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Vermittlung als neuer Motor des Museums

Von Carmela Thiele

Katrien Franken

26. Juni 2017

Schon seit Jahren gärt es. Die sich heute „Vermittler“ nennenden Museumspädagogen fordern mehr Spielraum, mehr Anteil am Budget, besser dotierte Stellen, mehr Einfluss auf das Programm der Museen, um die von vielen geteilte Vision des Museums als Demokratiemaschine Wirklichkeit werden zu lassen. Schon seit langem sind sie in der Pflicht, immer neue und vielfältige Anreize für immer neue Besuchergruppen zu schaffen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn ein avancierter Vermittlungsgedanke Teil der Politik des jeweiligen Hauses wird. Dies jedenfalls wurde zuletzt auf dem Symposion „Wem gehört das Museum?“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen von den vielen internationalen Referenten bestätigt.

Der Educational Turn in Curating wurde in Deutschland lange theoretisch beschworen. Aufgrund der starren Hierarchien in den Museen war und ist die Vermittlung im Gefüge der Institution jedoch nachgeordnet. Das hat zur Folge, dass der Exportweltmeister in punkto zeitgemäße Museumsarbeit weit hinterherhinkt.

Vorbilder für ein mehr auf die Gesellschaft bezogenes Museum gibt es zuhauf in England, aber auch in den Niederlanden. So hatte das Niederländische Architekturinstitut (NaI) in Rotterdam, weltweit eine der renommiertesten Sammlungen ihrer Art, 2011 nicht nur eine räumliche Transformation vollzogen, sondern sich auch konzeptionell neu aufgestellt. In einer jahrelangen experimentellen Phase erkundeten die Mitarbeiter, wie sie Menschen für Architektur und deren Einfluss auf das tägliche Leben sensibilisieren können. Die Projekte waren personalintensiv und deshalb teuer, jedoch erfolgreich. Allerdings schreckten sie das traditionelle Publikum ab, das einfach nur eine gutgemachte Ausstellung etwa zum Werk von Theo van Doesburg ansehen will, dessen Nachlass im NaI aufbewahrt wird. Die pragmatischen Holländer fanden einen Mittelweg: verschiedene Formate für verschiedene Zielgruppen.

Anspruch und Wirklichkeit

Wie solche Erneuerungsprozesse sich in ihrer ganzen Ambivalenz darstellen, ist nachzulesen in dem Tagungsband Ausstellen und Vermitteln im Museum der Gegenwart, erschienen 2017 in der „Edition Museum“ des transcript Verlags. Er versammelt Erfahrungen aus dem Zürcher Museum für Gestaltung, dem MUDE Design-Museum in Lissabon, dem District Six Museum in Johannesburg, dem Amsterdam Museum oder dem Mapuche-Museum in Cañete, Chile, aber auch Essays, wie etwa der Beitrag „Schön für dich, aber mir doch egal“ der britischen Museumsberaterin Bernadette Lynch. Obwohl die Tagung bereits 2014 in der Zürcher Hochschule der Künste stattgefunden hat, transportiert er eine Fülle von Beispielen und arbeitet vor allem ein auch in Düsseldorf wieder diskutiertes Dilemma der Vermittlung heraus, die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit, Planbarkeit und offenem Prozess, die Spannung von Erfolg und Misserfolg.

Aber auch in deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen zahlreiche Lehrstühle zur Vermittlung und verwandten Themen, in Oldenburg, Frankfurt am Main, Leipzig, Würzburg, Berlin und Wien, um nur Einige zu nennen. Ein Hotspot des Umdenkens in der Vermittlung ist die Zürcher Hochschule für Gestaltung, wo seit 2008/2009 ein Masterstudiengang (2016: Master of Arts in Art Education Curatorial Studies) angeboten wird.

Die Vermittlung hat sich, wie zuvor die Museumspädagogik, erst in jüngerer Zeit akademisiert. Wo aber liegen die Unterschiede? Vermittlung wende sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern an alle Bevölkerungsgruppen und Altersgruppen, hinterfrage die Rolle des Museums in der Wissensgesellschaft, ermutige offene Lernprozesse und fördere Teilnahme, sagt Thomas Sieber, Professor für Professor für Geschichte und Theorie von Museum und Kulturvermittlung an der Zürcher Hochschule der Künste. Er ist Mit-Herausgeber des Bandes und hat vor seiner Hochschulkarriere in der Vermittlung, aber auch als Kurator am Schweizerischen Landesmuseum Zürich gearbeitet.

Viele Museen haben bereits ihre Museumspädagogik umbenannt in „Vermittlung“. Das klingt weniger nach Schule, offener, fast zu offen, wie es scheint. Mitunter verbirgt sich dahinter nur ein kosmetischer Akt, in anderen Fällen ein fundamental neuer Ansatz, Lernprozesse zu initiieren. Es gebe aber auch Museumspädagogen, die wie Vermittler arbeiteten, sagt Sieber, die Begriffe würden sehr unterschiedlich verwendet. Kein Wunder, wenn dieser unweigerlich im Kommen begriffene, für den Wandel in der Museen zentrale Bereich in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

Realos und Fundis?

 „Alle sprechen von Partizipation, aber die meisten verstehen etwas anderes darunter“, sagt Professor Sieber, „auch in der Kulturpolitik.“ Das Feld hat sich jedoch bereits markant ausdifferenziert. Es scheint in der Vermittlung wie in der Politik Realos und Fundis zu geben, doch lehnt Sieber solche Begriffe ab. Er unterscheidet lieber zwischen jenen, die das Vermittlungsangebot „hauptsächlich als Dienstleistung“ begreifen – dazu rechnet er auch Paul Spies, den erfolgreichen Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Auf der anderen Seite stehen Vermittler wie Siebers Kollegin Carmen Mörsch, ebenfalls Herausgeberin des Tagungsbandes, die mit ihrer wissenschaftlichen und praktischen Arbeit auch ein übergeordnetes gesellschaftliches Projekt der Partizipation verfolgen und vordergründigem Kosten-Nutzen-Denken eine Absage erteilen.

Ein Modell, das in den deutschsprachigen Ländern um Anerkennung kämpft, wurde bereits seit den 1990er Jahren in Großbritannien flächendeckend praktiziert. Nicht ohne Schwierigkeiten, wie Bernadette Lynch, ehemalige stellvertretende Direktorin des Manchester Museums, in ihrem Beitrag zeigt. Sie untersuchte das in museumspädagogischen Beteiligungsprojekten versteckte „Wohltätigkeitsmodell“, das Mitsprache verspreche, aber letztendlich nur in kontrollierter und bereinigter Form auch gewähre. Gerade die postkoloniale, um Vermeidung kolonialer Gesten bemühte Museumspraxis erwies sich als anfällig für Versprechungen, die gar nicht eingelöst werden konnten. Gleichwohl lassen laut Lynch die britischen Museen nicht von ihrer unter der Labour-Regierung eingeschlagenen Marschroute ab. In Düsseldorf berichtete Eithne Nightingale von ihrer erfolgreichen Arbeit im Londoner Victoria & Albert Museum (V&A) mit verschiedenen Communities, deren Hinweise etwa zu religiös aufgeladenen Objekten in der Präsentation der Sammlung auch Niederschlag fand. Ein ermutigender Einblick in eine offene Museumsarbeit.

Disco und Spiegelkabinett

Wenn ein Vermittlungsmodell etwas bewirkt, kann es zum Erfolgsmodell werden. An der Art Gallery Ontario (AGO) in Kanada etwa existiert seit über 15 Jahren das AGO-Youth Council, wo junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren gemeinsam mit Gastkünstler_innen Projekte und Programme für Gleichaltrige entwickeln. 2013 sollten gemeinsam die Erfahrungen von Jugendlichen im öffentlichen Raum erforscht werden. UGLY hieß das aktivistische Projekt, ein sich wöchentlich ändernder Ausstellungsraum, der mal zur Disco, zum Spiegelkabinett oder zum Veranstaltungsraum mutierte. Der Name stand für hässlich, nicht ästhetisch, aber auch für die Abkürzung „Unified Geniuses Living Young“. Der Koordinator des Programms Syrus Marcus Ware hebt in seinem Aufsatz hervor, dass es tatsächlich gelang, die jugendlichen Besucher_innen zu Kommentaren und Vorschlägen zu animieren, die über ein übliches Feedback hinausgingen. Mit der Finanzierung solcher Programme gehe jedoch oftmals die Forderung einher, dass die Teilnehmer_innen permanent Ausstellungen und gute Laune produzieren sollen. Inzwischen werde sogar Ausstellungsqualität der Beiträge erwartet, die traditionellen kuratorischen Projekten „Würze und Perspektive“ verleihen sollten.

Was also, wenn die museale „Kontaktzone“ zwischen Museum und Gesellschaft zur Konfliktzone wird? Sie sei ja eher eine Metapher für ein Aushandeln, sagt Thomas Sieber, Vermittlung könne nicht den politischen Prozess ersetzen, doch könne Vermittlungs- und Museumsarbeit durchaus Teil von politischen Prozessen sein. Über diese Gradwanderung zerbrachen sich auch die Teilnehmer der Düsseldorfer Tagung #WhoseMuseum den Kopf, wobei eine realistische Einschätzung des Machbaren Raum gewann. Detaillierte Darstellungen von Forschungsprojekten und hervorragenden Ausstellungen bietet vorerst der Zürcher Dokumentationsband, der zudem angereichert ist mit zahlreichen Verweise und einer umfangreichen Literaturliste.

#EduCurating ist zu einer internationalen Bewegung geworden, die über kurz oder lang flächendeckend die deutschen Museen erreichen wird. Noch blickt man nach England, um sich von den dort seit Jahrzehnten gemachten Erfahrungen inspirieren zu lassen. Womöglich aber schwemmt der Brexit auch Vermittlungsexpert_innen nach Deutschland. Sie würden hoffentlich mit offenen Armen empfangen werden.

Ausstellen und Vermitteln im Museum der Gegenwart, hg. v. Carmen Mörsch, Angeli Sachs und Thomas Sieber, transcript Verlag , Edition Museum (Band 15), Bielefeld 2017, 34,99 Euro