Weihnachten wie die Hirten wandern

Die Mönche der Dormitio-Abtei bieten in der Christnacht eine Wanderung von Jerusalem nach Bethlehem an. Von Evelyn Runge

Dies ist eine kostenfreie Leseprobe des „Briefs aus Jerusalem“, Folge 2, 30.12.2018. [Link zum PDF]

Jerusalem/Bethlehem | Der Mond über Jerusalem hat in der Weihnachtsnacht seine gelbe Farbe vom frühen Abend gegen ein strahlendes Weiß eingetauscht. Er ist fast noch voll, bis auf eine abgeknabberten Ecke rechts oben. Die Sterne sind klar zu sehen, links von uns leuchtet einer so hell und golden; und obwohl er nicht direkt über Bethlehem steht, kann ich mir doch gut vorstellen, wie die Hirten der Weihnachtsgeschichte sich von ihm haben leiten lassen. Mit drei Benediktiner-Mönchen der Dormitio-Abtei und etwa 200 Pilgern bin ich in den ersten Stunden des 25. Dezembers 2018 auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem – zu Fuß, wie die Hirten zur Geburt Jesu.

Anders als die damaligen Hirten aber sind wir auf Asphaltstraßen unterwegs und folgen der Derech Hebron. Am Tag ist dies eine der Hauptverkehrsadern Jerusalems, immer betriebsam. Eilige Autos wollen hupend schneller vorankommen. In der Nacht ist außer uns fast niemand unterwegs; nur vereinzelte Taxis versuchen, uns als Kunden zu gewinnen. Andere Autofahrer akzeptieren, dass wir bei Rot die Fußgängerwege überqueren und ihnen die Vorfahrt nehmen. Auf den Hügeln links sind viele Lichter, und einer der Wanderer erklärt den Frauen neben ihm die Topografie und versucht, die Laternen zu Stadtteilen Jerusalems und Bethlehems zuzuordnen. Diese christliche Nacht wird auch deshalb besonders sein, weil sie mit einem Weihnachtsgottesdienst mit Hunderten Juden in Jerusalem beginnt, und dem Gebetsruf des Muezzin in Bethlehem endet.

Eine kleine Wallfahrt

Die Benediktiner-Mönche laufen seit fast fünfzig Jahren in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember von ihrer Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion in Jerusalem zur Geburtskirche in Bethlehem. Nach kirchlicher Überlieferung soll auf dem Berg Zion, der direkt außerhalb der Altstadt Jerusalems liegt, das Letzte Abendmahl und die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel stattgefunden haben. Die Dormitio-Abtei wurde 1910 als Kloster eröffnet. Kaiser Wilhelm II. hatte das Grundstück gekauft und dem Deutschen Verein vom Heiligen Land geschenkt. Früher wurden die Mönche auf ihrem Hirtengang von Volontären und Teilnehmern des Studienjahres begleitet. Doch seit einigen Jahren laden die Mönche offen dazu ein, an dieser kleinen Wallfahrt teilzunehmen. Und sie wird immer prominenter. Es laufen nicht nur immer mehr Menschen mit; es senden auch immer mehr Menschen ihre Namen per Mail oder Post: Wer es sich zeitlich oder finanziell nicht leisten kann, physisch dabei zu sein, dessen Gebete werden auf diese Weise gleichsam nach Bethlehem getragen.

Bevor es nach 2 Uhr in der Früh losgeht, haben die Benediktiner schon mehrere Weihnachtsgottesdienste gefeiert: Um 20 Uhr wird in der Dormitio-Basilika der Abtei die Weihnachtsmesse auf Deutsch gehalten, und zum Teil auf Lateinisch gesungen. In Israel wird kein Weihnachten gefeiert, aber ab 23 Uhr strömen viele jüdische Israelis in die Dormitio-Abtei, um ab Mitternacht der Weihnachtsvigil – dem nächtlichen Gebet – beizuwohnen: Sie möchten deutsche Weihnachten mit Weihrauch, Lichterschmuck, Weihnachtsbäumen und Liedern wie "Stille Nacht, Heilige Nacht" erleben. Die Benediktiner haben sich darauf eingestellt und bieten nachts keine Kommunion mehr an, dafür aber Lieder und Predigten, die abwechselnd in Deutsch, Englisch und Hebräisch gehalten werden, um alle Besucher gleichermaßen anzusprechen. Während bei der Messe einige Stunden zuvor die christlichen Besucher sich auf den Gottesdienst konzentrierten, nehmen die Israelis visuelle Erinnerungen auf: Sie filmen und fotografieren die Eingangsprozession, den Chor am Altar und an der Orgel, die Predigt. Und wer genug gesehen und gehört hat, geht einfach mittendrin.

Nachtwanderungen sind vielen Einheimischen unbekannt

Nach der Vigil offerieren die Benediktiner in der Cafeteria der Abtei Kaffee, Tee und Christstollen. Viele, die hier gegen 1:30 Uhr morgens Kaffee trinken, wollen mit nach Bethlehem wandern. Die meisten israelischen Gäste sind längst gegangen: An der Wanderung nehmen sie nicht teil, da sie nicht nach Bethlehem dürfen. Bethlehem liegt nach den Oslo-Verträgen in Area A und damit unter Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde. Umgekehrt dürfen die Westbank-Palästinenser nur nach Israel – und damit nach Jerusalem –, wenn die israelischen Behörden ihnen Erlaubnisscheine geben; diese sind in der Regel zeitlich begrenzt, und trotz Erlaubnisschein gibt es keine Garantie, Checkpoints tatsächlich passieren zu dürfen. Die Benediktiner fragen, ob jeder seinen Reisepass mit sich führe. Eine Frau hat ihn nicht dabei und fragt, ob sie nicht einfach so mitkönne. Die Mönche raten ab. Es ist keine gute Idee, in die Westbank ohne Ausweisdokumente zu fahren: Rein kommt man leicht, aber zurück nach Israel kann es ohne Pass Probleme geben.

Außer der Dormitio-Abtei bietet auch die evangelische Erlöserkirche, die in der Altstadt Jerusalems liegt, einen nächtlichen Gang nach Bethlehem an: Der Gottesdienst findet hier bereits um 22.30 Uhr statt und die Pilger beginnen nach Mitternacht ihren Gang nach Bethlehem. So kann jeder Gläubige die Kirche wählen, die ihm nähersteht, und die nächtlichen Besuche in der Geburtskirche in Bethlehem finden zeitversetzt statt. Die deutschsprachigen Kirchen Jerusalems sind in Freundschaft verbunden und kooperieren beispielsweise in ihren Volontärsprogrammen. Tagsüber gab es bereits Shuttleservices nach Bethlehem: Der Erzbischof von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, zieht am 24. Dezember traditionell groß in Bethlehem ein, begleitet von Pfadfindern und Gläubigen aus aller Welt. In der Katharinenkirche, die direkt an die Geburtskirche angrenzt, wird die große Weihnachtsmesse gefeiert. Während diese Prozession weltbekannt ist und Nachrichtensender darüber berichten, wissen selbst Einheimische in Jerusalem oft nichts von den kleinen Wallfahrten, zu denen die Dormitio-Abtei und die Erlöserkirche zu Weihnachten einladen. Wir, die wir gemeinsam um 2.17 Uhr zu dieser kleinen Wallfahrt in der Christnacht aufbrechen, sind fast ausschließlich aus dem deutschsprachigen Raum.

Rolle mit 70.000 Namen

In der Basilika auf dem Altar liegt die Namensrolle. Ihr Papier ist bis weit in den Gang zwischen den Stühlen ausgerollt mit den Namen von mehr als 70.000 Menschen aus Deutschland und anderen Ländern, von Privatpersonen, aus Kirchengemeinden, Kindertagesstätten und Justizvollzugsanstalten. In engen Zeilen stehen die Namen, eingesandt per Email und von Bruder Natanael und Volontären einheitlich formatiert. Am Ende kleben einige Seiten, in die sich Besucherinnen und Besucher in der Nacht spontan eintragen. „70.000 Menschen – das ist eine Stadt, oder ein Fußballstadion“, sagt Bruder Natanael. Er wurde 1983 im Münsterland geboren; seit 2013 lebt er als Benediktinermönch in der Dormitio-Abtei. Seit 2014 kümmert er sich um die Weihnachtsaktion und damit um die Sammlung der Namen für die Rolle und die Organisation der nächtlichen Wanderung.

Bruder Natanaels eigene Lebensgeschichte führte über Umwege zur Dormitio-Abtei. Der gelernte Tischler und studierte Berufsschullehrer für Holztechnik und Religion volontierte nach seinem Studium 2011 in der Abtei. Zehn Jahre zuvor hatte er ein Volontariat auf Grund der Intifada abgesagt. Die Faszination des Heiligen Landes und die Frage, wie er sein Leben gestalten wollte, blieb: „Nach dem Referendariat in einer Schule habe ich Sehnsucht gespürt und den Abt der Dormitio-Abtei gebeten, vier Wochen kommen zu dürfen, um im Kloster mitzuleben, die Gebetszeiten mitzumachen – denn wir Mönche haben einen anderen Tagesablauf als Volontäre.“ Es gefiel ihm und er blieb.

Abt Bernhard Maria, zwei junge Frauen und Bruder Natanael (von links) rollen die aneinandergeklebten Seiten der Namensrolle ein in der Dormitio-Abtei (25.12.2018).

Gemeinsames Tragen des Schicksals

Für die Mönche der Dormitio-Abtei ist der Gang nach Bethlehem in der Weihnachtsnacht und zu Ostern nach Emmaus selbstverständlich. Die Idee der Namensrolle hingegen ist relativ neu: Vor etwa zehn Jahren begann Natanaels Mitbruder Jakobus Namen von Freunden und Familien aufzuschreiben. Diese Idee griffen weitere Mitbrüder auf, dann der Freundeskreis der Abtei, und heute kann jeder seinen eigenen und die Namen von Angehörigen und Freunden an die Dormitio-Abtei senden. Zudem spendeten die Unterzeichner 2018 mehr als 131.700 Euro, mit denen die Benediktiner soziale Einrichtungen in Bethlehem unterstützen.

Anfangs passten die Namen in eine kleine Dose, heute sind Hunderte von Din A4-Seiten mit den Namen bedruckt. Mit vielen Namen sind Gebetsanliegen verbunden, etwa bei gesundheitlichen Problemen. In der biblischen Vorstellung steht der Name für den Menschen, der ihn trägt. Die Vorstellung, dass ihre Namen nach Bethlehem mitwandern, finden viele Menschen berührend: „Manche haben eine Verbindung zu uns und der Dormitio-Abtei und finden die Idee schön, bei ihrer Familie zu Hause zu sein und zugleich von uns in der Heiligen Nacht mit nach Bethlehem mitgenommen zu werden“, sagt Bruder Natanael. Jedes Anliegen – eingereicht per Email, über das Formular der Dormitio-Homepage, per Fax oder Brief – wird gelesen.

Wieviel die Namensrolle wiegt, weiß Bruder Natanael nicht. Die Rolle wird abwechselnd von Wanderern getragen, und für manche ist sie zugleich symbolische Last und Erleichterung. Natanael erzählt ein für ihn prägendes Erlebnis: 2017 trug eine Frau, die selbst an einer Krankheit litt, die Rolle auf dem Weg nach Bethlehem. Sie dachte an all die Namen, Lebensgeschichten, Schicksale und Wünsche, die sie im Arm hielt. Sie sagte: „Als ich die vielen Namen getragen habe, wurden meine eigenen Sorgen und meine Krankheit ganz klein.“ Die Rolle wandert, und damit halten und teilen andere Menschen die individuellen Anliegen – für Bruder Natanael ist dieses Gefühl der Gemeinschaft „sehr schön!“

Nach der Christnacht legen die Benediktiner die Namensrolle in den so genannten Kapitelsaal in der Dormitio-Abtei, einem Raum, in dem die Mönche zusammenkommen zum Gebet und zu Konferenzen. Die Rollen der vergangenen Jahre werden unter der Bibel aufbewahrt: "So denken wir auch immer wieder an die Personen, die hinter den vielen Namen stecken", sagt Bruder Natanael.

Der Stern leuchtet den Weg

Die Gruppe geht zügig: Wir müssen die etwa neun Kilometer zwischen der Dormitio-Abtei in Jerusalem und der Geburtskirche in Bethlehem hinter uns bringen, bevor es fünf Uhr ist. Dann schließen die griechisch-orthodoxen Mönche der Geburtskirche die Geburtsgrotte, um ihren eigenen Gottesdienst zu feiern. Auf unserer Wanderung kommen Prior Pater Matthias, Bruder Simeon und Bruder Natanael immer wieder mit anderen ins Gespräch: Sie sind beeindruckt, dass etwa 200 Menschen mitkommen. In den vergangenen Jahren waren es 60 bis 80. Manche Wanderer sprechen miteinander, andere gehen alleine. Niemand trägt Kerzen oder Taschenlampen, die Straßenlaternen sind hell genug. Pater Matthias freut sich über die klare Nacht. Es ist auch wärmer als erwartet, vielleicht sechs, vielleicht acht Grad. Zumindest am Anfang braucht man keine Mütze und keine Handschuhe.

In den vergangenen Jahren gingen sie im Regen. Pater Matthias erinnert sich an die Wanderungen 2001 und 2002, „in den dunkelsten Zeiten der zweiten Intifada. Alle Lichter in Bethlehem waren aus, als Zeichen der Trauer.“ Die Straßen waren damals von israelischen Panzern gezeichnet, die Blumenrabatten zerfahren, die Ampeln umgelegt.

Zwei Stopps haben die Benediktiner eingeplant – einen am griechisch-orthodoxen Kloster Mar Elia, und einen vor Bethlehems Altstadt. Bruder Simeon liest Abschnitte aus der Weihnachtsgeschichte, wir singen Lieder wie „Stern über Bethlehem“, und „Freu dich, Erd und Sternenzelt“. Kurz nach dem ersten Stopp am Kloster Mar Elia begegnen wir plötzlich Fußgängern, Männern, die Wollmützen tragen und Kefijes – im deutschsprachigen Raum bekannt als ‚Palästinensertücher‘ – um ihren Kopf geschlungen haben. Sie gehen allein oder zu zweit und wirken, als seien sie harte körperliche Arbeit gewöhnt. Von hier bis in die Innenstadt Jerusalems sind es sechs Kilometer, und diese Männer sehen nicht aus, als warteten sie auf ein Taxi. Am linken Straßenrand parken Busse, leer, ohne Fahrer und Passagiere. Je näher wir dem Checkpoint „300“ kommen, desto mehr Männer begegnen uns. Einige sitzen oder liegen auf dem Gehweg oder im angrenzenden Olivenhain. Es sind Palästinenser, die in Israel arbeiten, und die nachts aufbrechen müssen. Denn niemand weiß, wie viel Zeit er im Checkpoint verbringen wird, und ungeachtet dessen früh morgens pünktlich an seiner Arbeit erwartet wird.

Zu Fuß durch die Mauer

Kurz hinter dem 24-Stunden-Laden „Lialy Lebnan“, der für Arbeiter und Touristen Kaffee und Snacks anbietet, biegen wir links ab. Das israelische Tourismusministerium wünscht uns von einem Plakat frohe Weihnachten, und hinter einem mit einer erleuchteten Kutsche und einem Davidstern geschmückten Verkehrskreisel sehen wir: die Mauer. In Sichtweite rechts von uns gehen Palästinenser in eine Halle, in denen sie und ihre Dokumente kontrolliert werden: Sie wollen nach Israel. Wir aber wollen in die Westbank: Uns kontrolliert niemand. Wir gehen auf die Öffnung in der Mauer zu, rechts ein Wachturm, in der Mitte der Straße ein kleines Häuschen mit einem bewaffneten israelischen Soldaten, in der Maueröffnung steht ein Bus, der auf Abfertigung wartet.

Wir gehen, einzeln oder in kleinen Gruppen, eine lange Schlange schweigender Menschen.

Der israelische Soldat ruft auf Englisch in die Nacht: „What is this march?!“

Niemand antwortet, niemand bleibt stehen.

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Für die Weihnachtsaktion 2018 der Dormitio-Abtei in Jerusalem wurden mehr als 70.000 Namen auf dieser Rolle gesammelt und nachts von Jerusalem nach Bethlehem getragen (25.12.2018).
Eine junge Frau schreibt ihren Namen auf die Namensrolle. Im Hintergrund Bruder Natanael der Dormitio-Abtei in Jerusalem (25.12.2018).
Der Durchgang durch die Mauer nach Bethlehem, Checkpoint 300, gesehen von der Bethlehemer Seite (25.12.2018).
Bruder Simeon in der Sternstraße am Eingang der Altstadt von Bethlehem. Dies ist der letzte Stopp vor dem Erreichen der Geburtskirche (25.12.2018).
Überstrichenes Donald Trump-Graffito an der Mauer in Bethlehem (25.12.2018).
Nelson Mandela-Graffito an der Mauer in Bethlehem (25.12.2018).
Politisches Graffito an der Mauer in Bethlehem (25.12.2018).

Techno, Trump und Taxis

Hinter der Mauer tragen die Autos palästinensische Nummernschilder: die Taxis weiße Schrift auf grünem Grund, die Privatautos grün auf weißem Grund. Die Taxis bieten immer wieder an, uns mitzunehmen, und junge Männer, für die ihr Auto oft der einzige semi-private Rückzugsort ist, fahren mit lautem Techno an uns vorbei. Die Mauer begleitet uns minutenlang, mit Graffitis, die neu sind oder sukzessive übermalt werden so wie das große Porträt von Donald Trump, dessen Profil und Mund schwarz überkreuzt sind. Nelson Mandela lächelt von der Mauer, und an einer anderen Stelle ist die Altstadt von Jerusalem mit Felsendom und Friedenstaube skizziert, daneben eine Leiter, die in den Himmel führen mag oder ganz einfach über die tatsächliche Mauer. Die Pilger machen Fotos.

Wir folgen der Sternstraße – oder wie auf den Straßenschildern steht: Star Street – bis zum Beginn der Altstadt. Bruder Simeon steht erhöht auf einer Stufe, er fragt, wo die Namensrolle ist und junge Menschen ganz am Ende des Pilgerzuges bejahen rufend. Bruder Simeon liest aus der Weihnachtsgeschichte, dann singen wir ein letztes Mal an diesem Morgen. Der Bruder bittet, dass wir den Rest des Weges zur Geburtskirche schweigend gehen. Die engen Straßen der Altstadt Bethlehems sind mit Lichtern geschmückt, und das Minarett der Omar-Moschee leuchtet fahl grün über die Dächer hinweg. Kurz nachdem wir die gegenüberliegende Geburtskirche betreten haben, ertönt von dort der Ruf zum muslimischen Frühgebet, pünktlich zum Ende der Nacht.

Es ist 4.51 Uhr, und die Mönche der Geburtskirche schleusen uns in zwei Reihen durch die Geburtsgrotte – für jeden von uns bleiben nur wenige Sekunden an der Stelle, an der Jesus geboren worden sein soll. Nur Orthodoxe dürfen am Fünf-Uhr-Gottesdienst teilnehmen; einer der Mönche bereitet am prachtvollen Altar bereits die Lichter vor, während palästinensische Polizisten noch schnell eine dreiköpfige Familie, die auf der falschen Seite stand, in die Schlange vor der Geburtsgrotte winken.

Weihnachten international

Wir versuchen, in die Hieronymusgrotte zu gelangen, wo Vater Bernhard Maria, der Abt der Dormitio-Abtei, die Laudes - das katholische Morgengebet - hält. Die Namensrolle hatte er zuvor auf den Geburtsstern in der Geburtsgrotte gelegt. Der Zugang liegt in der angrenzenden Katharinenkirche, die Grotte selbst unter der Geburtskirche. Aber die Hieronymusgrotte ist so überfüllt, dass es nur einem Teil der Wanderer von der Dormitio-Abtei gelingt, überhaupt hereinzukommen. Währenddessen halten Inder in der Katharinenkirche einen eigenen Gottesdienst: Hunderte Menschen sind hier, viele sitzen auf dem Boden, alle sehen müde aus und einige sind schon eingeschlafen. Sie stammen aus Kerala in Indien und arbeiten in Israel, etwa in der Altenpflege. An Weihnachten haben sie die Katharinenkirche für ihren Gottesdienst reserviert.

Auch wir sind müde nach dieser Nacht. Da niemand mit 200 Teilnehmern gerechnet hat, reichen die beiden von der Dormitio-Abtei bestellten Busse nicht für alle. Viele nehmen Taxis zum Checkpoint, überqueren ihn zu Fuß und fahren auf der israelischen Seite mit öffentlichen Bussen nach Hause. Einer der Fahrer der gecharterten Busse erwartet an Checkpoint „300“ viel Verkehr, denn es ist kurz nach halb sechs Uhr morgens: Der erste Weihnachtsfeiertag ist in Israel ein normaler Arbeitstag. Der Fahrer nutzt einen kleineren Checkpoint abseits der Hauptstraßen. Niemand kommt in den Bus zur Kontrolle unserer Pässe: Als der Busfahrer sagt, wir seien deutsche Touristen, werden wir durchgewunken. Eine knappe halbe Stunde später erreichen wir die Dormitio-Abtei. Über den Bergen Jerusalems leuchtet der Himmel rot an diesem Morgen.

Altar in der Geburtskirche in Bethlehem (25.12.2018).
Altar in der Geburtskirche in Bethlehem (25.12.2018).
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Brief aus Jerusalem