Verführ mich

Warum fällt es Menschen eigentlich so schwer, ihr Auto gegen andere Verkehrsmittel zu tauschen. Eine Annäherung.

Nikada iStock "Barcelona, Spain - August 6, 2012:  Young couple and other people with bike strolling through boulevard in Barcelona."

Busy Streets - Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

„Kein eigenes Auto mehr? Das finde ich komplett blöd“, schimpfte unser 16-jähriger Sohn empört. Der Leasing-Vertrag unseres Dacia-Logans war ausgelaufen und wir hatten den Wagen zurückgegeben. Ein Plan, um die entstandene Lücke zu schließen, fehlte. Wir brauchen ein- bis zweimal pro Woche einen Wagen. Dafür lohnt sich kaum ein eigener Pkw. Dennoch ist sein Einwand richtig; wir brauchen eine Alternative. Schließlich wohnen wir nicht mehr in Köln oder Bremen, wo man mit Bus und Bahn überall hinkommt. Wir leben in Buxtehude, einer Stadt mit 40.000 Einwohnern und einem Busverkehr, den außer den Pendlern und den Schulkindern niemand wirklich ernst nimmt. 

In Zukunft ist der Mensch multimodal unterwegs, das predigen Verkehrsexperten seit vielen Jahren. Doch obwohl Fahrradfahren im Trend liegt und immer mehr Autos, Scooter, Bikes und Fahrten geteilt werden, bleibt der eigene Wagen hartnäckig das Verkehrsmittel Nummer eins in Deutschland. Ein Hindernis ist das lückenhafte Alternativ-Angebot jenseits der Großstadt. Eine weitaus größere Barriere scheint jedoch der Mensch selbst zu sein. Seine Sozialisation und seine Gewohnheiten machen ihn träge für Veränderungen. Soll er mit seinen Routinen brechen, muss er dazu regelrecht verführt werden.

Ohne Auto aufgeschmissen

Der öffentliche Nahverkehr in unserer Stadt hat nicht das Zeug dazu. Für uns ist es deutlich einfacher, mehrmals pro Stunde mit der S-Bahn 38 Kilometer nach Hamburg zu fahren, als zu Freunden, die im Umkreis von fünf bis 15 Kilometern auf den Dörfern leben. Diese Wege erledigt man hier mit dem Auto. Denn Busse fahren, wenn überhaupt, nur stündlich. Mein Mann und ich legen die Strecke auch gerne mit dem Rad zurück. Für unsere Kinder hingegen (12, 16 Jahre) ist das je nach Entfernung, Witterung, Uhrzeit oder fehlender Radinfrastruktur schwierig.

„Wir können ein E-Lastenrad kaufen und uns beim Car-Sharing anmelden“, schlug ich vor. Unser Sohn quittierte meinen Vorstoß nur mit genervtem Augenrollen. „Diese Autos sind mickrig und peinlich“, sagte er. Mir dämmerte, worum es ihm eigentlich ging: Er wollte, dass wir ein Auto besitzen. Für ihn gehörte ein Pkw im Familienfuhrpark zum „Must-have“ wie Spotify und ein schickes Smartphone. Ein Lastenrad und ein Leihwagen dagegen waren uncool und öko.

Weiterhin Statussymbol

„Mit 16 Jahren willst du der Norm entsprechen, du willst dazugehören. Ohne Auto bist du außerhalb der Gesellschaft“, erklärt Stefan Gössling, Autor des Buches „Psychology of the car“, sein Verhalten. Unser Sohn wollte kein Freak sein und wir, seine Eltern, machten ihn gerade dazu. Allerdings hatte auch mein Mann (51) ein Problem mit unserer selbst gewählten Abstinenz. „So ganz ohne Auto ist es schon seltsam“, stellte er ein paar Tage nach dem Verkauf fest. „Ich fühle mich etwas minderwertig, so als ob ich mir kein Auto leisten könnte.“ Ich war baff. Er nutzte unseren Wagen noch seltener als ich und pendelte regelmäßig mit dem Rad statt mit der Bahn nach Hamburg. Nicht weil er es musste, sondern weil es ihm Spaß macht.

“Für viele Mittfünfziger ist das Auto ein Symbol für all die Möglichkeiten, die sie haben“, klärt Gössling auf. In ihrer Jugend bot ihnen das Auto die Freiheit, neue Möglichkeiten zu entdecken und sie auch auszuprobieren. Das Auto war die Voraussetzung, um diese Möglichkeiten zu ergreifen. „Wenn es weg ist, ist es wie eine Amputation“, sagt er. „Die Möglichkeiten werden gekappt.“

Festgefahren

Unsere Sozialisation steht uns Menschen also im Weg, wenn wir vom Auto auf andere Verkehrsmittel wechseln wollen. Eine weitere Hürde sind unsere Gewohnheiten. Sie sind wichtig, denn sie dirigieren uns durch unseren Alltag. 30 bis 50 Prozent unseres täglichen Handelns, vom Zähneputzen über die Wahl unserer Kleidung bis zum Kartoffeln schälen, basieren auf diesen Routinen, das hat Bas Verplanken festgestellt, Sozialpsychologe der englischen Universität Bath. Unsere Mobilität gehört auch dazu – vorrangig in Form von Auto-Mobilität.

Dreiviertel aller täglich zurückgelegten Personenkilometer erledigen die Deutschen per Pkw. Die Touren zur Arbeit, zum Einkauf und für weitere Erledigungen machen zwei Drittel aller Autofahrten aus. Dabei hat das Umweltbundesamt festgestellt, dass sich in Ballungsgebieten bis zu 30 Prozent dieser Wege leicht auf den Radverkehr verlagern ließen. In Großstädten sind es sogar noch mehr. Hier sind 40 bis 50 Prozent aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer. Auf dieser Distanz ist das Fahrrad unschlagbar schnell und umweltfreundlich.

Allerdings reicht das Wissen ob dieser Vorteile allein nicht aus, um Verhalten zu ändern. Dafür sind laut Verplanken deutlich stärkere Reize notwendig. Dazu zählen der Umzug in eine andere Stadt, ein Jobwechsel oder eine schwere Krankheit. In diesen einschneidenden Momenten werde der Mensch aktiv und hole sich neue Informationen ein, um Denkweisen zu überprüfen und sein Verhalten entsprechend anzupassen.

Ein überraschendes Angebot

Wir dagegen hatten schlichtweg Glück. Ein Freund machte uns ein Angebot, das wir gar nicht ablehnen konnten: Er bot uns an, seinen Opel Zafira mit zu nutzen, da er ihn ebenfalls nur ein bis zweimal pro Woche braucht. 

Unser privates Car-Sharing funktioniert so: Der Wagen gehört weiterhin ihm. Er hat uns als Fahrer bei seiner Versicherung gemeldet, sollten wir etwas kaputt machen, zahlen wir. Ansonsten rechnen wir jede Fahrt mit 25 Cent/pro Kilometer ab. Dieser Wert ergibt sich aus den anstehenden Reparaturen, Nebenkosten wie Steuer und Versicherung, dem Spritverbrauch und dem Wertverlust ab dem Zeitpunkt der gemeinsamen Nutzung. Die Anschaffungskosten sind darin nicht enthalten. Da er nur zwei Minuten Fußweg von uns entfernt wohnt, ist die Umsetzung einfach. Für uns war sein Vorschlag ein Geschenk.

Verhaltensänderung dank Anstupser

Wissenschaftler haben dafür ein Fachwort. Sie nennen das Nudging. Durch kleine Stupser sollen Bürger dazu gebracht werden, sich besser zu verhalten, beispielsweise sich gesünder zu ernähren oder wie in unserem Fall, ihre Mobilität zu überdenken und einen Wagen zu teilen. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Bild einer Fliege, das in Amsterdam über dem Abfluss eines Pissoirs gemalt wurde, um den Boden sauberer zu halten. Anscheinend testen Männer beim Pinkeln gern ihre Treffsicherheit. Die Verschmutzung des Bodens nahm jedenfalls um 80 Prozent ab. 

Rad statt Auto dank Nudging

Dass Nudging auch im Verkehr funktioniert, beweisen Fahrradstädte wie Amsterdam und Kopenhagen. Die zusammenhängenden Radwegenetze in diesen Städten mit ihren breiten und sicheren Wegen und ihren vielen kleinen Extras, wie Grüne Welle für Radfahrer oder Haltestangen vor Ampeln, verführen die Menschen zum Radfahren.

Für die Wissenschaftlerin Marije van Gent ist Nudging ein wichtiger Aspekt, um die Menschen zum Umsteigen auf nachhaltigere Verkehrsmittel zu bewegen. Die Dozentin arbeitet an der Universität von Amsterdam in der Forschungsgruppe Psychologie für nachhaltige Städte. Sie wirbt dafür, Nudging in die Infrastrukturplanung zu integrieren. Außerdem rät sie ein Grundbedürfnis der Menschen zu nutzen, um den Wechsel zu beschleunigen: den Wunsch jedes Menschen, einer Gruppe anzugehören. 

Autohersteller setzen diesen Wunsch perfekt in ihrer Werbung in Szene, wie das unten stehende Video mit dem Schauspieler Neal McDonough zeigt.

Das Video kreiert in dem kurzen Spot die Persönlichkeit eines erfolgreichen, leicht arroganten, weltgewandten amerikanischen Geschäftsmannes, der für einen bestimmten Wertekanon steht. Dazu gehört auch, dass er einen schicken Elektroschlitten fährt. Marije van Gent vermisst diese Form der Ansprache in der Sharing-Economy. Sie sagt: „Menschen lieben Geschichten mehr als Statistiken.“ Um Studenten beispielsweise fürs Bike-Sharing zu begeistern, muss eine Geschichte erzählt werden, die das neue Angebot mit einer Aussage verbindet, die die Studenten so attraktiv finden, dass sie ein Teil der Bewegung werden wollen.

Gemeinsame Werte, attraktive Angebote und Anstupser verführen die Menschen dazu, Neues im Verkehr auszuprobieren. Sie sind das Gegenmodell zu aktuellen Diskussionen in Deutschland über Fahrverbote und Tempolimits. Diese Verbote rufen als Reaktion sofort Bockigkeit hervor. Deutschland braucht Nudging, freundliche Stupser in die nachhaltige und multimodale Richtung.

Und unser Sohn? Nach sechs Monaten ohne eigenes Auto hat sich für ihn spürbar nicht viel verändert. Wir fahren zwar noch weniger Auto als zuvor, weil wir uns tatsächlich vor jeder Fahrt fragen: Brauchen wir das Auto oder geht es auch anders? Aber er kommt weiterhin stets ans Ziel - mit dem Fahrrad, der Bahn, dem Bus, unserem geteilten Auto und manchmal im Car-Sharing-Wagen. Wenn wir mit dem Car-Sharing-Wagen vorfahren ist es ihm immer noch peinlich. Der Schriftzug beweist, dass wir keinen eigenen Wagen mehr besitzen. Aber das muss er aushalten. Dafür fährt er manchmal im Taxi zu seinen Freunden - was er wiederum sehr cool findet.

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