurde, setzen sich Unternehmer aus Nantes dafür ein, dass Freiheit und Gleichheit für die Gefangenen in den Kolonien nicht gelten dürfe. Auch nach weiteren Verboten trieben sie den Handel illegal weiter.

Aufbegehren wie Hoffnungslosigkeit der Gefangenen versinnbildlicht die 2011 eröffnete Gedenkstätte in Nantes, die an die Abschaffung der Sklaverei erinnert. Am Quai de la Fosse, wo einst Sklavenschiffe mit harmlosen Namen wie Le Prudent, (Der Umsichtige), La Légère (Die Leichte) oder Les Trois Maries (Die drei Marien) für ihre Reise nach Afrika Proviant und Tauschwaren luden, müssen die Besucher auf das Niveau jener Decks hinabsteigen, wo vermutlich auf der Passage von Afrika in die Kolonien Hunderte von Menschen zusammengepfercht in Ketten lagen. Beim Abschreiten der langen Zeitleiste, der zähen Geschichte der Abschaffung der Sklaverei, klingt den Besuchern das Geräusch des an die Kaimauer schwappenden Wassers in den Ohren, die eigenen Schritte auf den Holzplanken. Die transparenten Schrifttafeln ragen aus dieser Unterwelt hinauf auf das Straßenniveau, wo sie ihren Zweck jedoch nicht preisgeben. Nur im Bauch des imaginären Schiffes sind jene Zitate zu lesen, die den Willen dokumentieren, den Menschenhandel zu beenden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sollen aber noch heute 200–250 Millionen Menschen – darunter viele Kinder – in Sklaverei oder der Sklaverei ähnlichen Verhältnissen leben.

Eine lange Geschichte ist also mit einem auf der d14 als gedankliche Duftmarke platzierten Exponat wie dem Code Noir verbunden. Aber vielleicht hat der Anblick bei dem einen oder anderen auch Neugierde erzeugt, Nachforschungen in Gang gesetzt. Um aber eine Breitenwirkung zu erzielen braucht es Museen, die anschaulich machen, wie auch in der Vergangenheit Ökonomie und Unterdrückung eine unselige Alliance eingegangen sind. Auch in Frankreich ist die Debatte übrigens noch nicht beendet, sondern hat eine neue Wendung genommen. Auf Guadeloupe hat sich, wie Die Welt berichtete, die Bevölkerung vehement gegen das vor zwei Jahren eingeweihte, 85 Millionen teure Zentrum zum Gedenken an den Sklavenhandel in der Karibik gewandt. Die Besinnung auf die Vergangenheit würde sie nicht weiterbringen; was Not tue, seien Mittel, um die 50-prozentige Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen.