"Man ahnt etwas und kann doch nichts tun“

Ist die DFG mit anonymen Vorwürfen gegen ihre Preisträgerin Nestler falsch umgegangen? Von Jan-Martin Wiarda

DFG/Falk Wenzel

Vor vier Wochen hat die Karlsruher Materialforscherin Britta Nestler mit fast viermonatiger Verspätung den Leibniz-Preis erhalten, nachdem sich die gegen sie anonym erhobenen Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens als falsch erwiesen hatten. "Der bittere Preis der Integrität", hatte ich daraufhin geschrieben, und ein Kollege von Nestler, Peter Gumbsch, forderte in einer Replik auf meinen Kommentar, die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen.

Spätestens seitdem hat fast jeder, mit dem man über Nestlers Fall redet, gute Ideen, was sich aus ihm lernen ließe. Zum Beispiel, dass endlich die nationale Plattform zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten kommen müsse, die der Wissenschaftsrat 2015 gefordert hatte, um Ermittlungen bundesweit zu dokumentieren und den Umgang mit Vorwürfen zu standardisieren. Ausgerechnet jetzt wurde jedoch bekannt, dass die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einer solchen Plattform eine Absage erteilt hat, wie vergangenen Donnerstag meine Kollegin Christine Prußky in der ZEIT berichtete. Man sehe keinen "klaren Mehrwert", erklärte Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, zurzeit Sprecher der Allianz.

Andere meinen, es wäre besser, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt ihre gesamten Ermittlungsergebnisse in Sachen Britta Nestler öffentlich machen würde, schon um der Beschuldigten willen. Sagt zum Beispiel die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff, a.k.a. "WiseWoman", eine aktive Mitarbeiterin von VroniPlag Wiki, das schon zahlreiche Plagiatsfälle dokumentiert hat. Weber-Wulff meint, dass das deutsche Wissenschaftssystem immer noch an zu wenig Transparenz leide, was Plagiate begünstige.

„Die DFG lässt immer noch anonyme Hinweise zu. Das muss aufhören.“

Doch was sagt Britta Nestler selbst? Ich habe sie gefragt. Am schlimmsten, sagt sie, sei das Gefühl der Machtlosigkeit gewesen, nachdem die Preisverleihung an sie ausgesetzt worden war und der zuständige DFG-Ausschuss seine Ermittlungen aufgenommen hatte. „Man weiß, man ist unschuldig, und doch traut man dem System nicht. Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?“

Über die Vorwürfe, die der namenlose Tippgeber am Freitag vor der Preisverleihung an die DFG schickte, will Nestler nicht im Einzelnen reden, nur dass sie bis 1999 zurückreichen. Die jüngsten beziehen sich auf 2013. Klar ist: Der Verleumder verfolgt ihre Arbeit und die ihrer Forschergruppe seit langem. Der Stoß Papier, den er an die DFG schickte, umfasste offenbar hunderte Seiten inklusive zahlreicher Anlagen. 

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, die dem Ausschuss zur "Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ vorsitzt, sagt, irgendwann habe sie selbst ein Verdacht beschlichen: Da versteckt sich jemand hinter dem Anschein eines Whistleblowers, um sich zu rächen. „Das war ein ungutes Gefühl. Man ahnt etwas und kann doch nichts tun.“ Nichts tun, weil die Vorwürfe so konkret und sachlich vorgetragen gewesen seien, versehen mit konkreten Hintergrundwissen über Abläufe und Verfahren an Nestlers Institut, "um eine Untersuchung gemäß unseren Senatsrichtlinien zwingend zu machen.“

Eine unmögliche Situation für die zu Unrecht Beschuldigte, aber auch eine unmögliche Situation für die DFG. Also kann man doch nichts lernen, musste alles so laufen, wie es gelaufen ist? Nicht ganz, sagt Britta Nestler: „Die DFG lässt immer noch anonyme Hinweise zu. Das muss aufhören.“

Dass man anonymen Whistleblowern überhaupt Gehör schenke, entgegnet, Dorothee Dzwonnek, sei die Reaktion auf eine Reihe von Fällen, in denen „Menschen in gutem Glauben und zum Wohl der Wissenschaft Hinweise gegeben haben und als Folge persönliche Nachteile erlitten.“ Trotzdem müsse die DFG über Konsequenzen nachdenken.

Über welche genau, habe ich gestern in meinem Artikel über den Fall Nestler in der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben. Dort schildere ich auch im Detail, was sich zwischen dem Eingang des anonymen Schreibens in der Bonner DFG-Geschäftsstelle und der Absage der Preisverleihung an Nestler zugetragen hat. Und ich berichte, was Generalsekretärin Dzwonnek zu dem Einwand Weber-Wulffs sagt, die DFG hätte die Ehrung durchziehen, ermitteln und erst bei Bestätigung der Vorwürfe den Preis gegebenenfalls zurückziehen müssen.

Foto: DFG-Präsident Peter Strohschneider, Preisträgerin Britta Nestler, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka

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