Berührte Natur

Wenn wir Arten und Ökosysteme bewahren wollen, dürfen wir sie nicht sich selbst überlassen – das zeigt die Weißstämmige Kiefer in Oregon. Von Emma Marris

Emma Marris Blick auf den Crater-Lake-Nationalpark

11. Dezember 2016

Der Boden ist mit Schnee bedeckt, ein eisiger Dunstschleier liegt in der Luft, Raureif überzieht die Kreuzdornsträucher. Der Kamm, auf dem ich im Crater-Lake-Nationalpark im US-Bundesstaat Oregon stehe, ist in absolute Stille gehüllt. Aus dem Schnee ragen die Bäume, wegen denen ich hierher gekommen bin: Weißstämmige Kiefern (Pinus albicaulis). Sie erscheinen in dieser weiten Landschaft riesig und zugleich merkwürdig verkümmert – Zeit und Eis haben ihnen sichtlich zugesetzt. In ihrer rauhen Rinde gibt es immer wieder Lücken. Das blanke Holz sieht aus wie polierter Knochen.

Weißstämmige Kiefern leben am Existenzminimum. Sie wachsen an den höchsten, trockensten, kältesten, steinigsten und windigsten Hängen. Andere Kiefernarten in diesem Gebiet, wie die Drehkiefer und die Goldkiefer, bilden größere Bestände aus eindrucksvollen Bäumen. Die Weißstämmigen Kiefern dagegen existieren nur in kleinen Grüppchen und wirken geschunden. Zugleich strahlen sie aber eine große Schönheit und Würde aus.

Pilz und Käfer sind auf dem Vormarsch

Diese Bäume mussten schon immer viel aushalten. Jetzt aber könnte es zu viel werden. Zwei Schädlingen setzen ihnen gleichzeitig zu. Jen Beck, die Botanikerin des Nationalparks, deutet auf zwei typische orangefarbene Flecken, die der Strobenrost (Cronartium ribicola), ein eingeschleppter Pilz, erzeugt. Gleich daneben sind Harztropfen zu sehen, mit denen sich der Baum gegen den gefräßigen Borkenkäfer zu verteidigen sucht. Doch dessen Gänge sind überall zu sehen. Pilz und Käfer sind auf dem Vormarsch, die Ursache dafür könnte der Klimawandel sein. Die Kiefern, die um die sechshundert Jahre alt sind und wegen dieses Alters eine ganz besondere Würde ausstrahlen, sterben.

Beck bückt sich und wischt mit der nackten Hand eine dicke Schneeschicht weg. Darunter kommt ein kleiner Weißstamm-Keimling zum Vorschein, nicht höher als ihr Stiefel . Neben ihm steckt ein unauffälliges Metallschild im Boden, auf dem die Ziffer 82 prangt. Zusammen mit Kollegen und freiwilligen Helfern hat Beck vor vier Jahren diese und mehrere Hundert andere junge Bäume gepflanzt. Die Samen dafür stammen aus den Zapfen von Bäumen, die gegen den Pilz resistent zu sein schienen. Experten am Dorena Genetic Resource Center in der Nähe von Cottage Grove im US-Bundesstaat Oregon haben Samen aus Hunderten solcher Zapfen zum Wachsen gebracht und die Jungpflanzen mit dem Pilz infiziert. Anschließend beobachteten sie über fünf Jahre, wie widerstandsfähig die Pflanzen wirklich waren. Am Ende des Versuchs holten die Experten erneut Samen aus Zapfen – und zwar von jenen Bäumen, die sich als besonders resistent erwiesen hatten. Anschließend steckten sie die Keimlinge im Crater-Lake-Nationalpark in den unwirtlichen Boden – auch dort, wo Jen Beck und ich gerade stehen. Die Botanikerin setzt nun ihre ganze Hoffnung auf Pflanze Nummer 82 und die anderen Setzlinge: Sie sollen sich im Nationalpark verbreiten und die sterbenden Alten durch Bäume ersetzen, in deren Erbgut Gene aktiv sind, die den Pilz abwehren können.

Das Team hat sich bemüht, dass der Nationalpark nicht wie eine Baumschule aussieht. “Wir haben die Bäume nicht in Reih und Glied gepflanzt, sondern jeden einzelnen Keimling in der Nähe eines Steins oder eines Stücks Totholz eingesetzt.” Das soll den kleinen Pflanzen Schutz vor Eis und Wind geben und entspricht so auch der natürlichen Verbreitungsstrategie von Weißstämmigen Kiefern. Die Metallschilder wurden unter einer Schicht aus alten Nadeln und Erde vergraben. Stirbt ein Setzling, was unweigerlich passieren kann, werden die Metallschilder entfernt.

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Emma Marris

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