Ausgesperrt

Covid 19: Australier versuchen das Virus in den Griff zu bekommen

Christine Conolly in Bronte Beach in Sydney sitzen Möwen auf einem verlassenen Strnd hinter Gittern


Gesperrte Strände, Kreuzfahrtschiffe werden Katastrophendampfer und ein plötzliches Heer von Arbeitslosen – Australien muss nach einer katastrophalen Feuersaison eine weit größere Krise bewältigen, Noch sind die Infektionsraten jedoch relativ niedrig.

Julica Jungehülsing berichtet aus New South Wales (7. April 2020)

Wie ist die aktuelle Situation in Australien?

In Australien gibt es etwa 6.000 Infizierte, 44 Menschen starben bisher an Covid-19 (Stand 7. April), die tägliche Zuwachsrate hat sich auf 5 Prozent verlangsamt - verglichen zu 23 Prozent vor zwei Wochen. Wer einreist, muss inzwischen 14 Tage zur Quarantäne in Hotels oder staatliche Einrichtungen. Australiern wird empfohlen, ihr Land nicht zu verlassen. Sie dürfen auch auf dem eigenen Kontinent nicht ohne wichtigen Grund reisen, zwischen einigen Bundesstaaten gibt es Quarantäne-Bestimmungen und geschlossene Grenzen. Wer kann, muss zu Hause arbeiten, Schulen sind - vor allem für Kinder von Eltern in 'systemerhaltenden' Berufen offen, die meisten Kinder werden allerdings online unterrichtet. Wer Ausgangssperren und andere Einschränkungen missachtet, kann im bevölkerungsreichsten Bundesland New South Wales mit Geldstrafen von umgerechnet bis zu 6.000 Euro und Gefängnis bestraft werden.

Wie geht die Bevölkerung damit um - und wie Du?

Ich musste nach der Rückkehr von einem Neuseeland-Trip 14 Tage in die "Selbst-Isolierung", die jetzt gerade vorbei ist. In der Zeit riefen mich Behörden und Polizei dreimal an, um zu checken, wie es mir ging und wo ich war. Die Quarantäne war auszuhalten, denn ich habe viel Platz, Nachbarn kauften für uns ein. Trotzdem schön, dass ich – wenn auch auf Distanz – wieder ein paar andere Gesichter sehe. Für Recherchen raus zu gehen bleibt dank #stayhome-Empfehlung schwierig.

In den Großstädten sind Abstand und Einschränkungen schwieriger zu befolgen, aber noch werden die Anordnungen weitgehend akzeptiert. Viele Städter sind allerdings sauer: Sie sollen in den Osterferien nicht in ihre Ferienhäuser fahren, viele Campingplätze und Nationalparks sind geschlossen. Ein Stadt-Land-Zerwürfnis scheint programmiert: Bewohner ländlicher Gemeinden haben Angst, das Virus könne von Großstädtern in ihre Region gebracht werden und dort regionale Krankenhäuser überfordern. Schon gelten jetzt viele Küstenorte wie Byron Bay als "hotspots".



Gegenüber der Oper liegt eiin Kreuzfahrtschiff im Hafen von Sydney - das Foto entstand vor der Pandemie. Pro Saison steuern mehr als 340 Kreuzfahrtschiffe die Stadt an.
Ein Kreuzfahrtschiff im Hafen von Sydney - vor der Pandemie steuerten in der Saison 2017/2018 mehr als 340 Kreuzfahrtschiffe die Stadt an.
Julica Jungehülsing


Australiens Arbeitslosenquote liegt seit Jahren stabil bei etwa 5 Prozent, zugleich gibt es eine hohe Quote an Teilzeitkräften, Saisonarbeitern und permant Nicht-Fest-Angestellten: im Tourismus, in der Gastronomie und der Landwirtschaft. Dort verloren vor zwei Wochen Zigtausende über Nacht ihre Jobs. Die Regierung hat Milliarden an Subventionen zugesagt - jenen die frisch arbeitslos sind, aber auch anderen. Einige Leistungsempfänger bekommen so in Coronazeiten sogar mehr Geld vom Staat als zuvor. Tausende, die unversichert in den Waldbränden zum Jahresbeginn Häuser und Jobs verloren haben, dürfte auch das nicht weit bringen.

Welche regionalen Besonderheiten spielen eine Rolle?

Australier sind die fünft-fleißigsten Kreuzfahrer der Welt: 2017 buchten 1,34 Millionen Australierinnen und Australier eine Schiffsreise, Hinzu kommen Passagiere anderer Länder: Allein in Sydneys Hafen legt im Durchschnitt jeden Tag eines der schwimmenden Großhotels an. Mehr als ein Drittel der Todesopfer im Land sind derzeit Passagiere der Kreuzfahrtschiffe. In der dritten Märzwoche passierte ein Fiasko als 2700 Menschen in Sydney von Bord der Ruby Princess gelassen wurden - und zwar nachdem auf dem Schiff zahlreiche Personen erkrankt waren, inzwischen gibt es mehr 600 kranke Ruby Princess-Passagiere und zwölf Tote. Seither versuchen die Behörden, sämtliche Kreuzfahrer, die noch vor Australiens Küsten unterwegs sind, in ihre Heimathäfen zu schicken.

Ein Verbotsschild sperrt Bondi Beach ab, Sydneys berühmtesten Strand. Tausende tummelten sich hier auch nachdem die Behörend um social distancing gebeten hatten. Dann griffen drastische Maßnahmen
Bondi Beach, Sydneys Strand, der zum Symbol für zu sorgloses Verhalten wurde. Inzwischen ist er geschlossen.
Lars Goldstein

Schwierig ist für die sport-, meer- und bewegungsbesessenen Städterinnen die Tatsache, dass zahlreiche Strände gesperrt wurden. Auch am Wochenende nach Einführung der Distanzregelung drängten sich Tausende in Bondi Beach, daraufhin wurde der Stadtstrand – ebenso wie viele andere Strände in Sydney – kurzerhand dicht gemacht. Inzwischen ist ein Cronatest-Drive-Through auf dem gesperrten Strandparkplatz eingerichtet, denn das auch bei Touristen extrem beliebte Bondi gilt als "hotspot". Nicht nur die Surfer sind sauer, auch Tausende, für die sonst jeder Tag mit einem Sprung ins Meer oder mit einer Runde Jogging am Strand beginnt, fühlen sich gedeckelt. Die große Mehrzahl der 11.011 australischen Strände ist zwar weiter zugänglich - nur sitzt der Großteil der Bevölkerung in den Städten fest und darf ohne wichtigen Grund nicht vor die Tür.

Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu Deutschland?

In Australien leben 3,2 Einwohnern pro Quadratkilometer - in Deutschland sind es 237. Das ist natürlich ein schiefes Bild, da Bewohner der Großstädte auch in Australien enger zusammen leben. Trotzdem ist mehr Platz, die Menschen verbringen mehr Zeit draußen als in Deutschland. Das könnte dazu beigetragen haben, dass die Ausbreitung des Virus langsamer verlaufen ist als in anderen Ländern. Arbeitsmarkt und Mietverhältnisse sind in Australien viel ungeregelter als in Deutschland. Obgleich jüngere Leute unter 30 nie eine Rezession erlebt haben, ist die Angst vor finanziellen Verlusten enorm.

  1. Corona
  2. Corona-global

SARS in Kanada: Wie aus einer Nacht im Hotel eine Pandemie entstand

Pandemia-Podcast von Kai Kupferschmidt, Laura Salm-Reifferscheidt und Nicolas Semak, Folge 7

Das Bild stellt die Skyline von Toronto dar
  1. Corona-global
  2. Südafrika
  3. Zivilgesellschaft

Die Kraft der Zivilgesellschaft in Südafrika

Aktivisten und Bürgerrechtler wachsen in der Corona-Krise über sich hinaus. Das gibt Hoffnung für die Zukunft.

Südafrikanische Aktivisten des 'Amadiba Crisis Committee" stehen auf einem Hügel der ländlichen Transkei in Südafrika
  1. Corona-global
  2. Island
  3. Tourismus

Corona? Welches Corona? Island im Juni 2020

Island hat wieder geöffnet: Seit dem 15. Juni darf wieder eingereist werden, zumindest aus Schengen-Ländern. Doch was erwartet die Touristen, die sich nach Island wagen?

  1. Corona-global
  2. Coronafolgen

Corona-Pandemie in Kenia: Eine Chance für das Gesundheitssystem?

Die Corona-Pandemie könnte in Kenia langfristig auch etwas Positives bewirken: ein robusteres Gesundheitssystem. Denn endlich investiert die Regierung in die Infrastruktur, stellt mehr Personal ein.

Röntgenbild eines Brustkorbs
  1. Australien
  2. Corona-global
  3. Grenzen

Australien im Coronavirus-Koma

Sie denken, Reisen in Europa ist derzeit kompliziert? Möglich. Australien übertrifft viele Grenz-Scharaden. Raus und rein kommt ohnehin niemand ohne Notfall. Innerhalb des Kontinents darf man sich ebenfalls nur graduell bewegen.

Die australische Flagge weht an einem Mast vor blauem Himmel
  1. Corona-global
  2. Tunesien

„Tunesien hat Corona besiegt“ – oder kommt das Schlimmste erst noch?

Tunesien verkündet stolz, die Pandemie in den Griff bekommen zu haben. Oder war das nur der Anfang und mit der Grenzöffnung am Wochenende droht Unheil?

Aufkleber als Abstandhalter am Boden in einem Hotel im Rahmen der Corona-Bekämpfung
  1. Corona-global
  2. Tunesien

Urlaub in Tunesien: Ja, aber

Corona ist besiegt, das Sicherheitsprotokoll strikt, die Sonne scheint: damit wirbt Tunesien um Gäste. Jetzt fehlen den Stränden und Hotels nur noch die Touristen. Am 27. Juni öffnet das Land seine Grenzen, aber noch ist unklar, ob deutsche Urlauber überhaupt kommen können.

Pool des Hotel Le Sultan in Hammamet, Tunesien
  1. Corona
  2. Corona-global

SARS und Singapur: Als Christian Drosten nach einem unbekannten Erreger fahndete

Pandemia-Podcast von Kai Kupferschmidt, Laura Salm-Reifferscheidt und Nicolas Semak, Folge 6

Dargestellt sind der Virologe Christian Drosten und der Arzt  Hoe Nam Leong, die beide bei der SARS-Epidemie eine wichtige Rolle spielten.
  1. Afrika
  2. Corona-global
  3. Polizeigewalt

Corona und ‚Black Lives Matter‘: Polizeigewalt in Südafrika und Kenia vor und während der Lockdowns

In Südafrika und Kenia hat die Corona-Pandemie die Polizeigewalt in den Fokus gerückt. ‚Black Lives Matter‘ verstärkt die kritische Auseinandersetzung.

Blick durch einen Gitternzaun auf die Skyline von Johannesburg
  1. Anden
  2. Corona
  3. Corona-global
  4. Südamerika

Peru: Die Höhe macht's?

Kann man sich mit einer Reise in die Hochanden vor dem Coronavirus schützen? Ganz so einfach ist es nicht, sagen Forscher aus Peru.

Abschüssige Strasse gesäumt von Geschäftshäusern, im Hintergrund schneebedecktes Gebirge, man sieht auf der Strasse Menschen in Anoraks und Bergbaukleidung
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
AustralienStories

AustralienStories

Unterwegs auf dem Kontinent der Extreme