„Honig für Radfahrer, Essig für Autofahrer“

Das Erfolgsrezept in den Niederlanden ist ebenso simpel wie effektiv: Radfahrer haben Vorrang, Autofahrer werden mancherorts nur noch geduldet

Andrea Reidl Radfahrer fahren in Amsterdam mitten auf der Straße

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Radfahrer im Straßenverkehr bevorzugen? Was in Deutschland noch undenkbar ist, ist in den Niederlanden seit Jahren gängige Praxis. Die 110 Meter lange Dafne Schippersbrug über den Amsterdamer Rhein-Kanal in Utrecht ist dafür ein Paradebeispiel. Die zwei Jahre alte Brücke ist die schnellste Verbindung zwischen dem neuen Stadtteil Leidsche Rijn und der Utrechter Innenstadt. Zukünftig sollen dort 80.000 Menschen wohnen und wenn es nach den Planern geht, werden viele von ihnen über eine der drei Fahrradbrücken ins Zentrum fahren. Die Dafne Schippersbrug dürfen nur Radfahrer und Fußgänger passieren, selbst Mopeds sind tabu. Damit will man Autofahrer aufs Bike locken.

„Mehr Radverkehr ist kein Selbstzweck“, sagt Ineke Spapé, Radprofessorin an der Universität Breda, Fachbereich Stadtentwicklung, Logistik & Mobilität. Mehr Radfahrer helfen den Städten und Kommunen dabei, ihre Klimaziele zu erreichen und lebendige Zentren für alle zu schaffen, erklärt sie. Deshalb räumen die Planer den so genannten Fietsen immer wieder Vorrang vor den Autoverkehr ein. Für manche deutsche Politiker ist das ein Schreckensszenario. Für die Niederländer ist das Teil ihrer Kultur.

Ob König, Bankchefin, Erzieher oder Kita-Knirps, alle fahren im Alltag mit dem Fahrrad - auf breiten, gut ausgebauten Wegen und einem eigenen in sich schlüssigen Wegenetz. „Um das zu erreichen, braucht man politischen Willen und eine Strategie“, sagt Ineke Spapé. Die Niederlande geben traditionell hohe Summen für den Ausbau ihrer Radinfrastruktur aus. Momentan liegt ein Schwerpunkt auf dem Bau von Radschnellwegen für Berufstätige. Sie sollen ihr Auto gegen E-Bikes tauschen und damit auch Strecken von zehn bis 20 Kilometer zur Arbeit bewältigen. Deshalb wurde das Budget laut der Radprofessorin für 2019 auf eine Milliarde Euro aufgestockt.

Allerdings reichten Geld und Infrastruktur allein nicht aus, um mehr Menschen fürs Bike zu begeistern, stellt die Radprofessorin fest. Planer benötigten dringend mehr Daten aus dem Radverkehr. Nur wer wisse, wie und wann Menschen ihre Strecken im Stadtverkehr mit dem Rad zurücklegen, könne Missstände beseitigen und den Menschen das Umsteigen schmackhaft, leicht und sicher machen.

Regelwerke überdenken

In ihrer Heimat fängt man damit bereits bei den Schülern an. Wenn sie morgens gemeinsam an der Ampel stehen, radeln sie im Tross selbst dann noch über die Kreuzung, wenn die Ampel längst rot zeigt. Statt die Schüler zu bestrafen, haben die Niederländer Sensoren an den Ampeln installiert, die je nach Größe der Gruppe die Grünphase verlängern. Wartet eine große Gruppe vor der Ampel, schaltet sie schneller auf Grün. „Das funktioniert“, sagt Ineke Spapé. Das Verkehrschaos bleibe aus und die Autofahrer warteten entspannt ein paar Sekunden länger. Weil die meisten Niederländer beide Verkehrsmittel nutzen, versetzen sie sich offenbar gut in die Situation des jeweils anderen hinein. 

Allerdings ist das gute Miteinander im Verkehr kein Selbstläufer, sondern die Folge strategischer Kommunikation. „Jeder Radfahrer ist gut für den Autoverkehr, weil er die Anzahl der Autos auf den Straßen reduziert“, sagt die Professorin. Darüber müsse man immer wieder reden und Radfahrer außerdem mit kleinen Aufmerksamkeiten belohnen. Ihre Studenten haben sich dafür so genannte Bike-Guerilla-Aktionen ausgedacht. Eine davon ist der Boxenstopp.

„Es ist ein bisschen wie bei der Formel-1“, sagt die Radprofessorin. Mitte April haben ihre Studenten mit Mitgliedern des niederländischen Radfahrerbands Fietsersbond am Rotterdamer Bahnhof und einem großen Kreisverkehr die Radfahrer mit einen kostenlosen Frühjahrs-Schnellcheck überrascht. Sie fetteten Ketten, pumpten Reifen auf und stellten Bremsen ein, während die Radler einen Tee oder Kaffee tranken und ihnen bei der Arbeit zusahen. Für Ineke Spapé ist das nur eine von vielen Möglichkeiten, um Menschen für ihr nachhaltiges Mobilitätsverhalten zu danken. 

In den Niederlanden hat es Tradition, Radfahrer in den Innenstädten zu bevorzugen. In Groningen hat die Stadtverwaltung 1973 das Zentrum quasi in vier Kuchenstücke geteilt. Radfahrer können seitdem auf direktem Weg von einem Quartier ins nächste fahren. Autofahrer nicht. Sie müssen für die kurzen Distanzen weite Umwege in Kauf nehmen. „Honig für Radfahrer, Essig für Autofahrer“, beschreibt Ineke Spapé das Konzept. Fußgänger und Radfahrer haben also Vorrang vor dem Autoverkehr.


Radfahrer sind gut für den Einzelhandel

Im Grunde handelt es sich um Sanktionen gegen Autofahrer. Die sind in Deutschland stets ein heikles Thema. Politiker fürchten den Protest der Einzelhändler, wenn eine Straße für Pkw gesperrt oder das Parken vor dem Ladenlokal unmöglich wird. Die große Sorge der Geschäftsleute: Einbußen im Umsatz. Diese Befürchtungen sind laut der Radprofessorin allerdings unbegründet. Das Gegenteil sei sogar der Fall. 54 Prozent des Umsatzes in Supermärkten stamme von Radfahrern und Fußgängern, sagte sie. Im einigen Städten liege er sogar bei über 70 Prozent. In Groningen haben die Radfahrer die Innenstadt längst erobert. Ihr Anteil beträgt inzwischen 61 Prozent am Gesamtverkehr.

Die Niederländer sehen zudem eine hohe soziale Bedeutung im Radfahren. Für sie ist es selbstverständlich, dass Freunde und Familien langsam oder schnell auf dem Velo nebeneinander her bummeln - selbst in den schmalen Fahrradstraßen Amsterdams. Für Ineke Spapé ist das ein wichtiger Aspekt. Denn neben dem schnellen Vorankommen entscheiden auch Spaß und Austausch während der Fahrt: „Radfahren darf Spaß machen“, sagt sie bestimmt. Die Strategie geht auf. Was könnte auch sonst tagtäglich Hunderttausende Menschen dazu bewegen, aufs Rad zu steigen.


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