In den Bergen der Beduinen

Wandern im Hochgebirge des Sinai: Auf dem Trek Galt al-Azraq und der Three Peaks of Egypt-Challenge. Text und Fotos: Evelyn Runge

Dies ist eine kostenfreie Leseprobe des „Briefs aus Jerusalem“, Folge 3, 1.2.2019.

Ägypten: Süd-Sinai/St. Katharina | Um 3.30 Uhr am Morgen weckt Salem mich. Ich liege unter einem orangenen Mückennetz im Schlafsack auf einer dünnen Matratze und habe weniger geschlafen als ich gehofft hatte. Salem und ich übernachten im Garten seines Vaters, im Hochgebirge des Süd-Sinai. Da wir den Sonnenaufgang von Ägyptens höchstem Berg, dem Jebel (arabisch für Berg) Katharina mit 2629 Metern, genießen wollen, müssen wir früh los. Nachdem Salem und ich Tee getrunken und Kekse gegessen haben, machen wir uns schweigend und müde auf den Weg. Das Licht unserer Stirnlampen zeigt den schmalen Pfad, der sich hinter dem Garten von Salems Vater den Berg hochschlängelt. 

Salem Ramadan ist 30 Jahre alt, klein, drahtig, er hat scharfe Augen und gilt trotz seines jungen Alters als einer der besten Bergführer im Süd-Sinai. Er kennt die Beduinengärten auch in abgelegenen Tälern, er weiß, wo Trinkwasser zu finden ist, und er scheut sich nicht, neue Wege auszuprobieren. Dabei berücksichtigt er immer die Kondition seiner Gäste und passt sich deren Geschwindigkeit an. Kein Tourist darf allein in die Berge gehen: Die Beduinen kennen die Pfade und die lebenswichtigen Wasserquellen.

Salem Ramadan im Sonnenuntergang.

Jebeliya, die Menschen aus den Bergen

Die kleine Stadt St. Katharina liegt zwei Autostunden von Sharm El Sheikh entfernt in den Bergen, fast in der Mitte zwischen dem Golf von Suez und dem Golf von Aqaba. Weltberühmt ist das Katharinenkloster, das als eines der ältesten noch immer bewohnten Kloster der Welt gilt. Im sechsten Jahrhundert erbaut, wird es noch immer von der griechisch-orthodoxen Kirche betrieben. Die Kirche brachte damals Menschen aus Europa als Bauarbeiter und Bewacher in die Berge des Sinai, aus Rumänien und Mazedonien. Die Europäer konvertierten im achten Jahrhundert zum Islam und sind noch heute dem Kloster eng verbunden. Dieser Stamm der Beduinen heißt Jebeliya, die Menschen der Berge, und es ist der einzige der Beduinenstämme des Sinai mit europäischen Vorfahren. Die Jebeliya zählen 7500 Mitglieder, und Salem Ramadan ist einer von ihnen.

Noch immer Reisewarnungen für Süd-Sinai

Die ägyptische Halbinsel Sinai ist berühmt für ihre Strände, ihre Korallenriffe und Tauchreviere, ihre hippieähnlichen Strandcamps, wo auf Grund der Naturschönheit und der niedrigen Preise Israelis und Europäer wochen- oder monatelang Urlaub machten. Zumindest früher, da der Sinai nach der Arabischen Revolution durch Anschläge in Verruf geriet. Immer wieder beherrschen Anschläge die Schlagzeilen. Bei dem Attentat auf die Moschee in Bir al-Abed im Norden des Sinai wurden am 24. November 2017 mehr als 300 Menschen nach dem Freitagsgebet ermordet. Im Oktober 2015 stürzte ein russisches Flugzeug nach einem Attentat bei Al-Arish ab – ebenfalls in Nord-Sinai. Daraufhin stellten viele Fluggesellschaften ihre Verbindungen nach Sharm El Sheikh ein. Bis heute geben westliche Regierungsbehörden Sicherheitshinweise für den Sinai heraus. Das Auswärtige Amt warnt von Reisen ins Landesinnere des Süd-Sinai: „Von Fahrten abseits des Küstenstreifens wie zum Berg Sinai und dem Katharinenkloster wird gänzlich abgeraten“, heißt es auf der Webseite (Stand 30.1.2019).

(Die Bilderstrecke öffnet durch Klicken auf die Pfeile.)

Die Stadt St. Katharina liegt eingebettet in Berge. Im Bild die Moschee der Beduinen.
Im Hof des Katharinenklosters im Sinai.
Auf dem Weg nach oben: Die Spitze des Berg Sinai - auch Mosesberg genannt - ist schon sichtbar.
Im Hochgebirge des Sinai, Ägypten.

Wunsch nach Frieden

Ich bin auf dem Landweg von Israel nach Ägypten eingereist. Entlang der nördlichen Küste des Sinai, in der Grenzregion hinter Taba, warten Hotels auf Touristen, manche mit verrammelten Eingangspforten, andere mit gewässerten und gepflegten Vorgärten, und wieder andere im Stadium nackter Betonskeletts belassen. Wir passieren Resorts, die „Nirwana“ heißen und auch so aussehen, und die einfachen Häuschen der Einheimischen. Immer wieder werden wir an Armeecheckpoints gestoppt: Wie heißen Sie, wohin fahren Sie, welche Nationalität? Hinter dem Küstenort Nuweiba, bekannt für seinen Hafen, der Ägypten mit Aqaba in Jordanien verbindet und Saudi-Arabien in Sichtweite über das Rote Meer zum Nachbarn hat, biegen wir ab in die Berge. Die Landschaft verändert sich permanent, helle Sandflächen, rote und dunkle Berge wechseln sich ab. Abschnitte der Straße werden neu asphaltiert, auf den alten Teilen weicht mein Fahrer tiefen Schlaglöchern aus. Mehr als 200 Kilometer und 15 Checkpoints später erreichen wir St. Katharina.

Auch in und um St. Katharina sind Polizei und Armee präsent; wer in die Stadt hinein oder aus ihr heraus möchte, wird mehrfach kontrolliert. Am Eingang des Wadi Raha Hotels stehen Jeeps der Armee, und Soldaten formieren sich dort zum Appell. Im April 2017 erschoss ein Angreifer einen Polizisten am Checkpoint vor dem Katharinenkloster. Er wurde später gestellt, und – das betonen die Einheimischen – es war niemand von ihnen. Für die Beduinen in St. Katharina ist fatal, dass westliche Medien meistens keinen Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden des Sinai machen: Denn der Norden des Sinai liegt mehr als 400 Kilometer von St. Katharina entfernt, und dorthin, in die Mittelmeerstadt Al-Arish oder die Grenze zum Gazastreifen fährt kein Beduine aus dem Süden: Mit der dortigen Gewalt möchte niemand etwas zu tun haben.

Morgenkaffee auf Ägyptens höchstem Berg

Auf unserem morgendlichen Weg zu Ägyptens höchstem Berg treffen Salem und ich niemanden. Die Sterne begleiten uns, bis langsam das Licht kommt und die Bergketten des Sinai auftauchen. Salem geht längst ohne seine Stirnlampe, die Arme über der Brust verschränkt und die Hände unter die Achseln geklemmt, um sie zu wärmen. Den Sonnenaufgang bewundern wir von einem kleineren Nebengipfel des Jebel Katharina. Gegen sieben Uhr sind wir ganz oben. Wir sehen den Weg, den die Israelis während der Besatzung des Sinai von 1967 bis 1982 den Gipfel hinauf gebaut haben.

Und wir sehen ein Kamel, zwei junge Männer und eine Frau. Sie haben am Berg übernachtet und bieten uns Kaffee an. Die Frau kommt aus Australien, hat lange in Sansibar gewohnt und will nun auf Grund eines Jobangebots zurück nach Australien. Sie trägt Flipflops – shipships, wie die Beduinen sagen – statt stabiler Bergschuhe. Die jungen Beduinen, die sie auf den Berg geführt und mit ihr dort übernachtet haben, sind gut gelaunt, sehr freundlich, kennen sich aber in der Gegend nicht so gut aus: Sie fragen Salem, wo sie Wasser finden.

(Die Bilderstrecke öffnet durch Klicken auf die Pfeile.)

Im Hochgebirge des Sinai.
Beduinengärten in Wadi al-Arba'iin, vor dem Aufstieg zu Jebel Katharina.
Die Beduinen des Stammes Jebeliya legen in ihrem Territorium im Hochgebirge Gärten an. In diesen wachsen unter anderem Mandeln, Aprikosen, Weintrauben, Bambus.
Kapelle auf dem Berg Katharina, Sinai, Ägypten.
Felsformation im Hochgebirge des Sinai.

Gastfreundschaft mit Menü und Musik

Die Kapelle auf Jebel Katharina ist geschlossen, aber die Aussicht ist in alle Richtungen fantastisch. Jebel Katharina wurde nach Katharina von Alexandria benannt. Der Legende nach bekannte sie sich im vierten Jahrhundert zu Christus und lehnte es ab, heidnische Opfer zu bringen. Sie bekehrte viele andere Menschen, und da sie sich nicht von ihrem Glauben abwandte, ließ der römische Kaiser Maxentius sie enthaupten. Engel transportierten Katharinas Leib von Alexandria auf den Jebel Katharina. Gegenüber sehen wir Jebel Mousa (auch Mosesberg, oder Berg Sinai), wo Gott die Zehn Gebote an Moses gereicht haben soll. Wahrscheinlich ist der Mosesberg der meistbestiegene Berg des Sinai: Tausende Touristen und Pilger stiegen auf den 2285 Meter hohen Berg Moses hinter dem Katharinenkloster oder ließen sich auf Kamelen tragen, um vom Gipfel den Sonnenaufgang zu bewundern. Seit den 1980er Jahren brachte dieser Pilgertourismus den Beduinen in St. Katharina ein bisschen Wohlstand. Doch heute sind es nur einige hundert, die vor allem nachts den Berg erklimmen, und die wenigsten bleiben länger als einen Tag.

Dabei bieten gerade die mehrtägigen Bergtouren unvergessliche Eindrücke. Den Vorabend unseres Aufstiegs zu Jebel Katharina verbrachten Salem Ramadan und ich im Garten von Salems Vater, Ramadan Said, in Wadi al-Arba‘iin. Ramadan Said sang Beduinenlieder über die Liebe und den Mond. Er begleitete sich auf der Simsimeya – die Laute hat er selbst gebastelt, aus einem alten Benzinkanister, Stegen aus Mandelbaumästen und Metallkabeln, die ihm Israelis geschenkt haben. Salems Bruder Mohammed kochte Suppe und servierte Reis mit Huhn. Er spricht gutes Englisch und ein wenig Deutsch – seine Sprachkenntnisse hat er wie alle Beduinen von den Touristen erworben. Eine Schulpflicht gibt es in Ägypten nicht, und in St. Katharina wurde die erste Schule unter der israelischen Besatzung eingerichtet. Es waren schon viele Touristen bei Vater Ramadan und seine Söhnen im Garten, bis zu 100 gleichzeitig können sie beherbergen.

Kamele sind treu und schlau

Von Jebel Katharina steigen Salem und ich über Wadi Ahmar, das Rote Tal, ab, durch roten Granit, später über weiße Steine kletternd, immer wieder für einen Schluck Wasser (ich) oder eine Zigarette (Salem) stoppend. Kurz nach Mittag erreichen wir den Garten von Amarei, einer alten Frau, die allein in Wadi Zawatin lebt, ihren Garten pflegt und sich über Besuch freut. Außer ihr wartet Sliman auf uns, Salems jüngerer Bruder, der mit dem Kamel Asfur – arabisch für Vogel – Schlafsäcke und Essen gebracht hat. Asfur ist ebenso schlau wie einzelgängerisch: Die Kamele kennen die Wege, doch sie sind keine Streicheltiere. Einmal an einen Menschen als ihren Führer gewöhnt, knurren sie Fremde durchaus bedrohlich an. Stirbt ein ihnen vertrauter Mensch, essen und trinken sie für Tage nicht, und es dauert Wochen, sie an einen neuen zu gewöhnen.

Blick von den Ruinen des Palastes auf dem Jebel Abbas Pasha über das Hochgebirge des Sinai.

Nach einem Mittagsschlaf brechen Salem und ich auf, um Jebel Abbas Pasha zu besteigen. Auf dem Gipfel in 2382 Metern Höhe stehen die Ruinen eines Palastes: Abbas Hilmi Pasha, der Ägypten und Sudan von 1849 bis 1854 regierte, wollte sich hier von seiner Tuberkulose erholen, starb aber, bevor sein Palast fertiggestellt wurde. Von Jebel Abbas Pasha sehen wir die Stadt St. Katharina im Abendlicht. Salem Ramadan schwenkt sein Tuch über seinem Kopf, um seine Frau und seine drei Kinder im Tal zu grüßen.

Three Peaks of Egypt: drei Gipfel in weniger als neun Stunden

Unser Tag endet wie er begonnen hat: in der Dunkelheit. Beiläufig erzählt Salem beim Abstieg, dass ich, ohne es zu wissen, zwei Drittel der „Three Peaks of Egypt“-Tour geschafft habe: Jebel Katharina und Jebel Abbas Pasha in 16 Stunden. Die „Three Peaks of Egypt Challenge“ sieht vor, drei Gipfel in einer Tour zu besteigen: Jebel Katharina, Jebel Mousa und Jebel Abbas Pasha – in 72, 24 oder 12 Stunden. Der Rekord dieser 38 Kilometer langen Tour liegt bei unter neun Stunden, und natürlich war Salem Ramadan dabei. Jebel Mousa besteigen wir einige Tage später separat.

Nach unserer Rückkehr bietet Amarei mir eine Dusche an. In einem hüfthohen Betonviereck spritze ich mich unterm Sternenhimmel mit einem Schlauch ab, neben mir ein eingemauerter WC-Sitz mit darunterliegender Fallgrube. Die Ziegen blöken, in der Ferne schreien Esel, und als ich zurückkomme, sagt Amarei mit strahlendem Gesicht, ich sei die erste Nutzerin ihrer Dusche gewesen: Seit vier Tagen erst habe sie ihr Badezimmer und ihre Toilette.

Yussef vom Stamm der Jebeliya führt sein Kamel Shehab - Sternschnuppe - nach Wadi al-Arba'iin.

Die Berge sind ein Tor zur Welt

Sliman und Salem kochen Reis und Gemüse auf offenem Feuer, wir trinken stark gezuckerten Schwarztee. Amarei plaudert freundlich und ausgiebig, während sie wie die Männer selbstgedrehte Zigaretten mit hiesigem Tabak raucht. Mit einem Solarcharger, den Sliman mitgebracht hat, lädt sie ihr Handy auf, und während wir im Hof vor ihrem Häuschen unsere Matratzen und Schlafsäcke ausbreiten, ruft sie ihre Kinder in St. Katharina an und redet, bis der Akku leer ist.

Am nächsten Tag laufen wir weiter auf dem Trek Galt al-Azraq, Salem und ich zu Fuß in den Bergen, Sliman mit dem Kamel und dem Gepäck auf den leichteren Wegen. Unterwegs treffen Salem und ich eine Gruppe Israelis, ausgebildete Tourguides, die wie ich Galt al-Azraq gehen, allerdings gegen den Uhrzeigersinn. Gemeinsam klettern wir auf den Berg Bab al-Donya, das „Tor zur Welt“. Von dort sehen wir die Regionalhauptstadt At-Tur an der Westküste des Sinai, und den Golf von Suez. Die letzte Nacht verbringen wir in Farsch Rumana, der „Ebene der Granatäpfel“, unterhalb von Galt al-Azraq.

Schlafen unterm Sternenhimmel

Salems Bruder Sliman ist bereits da und hat einen Topf Wasser auf das Lagerfeuer gestellt. Drei dünne Matratzen und Kissen sind gemütlich drum herum gruppiert, und während jeder von uns seinen Gedanken nachhängt, sinkt die Dämmerung über die Ebene der Granatäpfel. Außer Asfurs gelegentlichem Schnaufen ist das einzige Geräusch der Motor jener Flugzeuge, die den Sinai überqueren, blinkend, schnell, mit unbekanntem Ziel. Der zunehmende Mond leuchtet heller als die Sterne und die Milchstraße, er bewegt sich über das Firmament, bevor er hinter den Bergen versinkt.

Der Höhepunkt ist Galt al-Azraq selbst – der „Blaue Pool“. Nach einem steilen Abstieg durch Wadi Talla Kibira liegt der natürliche Pool zwischen Felsen und Bäumen. Das Wasser ist klar, doch Salem warnt mich, von oben hineinzuspringen: Unter dem Wasser sind Felsen. Ich rutsche über Steine an der Seite hinein. Auch für dieses erfrischende Erlebnis haben sich die langen Wandertage bei 35 Grad gelohnt.


Information: Desert Fox Camp und Sinai Trail, St. Katharina, www.sinaitrail.org

Three Peaks of Egypt-Challenge: www.threepeaksegypt.org

Literatur: Ben Hoffler: Sinai - The Trekking Guide, Trailblazer 2014, ca. 18 Euro. Blog: www.gotellitonthemountain.net

Dieser Text erschien zuerst im Wiener Journal, 4. Januar 2019. Für RiffReporter wurde er leicht überarbeitet und mit weiteren Fotos versehen.

Salam Ramadan blickt über das Hochgebirge im Sinai.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Brief aus Jerusalem