Mit der Strickjacke zum Sabbat, mit dem Fahrrad in den Straßenkampf

Mein Leben in Jerusalem zwischen herzlichen Menschen und harten Konflikten. Von Evelyn Runge

Dies ist eine kostenfreie Leseprobe des „Briefs aus Jerusalem“, Folge 1, 21.12.2018. [Link zum PDF]

Jerusalem | Das Wichtigste in Jerusalem ist es, zu lächeln. Das machen Kinder unvermittelt auf der Straße;  Marktmänner, die nach dem Abwiegen von Obst und Gemüse eine Orange extra in die Plastiktüte stecken; oder der Kassierer im Supermarkt, der mir neben dem Kassenzettel einen Schokoriegel überreicht und mir, wenn ich einige Wochen nicht dort eingekauft habe, sagt: „Ich habe dich vermisst; wo warst du?“ Ich erwidere das Lächeln gerne, und noch lieber lächele ich selbst zuerst: Ein Lächeln wird in Jerusalem immer erwidert, auf der Straße, im Geschäft, im Café.

Das Lächeln hebt für Sekunden die Fragilität des Alltags auf und macht das Leben leichter in einer Stadt, die geprägt ist von sozialen Ungerechtigkeiten, religiösen Spannungen, politischen Machtkämpfen und Konflikten – und weltweit dafür bekannt. Von außen betrachtet scheint es eine Stadt zu sein, die man am besten nicht freiwillig betritt. Wenn ich sage, dass ich in Jerusalem lebe, ist die erste Frage: „Ist das nicht gefährlich?“

Eine Stewardess erzählt mir, ihre Fluggesellschaft habe ihr verboten, nach Jerusalem zu fahren: An ihrem freien Tag soll sie in Tel Aviv bleiben. Europäische Professorinnen sagen Exkursionen nach Jerusalem ab und begründen dies mit „der Sicherheitslage“. Familie, Freundinnen und Freunde aus Europa lehnen Einladungen prophylaktisch ab, weil sie Angst haben. Oder sie kommen einmal, und dann nie wieder. Ich bekomme zu hören: Zu viele Waffen. Zu groß die Ungerechtigkeiten im Alltag. Zu gefährlich.

„Mein Jerusalem“, die Stadt, in der ich lebe, versetzt mich immer wieder ins Staunen. Jerusalem schenkt mir Einblicke in Welten und Begegnungen, die mir die vielfältigen Weisen zeigen, in denen Menschen ihr Leben gestalten, mal mehr, mal weniger selbstbestimmt. Ich treffe Menschen, die so offen sind, mich in ihre Leben einzuladen. Manches erlebe ich einfach, weil ich draußen auf der Straße bin und beobachte. Und alles, im Guten wie im Schlechten, hinterlässt Spuren in mir. Manchmal bemerke ich diese Spuren erst, wenn Freundinnen und Freunde erstaunt über meine Erlebnisse sind.

Fragmentierter Sehnsuchtsort

Keine zwei Menschen erleben das gleiche Jerusalem. Es ist ein Sehnsuchtsort, der sich aus Fantasien, Zuschreibungen und Ideologien zusammensetzt – oder vielmehr: gerade deshalb höchst fragmentiert ist. Nicht mal die Religiösen sind sich einig, was genau diese Stadt ist. Zu viele Unterschiede gibt es auch innerhalb der einzelnen Religionen.

Jerusalem besteht aus so vielen Jerusalems, wie es Einwohner und Besucher hat. Die Stadt ist ein Kaleidoskop, das viele verschiedene Muster und Ornamente hat, und je nachdem, welche Perspektive man selbst einnimmt, verändert sich die eigene Wahrnehmung dieser Muster. Mein Erleben und Erzählen über den Alltag in Jerusalem wechselt Perspektiven; mich interessieren die vielen Jerusalems, die es gibt, und die für mich diese Stadt ausmachen, sie geheimnisvoll machen, wie eine Schatzkiste, in der man immer Neues findet, je tiefer man wühlt.

Zwei Jerusalems, die – zumindest in deutschsprachigen Medien – am häufigsten erwähnt werden, sind Ost- und West-Jerusalem, obwohl diese Zuschreibungen geografisch nicht überall passend sind. Denn auch Stadtteile im Norden Jerusalems zählen zu West-Jerusalem, und Stadtteile im Süden zu Ost-Jerusalem. Im Groben kann man sagen, dass der Westen israelisch geprägt ist, und der Osten palästinensisch.

Sichtbare und unsichtbare Grenzen

In West-Jerusalem leben Juden, religiöse und säkulare, hier liegt die Knesset, Israels Parlament, hier sind die Oper, das Kunstmuseum, das Fußballstadion zu finden. In manchen Stadtteilen wohnen Palästinenser und Juden in enger Nachbarschaft, wie in Abu Tor oder am French Hill. In Ost-Jerusalem leben vor allem Palästinenser, Muslime und Christen. Dieser Teil der Stadt war von 1948 bis 1967 unter jordanischer Herrschaft. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel den östlichen Teil Jerusalems, inklusive der Altstadt, und der Westbank.

Die meisten Einwohner Ost-Jerusalems haben keine Staatsangehörigkeit, keinen israelischen Pass, sondern jordanische Dokumente oder die so genannte Jerusalem-ID: Sie haben Residenzrecht, können sich frei in Israel bewegen und den Ben Gurion-Flughafen in Tel Aviv zur Ein- und Ausreise nutzen. Die Westbank-Palästinenser hingegen müssen über Amman in Jordanien, wenn sie fliegen wollen. Wer sich zu lange außerhalb seines registrierten Wohnorts aufhält, kann die Jerusalem-ID verlieren, und muss Jerusalem und Israel verlassen.

Die Mauer, die Jerusalem von der Westbank trennt, ist die sichtbarste Grenze innerhalb dieser Stadt, aber wer hier länger lebt, lernt viele Arten von Grenzen kennen, die sichtbaren und die unsichtbaren. Zu den unsichtbaren Grenzen gehört, wo welche Sprache gesprochen wird. Im West-Teil der Stadt wird Hebräisch gesprochen. Die Palästinenser, die in Restaurants, Museen, Kinos arbeiten, sprechen selbstverständlich Hebräisch, oftmals besser als Englisch. Im Osten Jerusalems wird Arabisch gesprochen. Israelis, die hier einkaufen, wenn die Geschäfte am Sabbat geschlossen haben, die ihre Autos in den günstigeren Werkstätten reparieren lassen, sprechen aber meist Hebräisch mit den Dienstleistern.

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Brief aus Jerusalem