Covid-19 in Australien

Kein Traumziel gerade

Katja Trippel Das Bild zeigt die Autorin, wie sie ratlos ins Meer guckt. Sie ist im April 2020 eine von zehntausenden Corona-Gestrandeten in Australien

Aus Adelaide berichtet Katja Trippel

Wie ist die aktuelle Situation auf dem Kontinent?

Für "normale Australier" ähnlich wie in Europa: Man hockt zu Hause, darf kaum raus, hat Angst vor dem Virus und der Zukunft. Zehntausende Touristen und andere Reisende wiederum erleb(t)en eine Odyssee. Sie sind in teils sehr entlegenen Ecken des Kontinents gestrandet, aber wissen nicht, wie sie nach Hause kommen: Viele Flüge wurden gestrichen, neue sind horrend teuer.

Los ging hier alles Ende Januar, als ein 58-jähriger Chinese aus Wuhan während eines Familienbesuchs in Melbourne Symptome entwickelte. Am 1. Februar verhängte die australische Regierung ein Einreiseverbot aus China, Doch Flugzeuge von überall anders sowie Kreuzfahrtschiffe konnten weiterhin (an)landen, und so verbreiteten ihre Passagiere das Virus weiter. Inzwischen dürfen nur noch Einheimische einreisen, werden aber direkt nach Ankunft für 14 Tage zur Quarantäne in Hotels verfrachtet. "Nicht essentielle Reisen" sind im Reiseparadies verboten.

Zu den Zahlen: Heute (Montag 6.4. Ortszeit Adelaide 15.00) sind 5793 Menschen erkrankt und 40 gestorben. Das klingt nach einem vergleichsweise milden Verlauf, doch auch in Australien ist die Dunkelziffer der Covid-Patienten hoch. Daher sind optimistische Prognosen leider mit Vorsicht zu behandeln.

Bild von einem Hostelschild, auf dem steht, dass sie keinen Platz mehr für neue haben.
Wohin bloß? Viele Reisende sind in Australien gestrandet
Michael Nunner

Wie geht die Bevölkerung damit um - und wie geht es dir dabei?

Als ich Ende Februar auf einen lange geplanten Trip vom heimischen Adelaide (Südaustralien) ins ferne West-Australien losfuhr, war hier die Welt - scheinbar - noch in Ordnung. Erst ab Mitte März begannen die Aussies samt ihrer Regierung die Bedrohung durch Covid-19 ernst zu nehmen. Theoretisch fand ich das gut – praktisch saß ich in einem Dachzelt 3500 Kilometer von Adelaide entfernt auf einem Campingplatz und wusste nicht was tun, genau wie unzählige andere Reisende. Sofort nach Hause? Oder an der einsamen Westküste ausharren? Quasi stündlich veränderte sich die Lage: Die Heimflüge vieler Touristen wurden gecancelt, Campingplätze dicht gemacht, erst die Grenzen zwischen den Bundesstaaten, später auch zwischen Regionen geschlossen. Wir fuhren vier Tage am Stück zurück nach Südaustralien, kamen gerade noch rechtzeitig "rüber". Nun befinden wir uns in obligatorischer "self-isolation" in einem AirBnB, weil wir unsere Wohnung vor der langen Reise gekündigt hatten. Dürften wir raus, wären unsere Ausgangseinschränkungen im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten locker: Strände wie Nationalparks sind offen, noch immer dürfen sich bis zu zehn Personen mit entsprechendem Abstand an einem Ort tummeln. Bin ich aber nicht scharf drauf.

Das Bild zeigt ein australisches Corona-Warnschild, das auf den Mindestabstand von 1,5 Metern hinweist.
Öffentliche Info über Covid-19
Katja Trippel

Welche regionalen oder andere Besonderheiten spielen eine Rolle?

Australien hat regulär rund 2400 Intensivbetten – das sind 9,4 pro 100.000 Einwohner (Deutschland ist fast dreimal so gut ausgestattet) –, die derzeit mächtig aufgestockt werden. Ländliche und vor allem weit abgelegene Gebiete sind aber im Schnitt deutlich schlechter versorgt als die Küstenstädte und haben gleichzeitig eine ältere Bevölkerung. In Denham, wo ich strandete, gab es noch nichtmal eine Krankenschwester. Entsprechend nervös reagieren viele "locals": Fremde sind nicht mehr willkommen – egal ob Touristen oder Aussies aus den Städten, die sich in Ferienhäusern oder mit ihrem Wohnwagen in Sicherheit bringen wollen –, sie könnten ja den Virus mitbringen oder im Fall einer Erkrankung die lokalen Klinikbetten besetzen; eine durchaus berechtigte Sorge. Viele Aborigional Communities haben sich komplett abgeriegelt, um ihre gesundheitlich oft vorbelasteten Einwohner vor Covid-19 zu schützen.

Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu Deutschland?

Australien als Inselstaat hätte die Chance gehabt, die Schotten früh dicht zu machen. Premierminister Scott Morrison hat sich, anders als Jacinda Ardern in Neuseeland, dagegen entschieden. Am 13. März, zwei Tage nachdem die WHO eine Pandemie ausgerufen hatte, entsetzte er bei einer Pressekonferenz die Ärzte seines Landes mit der Ansage, er gehe am Wochenende noch zum Rugby-Spiel ins Stadion; wenige Stunden später revidierte er diese Entscheidung. Nun müssen seine Regierung und die der Bundesstaaten die Folgen managen. Schon jetzt ist absehbar, dass Australien nach der verheerendsten Feuersaison seiner Geschichte wegen Corona wohl zum ersten Mal seit Jahrzehnten in eine Rezession rutscht. Die meisten Aussies halten in harten Zeiten gut zusammen. Wer hingegen nur ein Kurzzeit-Visa besitzt und weder eine "PR" (permanente Aufenthaltsgenehmigung) noch Vermögen nachweisen kann oder dem Land nicht akut nützt, etwa als Farmarbeiter oder Ärztin, soll Australien verlassen.

The good news: Übers Wochenende (5./6.April) ist die Zuwachskurve erstmals gesunken.

Bild von den neuen Visabestimmungen zu Corona-Zeiten.
Neue Visabestimmungen in Corona-Zeiten: Nur wer nützlich ist, soll bleiben. Für alle anderen gilt: 'It's time to go home"
Katja Trippel
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