Schulnote vier für Radverkehrsplaner

Eine Umfrage des ADFC zeigt die Unzufriedenheit der Radfahrer

Andrea Reidl Eine Radfahrerin fährt an einer Baustelle vorbei und wird mit wenig Abstand von einem Auto überholt

Die Mehrheit der Radfahrerinnen und Radfahrer fühlt sich auf deutschen Straßen unsicher und nicht ernst genommen. Und sie stellt Verkehrsplanern und Politikern in ihren Städten und Kommunen mit einer Schulnote von 4,2 ein schlechtes Zeugnis aus. Das geht aus dem aktuellen ADFC-Fahrradklima-Test hervor, den der Fahrradclub an diesem Dienstag gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium veröffentlicht hat. Das Ministerium finanziert den Test seit Jahren. 

Bei der letzten Befragung im Jahr 2016 lag der Wert noch bei 3,9. Der ADFC wertet dieses Umfrageergebnis als besorgniserregend. Viele Radfahrer bemängeln die schlechte Infrastruktur und fehlende Verkehrssicherheit. Und besonders Eltern haben Sorge, ihre Kinder in den Städten mit dem Rad fahren zu lassen. Eine sichere und zusammenhängende Infrastruktur, wie Autofahrer sie gewohnt sind, gibt es in Deutschland für Radfahrerinnen und Radfahrer noch immer nicht. Dass der Radverkehr irgendwann einen Teil des Autoverkehrs ersetzen kann, glauben die wenigsten Befragten.

Laut ADFC ist die fehlende Sicherheit auch der Grund, warum der Radverkehr in Deutschland nicht weiter wächst. Nach wie vor liegt sein Anteil am gesamten Straßenverkehr bei elf Prozent. In anderen europäischen Ländern – etwa den Niederlanden – beträgt sein Anteil 30 Prozent.   

Sichere Wege vom Start bis zum Ziel

Die Befragten verteilten in dem Test Schulnoten von sehr gut bis ungenügend zu Fragen, ob Radwege von Falschparkern freigehalten werden, ob man sich als Verkehrsteilnehmer ernst genommen fühlt, ob sich das Radfahren auch für Familien mit Kindern sicher anfühlt und ob das Radfahren in ihrer Stadt grundsätzlich eher Spaß oder Stress bedeutet. 

Was sich Radfahrerinnen und Radfahrer am meisten wünschen, sind laut ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork vor allem sichere Wege vom Start bis ans Ziel. In der Umfrage erklärten viele, sie würden von Autofahrern zu schnell und mit zu geringem Abstand überholt. Das Mindestmaß liegt laut Rechtsprechung bei einem Sicherheitsabstand von 1,5 Metern, selbst wenn die Radfahrer auf Schutz- oder Radstreifen unterwegs sind. Auf der Straße wird der Abstand im Alltag regelmäßig unterschritten. Außerdem zwingen Falschparker Radler immer wieder, sich in den fließenden Autoverkehr einzufädeln. Das sei gefährlich und verursache Stress, urteilten die befragten Radfahrerinnen und Radfahrer. 

"Der Fahrradklima-Test und andere Befragungen zeigen, dass die Hälfte der Menschen, die täglich Rad fahren, sich nicht sicher fühlt", sagt Stork. "Wie sollen wir Menschen davon überzeugen, ihre Autos zu verlassen, wenn sich selbst die Radfahrer unsicher fühlen, die täglich unterwegs sind?", fragt er. Stork plädiert für breite geschützte Radstreifen, die klar zeigen, dass Parken und Befahren für Pkw verboten ist.  

Mehr Radverkehr sei aber kein Selbstzweck, betont ADFC-Sprecherin Stephanie Krone. Das Ziel seien lebenswerte Städte für alle. Die Steigerung des Radverkehrs sei daher inzwischen Teil einer globalen Debatte um den Verkehr der Zukunft und die Zukunft des Klimas.

"Es rächt sich, wenn man nichts tut"

Für den ADFC ist die Anwesenheit des Verkehrsministers während der Präsentation ein wichtiges Signal. Denn erstmals seit Bestehen der Umfrage zeichnet mit Andreas Scheuer ein Bundesverkehrsminister die Siegerstädte im Rahmen einer Preisverleihung persönlich aus. Das ist ein Novum und zeigt, dass der Radverkehr in Zeiten von Klimakrise, Stau und schlechter Luft besonders in den Ballungszentren politisch wichtig wird.  

Scheuer sehe das Fahrrad zwar noch nicht als echtes Verkehrsmittel, aber er kümmere sich um das Thema, sagt Stork. In Brüssel hatte der Minister kürzlich auf eine EU-weite Pflicht zum Einbau von Abbiegeassistenten in Lkw gedrängt. Mit Erfolg, ab 2022 werden sie Pflicht. Der ADFC hatte ihren Einbau bereits seit Jahren gefordert. 

Die fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands ist dem Test zufolge Karlsruhe. Dabei war die vor einigen Jahren Schlusslicht beim Fahrradklima-Test. Für die Entscheider war das ein Ansporn. Seitdem bauen sie die Radinfrastruktur für die 310.000 Einwohner sukzessive aus. Erst im Sommer 2018 wurde am Hauptbahnhof eine Autotiefgarage mit 38 Parkplätzen in ein helles Fahrradparkhaus mit Platz für mehr als 600 Fahrräder und Umkleiden für Pendler umgebaut.

Der größte Verlierer des Fahrradklima-Test 2018 ist hingegen Münster. Über Jahrzehnte galt die Stadt als Vorbild, hatten hier die Verkehrsplanerinnen und Verkehrsplaner den Radverkehr doch intelligent ins Verkehrsnetz integriert, als andere Städte noch ausschließlich für Autos planten. Aber der Bau moderner Anlagen liegt mittlerweile weit zurück, viele Standards in der Stadt sind inzwischen veraltet und das merken die Radfahrer täglich auf ihren Wegen. "Es rächt sich, wenn man nichts tut", sagt Stork.  

Fast alle Städte rutschen ab

Aber nicht nur Münster hat bei den Radfahrern an Punkten verloren, bis auf wenige Ausnahmen sind alle Großstädte in der Bewertung abgerutscht. Stork stellt allerdings fest: Die Debatte um die Radinfrastruktur habe sich in den vergangenen fünf Jahren verändert. Die Ansprüche seien daher gewachsen. Viele hätten mittlerweile eine klare Vorstellung davon, wie sicheres Radfahren im 21. Jahrhundert aussehen kann. Und immer mehr Menschen sind unzufrieden und wollen nicht mehr warten. Besonders in den Städten engagieren sich viele Menschen inzwischen für bessere Bedingungen für Radfahrer per Volksentscheid. Auf der Straße ändert sich aus Storks Sicht aber noch zu wenig. "Wir jubeln über jeden Meter geschützten Radweg in Berlin oder ausreichend breiten Radweg in Osnabrück", sagt er. Das müsse anders werden.

Für den Fahrradklima-Test hatten 170.000 Personen im Herbst 2018 32 Fragen des Fahrradclubs beantwortet, 40 Prozent mehr als bei der letzten Umfrage im Jahr 2016. Dabei ist der Anteil der ADFC-Mitglieder mit 15 Prozent unter den Teilnehmern relativ niedrig.

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